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06.11.2002 „Alles muss von innen kommen"

Architektur prägt die Lebensform - IZ im Gespräch mit dem Stuttgarter Architekten Dr. Rasch

Dr. ing. Mahmud Bodo Rasch jr., geb. 1943, gelernter Schreiner, Architekt, Mitarbeiter im Atelier Frei Ottos (dem Konstrukteur des Zeltdaches des Münchener Olympiastadions), Lehre und Forschung in Texas/ USA (1973) und in Saudi-Arabien in den Bereichen Leichtbau, Zeltstädte und Hadsch. Seit 1980 hat er sein eigenes Büro in Leinfelden/Stuttgart. Er entwirft, konstruiert und erstellte zahlreiche Leichtbauten, fahrbare Schattendächer, insbesondere für die heiligen Stätten, Mekka und Madina. In Mekka gestaltete er den Maqam Ibrahim (1992) und die neue, mobile Minbar aus handgeschnitztem weißen Marmor (2002) für die Dschumu’a-Gebete an der Kaaba. Schon zu Beginn der 80er Jahre schuf er Bergzelte für die Hadsch in Mina, sowie Sanitäreinheiten und die neuen Zeltstädte für die Hadschis. In Madina baute er für die Moschee des Propheten, Friede sei mit ihm, 27 bewegliche Kuppeln (1988), und 12 große Schattenschirme (1990-92) für die großen Moscheehöfe. Der historischen Quba-Moschee in Madina gab er ein wandelbares Dach (1987). Zahlreiche Moscheekuppeln in Malaysia sind in seinen Büros entstanden. 1994 erhielt er eine Gastprofessur an der Universität Neapel.
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Islamische Zeitung: Herr Rasch, wie kommt ein Deutscher dazu, an der Kaaba den Maqam Ibrahim oder in Madina die Kuppeln der neuen Prophetenmoschee zu gestalten? Wie kamen Sie zum Islam?

Mahmud Bodo Rasch: Bevor ich Muslim wurde, war ich in der Hippiebewegung zu finden. Am Ende dieser Zeit lebte ich in Texas und träumte von Freiheit und Aufbruch. 1974 kam ich aus Amerika zurück und hatte wilde Jahre hinter mir, war aber immer noch auf der Suche, bzw. war es nicht mehr, denn ich hatte alle Hoffnung aufgegeben. Ich war in einer tiefen Depression. Der einzige, der den Weg in meine selbstgewählte Einsamkeit schaffte, war ein ehemaliger Student aus Texas, ein Saudi, Sohn eines mekkanischen Pilgerführers. Mit ihm habe ich dann ein Jahr intensiv am Beispiel der Unterbringung von Pilgern den Islam studiert und bin dann spontan mit meinem letzten Geld nach Jeddah geflogen, wo ich zum Islam übergetreten bin. Mit ihm habe ich dann die Hadsch mitgemacht, das war im Jahre 1974. Danach haben wir das Hajj Research Centre an der King Abdul Aziz Universität gegründet, das für weitere fast 7 Jahre meine Heimat wurde.

Islamische Zeitung: Das waren wohl die äußeren Umstände, aber was gab den inneren Impuls zu dieser Entscheidung?

Mahmud Bodo Rasch: Wenn man in ein tiefes Loch gefallen ist, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint, fragt man nicht nach der Herkunft eines Seils, an dem man sich aus diesem Loch retten kann, und in meinem Fall war das der Islam.

Islamische Zeitung: Was hat den deutschen Architekten und Sohn eines Architekten der Bauhausschule am Islam fasziniert?

Mahmud Bodo Rasch: Als Sohn dieses Bauhausarchitekten und meiner Mutter, Lilo Rasch-Nägele, einer Kunstmalerin, bin ich sozusagen mit der modernen Kunst aufgewachsen, konnte aber nie all zuviel mit ihr anfangen, obwohl zu den Freunden meiner Eltern Baumeister, Schlemmer oder Otto Dix gehörten. Ich wollte eigentlich nie Architekt werden und konnte zum Leidwesen meines Vaters auch mit dem Bauhausstil nicht viel anfangen. Eine einzige Ausnahme war da Frei Otto, bei dem ich 1966 in seinem Stuttgarter Institut für leichte Flächentragwerke aufgenommen wurde. Bei Frei Otto lernte ich eine wissenschaftliche Arbeitsweise kennen, die in ihren Ergebnissen überraschend und faszinierend war und der ich bis heute treu geblieben bin. Einer der 99 Namen Gottes, die im Qur’an erwähnt sind, ist „die Wahrheit“ und darum ist eine wissenschaftliche Arbeitsweise auch nicht im Widerspruch zum Islam.

Islamische Zeitung: Können Sie kurz etwas zu Ihren Projekten in Mekka und Madina sagen?

Mahmud Bodo Rasch: Nach meinen sieben Jahren Studium in Saudi Arabien habe ich in Stuttgart zum Thema der Zeltstädte der Hadsch promoviert. Durch die Vermittlung verschiedener Freunde habe ich dann 1985 Kontakte zu einer bedeutenden Baufirma bekommen, die mit dem Neubau der großen Erweiterungen betraut war, die König Fahd, der Wächter der beiden Heiligtümer in Mekka und Madina unternehmen ließ. Dadurch kam ich in die glückliche Lage, meine Fähigkeiten bei diesem historischen Unterfangen einbringen zu können. Zuerst wurden wir mit dem Entwurf und Bau der 27 fahrbaren Kuppeln betraut, die ebenso viele Höfe wandelbar überdachen. Dabei lernten wir sehr viel über islamische Baukunst vom Chef-Architekten der Moschee, Dr. Kamal Ismail. Diese Kuppeln, von denen jede ca. 80 Tonnen wiegt, sind auf einem Fahrgestell aus Stahl gebaut, das mit vier Motoren von je 3 kW ausgerüstet ist und die ca. 400 qm große Kuppel in 70 Sekunden öffnen oder schließen kann. Die äußere Schicht der Kuppeln besteht aus traditioneller Keramik, aber auf Kohlefaserformen; die innere Kuppel besteht aus Schichtholz, das mit traditionellen Holzschnitzereien aus Marokko belegt ist. In diese Ornamente sind Halbedelsteine und Blattgold eingefügt. An dieser Arbeit waren drei Jahre lang über 600 Ingenieure, Künstler, Handwerker und andere beteiligt. Des weiteren konnten wir noch die Idee der 12 Großschirme in den historischen beiden Höfen der Moschee verwirklichen, die auch heute noch nach mehr als zehn Jahren das eindrucksvollste wandelbare Membrandach ist, das wir kennen. Diese Arbeiten waren 1992 abgeschlossen. Danach habe ich mein Glück in Malaysia gesucht, wo wir eine ganze Reihe Kuppeln für Moscheen und andere Bauten entworfen und realisiert haben. 1995 ging es zurück nach Mekka mit Entwürfen für eine feuerfeste Zeltstadt von 2,5 Millionen Quadratmetern für Pilger. In dieser Zeit erhielt ich auch den Auftrag einer Neugestaltung der Maqam Ibrahim, einer neuen, fahrbaren Minbar und einer mit Klimaanlage ausgerüsteten Treppe für die Kaaba. Als erstes wurde der Maqam verwirklicht und dann die Treppe, die Minbar wurde erst vor einigen Wochen fertig. Die Pilgerstadt wurde 2000 fertig, aber es gibt da noch sehr viel zu tun, da immer noch teilweise Methoden und Technologie entwickelt werden müssen, um die riesigen Probleme, die sich mit der großen Menschenmenge ergeben, zu lösen. Es gibt viele Ansätze für solche neuen Methoden, zum Beispiel große Simulationsmodelle für Menschenströme, die aber noch sehr viel Zeit und Mittel benötigen, um sie für die gewaltigen Aufgaben reif zu machen.

Islamische Zeitung: Was dachten Sie, als Sie die Bilder von 11. September sahen?

Mahmud Bodo Rasch: Wir waren geschockt und konnten uns überhaupt nicht vorstellen, wie friedliebende Muslime (Das Partizip „Muslim“ kommt vom Substantiv As-Salam = Der Frieden, ein weiterer der 99 Namen Gottes) hinter so etwas stehen konnten.

Islamische Zeitung: Ihr architektonisches Credo lautet „Gestalt finden, anstatt sie zu machen.„ Wie ist das zu verstehen?

Mahmud Bodo Rasch: Nur Gott schafft richtige Bilder, wir können keine machen, wir können sie nur finden. Wir können die Formen der Dinge suchen, und wenn wir Glück haben auch finden. Der Gedanke des wissenschaftlichen Formfindungsprozesses in der Architektur stammt von meinem Lehrer Frei Otto. Notwendige Formen sind meistens auch schöne Formen. Nehmen Sie das Beispiel der Flugzeuge, die, wenn sie viel Unnötiges hätten, nicht mehr fliegen könnten. Sie sind schön, weil nichts Überflüssiges oder Willkürliches an ihnen ist. Das ist auch so beim Turm des Freiburger Münsters oder an Sinans großartigster Moschee in Edirne, wo wir ein Maximum an Licht bei einem Minimum an Stein haben. Gott ist schön und er liebt die Schönheit, sagt ein oft zitierter Hadith. Da Gott alle Seelen aus nur einer gemacht hat, müssen wir nur aufrichtig versuchen, die Formen, die Er uns in Seiner Gnade finden lässt, ohne Willkür richtig zu bauen, dann werden sie mit Seiner Hilfe auch schön. Da ist eine echte Brücke zwischen Ethik und Ästhetik, wobei die daraus entstehende Arbeitsweise durchaus wissenschaftlich sein kann.

Islamische Zeitung: Ihr Rat an junge Architekten?

Mahmud Bodo Rasch: Im Studium an den Hochschulen kann man nicht lernen was man wissen muss, um ein Architekt im Sinne des Wortes zu sein. Darum sollten junge Absolventen hinaus gehen in andere Welten, andere Kulturen und den engen Blickwinkel abschaffen, der ihnen hier als Maß aller Dinge mit auf den Weg gegeben wird. Auch zum Verständnis der eigenen Kultur ist es notwendig, andere Kulturen zu kennen. Man kann doch das Phänomen Baum erst dann erkennen, wenn man verschiedene Bäume kennt. Außerdem gibt es in anderen Weltgegenden viel Arbeit und sicher auch viele dankbare Arbeitgeber.

Islamische Zeitung: Ihr Rat an die Muslime Europas?

Mahmud Bodo Rasch: Alles muss von innen kommen. Wenn man von innen heraus arbeitet und man dabei aufrichtig Gottes Gefallen sucht, kommt sicher das Richtige dabei heraus. Wenn das nicht geht - z.B. im Zusammenhang mit dem Broterwerb in einer nicht-islamischen Umwelt, soll man doch alle verfügbare Kraft auf die Verbesserung des eigenen Innenmenschen lenken - das ist der Große Heilige Krieg. Dabei ist das Gebet von größter Wichtigkeit. Nur wenn die Arbeit eine Verlängerung des Gebets ist, kann das erwartet werden. Da sind wir wieder bei der Moschee, eine schöne Moschee hilft dabei, denn Schönheit unterstützt das Gottesgedenken. Dazu gehört auch die Sauberkeit.

Islamische Zeitung: Was halten Sie von den Moscheeneubauten Europas, die in den letzten Jahren entstanden sind, z.B. in Bosnien?

Mahmud Bodo Rasch: Ich halte weltweit keinen modernen Moscheeneubau für wirklich geglückt. Die besten sind noch die verhältnismäßig eklektischen Bauten El-Wakils.

Islamische Zeitung: Was würden Sie noch gerne bauen?

Mahmud Bodo Rasch: Mehr hochwertige, am besten wandelbare Schattendächer in Mekka und Madina. Zum Beispiel in der Haram asch-Scharif. Natürlich nicht direkt über der Kaaba, aber doch im Hof der Moschee, auf den Dächern und in den Bereichen darum herum. In nur drei bis vier Jahren fällt der Ramadan wieder für mindestens 20 Jahre in die heiße Jahreszeit und es sind da an den Freitagsgebeten mehr als eine halbe Million Menschen, die für Stunden in der prallen Sonne sitzen; für viele ist das nur sehr schwer auszuhalten.

Islamische Zeitung: Wenn es keine gelungenen Moscheebauten der Neuzeit gibt, wäre es nicht eine Herausforderung für Sie, eine solche Moschee in Deutschland zu bauen?

Mahmud Bodo Rasch: Allerdings, da hätte ich nichts dagegen. Sie müsste natürlich auch deutsch aussehen, zu diesem Land passen. Sie müsste sich harmonisch in diesen Kulturraum einfügen und doch Moschee sein. Wir brauchen keinen uns aufgepfropften Stil aus einem anderen Kulturraum. Der deutsche Islam müsste sozusagen seine eigen Form finden. Der Islam hat immer leicht die Färbung der Kultur und Gegend angenommen, in die er gekommen ist, und es wird ihm auch leicht fallen, eine deutsche Form zu finden.

Islamische Zeitung: Herr Rasch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. o



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