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Sie sind hier: Home >> >> „Mein Islambuch“: Eine Rezension von Wolf D. Ahmed Aries

14.02.2009 „Mein Islambuch“: Eine Rezension von Wolf D. Ahmed Aries

Noch ein Religionsbuch

(iz). Seit längerer Zeit erzählten sich Lehrer und Eltern, dass demnächst ein Religionsbuch für ihre Kleinen in der Grundschule erscheinen würde. Es liegt nun unter dem kindgerechten Titel „Mein Islambuch“ vor. Die frommen türkisch-stämmigen Eltern werden es mit großer Zufriedenheit durchblättern, weil Text und Bildern dem entsprechen, was sie von einem Schulbuch für den Islamunterricht erwarten. Und auch ihre Kinder werden sich über die Bilder, die Texte und Aufgaben freuen, weil sie ihrer Erlebniswelt wohl gut entsprechen. Mancher Erwachsene mag auch Stolz empfinden, wenn er dieses gut gemachte Buch in den Händen hält, denn endlich ist ihr Glaube in der Schule bei ihren Enkeln beziehungsweise Kindern angekommen.
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Bei genauer Betrachtung kommen dem Leser allerdings einige Fragen, die sich fast zwangsläufig dadurch ergeben, dass man dieses zweite Schulbuch mit dem vor wenigen Wochen erschienenen Religionsbuch „Saphir“ für die fünfte und sechste Klasse vergleicht. Beide haben gänzlich verschiedene Autoren und wurden von unterschiedlichen Verlagen herausgegeben. „Mein Schulbuch“ erschien im Oldenburg Verlag, während „Saphir“ beim Kösel Verlag herauskam. Jedes Buch stellt eine didaktische Alternative dar, wie sie im Rahmen der von Professor Bülent Ucar (Universität Osnabrück) organisierten Fachtagung zu pädagogischen Konzepten deutlich wurden.

Während der „Saphir“ ein eher deutsches Qur'an-zentriertes Religionsbuch ist, macht „Mein Schulbuch“ den Eindruck eines türkischen Lehrbuches in deutscher Sprache, das sich auf die fünf Pfeiler konzentriert. Auf den letzten Seiten sind die sechs Glaubensgrundsätze zu finden. So entspricht der „Saphir“ den heutigen Anforderungen moderner Religionspädagogik, während der kerygmatische; das heißt der Verkündigung verpflichtete Ansatz des Grundschulbuches dem entspricht, was Professor Heumann (Universität Oldenburg) auf jener schon erwähnten Tagung als „Gebetsunterricht“ beschrieb. Nun unterscheiden sich beide Religionsbücher hinsichtlich ihrer Adressaten. Daher kann man durchaus die Auffassung vertreten, dass Kinder erst in ihrer eigenen Religion heimisch werden müssten, bevor sie in der Mittelstufe mit den pädagogischen Zielen der heutigen Gesellschaft konfrontiert werden könnten. Glaubensverkündigung sollte daher „neutral“ sein.

In diesem an Zeichnungen so reichen Schulbuch lässt sich jedoch zeigen, dass die Autoren durchaus gesellschaftspolitische Standpunkte vermitteln, was nicht durch den Text geschieht, sondern kindgerecht durch das Bild. Ärgerlicherweise geschieht dies unter anderem mit dem inzwischen leidigen Kopftuchthema. In der Bilderfülle gab der Zeichner nur vier Mal einer Frau ein Kopftuch: Auf der Seite 29 trägt es ein Mädchen beim Lesen des Qur'ans, Seite 52 zeigt einige Frauen beim Gebet in einer Moschee, im Hintergrund des Bildes auf Seite 62 trägen es zwei ältere Frauen, die Familienszene der Seite 79 zeigt ebenfalls drei Frauen mit Kopftuch. Der kritische Leser wird sich daher fragen, wie der Lehrer im Unterricht damit umgehen wird, wenn ein oder mehrere seiner Schülerinnen ihre Haare bedecken. Sollte es hier zu den gleichen Diskriminierungen kommen, wie sie aus dem muttersprachlichen Unterricht immer wieder zu hören waren?

In Anbetracht solcher Einstellung wirkt es merkwürdig, dass bei der Gebetswaschung nur Männer beziehungsweise Jungen zu sehen sind. Müssen sich Frauen beim Waschen verstecken? Oder wie lernt ein Mädchen im Religionsunterricht ihr Waschen? Solche Turkismen werden auch an anderen Stellen sichtbar. So fehlt bei den Namen ein deutscher oder indischer Vorname, als würden nur türkischstämmige Kinder in den Islamunterricht gehen. Es gibt auch indonesische oder deutsche muslimische Familien.

Die zeichnerischen Schilderungen zeigen ein harmonisches (türkisches) Familienleben, in dem sich Kinder streiten, lachen, ärgern, lernen und die Eltern, die Lehrerin und der Hodscha (die gesamte Obrigkeit?) stets die schützenden und behütenden Gestalten sind. Diese Harmonie entspricht dem kerygmatischen Gestus des Buches.

Man darf sich fragen, wie die beurteilenden Ausschüsse der deutschen Kultusministerien die beiden vorliegenden Religionsbücher beurteilen. Der „Saphir“ wurde bereits als deutsches Schulbuch in fünf Bundesländern genehmigt. Wird das postkemalistische Religionsbuch die gleiche Einschätzung erhalten?


Ali Karali aus Dortmund schrieb am 15.02.2009
Turkismen, postkemalistisches Religionsbuch, diese Begriffe sprechen Bände wo sich Herr Wolf D. Ahmed Aries verortet. Ein deutscher Islam muss her! Woher und mit wem soll dies geschehen? Darauf haben die Herrschaften wie Herr Wolf D. Ahmed Aries auch eine Antwort, und zwar jene wie sie, die konvertiert sind. Doch die große Mehrheit der hiesigen muslimischen SchülerInnen sind eben türkischer Herkunft. Diese große Mehrheit muss sich natürlich in solchen Büchern widerfinden. Beim dem Islambuch Saphir wurde penibel darauf geachtet alles "Türkische" zu verbannen! Auch Kopftücher sollten am besten verbannt werden, wenn es um die Herausgeber des Saphirs ginge. Saphir ist mehr zu einem Interreligiösen Buch verkommen, statt ein Religionsbuch für den Islamunterricht. Es muss auf jeden Fall eine Zwischenlösung gefunden werden. Die große türkische Schülerschaft darf dabei nicht unberücksichtigt werden, denn wo bliebe dann die Schülerorientierung, wenn sie noch nicht einmal in den Materialien Beachtung finden würde.
Annett Abdel-Rahman aus Hannover schrieb am 16.02.2009
Die Kritik, dass es nicht genug kopftuchtragende Frauen im Schulbuch „Mein Islambuch“ gibt, ist berechtigt – es könnten derer wirklich mehr sein – übrigens auch im Schulbuch „Saphir“! Ob dieser Fakt aber Kriterium für die Bewertung eines Schulbuches für den Islamischen Religionsunterricht (IRU) sein kann, sei dahin gestellt. Ich würde es eher, wenn überhaupt, in einem Nebensatz erwähnen. (Eine Diskriminierung kopftuchtragender Schülerinnen halte ich für eher unwahrscheinlich: handelt es sich doch um bekenntnisorientierten Unterricht, der von Muslimen unterrichtet werden sollte.)
Es stellt sich eher die Frage: Welches Ziel hat der IRU und inwieweit hilft dieses Schulbuch, dieses Ziel zu erreichen? Der IRU soll muslimischen Schülern die Grundlagen ihrer Religion vermitteln, schlicht und einfach begonnen mit den Basics (die da wären 5 Säulen des Islam und 6 Glaubensartikel) und sie befähigen, sich in deutscher Sprache über ihre Religion zu äußern. Weiterhin kommt die Entwicklung der Fähigkeiten dazu, als gläubige Muslime Inhalte der eigenen Religion zu reflektieren, sich in Bezug zu den anderen zu setzen und sich als aktiver Teil der Gesellschaft zu begreifen. Vermittelt das neue Schulbuch das – und zwar kindgerecht für Klasse 1und 2?
Das tut es! Und zwar sehr gut! Diese Buch muss man aufmerksam betrachten, zwischen den Zeilen lesen: Dann findet man eine Menge - über das türkische hinaus! Eingebettet ist das Buch zwischen die Basics: die erste Seite gibt die 5 Säulen des Islam und die letzte Seite die 6 Glaubensartikel als Bild wieder. Das wäre der Rahmen.
Im Stuhlkreis der ersten Seite sitzen Kinder unterschiedlicher Herkunft: zugegeben, es sitzt keine „deutsche Sonja“ darunter, aber vielleicht liegt es daran, dass selbst deutsch-konvertierte Eltern ihren Kindern äußerst selten deutsche Namen geben! Das wäre also auch geklärt.
Die folgenden Bilder von „Hasans Familie“ scheinen nur auf den ersten Blick bieder und brav: Wenn das traditionelles türkisches Familienleben ist, alle Achtung! Es ist der Vater, der das kranke Kind versorgt, es ist die Mutter, die das Fahrrad repariert, es sind BEIDE Eltern, die aufräumen und Wäsche wegräumen, es ist der Vater, der manchmal mit dem Sohn kocht. Gegen solche Familien fällt mir keine Kritik ein! (Da kann der Junge von mir aus auch die Waschung zeigen!)
Dieses Buch ist nicht spektakulär. Gott sei Dank! Denn das brauchen wir nicht für den IRU.
Es ist bodenständig, realistisch, feinfühlig, liebevoll und klug. Gott sei Dank! Denn das brauchen wir.
Es gibt den Kindern Informationen über die Schöpfung, den Koran und die Propheten, über Familie und Gemeinschaft und meinen Platz darin, und es erzählt über andere Religionen – ausführlicher und klarer, als „Saphir“ dies tut.
Immer wieder werden die Themen des Buches mit dem Hier und Heute verknüpft, das den Kindern ermöglicht, persönlich dazu Stellung zu beziehen.
In einer Untersuchung, in der die Gottesvorstellungen christlicher und muslimischer Kinder miteinander verglichen wurden, konnten christliche Kinder sehr gut erzählen, was sie sich unter Gott vorstellen und was /wer Gott für sie ist. Muslimische Kinder dagegen konnten sehr gut berichten, wie man sich Gott im Islam NICHT vorstellen darf, aber wie sie eine Beziehung zu Allah aufbauen, wie sie fühlen, dass ER ihnen nahe ist – darüber konnte fast kein Kind erzählen. Wie kann ich den Koran verstehen, wenn ich kaum eine Beziehung zu DEM habe, der den Koran erschaffen hat?
Diese Frage haben die Autoren des Schulbuches anscheinend sehr ernst genommen. Es gibt an vielen Stellen kleine Bittgebete, von Kindern verfasst. Es gibt Hilfen, wie man sich an Allah wenden kann, wie man SEINE Kraft fühlen kann – wenn man ihn schon nicht sieht. Immer wieder werden die Kinder in den Fragen dazu aufgefordert, sich mit Allah in Beziehung zu setzen. Ich halte das für elementar! Ohne diese Basis könnte man nicht mit dem Schulbuch „Saphir“ (für Klasse 5/6) umgehen, das sich stark auf ethische Fragen bezieht, aber religiösem Basiswissen eher weniger Platz einräumt.

Annett Abdel-Rahman
Lehrerin und Studentin der Islamischen Religionspädagogik


Ahmet Yilderim aus B schrieb am 20.02.2009
Salam liebe Geschwister,
die Reaktion von Bruder Ali auf die Rezenssion von Bruder Aries hat mich doch sehr nachdenklich gestimmt. Einmal, dass wir als Männer mal wieder Kopftücher zählen. Ich habe mir dann die Mühe gemacht und Saphir durchgesehen und tatsächlich kommen auf 16 (in Worten sehchszehn) Seiten Frauen (aller Altersgruppen) in Kopftüchern vor, und zwar gemalt wie fotographiert. Im Übrigen bin ich erschreckt, dass jemand, der in der Bundesrepublik lebt einen 'türkischen Islam' verteidigen kann. Ich bin selbst Lehrer und unterrichte nicht nur, aber sicher überwiegend Schüler mit türkischem Migrationshintergrund. Das Wissen über unsere eigene Religion ist zu einem traditionellen Brei verkommen, der nichts mehr mit unserer wunderbaren Religion zu tun hat. Als Lehrer sehe ich darin aber eine Chance:wir können uns endlich wieder auf den Koran beziehen und können alle Nationalismen abschütteln. Allhamdulillah.
Ich habe den Eindruck, dass unser Bruder das Buch Saphir gar nicht gelesen hat und wir sollten uns vorher immer kundig machen und nicht irgendwelche Vor-'Urteile', die von Funktionärsseite wahrscheinlich subtil verbreitet werden, einfach übernehmen. Schließlich müssen wir uns einmal gegenüber Allah verantworten. Übrigens prahlt die Evangelische Kirche in einer Presseerklärung von dpa damit, dass sie an der Erstellung des Buches von Bruder Bülent Ucar beteiligt war. Wir sollten also alle mit allen Urteilen vorsichtiger werden.In diesem Sinne.
wa salam
Alfred Sirin aus Erlangen schrieb am 22.02.2009
Ich habe das Buch mal unter die Lupe genommen und denke die Vorwürfe des Herrn Aries sind ungerechtfertigt und enorm parteiisch. Es schien mir eine Parteinahme zugunsten eines anderen Religionsbuches jenseits von sachlich-wissenschaftlicher Untersuchung. Beispielsweise kann ich diese sogenannten „Türkismen“ nicht nachvollziehen, denn das Buch ist überfüllt mit Kindern, die man als „typisch deutsch“ wiedererkennen kann. Desweiteren sind die Transkriptionen ebenfalls komplett „untürkisch“.
Auch zweifle ich an der Sachlichkeit von Herrn Aries, wenn er sich an die beurteilenden Ausschüsse der deutschen Kultusministerien fast appelliert wendet die Genehmigung zu prüfen, als wären sie auf das „unsachliche Gutachten“ von Herrn Aries angewiesen.

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