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04.08.2008 Interview: Menschenrechtler Endrias fordert mehr Engagement gegen Rassismus
"Pauschal beschuldigt oder verurteilt"
(KNA). Das Nachdenken über einen etwaigen Rassismus in Deutschland ist gegenüber anderen innenpolitischen Fragen deutlich ins Hintertreffen geraten. Während in den 90er Jahren ein Ruck durch das Land ging und die weit verbreitete Ausländerfeindlichkeit offen angeprangert wurde, so sieht die Lage heute bedauerlicherweise anders aus. Kritiker befürchten, dass er durch die Hintertür der „Islamkritik“ wieder Eingang in die Mitte unserer Gesellschaft gefunden habe. Jüngst tagte in Genf der UN-Ausschuss für die Beseitigung der rassistischen Diskriminierung (CERD). Zum Staatenbericht der Bundesregierung hat das Forum Menschenrechte einen „Schattenbericht“ erstellt. Die Katholische Nachrichten-Agentur sprach mit dem Berichterstatter der Arbeitsgruppe Antirassismus, Yonas Endrias von der Internationalen Liga für Menschenrechte Berlin. Das Forum ist ein Netzwerk aus 50 Nichtregierungsorganisationen, dem Verbände, Stiftungen, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen angehören.
Frage: Herr Endrias, was ist in unserer Zeit unter Rassismus zu verstehen?
Yonas Endrias: Deutschland hat leider ein verengtes Verständnis von Rassismus. Für viele Behörden scheint das Problem eigentlich mit dem Ende der NS-Herrschaft abgehakt. Auch der Regierungsbericht sieht Rassismus weitgehend als Randerscheinung, die sich hauptsächlich auf Rechtsextremisten bezieht. Rassismus wird aber längst in umfassenderer Weise als soziales Phänomen begriffen. Dies ist leider in Deutschland noch nicht angekommen. Die Vereinten Nationen und das Forum Menschenrechte gehen deshalb davon aus, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt.
Frage: Wo sehen Sie rassistische Einstellungen in Deutschland? Yonas Endrias: Auf allen Ebenen der Gesellschaft sowie in Medien, Politik, Bildung und Wissenschaft. Deshalb sollten auch die politischen Maßnahmen beim Kampf gegen den Rassismus nicht nur auf Menschen mit rechtsextremer Gesinnung zielen.
Frage: Wie äußert sich der Rassismus bei uns?
Yonas Endrias: Das geht von alltäglichen Ausgrenzungen und Vorurteilen bis zu brutaler Gewalt. Er umfasst auch soziale, religiöse und politische Formen. In dem Bericht listen wir etwa die Diskriminierung in verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel im Bildungswesen, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder der Polizei auf. Kinder mit Migrationshintergrund haben überproportional schlechte oder keine Bildungsabschlüsse. Ich erinnere nur an den Bericht des UN-Sonderberichterstatters Munoz, der deutliche Defizite im deutschen Bildungswesen beklagte.
Frage: Wo würden Sie religiösen Rassismus sehen?
Yonas Endrias: Derzeit zeigt er sich vor allem in der Islamophobie, einer geschürten Angst vor dem Islam. Dabei werden Muslime etwa in den Medien pauschal beschuldigt oder verurteilt.
Frage: Und wie steht es um den Antisemitismus?
Yonas Endrias: Hier gibt es verständlicherweise aufgrund der Vergangenheit Aktionsprogramme. Der Kampf wird ernster genommen. Wir fordern aber, dass der Rassismus gegen andere Gruppen mit dem gleichen Nachdruck erfolgt. Frage: In welchen Gegenden Deutschlands ist der Rassismus am meisten verbreitet?
Yonas Endrias: Alle Erhebungen sind sich einig, dass rassistisch motivierte Übergriffe vor allem in Ostdeutschland stattfinden, obwohl hier am wenigsten Migranten leben. Tragischerweise trifft es dort zudem vor allem Flüchtlinge, die den Gemeinden zugewiesen werden.
Frage: Wie hoch ist die Zahl der Straftaten?
Yonas Endrias: Das lässt sich schwer sagen, weil die bisherigen Datenerhebungen unzulänglich sind. Die Behörden registrieren nur rechtsextremistische Straftaten. Rassistische Motive tauchen als Begriff nicht auf. Der Kriminalpolizeiliche Meldedienst spricht im Allgemeinen nur von politisch motivierten Straftaten und dem diffusen Begriff „Ausländerfeindlichkeit“. Viele rassistische Straftaten fallen auch noch statistisch unter Beleidigung, Volksverhetzung, Hausfriedensbruch und so weiter. Damit wird das Problem verharmlost.
Frage: Wie steht es um die Strafverfolgung?
Yonas Endrias: Es gibt im Strafgesetzbuch nur den Paragraphen 130, Volksverhetzung, und der Paragraph 46 (Grundsätze der Strafzumessung) wird strafmaßverschärfend kaum angewendet. Bei rassistischen Beleidigungen ist es schwer, in Deutschland eine Strafanzeige aufzugeben. Zum Beispiel registrieren wir viele Hinweise von Schwarzen, die zur Polizei gehen, um eine Beschimpfung etwa als „Neger“ anzuzeigen. Die Beamten reagieren dann oft beschwichtigend und raten davon ab. Es gibt auch Beispiele, dass Richter im Gerichtssaal Afrikaner als „Neger“ bezeichnen.
Frage: Reichen zumindest die rechtlichen Voraussetzungen aus?
Yonas Endrias: Nein, wir fordern den Straftatbestand „Hassverbrechen“, wie ihn Ministerin Zypries auch auf Europaebene gefordert hat und wie es ihn in anderen vergleichbaren Ländern gibt.
Frage: Deutschland hat sich 2001 bei der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus zu einem Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus verpflichtet. Wie bewerten Sie den Entwurf?
Yonas Endrias: Er handelt sich weder um einen zukunftsorientierten Plan noch enthält er ein konkretes Aktionsprogramm. Stattdessen ist es ein Sammelsurium alter und nicht selten unwirksamer Programme.
Wir fordern ein umfassendes Konzept, das sowohl die Gesamtgesellschaft wie das Bildungssystem und die Verwaltung umfasst. Dazu braucht es zunächst eine eingehende Analyse der gegenwärtigen Formen des Rassismus, zukunftsweisende Aktionen und eine Überprüfung der getroffenen Maßnahmen. Auf ein solches Programm warten wir aber nunmehr seit sieben Jahren vergeblich.
Das Interview führte Christoph Schulz.
Ano Nymous aus Ort schrieb am 11.08.2008
Schade, dass wiedermal mit keinem Wort der Rassismus von Immigrierten innerhalb Deutschlands gegenüber Deutsche erwähnt wird. Beleidigungen wie "Kartoffel", "Mehlsack" oder einfach "Scheiß Deutscher" sind für mich eindeutig rassistischeroder antisemitischer Grundlage.
Yagmur Nachname aus Ort schrieb am 06.03.2010
Glaubwürdiger ist es, wenn sich jede Gruppe vorrangig mit den eigenen Problemen befaßt und analysiert, ob sie anderer Freiheit beschneidet.
So müssen sich die Deutschen mit etwaiger Ausländerfeindlichkeit in ihren Reihen befassen, die Migranten müssen verstehen, daß sie in einem Land mit tausendjähriger Geschichte und Kultur leben, daß dieses Land für Deutsche die einzige Heimat ist welche im Begriff ist, sich aufzuösen. Einer Türkin gefällt ein Vielvölkerstaat mitten in Europa denn sie hat noch die rein türkische Heimat im Süden. Eine Deutsche verliert ihre Heimat und Identität im Schmelztigel.
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Aktuelle Ausgabe
In der Mai-Ausgabe der Islamischen Zeitung (Nr. 215) beschäftigen wir uns mit den Schwerpunkten „Muslimische Frau“ und dem Bürgerkrieg in Syrien. Parvez Asad Sheikh beschreibt in einem Interview die Grundzüge der Geopolitik, wir gehen mit der IZ-Redaktion auf die Umra (kleine Pilgerreise) und denken über das Wesen der Freiheit nach. Außerdem: Beten während der Freitagsansprache, Großzügigkeit, Verfassungsschutz und der „Salafismus“, eine neue Moschee für Hamburg, eine Replik von Avni Altiner sowie die neue CD des Berliner Rappers Musa.
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IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehemalige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unseren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifizierung als Sekte zu entgehen. Phänomenologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitimation anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumentalen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter anderem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
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"Neues Wir-Gefühl" BERLIN. Gauck wirbt für respektvollen Dialog zwischen den Religionen. JIK besucht Bundespräsidenten (Foto: Dirk Enters).