Die innere Wüste
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07.07.2008 Anmerkungen zum Klausing-Artikel. Von Wolf Ahmed Aries

Debatte: Zwischen Diskurs und Unabhängigkeit

(iz). Im vergangenen Monat hatte der Frankfurter Lehrstuhl der Stiftungsprofessur für Islamische Religion zu einer Fachtagungeingeladen, zu dem der Lehrstuhlinhaber, Professor Öszoy, einige wenige Experten erwartet hatte. Es kamen jedoch so viele vor allem türkische Muslime, dass der Raum im alten IG Farben Hochhaus gewechselt werden mußte, was ärgerliche organisatorische Konsequenzen hatte, auf die Kathrin Klausing in ihrem Bericht über die Tagung schon hingewiesen hat. So konnten manche Zuhörer den Referaten nur bedingt folgen, weil die Akustik schlecht war und Kopfhörer ebenso wie die notwendigen Übersetzer ins Deutsche fehlten. Andererseits vermochte auch mancher DITIB-Imam dem Deutschen nur schwer zu folgen. All dies sind jedoch Randprobleme. Von den Teilnehmerzahlen und den Referenten her gesehen war die Tagung ein Erfolg. Sie bestätigte dem kritischen Beobachter zwei neuere Tendenzen in der Entwicklung der islamischen Minderheit:
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Da ringt die Mehrheitsgesellschaft über die Deutsche Islam Konferenz um ihre „Integration“, während die türkische Mehrheitsgesellschaft in Gestalt der dortigen Obersten Religionsbehörde sich bemüht, die Türken Türken bleiben zu lassen. Dabei schwankt sie zwischen Kompromissen mit „den“ Deutschen und den Grenzen der eigenen Innenpolitik. Die Ankara-Schule, zu der Professor Öszoy gerechnet wird, scheint ihr Kompromiss zu sein.

Gleichzeitig hat der Diskurs innerhalb der Umma die deutsche Minderheit erreicht, sodass die wesentlichen randständigen Beiträge zu lesen und zu hören sind; seien es die Progressive Muslims, Feministinnen oder Säkularisten. Die Mehrheit der Muslime im Lande lebt ihren Islam, ohne sich um derartige Diskurse zu kümmern. Beim Tee ist eher die Meinung zu hören: „Mit dem Kolonialismus haben sie es nicht geschafft, nun versucht es der Westen mit der Förderung der Gegner des Glaubens. - Man sehe sich nur die Besetzung der Lehrstühle an, an denen unsere Religionslehrer ausgebildet werden sollen.“

Ebenso wie die Teilnehmer der Deutschen Islam Konferenz nicht von den Muslimen in den Moschee-Vereinen ausgesucht wurden, entscheiden Nichtmuslime über die Berufungen an den Universitäten. In beiden Fällen sahen sich die Verantwortlichen nach solchen muslimischen Partnern um, die ihren eigenen Vorstellungen am nächsten standen. Und es ist wohl keiner Mehrheitsgesellschaft zu verübeln, dass sie sich solche Gesprächspartner aussucht, die ihr am angenehmsten sind. Ebenso wählen die Moscheevorstände, wenn sie die Wahl haben, nur solche Imame aus, die zu ihren Mitgliedern passen. Dies ist Politik.

Andererseits geht es um die Frage des wissenschaftlichen Diskurses innerhalb der Umma und des Diskurses innerhalb der Geisteswissenschaften.

Hier war jahrelang nicht die Stimme der Muslime zu hören, sondern vielmehr die aus marxistischer Position vorgetragene Religions- und Islamkritik, in der Resultate der soziologischen Forschung vorherrschten. Wer immer sich in diesem Kontext als gläubiger Muslim zeigte, musste Nachteile in seiner akademischen Karriere in Kauf nehmen. Die Muslime in den Moschee-Vereinen hielten daher diese gesamte Forschung für irrelevant. Dies änderte sich mit der Berufung eines Muslims auf den ersten Lehrstuhl für die Religion des Islam beziehungsweise der Einrichtung einer Stiftungsprofessur, mit deren Besetzung Politik gemacht wurde. Die wissenschaftlichen Positionen gerieten in die Gefahr der Instrumentalisierung.

Durch die im deutschen Grundgesetz festgeschriebene Lehrfreiheit vermochten die neuen Lehrstuhlinhaber ihr Arbeit unbeeinflusst aufzubauen, ob sie nun der Mehrheit oder der Minderheit gefiel oder nicht. Und an dieser Stelle tat sich ein neuer Gegensatz zwischen der Mehrheit innerhalb der Minderheit und der wissenschaftlichen Forschung auf; ihm wurde das Etikett „Mu´atazila“ aufgeklebt. Damit meinte man das richtige Schubfach gefunden zu haben. Nur so einfach geht es nicht.

Es geht nicht mehr um den alten Streit zweier philosophischer Positionen, weil die Geisteswissenschaften längst darüber hinaus sind. Vielmehr steht die Methodenfrage innerhalb der Geisteswissenschaften im Vordergrund, die sich am methodischen Atheismus festmachen lässt. Er ist längst Teil unseres Alltages geworden.

Wenn der Motor eines Autos während einer Fahrt zu arbeiten aufhört, dann ruft kein Gläubiger in der nächsten Moschee an, um den Imam zu bitten, den Dschinn zu vertreiben; vielmehr wird er die Nummer des ADAC wählen und den Reparaturdienst anfordern. Das Gleiche geschieht zu Hause, wenn die Waschmaschine versagt. Die hier zum Ausdruck kommende Haltung des methodischen Atheismus ist Grundlage heutigen Forschens. Die Frage des Gläubigen lautet, ob ein Wissenschaftler mit dieser Einstellung auch an den den Muslimen unantastbaren Text herangehen darf? Und was tut man mit der Ergebnissen einer solchen Forschung? Ein Lehrstuhlinhaber an einer deutschen Universität wird von den Kollegen danach beurteilt.

Die Muslime sind bisher anders mit dem ehrwürdigen Text umgegangen. Da er von Ihm geoffenbart worden ist, das heißt Sein Wort ist, stand die Wahrheit Seiner Offenbarung im Vordergrund und nicht der Umstand der Relativität Seiner Geschöpfe. Die Gläubigen sahen sich daher nach den Zeichen in Seiner Schöpfung um, die Seine Aussagen bestätigten. Dieses Denken nennen die Soziologen affirmativ, dem das so genannte kritische Denken gegenübersteht, das allein als wissenschaftlich gilt. Es fragt nach dem Entstehen eines angetroffenen Phänomenes und seiner Entwicklung, ohne Gottes Eingriff, das heißt das Handeln eines Dritten anzunehmen. Die Ingenieure haben auf diese Weise die Moderne aufgebaut und produzieren weiterhin Dinge, die wir alle täglich benutzen.

Auch die Hermeneutik der Qur'ans arbeitet mit dem Verstehen der Menschen in der Zeit, Seiner Geschöpfe, ohne Sein Eingreifen vorauszusetzen. Die Unabhängigkeit akademischer Lehre und wissenschaftlichen Forschens setzt die Freiheit dazu voraus. Es ist liegt an den Muslimen, die Ergebnisse solchen Arbeitens zu prüfen und selbstständig zu diskutieren, allein das fehlte bisher. Während der Frankfurter Tagung waren zum ersten Male die Stimmen der Gläubigen in zurückhaltender Form zu hören. Das Problem war bisher jedoch, dass die Muslime der zweiten Generation nicht solche Disziplinen studierten, die diskursfähig machten, sondern vielmehr Medizin oder Ingenieurwissenschaften. Wenn die Muslime den Diskurs in dieser Gesellschaft nicht anderen überlassen wollen, dann müssen sie sich kompetent zu Wort melden können.

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