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26.06.2008 Kritische Anmerkungen über eine Frankfurter Tagung. Probleme der Einflussnahme traten offen zu Tage. Von Kathrin Klausing, Hannover
Wie unabhängig ist die Lehre bei uns?
(iz). Vom 5. bis zum 7. Juni tagte in Frankfurt das vom Bundesinnenministerium und der DITIB finanzierte Fachsymposium „Koranwissenschaften heute - Genese, Exegese, Hermeneutik, Ästhetik“. Es handelte sich dabei um das zweite in einer Symposienreihe zum geistigen Erbe des Islam, die von der Stiftungsprofessur für Islamische Religion (von der Diyanet gestiftet) und der GEFIS - Gesellschaft zur Förderung der Islamstudien veranstaltet wird. Über zwei Tage stellten Wissenschaftler ihre Thesen in vier thematischen Panels dar. Es ging in diesen Panels um die Genese des Qur’antextes, Qur’anauslegung und Qur’anwissenschaften, Qur’anhermeneutik und zuletzt um Ästhetisches Erleben des Qur’an. Geladen waren Islamwissenschaftler, christliche Theologen und zahlreiche Vertreter der so genannten „Ankaraner Schule“.
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Organisatorisches
Das Fachsymposium stieß auf ein relativ großes Interesse und war bis zum Schluss sehr gut besucht. In Teilen schien es jedoch, als hätte man sich seitens der Organisatoren nicht ausreichend auf ein internationales Publikum eingestellt. So wurden Vorträge nie übersetzt. Wo das Publikum bei englischsprachigen Vorträgen noch mitging, warf es bei türkischsprachigen Vorträgen teils entnervt das Handtuch. Inhaltliches
Auch inhaltlich blieben beim interessierten Gast einige Fragen unbeantwortet. Eine große Frage, der auf dem Symposium nachgegangen werden sollte, war die Frage nach der Entstehung des Qur’ans. In seinem Vortag zu diesem Thema befand Ömer Özsoy - der derzeitige Inhaber der Stiftungsprofessur in Frankfurt -, dass die zeitgenössische muslimische Fachliteratur zur Entstehung des Qur’an beziehungsweise seiner Geschichte weder qualitativ noch quantitativ etwas vorzuweisen habe. Weiterhin kritisierte er, dass „Wer ein solches Unternehmen [Geschichtsschreibung der Qur’angenese, Anm. d. A.] startet, findet sich einem undurchdringlichen Überlieferungsmaterial, dessen Authentizität umstritten ist. Zusätzlich wird man mit einer nicht nur allgemein anerkannten, sondern auch in der Literatur fixierten, gar zum Dogma gewordenen Vorstellung konfrontiert, dass der Qur’an Wort für Wort bis heute erhalten sei […] und dass der Prophet den Auftrag hatte, die Offenbarung in Textform zu bringen.“ Dabei werden von dieser Denkrichtung beispielsweise in Bezug auf die Diskussion um die Authentizität des Qur’ans ganze Literatur- und Wissenschaftszweige der klassischen Qur’anwissenschaften ignoriert. Wie geht man zum Beispiel mit der Literatur um die Tawatur-Thematik1 um? Wie erklärt man sich an die 30.000 Tradentenbiografien, die in den frühen Qur’anwissenschaften zu genau diesem Zweck - der Überprüfung der Authentizität des Qur'ans - einer kritischen Analyse unterzogen wurden? Ein simpler Verweis auf die „Undurchdringlichkeit“ des Materials ist hier nicht ausreichend und erweckt eher den Eindruck, man würde sich vor der Arbeit scheuen. Wenigstens eine kritische Analyse dieses Literaturberges wäre jedoch nötig, um die eigene Glaubwürdigkeit wenigstens ansatzweise untermauern zu können. All dies sind Fragen, die dem islamisch gebildeten Laien bei einer solchen Konferenz in den Sinn kommen, die aber nicht adressiert wurden.
Mündliche und schriftliche Überlieferung
Angenehm fielen zwei Vorträge am Anfang des Symposiums auf. Generell ist es so, dass die Unterscheidung zwischen der schriftlichen und der mündlichen Überlieferung des Qur’ans immer noch Schwierigkeiten bereitet beziehungsweise vielen gar nicht bewusst ist. Dieser Mangel scheint dem Projekt Corpus Coranicum bewusst zu sein. Ein Anliegen dieses Projektes - auf der Tagung vertreten durch Michael Marx - ist die parallele Aufnahme sowohl schriftlicher als auch mündlicher Überlieferung des Qur’antextes in die Dokumentation, die nach Abschluss des Projektes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Ein weiterer interessanter Beitrag kam von Daniel Birnstiel von der Universität Cambridge. Er stellte seine Analyse der Thesen Luxenbergs zum aramäischen Urtext des Qur’ans vor. Birnstiel ging in Kleinstarbeit die einzelnen von Luxenberg angeführten Belege für einen aramäischen Urtext durch. Dabei kam nicht selten heraus, dass sprachliche Belege von Luxenberg herbeizitiert wurden, die beispielsweise erst 1.000 Jahre nach demjenigen Text dokumentiert sind, dessen Ursprung beziehungsweise eigentliche Lesart sie darstellen sollten.
Von wissenschaftlicher Unabhängigkeit
Allgemein ist es problematisch, wenn Wissenschaft nicht unabhängig betrieben werden kann. Dies wurde auch bei diesem Symposium schmerzlich ins Bewusstsein gerufen. Die Einflussnahme, die durch die Stiftung eines solchen Lehrstuhls und die Finanzierung dieser Symposien ausgeübt wird, ist beträchtlich, was allein schon an der Auswahl der Referenten deutlich wurde - zum Großteil Vertreter der so genannten „Ankaraner Schule“. Die türkische Religionsbehörde erkauft sich auf diese Weise ein Mitspracherecht im öffentlichen und universitären Islamdiskurs in Deutschland. Es ist zwar nicht so, dass sie dieses Recht nicht haben sollte - jedoch verdirbt eine solche Dominanz die Diskussionskultur auf einer wissenschaftlichen Veranstaltung, die so zu einer reinen Repräsentationsschau einer einzelnen Denkschule verkommt. Mehr unterschiedliche Stimmen hätten eine echte Diskussion auf Niveau garantieren können.
1 Der Tawatur-Begriff bezeichnet eine mündliche Überlieferung über eine (je nach Definition unterschiedlich große, aber bestimmte) Anzahl an Tradenten in jeder Überlieferergeneration.
Abdullah Bubenheim aus Amman schrieb am 26.06.2008
Kritische Anmerkungen über eine Frankfurter Tagung
Tatsächlich legen auch heutige Qur'ân-Überlieferer und -Rezitatoren die in ununterbrochener Kette auf den Propheten – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – zurückgehende mündliche Überlieferung und nicht den schriftlich fixierten Text (rasm) zugrunde, der nur als Hilfsmittel für diejenigen angesehen wird, die nicht den gesamten Qur'ân auswendig beherrschen. Auch die verschiedenen Lesarten (qirâ'a) mit ihren Überlieferungen (riwâya), bzw. die einzelnen Vokalisationen, Buchstaben und Wörter, in denen sie sich jeweils voneinander unterscheiden, sind mündlich überliefert. Der unter dem Pseudonym „Christoph Luxenberg“ schreibende Orientalist setzt in seinem Buch „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ voraus, daß die mündliche Überlieferung des Qur'âns im ersten bis zweiten Jh. nach der Hidschra unterbrochen war, führt hierfür jedoch keinen einzigen Beweis an. Er macht den grundlegenden Fehler, bezüglich des Qur'âns von einer schriftlichen Literatur auszugehen, während der Qur'ân zur Zeit seiner Offenbarung nur als mündliche Literatur existierte und nach allgemeiner Meinung auch später noch als solche weitergegeben worden ist.
Indem der deutsche Staat Professoren, wie Sven Kalisch in Münster und Modernisten, wie Ömer Özsoy in Frankfurt, die islamische Relgionslehrer ausbilden, die Gehälter zahlt und damit praktisch eine Ausrichtung fördert, die zum „traditionellen“ Islam der Mehrheit der Muslime in Widerspruch steht, verstößt er gegen die gebotene Neutralität. Ich sehe hier Handlungsbedarf, um diesen Machenschaften entgegenzuwirken.
Marlies Sylvia Sommer aus Fluorn-Winzeln schrieb am 29.06.2008
Hallo Abdulla Bubenheim,
was haben sie gegen Geld? Geldverrechnungen für Glaubensstudien, in welcher Richtung auch immer, führt zu Ergebnissen. Professoren arbeiten ergebnisorientiert, liefern sozusagen schmalspurige Ergebnisse. Sehen sie das ganze Spektrum der Islamwissenschaften, werden sie aktiv, denn der Prophet Mohammed, Friede und Glück und Erhabenheit mit ihm, hat auch andere Meinungen in seinem Leben zugelassen. Stehen Sie über den Dingen. In dem der Deutsche Staat sich die Rosinen mit Themen rauspickt, heißt das noch lange nicht, dass es sich um Mehrheitsinteressen des Islam handelt. Kultur und Religion des Islam müssen dem Deutschen Staat auch Angebote machen, damit aus verschiedenen Systemen die Menschen im Leben aus Studien profitieren, damit die Gestaltung des Lebens besser und für alle friedlicher von statten geht und nicht in geheimen Gemächern SAchen konstruieren, die mit dem wahren Leben nicht stimmig sind. Studien müssen öffentlich sein, wenn sie der Steuerzahler bezahlt, wenn das nicht der Fall ist, sind es private Studien, die jemand in Zahlung gegeben hat, dann sind das Nebentätigkeiten von Professoren, die sich ein Salär nebenbei verdienen, vorbei an der deutschen Gesellschaft und da gehören auch Muslime dazu. Sehen sich die Schmalspurthemen an, es sind Randthemen, die sonst gar keiner von den Professoren anpacken würde und deshalb die abartigen Finanzmittel fließen. Weil`s eigentlich im Islam bessere und würdigere Themen gibt,ist die Sachlage relativ, jemand muss ja auch wissenschaftlich die Dreckarbeit des Staates machen, um negative Prozesse zu analysieren. Kein Wunder, dass dann der Rest der Welt sich wegen Geld aufregt. Vielleicht sollte der Deutsche Staat die Themen und ihre Gehaltspolitik überdenken, denn so etwas geht alle an, wenn Verteilungsgerechtigkeit der Allgemeinheit dadurch beschädigt wird.
Also Kopf hoch und an wirkliche Themen des Islam forschen und das auch hier Forscher ein gut bezahltes Salär erhalten, schließlich leben wir hier in Deutschland nicht von der Hand in den Mund.
Ich wünsche Ihnen im Wirken die Begleitung des Propheten zum Wohle aller Menschen in Würde zu Allah
Marlies Sommer
Serdar Günes aus Frankfurt schrieb am 06.07.2008
Die Unabhängigkeit der Lehre wird nicht dadurch bedroht, das es einen Träger gibt, eine Institution gibt, die das finanziert. So gesehen gibt es keine Wissenschaft ohne Finanzierung. Und so gesehen gibt es dann auch überhaupt keine unabhängig Lehre. Es ist klar, das es Defizite bei so einem Symposium gibt. Die Anfänge sind wirklich nicht leicht, und von den Kritiken können wir profitieren. Allerdings machst du es dir etwas einfach Kathrin, wenn du meinst das die Diyanet den Lehrstuhl einfach so mit Leuten besetzt (ich persönlich hab mich beworben und ein Einstellungsgespräch geführt, wo Dekan und andere präsent waren) oder das die Ankaraner Schule der lange Arm der Diyanet ist. Was übrigens nicht stimmt, denn konzeptionell gibt es sehr große Unterschiede zwischen Diyanet und einigen der Theologen der Ankaraner Schule.
Die Wahl der Referenten hat nicht die Diyanet gemacht, sondern wir. Wir haben uns alle hingesetzt und haben diskutiert. Auch waren nicht alle Vertreter der Ankaraner Schule. Genaugenommen gab es zwei Leute, die im engsten Sinne dieser Strömung zugeordnet werden könnten. Mustafa Öztürk und Ilhami Güler. Yasin Aktay, obwohl freundschaftlich verbunden, ist ein Kritiker der Auffassungen.
Kurzum: Die Diyanet entscheidet nicht, wer die Professur innehat und was gelehrt werden soll. Da laufen die üblichen Mechanismen, die auch bei anderen Studiengängen zum Zuge kommen.
Wenn es endlich Lehrstühle in Deutschland gäbe, die auch vom Bund und den Ländern unterstützt werden, müssten wir auf sowas nicht ausweichen.
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IZ erklärt Deutschland: Denunziation
Unter Denunziation (lat. denuntiare „absprechend berichten, Anzeige/Meldung machen“) versteht man die häufig anonyme Beschuldigung einer Person hinter deren Rücken durch jemanden, dessen Dienst- oder Rechtspflicht dies nicht ist. Im ethischen Sinn wird allgemein von Denunziation gesprochen, wenn in einem nicht freiheitlichen System Menschen bei staatlichen Vollzugsbehörden angezeigt werden, obwohl dem Anzeigenden klar sein muss, dass er sie damit der Gefahr der politisch motivierten Verfolgung aussetzt. Eine Denunziation unter Kindern oder Schülern wird umgangssprachlich als Petzen bezeichnet.
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