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10.09.2010 Interview: IZ Herausgeber Abu Bakr Rieger über die Folgen des 11. September für die Muslime in Europa

"Bedenklich stimmt ein gut integrierter Populismus"

(iz). Es war ein Jahrhundertereignis mit dramatischen Folgen. Wie umgehen mit einem Verbrechen und seinen dramatischen Folgen? Die islamische Zeitung begleitet bis heute mit unzähligen Beiträgen und Artikeln die innerislamische Debatte (siehe auch Zusammenstellung "Thema 11.9."). In diesem Interview geht Abu Bakr Rieger nochmals auf wichtige Aspekte des Umgangs der Muslime mit den damaligen Anschlägen in den USA ein.
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Islamische Zeitung: Was war die wichtigste Folge und Schlussfolgerung aus dem 11. September 2001 für die Muslime Europas?

Abu Bakr Rieger: Grundsätzlich markierte der 11. September 2001 natürlich eine fundamentale Zeitenwende. Gegenüber diesem zynischen Terrorismus konnten die Muslime sich nicht neutral verhalten, sondern mussten eine eindeutige Position einnehmen. Das war auch notwendig. Die Frage war klar: Wie verhält sich der Islam gegenüber faschistoiden und totalitären Techniken? Konkreter formuliert: wie gegenüber Selbstmordattentaten? Als Islamische Zeitung und mit dem Hintergrund einer traditionellen Ausbildung hatten wir von jeher eine klare, wenn auch in den 90er Jahren noch umstrittene, Position vertreten: 1. Der Islam ist keine Ideologie und 2. Selbstmordattentate sind kriminell und grundsätzlich verboten.

Islamische Zeitung: Wie verhält und verhielt sich die Islamische Zeitung gegenüber den diversen Verschwörungstheorien?

Abu Bakr Rieger: Wir hatten als Zeitung zunächst eine klar ablehnende Position, da wir befürchteten, eine solche Debatte könnte die absolut notwendige Rückbesinnung auf das Verbot des Terrorismus verwässern. Der islamische Modernismus, aber auch salafitische Strömungen, magisch angezogen von den neuen Techniken der Macht, hatten ja in den letzten Jahrzehnten offensichtlich die alten Grenzen des Rechtes aufgehoben.

Die Frage, wem dieser sinnlose Anschlag eigentlich nützte, stand natürlich ebenfalls im Raum. Zweifellos hatte der 11.9. auch eine geopolitische Strategie ermöglicht, zum Nachteil der Muslime, aber zum Vorteil der Rüstungs- und Ölindustrie. Heute lässt die grundsätzliche Markierung aller berechtigten Zweifel am offiziellen Ablauf des Anschlages als "Verschwörungstheorie" eine vernünftige wie wissenschaftliche Aufklärung des Anschlages in New York leider unmöglich erscheinen. Ob man an die offizielle Version glaubt, oder nicht, ist heute wie so vieles eine Glaubensfrage.

Islamische Zeitung: Inwieweit hat der 11.9. die Debatte in Deutschland verändert?

Abu Bakr Rieger: Zunächst gab es nach dem 11.9. in Deutschland plötzlich keine Ausländerfeindlichkeit mehr. Stattdessen begann über Nacht eine scharf geführte Debatte gegen den "Islamismus". Der Begriff "Islamismus" bleibt aus unserer Sicht ein unbestimmter, politischer Begriff mit einer latenten Verfolgungstendenz.

Nach heutiger Logik einiger Islamkritiker wären auch Maulana Rumi oder Ibn al Arabi Fanatiker, im Grunde also gefährliche Islamisten. Einige Verfassungsschutzämter waren leider nicht mehr bereit, in der Rubrik der "Islamisten" einen klaren Unterschied zu machen zwischen "islamisch-orthodoxen" Überzeugungen und "totalitär-ideologischen" Positionen von Massenmördern. Der Stuttgarter Verfassungsschutz hat eine Broschüre veröffentlicht, unter anderem mit einem Abschnitt über die Islamische Zeitung und einem "blutverschmierten" Kämpfer als Titelbild. Das ist natürlich infam.

Islamische Zeitung: Nach dem 11. September 2001 wurde die allgemeine Gefährdung der Demokratie durch den "Islamismus" ausgerufen?

Abu Bakr Rieger: Ich habe an diese Sichtweise nie geglaubt. Unser Staat hat zweifellos den ausgereiftesten Sicherheitsapparat aller Zeiten. Der Extremismus mag ein schlimmes Ärgernis sein, im Kern sind alle Formen des nützlichen Idioten doch nur noch eine Vorlage für die Verfeinerung des Sicherheitsapparates. Politik und damit auch Ideologie bestimmen nicht mehr die aktuellen Gefahren dieser Zeit.

Das demokratische System wird heute durch die ökonomische Macht herausgefordert und stetig unterhöhlt. Globale Finanztechnik ist eindeutig verfassungsfeindlich. Es ist - sozusagen symbolisch - durchaus sinnig, dass kein Verfassungsschutzamt die erstaunlichen Machenschaften unserer Landesbanken bemerkt hat.

Islamische Zeitung: Wie sehr sind Muslime heute bereits die neuen Sündenböcke einer Gesellschaft in der Krise?

Abu Bakr Rieger: Bedenklich stimmt die Ablösung des alten Extremismus durch einen bestens integrierten, islamophoben Populismus. Emsige Schmittianer basteln hier, angeblich im Interesse des Volkes, an neuen Freund-Feind Unterscheidungen. Auffällig ist die überaus starke mediale Unterstützung für alle Positionen, die den Islam angreifen und Einzelfälle zum Normalfall erheben wollen. Die Gleichsetzung problematischer Muslime mit dem Islam an sich hat schon eine wenig Züge eines propagandistischen Feldzuges.

Aber jammern hilft nicht. Unsere muslimischen Vertreter sollten vielleicht nicht nur sagen, was der Islam nicht ist, sondern auch was er ist. Das schafft Klarheit und schlussendlich Vertrauen. Schon heute interessieren sich immer mehr Deutsche für ein Gespräch mit den Muslimen. Unsere Zeitung freut sich auch über eine stets wachsende Zahl nicht-muslimischer Abonnenten.

Islamische Zeitung: Überzeugt sie die Strategie der Regierungen nach dem 11.9. in derem Umgang mit dem Islam und dem muslimischen Extremismus?

Abu Bakr Rieger: Es gibt über eine Milliarde Muslime in der Welt. Tendenz steigend. Man kann die islamische Lebenspraxis nicht einfach umschreiben oder gar neu definieren. Wichtig ist, die großen Rechtsschulen zu stärken, die authentische Lehre des Islam überhaupt, denn nur so werden die Grenzen zwischen Islam und modernen Ideologien klar und verbindlich bleiben.

Wer dem Propheten folgt und islamische Recht kennt, wird nie "extrem" sein können. Versucht man den Islam in eine genehme politische Theologie umzuschreiben, wird der Islam als "Religion" nach westlichem Vorbild seine innere Balance verlieren. Esoteriker und Ideologen negieren gleichermaßen das islamische Recht und damit die Hegung politischer Möglichkeiten. Die Mehrheit der Muslime definiert sich nicht gegen einen imaginären Feind und folgt - Gottseidank - noch immer dem geraden Weg, jenseits der Extreme.


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IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
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