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11.08.2008 Die „Ohlig-Luxenberg“-Debatte und die Islamwissenschaften. Wohin entwickelt sich diese aktuelle Kampagne? Von Dr. Markus Fiedler
Nicht zu unterschätzende Gefahren
(iz). Der islamwissenschaftliche Diskurs des Westens bewegt sich zunehmend in Extremen - in der seit einigen Jahren andauernden „Ohlig-Luxenberg“-Debatte wird sogar die Historizität der Person Muhammads bestritten. Den besagten Diskurs hatte der Saarbrücker Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig mit seiner These ausgelöst, dass Muhammad als geschichtliche Person erst im 9./10. Jahrhundert im Zuge einer nachträglichen Geschichtsschreibung erfunden wurde.1 Dieser These zufolge waren die arabischen Eroberer ursprünglich Christen gewesen - Ohligs Mitstreiter Christoph Luxenberg will denn auch mit sprachhistorischen Analysen die christlichen Wurzeln des Qur’ans beweisen.2 Bei dem Namen Christoph Luxenberg handelt es sich im übrigen um ein Pseudonym - es wird angegeben, dass es sich um einen christlichen Geistlichen aus dem Irak handelt. Die von Ohlig vorgelegten „Beweise“ für seine Thesen halten einer kritischen Überprüfung nicht stand. So versucht der Saarbrücker Professor seine Behauptungen durch arabische Münzen mit christlichen Symbolen zu untermauern. Dieser Argumentation wird allerdings von Numismatikern wie Stefan Heidemann entschieden widersprochen. Heidemann hat darauf verwiesen, dass die Araber in der „Frühzeit“ vielfach christliche Münzen kopierten und daraus deshalb keinesfalls Ohligs Konstruktion einer „christlichen“ islamischen Frühzeit gefolgert werden kann.3
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Ibn Ishaq hat seine Muhammad-Biographie bekanntlich etwa im Jahr 750 begonnen; Ohlig zufolge wurde die Person Muhammads allerdings erst im 9./10. Jahrhundert „konstruiert“. Von einem renommierten Islamwissenschaftler sollte man schon etwas bessere Kenntnisse erwarten dürfen. Weiterhin sind viele Zeitgenossen Muhammads (wie etwa ‘A’ischa als Heerführerin) historisch zweifelsfrei nachweisbar. Im Abendland beschäftigte sich der ca. 750 verstorbene Theologe Johannes von Damaskus in seinem Buch der Häresien mit Muhammad, den er als falschen Propheten, der sein Wissen von einem Anhänger des Arius erhalten haben soll, betrachtete.4 Auch in Europa setzte man sich also bereits lange vor der von Ohlig angegebenen Zeit mit der Person des islamischen Religionsstifters auseinander. Gerade daran zeigt sich auch die Unhaltbarkeit der geschilderten Behauptungen: Es ist völlig ausgeschlossen, dass die mittelalterliche christliche Polemik die nachträgliche Konstruktion einer Religionsgeschichte nicht schon bei geringstem Verdacht aufgegriffen hätte.
Um so merkwürdiger mutet es an, dass die Behauptungen Ohligs offenbar auch von einigen im Westen lebenden islamischen Gelehrten unkritisch übernommen werden. So hat der im Jahr 2004 auf den „Lehrstuhl für Religion des Islam“ berufene Muhammad Kalisch während einer Ringvorlesung im gleichen Jahr die Auffassung vertreten, dass die ersten Jahrhunderte der islamischen Geschichte erfunden seien und die Geschichtlichkeit der Person Muhammads nicht sicher sei. Es ist pikant, dass es sich hier um einen erst kürzlich für die Ausbildung von muslimischen Religionslehrern an öffentlichen Schulen berufenen Professor handelt. Ist der Glaube bei solchen Muslimen so schwach beziehungsweise die Zweifel so stark, dass sie ihr Denken von derartigen Behauptungen beeinflussen lassen? Oder handelt es sich vielmehr um einen unter dem Deckmantel einer historisch-kritischen Herangehensweise vorgetragenen Angriff auf den Islam? Eigentlich sollten doch ernsthafte Wissenschaftler beispielsweise durch ihre Kenntnisse der islamischen Hadithwissenschaften gegen solche abstrusen Thesen immunisiert sein.
Karl-Heinz Ohlig und seine Anhänger lehnen die gesamte arabisch-islamische Überlieferung in ihrer ganzen Vielschichtigkeit komplett ab. Wer sich näher mit der islamischen Hadithwissenschaft beschäftigt hat sollte wissen, dass diese Wissenschaft mit allergrößter Genauigkeit den „Isnad“ (die Überliefererkette) überprüft - Namen und Leben der die Propheten- oder Imamworte überliefernden Person werden genau unter die Lupe genommen. Professor Gibb hat dazu ausgeführt: „Die Auswertung dieser biographischen Unterlagen zum Zweck der Hadith-Kritik bildete den Gegenstand eines eigenen Studienfachs, das die Bezeichnung ‘Wissenschaft von der Widerlegung und Rechtfertigung’ erhielt. Dieses befasst sich mit der Vertrauenswürdigkeit der Gewährsmänner einer jeden Überlieferung, mit ihren moralischen Qualitäten, ihrer Aufrichtigkeit und ihrem Erinnerungsvermögen ... In der Geschichte der islamischen Wissenschaften entwickelte sich die Hadith-Kritik zu einer Disziplin, die mit immer peinlicherer Genauigkeit betrieben wurde.“5
Man sollte sich auch vergegenwärtigen, dass es gerade die Aufgabe der Hadith-Wissenschaften ist, Fälschungen ausfindig zu machen. Said Ramadan hat daher darauf hingewiesen, dass „die Existenz dieser Hadith-Wissenschaft ... es jedem gewissenhaften muslimischen Gelehrten unmöglich“ macht, „die Art und Weise, in der die meisten westlichen Autoren die Sunna behandelt haben, hinzunehmen. Denn, so schreibt Professor Nallino, ‘sie haben sich auf ganz allgemein gehaltene Behauptungen beschränkt, die eher auf Vermutungen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen beruhen als auf einem gründlichen Studium.’ Professor Vesey-Fitzgerald lehnt beispielsweise einen Hadith, der von allen Fachleuten als echt anerkannt worden ist, mit der recht oberflächlichen Begründung ab, dass er in ‘seiner gefällig formulierten Genauigkeit’ in etwa ‚einem kirchlichen Katechismus oder einem Gesetzbuch’ gleiche - und daher - ‘nicht überzeugend’ sei.“6 In der westlichen Islamwissenschaft wird auch häufig ignoriert, dass die bekannten Hadith- sammlungen nicht die ersten in Verbindung mit der Sunna schriftlich fixierten Dokumente darstellen.7 Alles in allem kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass sich die Diskrepanz zwischen den okzidentalen und orientalischen Islamwissenschaften verschärft. Im Westen scheint das Bemühen vorzuherrschen, nach einer „Bibelkritik“ auch eine „Korankritik“ zu entfalten. Wie in der Anfangszeit der „Leben-Jesu-Forschung“ soll auch die Geschichtlichkeit des islamischen Religionsgründers und seiner Gefährten in Frage gestellt werden.
Man sollte sich dabei vergegenwärtigen, dass das Christentum durch die „Leben-Jesu-Forschung“ und die historisch-kritischen Bibelwissenschaft in eine ernste Krise geraten ist. Die kritische Bibelwissenschaft hatte das landläufige Bild von Jesus als einem göttlichen Erlöser erschüttert, indem sie dem „Jesus des Glaubens“ die historische Person Jesu gegenübergestellt hat.
Papst Benedikt XVI. betrachtet diese Entwicklung mit Sorge; sein jüngstes „Jesus“-Buch soll gerade der Erschütterung des traditionellen Jesus-Bildes durch die historisch-kritische Bibelwissenschaft entgegenwirken: „Der Riss zwischen dem ‘historischen Jesus’ und dem ‘Christus des Glaubens’ wurde immer tiefer, beides brach zusehends auseinander. Was aber kann der Glaube an Jesus den Sohn des lebendigen Gottes bedeuten, wenn eben der Mensch Jesus so ganz anders war, als ihn die Evangelien darstellen und als ihn die Kirche von den Evangelien her verkündigt? Die Fortschritte der historisch-kritischen Forschung führten zu immer weiter verfeinerten Unterscheidungen zwischen Traditionsschichten, hinter denen die Gestalt Jesu, auf den sich doch der Glaube bezieht, immer undeutlicher wurde, immer mehr an Kontur verlor. ... Als Ergebnis all dieser Versuche ist der Eindruck zurückgeblieben, dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und das der Glaube an seine Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt habe. Dieser Eindruck ist inzwischen weit ins allgemeine Bewusstsein der Christenheit vorgedrungen. Eine solche Situation ist dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird ...“8
Die Gefahr, die von einer im Westen im Stile Ohligs und Luxenbergs vorgetragenen „Korankritik“ ausgeht, sollte daher nicht unterschätzt werden - es zeigt sich ja bereits, dass selbst muslimische Gelehrte von diesen Thesen nicht unbeeindruckt bleiben. Es gilt hier deutlich zu machen, dass gerade der Islam wie keine andere Religion von Anfang an dokumentiert ist und (mit dem Qur’an) eine authentische und direkte Offenbarung besitzt. Es ist darauf hinzuweisen, dass die historisch-kritische Methode in der Islamwissenschaft bereits angewendet wird. Die Glaubwürdigkeit der Sunna kann belegt werden und die Erkenntnisse der islamischen Hadithwissenschaften müssen in die westliche Debatte getragen werden.
1 Vgl. Ohlig, Karl-Heinz und Puin, Gerd-R.: Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin 2005 und Ohlig, Karl-Heinz (Hg.): Der frühe Islam, Berlin 2007 2 Vgl. Luxenberg, Christoph: Die syro-aramäische Lesart des Koran, Berlin 2000 3 Heidemann, Stefan: „Münzen sind konservativ“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ.NET vom 22.7.2008 4 Vgl. Bobzin, Hartmut: Mohammed, München 2002 5 Gibb, Sir Hamilton: Mohammedanism 1955 (2. Aufl.), S. 66 6 Ramadan, Said: Das islamische Recht 1996, S. 52 7 Eine Zusammenstellung findet man ebenda, S. 50 f. 8 Ratzinger, Joseph/Benedikt XVI.. Jesus von Nazareth 2007, S. 10 f.
VornameYusuf Nachname Haci aus OrtDortmund schrieb am 08.09.2008
So seltsam es auch klingen mag ich behaupte in der Wahrnehmung der gebildeten Menschen gibt es kein Islam sondern eine Art Christentum die man Islam nennt. Wie will man sich sonst erklären warum methodisch der Islam so behandelt wird wie das Christentum ? Aufgezwängt aufgestülpst werden Dinge die grundweg nicht zum Islam passt. Obwohl der Zugang in systematischer und umfassender Art zur islamischen Lehren noch nicht gegeben ist in deutscher Sprache will man etwas "behandeln" was man gar nicht richtig kennt und zwar so "behandeln" wie man einst die Kirche und Christentum "behandelte". Es ist ein Ausdruck der Kapitulation vor den wissenschaftlichen Einstellung und Ethos. Der Philosoph Prof.Leisegang schrieb in seiner Einführung in die Philosophie sinngemäss "Wenn wir von Religion sprechen dann meinen wir das Christentum." Noch bevor der Islam in befriedigender Art erforscht und erkannt ist im deutschem Lande stehen ein Flut von Vorurteilen uns Muslimen gegenüber. Es gibt so gut wie ein einziges Standardwerk des Islams in deutscher Sprache aber jeder will schon Richter, Scheich ul Islam oder ein Henker sein.Könnte man meinen.
Marlies Sylvia Sommer aus Fluorn-Winzeln schrieb am 19.08.2008
Wenn Fragen zur Authensität des Propheten Mohammed, Friede und Leibhaftigkeit mit ihm, in unserer Zeit zur Sprache kommen, so ist die heutige Wissenschaft in transgenetischen Fragen der Generationenentwicklung in der Lage, den genetischen Fingerabdruck in den nachfolgenden Geschlechtern seiner Stammeslinie zu beweisen. Sein Blut fliesst in den Adern des Islam und zum Glaube des Propheten an Allahs Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Güte bedarf es eigentlich keiner Untersuchung des Blutes, denn der Islam verbindet auch alle die islamisch geprägten Stämme zum Ganzen, die nicht aus Mohammeds Blut gegossen wurden, sondern seine geistige Hinterlassenschaft für die kommenden Generationen ehren. Leider ist es heute so, dass Blut und Geist Mohammeds untereinander nicht friedlich umgehen, so dass der Körper schaden nimmt. Es wäre an der Zeit den Propheten Mohammed als ganzen Körper mit Geist im Islam zu sehen, durch deren Adern freudig und strömend sein Blut pulsiert, so Allah will.
Marlies Sylvia Sommer
19.08.08
polatinum org. aus Konstanz schrieb am 14.09.2008
Danke Islamische Zeitung für diesen Artikel. Wo kann ich meinen Stimmzettel abgeben?
Nurcan Öztürk aus München schrieb am 20.09.2008
Ich frage mich; wie kann es sein, dass ein Wissenschaftler (oder jemand der mit Wissen umgehen weiss) wie z. B. Sven Kalisch, aus dem Zusammenhang gerissene Äusserungen, nichts hinterfragt. wir im Westen lernen doch angeblich alles zu hinterfragen. Wie kann es sein, das jemand dem die Bildung wichtig ist,- einen wichtigen Kernpunkt verzerrt darstellt und und eindeutig historische unumstrittene Beweise/Belege einfach übersieht??? Was ist passiert? Wahrscheinlich habe ich in der Zwischenzeit viel verpasst. Ich bin zutiefst betroffen zumal ich den Lebenslauf von Herrn Sven Kalisch durch diverse Veranstaltungen erfuhr. Gott möge uns schützen. Wünsche Herrn Kalisch, dass er das Hinterfragen wiederfindet...
Vorname Alfred LASSOTTA aus Ort 66589 Merchweiler schrieb am 14.10.2008
Wie Herr Dr.FIEDLER sagt:"Der islamwissenschaftliche Diskurs des Westens bewegt sich zunehmend in Extremen" Aber liegt er deshalb schon falsch? In Ihrem Artikel ist m.E.doch eine Schwachstelle: Zwar wird die erste Sira des Propheten Ibn Ishaq (~85H) immer wieder zitiert, aber sie ist meist ein indirektes Zitat aus der Sira von Ibn Hisham (213/218H).
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Unter Denunziation (lat. denuntiare „absprechend berichten, Anzeige/Meldung machen“) versteht man die häufig anonyme Beschuldigung einer Person hinter deren Rücken durch jemanden, dessen Dienst- oder Rechtspflicht dies nicht ist. Im ethischen Sinn wird allgemein von Denunziation gesprochen, wenn in einem nicht freiheitlichen System Menschen bei staatlichen Vollzugsbehörden angezeigt werden, obwohl dem Anzeigenden klar sein muss, dass er sie damit der Gefahr der politisch motivierten Verfolgung aussetzt. Eine Denunziation unter Kindern oder Schülern wird umgangssprachlich als Petzen bezeichnet.
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