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01.02.2009 IZ-Gespräch mit Hasret Karacuban vom Arbeitskreis Grüne MuslimInnen

„Das Feedback ist durchweg positiv“

(iz). Das Engagement junger Muslime oder junger Menschen mit muslimischem Hintergrund in den etablierten Parteien scheint in letzter Zeit zuzunehmen. Sei es CDU, FDP, LINKE oder DIE GRÜNEN - mittlerweile findet man zunehmend junge Muslime auch in Positionen oder eigenen Arbeitskreisen. In NRW gibt es seit 2007 den „Arbeitskreis Grüne MuslimInnen“. Die IZ sprach mit der Soziologin ­Hasret Karacuban, Sprecherin des Arbeitskreises, über ihr Engagement in der Partei und dessen Perspektiven.
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Islamische Zeitung: Frau Karacuban, wie viele Aktive gibt es derzeit im Arbeitskreis Grüne MuslimInnen, und welche Funktion hat dieser innerhalb der Partei?

Hasret Karacuban: Zu unseren Sitzungen kommen derzeit 15 bis 20 Teilnehmer. Unser Email-Verteiler ist allerdings wesentlich größer. Ich würde sagen, dass wir etwa 80 Mitglieder haben, die allerdings nicht alle aktiv sind. Der Arbeitskreis hat eine beratende Funktion. Wir geben der Partei die Möglichkeit, über islamische Themen oder jene, die Muslime betreffen, konkrete Hilfen zu ihrer Meinungsbildung zu bekommen. Er hat aber bisher noch keine bestimmende Funktion. Das heißt, wir sind ein freies Bindeglied, auf das zugegriffen werden kann, haben aber keine Delegierten, die die Meinungsfindung mitbestimmen können, wie dies zum Beispiel bei den christlichen Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaften der GRÜNEN der Fall ist. Unser Ziel ist es, eine Landesarbeitsgemeinschaft zu werden, die Delegierte entsenden und unseren Positionen Gewicht verleihen kann. Übrigens muss man nicht Mitglied der GRÜNEN sein, um beim Arbeitskreis mitarbeiten zu können. Es ist wichtig, dass man in der parteiinternen Diskussion seine Positionen auch stichhaltig präsentieren kann und so auch Kooperationspartner gewinnt. Dass die Themen gut durchdacht und differenziert argumentiert werden können und so politische Lösungsansätze entstehen.

Islamische Zeitung: Halten Sie es angesichts des medialen Drucks für realistisch, dass Muslime in etablierten Parteien einen Platz finden?

Hasret Karacuban: Es gibt kaum einen anderen Weg. Wenn man politisch Einfluss nehmen will, in einer Situation, in der Islam und die Muslime in Deutschland sehr im Fokus stehen, dann muss dies über Parteien getan werden. Wenn man wirklich etwas bewegen will, dann muss man entweder mit Parteien in Kontakt kommen oder innerhalb dieser Parteien aktiv werden, um etwas verändern zu können. Wir hatten in den letzten Jahren häufig Politikerinnen und Politiker, die zwar einen muslimischen Hintergrund haben, mit denen sich die meisten Muslime an der Basis aber nicht identifizieren können, vor allem nicht mit ihren politischen Standpunkten. Daher ist es auf jeden Fall notwendig, dass diesbezüglich ein Gleichgewicht hergestellt wird, sodass die Muslime sich innerhalb der Parteien auch vertreten fühlen.

Islamische Zeitung: Was hat Ihnen an den GRÜNEN zugesagt?

Hasret Karacuban: Zum einen standen die politischen Ideen der GRÜNEN und ihr Programm mir persönlich immer am nächsten. Ich hätte es mir nicht vorstellen können, in eine andere Partei einzutreten. Hinzu kommt, dass es bei den GRÜNEN hinsichtlich des Islam und der Muslime eine differenziertere Vorgehensweise als in anderen Parteien gibt. Eingetreten bin ich in die Partei allerdings erst durch meine Beteiligung am Arbeitskreis.

Islamische Zeitung: Welche weiteren Programmpunkte haben Sie bei den GRÜNEN konkret angesprochen?

Hasret Karacuban: Die Migrationspolitik, die die GRÜNEN seit Jahren betreiben und dass sie die ersten waren, die sich ernsthaft migrationspolitisch engagierten. Des weiteren sind es auch das ökologische Programm und die Friedenspolitik, die mir am wichtigsten sind.

Islamische Zeitung: Gibt es Programmpunkte, mit denen Sie sich nicht identifizieren können?

Hasret Karacuban: Für mich persönlich gibt es keine solchen Punkte. Was eine Partei ausmacht, ist das Menschenbild, mit dem sie auftritt. Dass Menschenbild der GRÜNEN ist vom Grundsatz her ein sehr aufgeschlossenes ist, in dem ich mich wiederfinde. Es gibt grundsätzlich kein Bereiche, bei denen ich sagen würde, dass ich darin nicht „grün“ bin. Ich denke, die GRÜNEN und deren Politik bereiten am ehesten den Boden dafür, dass Muslime sich offen aussprechen und einen Arbeitskreis gründen können - das gibt es bei vielen anderen Parteien nicht. Der Arbeitskreis macht seinem Grundsatz nach eine differenzierte Meinungsbildung zum Islam, die sich nicht immer zwangsläufig mit dem Parteiprogramm decken muss. Es gibt bei uns mitunter auch andere Ansichten zu bestimmten Punkten der grünen Politik. Das schöne an der Partei ist, dass eine Meinungsfindung stattfindet, und zwar durch Diskussionen innerhalb eines Arbeitskreises wie dem unseren und dem Austausch mit anderen Gremien der Partei.

Islamische Zeitung: Gibt es Widerstände oder Berührungsängste und wie gehen Sie damit um?

Hasret Karacuban: Es gibt auch kritische Stimmen, zum Beispiel jene, die sich fragen, warum es diesen Arbeitskreis überhaupt geben müsse, da ihrer Ansicht nach diese Themen auch sehr gut im Rahmen der Migrationspolitik gelöst werden könnten. Dem ist allerdings nicht so. Es ist auch so, dass die Leute, die sich kritisch äußern, nicht so sehr den direkten Kontakt zu uns suchen; sie halten sich mehr oder weniger im Hintergrund. Aber das ist eben nicht die Mehrheit der Partei, wir haben große Unterstützung seitens des Landesverbandes und seitens unserer Abgeordneten. Und auch in anderen Gremien wird die Existenz des Arbeitskreises und die Kooperation mit dem Arbeitskreis auf jeden Fall geschätzt.

Islamische Zeitung: Haben Sie auch Kontakt zur Bundesebene der Partei?

Hasret Karacuban: Der Kontakt besteht, ist allerdings nicht so intensiv wie der mit unserem Landesverband.

Islamische Zeitung: Besteht die Aussicht, dass auch auf Bundesebene oder in anderen Landesverbänden vergleichbare Arbeitskreise gegründet werden?

Hasret Karacuban: Auf Bundesebene sehe ich das in nächster Zukunft nicht. Wir haben aber viele Anfragen von Interessierten aus anderen Verbänden, da es dort etwas vergleichbares nicht gibt und großes Interesse besteht, so etwas neu zu gründen. In den anderen Bundesländern werden die Themen, die wir bearbeiten, im Bereich Migrationspolitik behandelt.

Islamische Zeitung: Seitdem Ihre Partei nicht mehr an der Regierung beteiligt ist, war von ihr in der Debatte um Islam, Muslime und Integration relativ wenig zu hören...

Hasret Karacuban: Diesen Eindruck teile ich nicht. Wir haben uns geäußert, aber es kann höchstens sein, dass grüne Positionen weniger gehört oder weniger nachgefragt wurden, weil wir nicht mehr an der Regierung beteiligt sind und damit auch nicht mehr Entscheidungen in die Tat umsetzen können.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie die Attraktivität der GRÜNEN für Muslime im Vergleich mit anderen etablierten Parteien?

Hasret Karacuban: Wir haben bei den GRÜNEN sehr viele Leute, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen und denen auch ernsthaft, ja sogar in idealistischer Weise am Thema gelegen ist, und zwar auch schon länger als in anderen Parteien. Ich habe den Eindruck, dass in den anderen Parteien, vor allem bei den konservativen, die Themen Migration und Muslime nur auf der Agenda stehen und einfach abgearbeitet werden müssen - obwohl es auch bei der CDU einzelne Leute gibt, die sich wirklich dafür interessieren und engagieren. Zur SPD kann ich nicht sehr viel sagen. Ich weiß, dass es Aussagen der SPD-Islambeauftragten Lale Akgün gibt, die in der muslimischen Community sehr kritisch bewertet werden, weiß aber auch, dass es in der SPD auf kommunaler Ebene inzwischen auch einen Arbeitskreis gibt, der mit unserem vergleichbar ist und andere Positionen vertritt als die von Frau Akgün.

Islamische Zeitung: Wie sieht die Position Ihrer Partei zum bestehenden anti-muslimischen Ressentiment in Deutschland aus?

Hasret Karacuban: Die Positionen sind eigentlich bei den GRÜNEN ziemlich klar - Anti-Diskriminierung steht ganz oben auf der Programmatik. Wenn es zu Diskriminierung von Muslimen oder des Islam allgemein kommt, dann ist klar, dass eine solche nicht sein darf. Das wird in sehr vielen Veranstaltungen auch angesprochen. Der Islam hat im Moment einen schweren Stand in Deutschland, und die GRÜNEN sind diejenigen, die dieser Tatsache entgegensteuern. Bei der Demonstration gegen den so genannten „Anti-Islamisierungskongress“ im vergangenen September in Köln waren beispielsweise die GRÜNEN mit am sichtbarsten vertreten. Ich hätte mir gewünscht, dass das Engagement der muslimischen Vereine hierbei auch nur halb so groß wie das der GRÜNEN gewesen wäre.

Islamische Zeitung: Wie werden Sie in muslimischen Kreisen einerseits und im politischen Umfeld der GRÜNEN andererseits wahrgenommen? Der Arbeitskreis bildet ja gewissermaßen eine Brücke zwischen diesen beiden Sphären...

Hasret Karacuban: Das Feedback ist auf beiden Seiten - wenn es kommt - durchweg positiv. Die Muslime, die von uns gehört haben, waren froh, dass es so etwas wie uns gibt und damit die Möglichkeit, innerhalb einer Partei diese Themen auch in einem gesonderten Rahmen zu behandeln. Seitens der Partei und der weiteren Mehrheitsgesellschaft haben wir ebenfalls überwiegend positive Rückmeldungen erhalten. Wir werden als ein Novum gesehen. Man ist interessiert und fragt nach, was unsere Themen sind oder woran wir arbeiten. Teilweise bekommen wir auch sehr spezielle Anfragen zu islamischen Themen, die wir manchmal selbst gar nicht beantworten können.

Islamische Zeitung: An welchen konkreten Themen oder Projekten arbeitet der Arbeitskreis Grüne MuslimInnen derzeit, und wie sehen Sie ihre Chancen, konkret in der Partei etwas zu bewegen und Einfluss auszuüben?

Hasret Karacuban: Zu Beginn haben wir uns der Frage der Anerkennung von Religionsgemeinschaften gewidmet und dazu auch ein gutes Diskussionspapier erstellt, mit dem wir innerhalb der Partei die Diskussion angeregt haben. Wir hoffen, dass dies auch fortgeführt wird und die Landesregierung in dieser Richtung etwas bewegt, weil sie ja laut ihrem Wahlprogramm bis Ende der Legislaturperiode zumindest eine islamische Religionsgemeinschaft anerkennen will. Und da hat sich bisher nichts getan. Aktuell widmen wir uns verstärkt dem Thema Anti-Diskriminierung und dabei auch dem Thema Frauen. Dabei möchte ich besonders die Situation muslimischer Frauen in Deutschland thematisieren. Wir hatten dazu heute eine gemeinsame Sitzung mit der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen, die gezeigt hat, dass sich da auf jeden Fall etwas bewegt; ich habe von Frauen der Landesarbeitsgemeinschaft ein sehr gutes Feedback und weiteres Interesse bekundet bekommen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Karacuban, vielen Dank für das Interview!

Webseite:www.gruene-muslime.de


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