IZ erklärt Deutschland: Denunziation
Unter Denunziation (lat. denuntiare „absprechend berichten, Anzeige/Meldung machen“) versteht man die häufig anonyme Beschuldigung einer Person hinter deren Rücken durch jemanden, dessen Dienst- oder Rechtspflicht dies nicht ist. Im ethischen Sinn wird allgemein von Denunziation gesprochen, wenn in einem nicht freiheitlichen System Menschen bei staatlichen Vollzugsbehörden angezeigt werden, obwohl dem Anzeigenden klar sein muss, dass er sie damit der Gefahr der politisch motivierten Verfolgung aussetzt. Eine Denunziation unter Kindern oder Schülern wird umgangssprachlich als Petzen bezeichnet.
Zitat der Woche
«Zum 'Unwort des Jahres 2011' wurde der Begriff 'Döner-Morde' gewählt; auf Platz zwei landete die Formulierung 'Gutmensch'. Rang drei erarbeitete sich die aktuelle deutsche Bundeskanzlerin Merkel, der eine 'marktkonforme Demokratie' vorschwebte und die damit erklärte, eine Staatsverfassung habe sich dem Diktat des Profits zu unterwerfen. Eine 'marktkonforme Demokratie' ist keine, dies mit dem häßlichen Wort 'Unwort' zu ahnden, entspricht der Logik des 'Unwort'-Gremiums ebenso wie die Ächtung der flapsigen Formulierung 'Döner-Morde', die nicht nur Polizistenjargon ist, sondern auch massenmedial Verwendung findet. Eine solche Sprachregelung ist zweifelsohne so 'verharmlosend' und 'unangemessen', wie die 'Unwort'-Juroren das geltend machen. Es handelt sich um die Ermordung von zehn Menschen durch eine vom deutschen Verfassungsschutz gedeckte Neonazibande. (…)
Dass die 'Unwort'-Jury aber auch die Invektive 'Gutmensch' als Ausdruck falschen Bewusstseins kritisierte, sprengt den eher engen Rahmen ihrer Empörung über die sprachliche Dokumentation gesellschaftlicher Tendenzen auf erfreuliche Weise. Es gab in den 1990er Jahren Gründe, das Wort 'Gutmensch' abwertend zu verwenden. (…) Die Vokabel 'Gutmensch' richtete sich gegen die Gratismoral von Leuten, die danach trachteten, jede vernünftige Debatte mit der Behauptung ihrer eigenen angeblichen moralischen Höherwertigkeit zu ersticken, für die sie allerdings jeden Beweis schuldig blieben. Sie waren einfach die guten und also die besseren Menschen, basta!
Mittlerweile aber ist 'Gutmensch' ein Gratisanwurf geworden gegen jeden, der sich nicht der 'normativen Kraft des Faktischen' unterwirft, wie man das früher formuliert hätte. Wer beispielsweise Bild nicht für ein durch die Pressefreiheit legitimiertes Medium hält, sondern für das Zentralorgan veröffentlichender und veröffentlichter Niedertracht und Gemeinheit, darf mit dem Etikett 'Gutmensch' rechnen. Wer überhaupt der Ansicht ist, dass es für alles, was ihm und anderen als Realität zugemutet wird, eine Alternative gibt, ist angeblich ein verächtlicher 'Gutmensch'. Dabei macht er nur von seinem Kopf und von seiner Phantasie Gebrauch; beide sagen ihm, dass schlechte Verhältnisse nicht unabdingbar sind und keineswegs 'alternativlos' – so hieß das 'Unwort des Jahres 2010'.»
Wiglaf Droste, junge Welt, 18.1.2012