Islam in Deutschland: Wer hat die Organisationshoheit?
(iz). Die Debatte um die "Muslime in Deutschland" ist - wie Daniel Bax in der taz heute zu Recht feststellt - vor allem eine Debatte um die Deutungshoheit. mehr ...
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Sie sind hier: Home >> >> Den Haag: Urteilt Europa über Karadzic oder über sich selbst? Ein Beitrag von Mirnes Kovac, Sarajevo

30.10.2009 Den Haag: Urteilt Europa über Karadzic oder über sich selbst? Ein Beitrag von Mirnes Kovac, Sarajevo

Die Bestie auf dem Podest

(iz). Radovan Karadzic hat 14 Jahren seiner Strafe gestohlen! Heute ist er 64 Jahre alt und hat sich dem Verfahren auch nach seiner Festnahme wiederholt entzogen. Zuerst wurde seine Festnahme verzögert und heute müssen wir auf den Anfang des Prozesses warten... Ist der international Gerichtshof (ICTY) vorsichtig, damit es nicht zu möglichen Klagen gegenüber die hypothetische Verletzung seiner "Rechte" kommen könnte?
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Aber in Wirklichkeit wissen wir, dass es sich beim Fall Karadzic um ein Podest handelt, auf dem die erlegte Bestie ausgestellt wird, mit dem man den Dörflern beweisen will, dass die Gefahr vorüber ist. Aber ist sie das? Europa will nicht erkennen, dass der Prozess gegen Radovan Karadzic bis zu einem gewissen Grad auch ein Prozess gegen sich selbst ist. Unser Kontinent hat im Zusammenhang mit Srebrenica sogar Schwierigkeiten damit, das Wort "Völkermord" auszusprechen.

Denn wäre es nicht zu so einer nachlässigen, wenn nicht gar parteiischen Haltung seitens Europas gegenüber dem Übeltäter (von 1992 bis 1995) gekommen und hätte es nicht gleichermaßen die Erwartungen gegeben, dass Bosnien-Herzegowina hätte binnen weniger Wochen zerschlagen werden können, dann wäre der Übeltäter überhaupt nicht möglich gewesen. Am Ende des Tages kam es zu dem Verbrechen nicht irgendwo am Nordpol, sondern im nächsten Vorhof Europas.

Europa, mit all seinem Establishment und Zögern, ermöglichte die Verbrecher, wenn es sie nicht gar hervorbrachte. Das jetzige Verfahren gilt ihm, denn die in Bosnien-Herzegowina gegründete serbische Entität war seine Schöpfung - aber auch den Europäern! Niemand in Bosnien kann noch Gerechtigkeit von Seiten Europas erwarten! Unsere einzige Hoffnung ist die Verhinderung weiterer Ungerechtigkeiten. Der Übeltäter ist nur der Vertreter derjenigen, die ihm ermöglicht haben zu sein, was er ist.

Als einer der bekannten britische Historiker des letzten Jahrhunderts, A.J.P. Taylor, 20 Jahre nach Beginn und 15 nach dem Ende des 2. Weltkriegs "The Origins of the Second World War" schrieb, stellte er die "Nürnberg"-These in Frage. Demnach seien allen Schlechtigkeiten dieses Weltkonflikts Hitler und seiner Bande zugeschrieben worden.

Taylor wurde des Revisionismus, der Fehldeutung und anderer Irrtümer beschuldigt. Aber das Buch eröffnete viele Kontroversen und es schloss sich eine lange Debatte an. Der Mann war kein isolierter, radikaler Fanatiker, sondern ein bekannter Gelehrter, der den allgemein anerkannten Mythos der Schuldzuschreibung für ein solch großes kriminelles Unterfangen auf eine Person oder deren engsten Personenkreis durchbrach.

Taylors Ansatz kann auch im Fall Karadzic benutzt werden. Aus dem, was wir jetzt beobachten können, scheint sich zu ergeben, dass der große Teil des europäischen "Establishments" wohlwollend auf seine "Leistung", das heißt der Republika Srpska (serbische Entität in Bosnien, die auf Genozid und "ethnischer Säuberung" aufgebaut wurde), blickt.

Der Prozess in Den Haag ist deutlich als ein Verfahren erkennbar, welches um der Geschichtsschreibung willen geführt wird. Aber kann sich Europa überhaupt eomem Fall vorstellen, in dem Kriegsverbrecher (jene, die für Massenmorde verantwortlich sind) den Verlauf der Gerechtigkeit diktieren? Oder, schlimmer noch, nach Verbüßung ihrer Strafe in vollem Glanz und mit staatlichen Ehren heimkehren dürfen? Ministerpräsident Milorad Dodik, der sein einziges Regierungsflugzeug entsandte, um die frühere Kriegsverbrecherin Biljana Plavsic (Karadzics Nachfolgerin auf dem Thron) sicher und mit allen Ehren heimzuholen, sandte eine erschreckende Botschaft für die Zukunft. Nicht nur für die bosnische, sondern für die gesamteuropäische. Beobachten wir eine neue Politik des "Appeasement" gegenüber jenen, die öffentlich Kriegsverbrecher und ihre Untaten loben?

Mit dem Karadzic-Prozess vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal urteilt Europa über sein "Establishment" und dessen falsche Appeasement-Politik - willentlich oder nicht. Es wäre in der Lage gewesen, den Völkermord in Srebrenica zu verhindern und viele andere Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina, bevor es zu spät gewesen wäre! Diese Politik ermöglichte es Karadzic, sein Volk ins Verderben zu führen.

Die Opfer von Völker- und Massenmord in Bosnien verlangen keine Rache für die gegen sie begangenen Verbrechen; sie wollen nur das gleiche, was Europa nach dem 2. Weltkrieg wollte: die Verhinderung ähnlicher Zustände in der Zukunft. Kurz gefasst bedeutet dies die Denazifizierung von Bosnien-Herzegowina und besonders jenen Teils, der als Serbische Republik angesehen wird. Denn die Saat des Verbrechens ist noch fruchtbar!

Durch den bisherigen europäischen Ansatz wurde dieser nur beiseite geschoben und es steht zu befürchten, dass ihre Aufgehen nur eine Frage der Zeit ist.

* Mirnes Kovac ist Redakteur bei der bosnischen Zeitung "Preporod Magazine" in Sarajevo.

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