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Sie sind hier: Home >> Interview >> Interview: "Wir werden fremdbestimmt"

03.01.2007 Interview: "Wir werden fremdbestimmt"

"IZ-Begegnung" mit dem Sozialanthropologen Werner Schiffauer: "Die Medien übernehmen die Verfassungsschutzberichte, wenn es um Muslime geht."

(iz)Prof. Dr. Werner Schiffauer lehrt Vergleichende Sozial- und Kulturanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. In den vergangen Jahren hat er sich einen Namen als Experte für den türkischen Islam, türkische Migration und Muslime in Deutschland gemacht. Schiffauer ist einer der ausgesprochensten Kritiker der gegenwärtigen Migrations- und Islampolitik. Die IZ sprach mit ihm über dem von ihm mit herausgegebenen „Migrationsreport 2006“, der kürzlich erschien, und in dem er den zunehmenden Druck auch auf institutioneller Ebene, dem Muslime in Deutschland ausgesetzt sind, scharf kritisiert.
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Islamische Zeitung: Sie haben in Ihrem Beitrag zum Migrationsreport 2006 den derzeitigen Umgang mit Muslimen, insbesondere auch auf institutioneller Ebene, kritisch beleuchtet, etwa das Zusammenspiel verschiedener Behörden bei der Frage der Einbürgerungen. Misstraut der Staat einem Teil seiner Bürger, gibt es ein institutionelles Misstrauen gegenüber Muslimen?

Prof. Werner Schiffauer: Ich glaube, davon kann man ausgehen. Wir haben ja erklärte Äußerungen, die sagen, „wir wollen das Ausländerrecht als Waffe gegen den Islamismus und den Terrorismus benutzen“. Hier hat sich beispielsweise der bayrische Innenminister Beckstein mit der Aussage hervorgetan, das Ausländerrecht sei hier weitaus effizienter als das Strafrecht, womit er auch Recht hat, oder auch Reinhard Grindel (CDU), der sich diesbezüglich äußert. Diese Haltung geht aber auch weit in die SPD hinein. Ausländerrecht als Waffe bedeutet vor allem, die Möglichkeiten, die dieses in Bezug auf Abschiebung hat, nutzen zu können. Um diese Möglichkeiten anwenden zu können, muss man die Gruppe von Menschen, die potenziell als Sicherheitsbedrohung oder als Integrationsbedrohung wahrgenommen wird, unter diesem Ausländerrecht behalten. Und dies scheint mir in der Tat die gegenwärtige Politik gegenüber Muslimen zu sein.

weitere Beiträge
Begegnungen: "Islamismus"- auch ein Ausgrenzungsdiskurs?
Prof. Dr. Werner Schiffauer (Frankfurt/Oder) über die aktuelle Situation der Muslime in Deutschland
Islamische Zeitung: Gibt es eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sich auf die Muslime als innere Bedrohung einzustellen? Was treibt die von Ihnen beschriebene Entwicklung an?

Prof. Werner Schiffauer: Nach meinem Eindruck gibt es ein Zusammenspiel von verschiedenen Dingen. Es gibt auf der einen Seite die Medien, die in Bezug auf Muslime eine moralische Panik verbreiten, zum Teil sicherheitspolitisch - die Muslime als die gefährlichen Zuwanderer -, zum Teil aber auch integrationspolitisch - „Hilfe, wir werden von den Muslimen majorisiert, gegen die Muslime können gar keine Gesetze durchgebracht werden, wir werden fremdbestimmt“ und so weiter. Dies macht sich an den Muslimen fest, weil man das Gefühl hat, dass der Islam zum einen eine Religion ist mit festen Aussagen und Positionen. Zum anderen ist es die Religion, die man im Augenblick wieder zu dem großen Anderen für Europa stilisiert - zu Unrecht. Also als Religion, die keine Aufklärung durchlaufen habe, die Demokratieunfähig, patriarchal, frauenfeindlich sei. Die Angst ist die, von einer solchen Religion, die als gefährlich betrachtet wird, majorisiert und definiert zu werden. Diese Stimmung tritt aus vielen Medienbeiträgen hervor, und sie wird dann zum Teil von populistischen Politikern aufgegriffen, wie etwa von Friedbert Pflüger in Bezug auf den geplanten Bau der Ahmadiya-Moschee in Berlin, wo er sich an die Spitze dieser Bürgerbewegung gegen die Moschee gesetzt hat, um Wählerstimmen zu sammeln. Es gibt immer wieder, und das sehen wir bei den Medienkampagnen der letzten Zeit - Fereshta Ludin, Van Gogh, Hatun Sürücü, Karikaturenstreit -, Politiker, die diesen Mediendiskurs aufgreifen und ihn verstärken. Die Politiker geben dann ihre Kommentare dazu, über die wiederum in den Medien berichtet wird, und so ergibt sich ein Zusammenspiel. Dadurch wächst der Druck auf die Verwaltungen nach dem Motto „macht doch was!“. Ich habe den Eindruck, dass viele Verwaltungen und auch Gerichte sich dieser Stimmung, die von Politikern und öffentlicher Meinung aufgebaut wird, gar nicht mehr entziehen können. Dies führt dann zu solchen Praxen wie ich sie erwähnt habe, wo Beamten in dem Selbstgefühl einer „wehrhaften Demokratie“ agieren, mit der Stimmung „wir wollen gegenüber diesen Leuten, die uns suspekt sind, den Anfängen wehren“ und „eigentlich wollen wir die hier nicht haben“.

Islamische Zeitung: Um dies zu präzisieren, in welchem Kontext stehen die Debatten über den Islam, die man in den Medien, auch in den Feuilletons, findet, mit der realen Politik gegenüber Muslimen bzw. muslimischen Migranten?

Prof. Werner Schiffauer: Bei der realen Politik erkennt man schon eine gewisse Komplexität, indem es dort offenbar manchmal auch das Gefühl gibt, dass man so nicht weitermachen kann. Der Integrationsgipfel ist ein Ausdruck davon. Man sucht einerseits die Integration, macht aber auf der anderen Seite eine explizite Desintegrationspolitik. Dies ist in den einzelnen Bundesländern Gott sei Dank noch unterschiedlich. Was Negativbescheide zu Einbürgerungsanträgen betrifft, tut sich beispielsweise Rheinland-Pfalz besonders hervor, auch Bayern und Hessen. Niedersachsen ist bei Polizeikontrollen besonders schlimm, Berlin versucht im Augenblick, einen Gegenkurs zu fahren, Nordrhein-Westfalen gibt ein uneinheitliches Bild mit dem Minister Laschet, der ein vernünftiger Mensch ist, wo die Politik aber auch nicht eindeutig ist. Das ganze Bild der Politik zeichnet sich hier durch Widersprüchlichkeit aus.

Islamische Zeitung: Ihre Aussagen im Migrationsreport basieren ja auf einer Forschung über die IGMG. Auf welcher empirischen Basis basieren Ihre Beobachtungen? Gibt es auch andere Studien, die diese stützen?

Prof. Werner Schiffauer: Im Zuge meiner Feldforschungen bin ich mit der Rechtsabteilung der IGMG in Kontakt gekommen, und bei den Gesprächen hat man mir den Zugang zu entsprechenden Dokumenten gegeben, die dort eingehen. Anders kommt man ja nicht zu solchen Dokumenten, man hat ja keinen Zugang zu den einzelnen Betroffenen und die Ämter dürfen diese sowieso nicht herausgeben. Es ist also eine Dokumentenanalyse, die sich diese Texte anschaut und untersucht, welche Logik dahinter steht. Zahlenmäßig kann ich kaum eine Auskunft dazu machen. Als harten quantitativen Fakt haben wir aber den alarmierenden Rückgang der Einbürgerungszahlen seit 2001, insbesondere von Muslimen. Was wir dabei nicht wissen, ist inwieweit dieser Rückgang nur durch Ablehnungen bedingt ist, oder ob Muslime von vornherein auf die Antragstellung verzichten, weil sie den Eindruck haben, dass sie hier nicht gewollt sind, denn dies zeigen ihnen sowohl die Medien als auch die Politik. Und wenn die Stimmung so anhält und noch ein oder zwei terroristische Anschläge passieren, haben viele auch das Gefühl, dass sie dann hier vertrieben werden könnten und ihr Heimatland wieder brauchen.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen bei dieser Thematik ungenaue Begrifflichkeiten, etwa die unklare Definition des „Islamisten“, oder zwischen vom Verfassungsschutz beobachtet und tatsächlich verfassungsfeindlich?

Prof. Werner Schiffauer: Wir haben insgesamt eine Verwahrlosung der Rechtsstaatlichkeit. Zum einen, dass die Verfassungsschutzberichte wie Urteile über die Verfassungsfeindlichkeit genommen werden. Damit wird weder der Arbeit des Verfassungsschutzes und wie dieser zu seinen Einschätzungen kommt Rechnung getragen, noch unterliegen diese einer richtigen rechtsstaatlichen Prüfung. Das saubere Verfahren ist ja, dass der Innenminister einen Verbotsantrag stellt, dieser wird parlamentarisch angestimmt und vom Bundesverfassungsgericht rechtlich überprüft. Damit hat man die Fakten auf dem Tisch und kann verbieten oder nicht. So wie es jetzt ist, führt eine staatliche Behörde wie der Verfassungsschutz - der gehalten ist, schon im Vorfeld zu ermitteln, also in einer Grauzone -, Organisationen, die er unter dem Verdacht hat, verfassungsfeindlich zu sein, dann als verfassungsfeindlich auf. Das Problem in der Praxis ist, dass dies von den anderen Ämtern dann als Definition übernommen wird. Das ist die erste rechtliche Unsauberkeit. Die zweite ist die: Wenn man schaut, wie der Verfassungsschutz zur Einschätzung der Verfassungsfeindlichkeit kommt, so tauchen in den Verfassungsschutzberichten lauter Kriterien dazu auf, die mit der Verfassung nichts zu tun haben. Jedenfalls bei den Gruppen, die sich selbst zur Verfassung bekennen, wie der IGMG oder der Islamischen Gemeinschaft Deutschlands (IGD). Das ist anders beim „Kalifatsstaat“ oder Hizbu’t-Tahrir, die sich explizit gegen die Verfassung ausgesprochen haben. Bei IGMG und IGD kommen dann Kriterien wie Parallelgesellschaft oder Identitätspolitik vor, oder Missionierung wie bei der Tabligh-i Jamaat - alles Kriterien, die mit der Verfassung nichts zu tun haben. Missionierung etwa steht explizit unter dem Schutz der Religionsfreiheit im Grundgesetz. Das heißt, hier gibt es eine Institution, die relativ frei mit der Verfassung umgeht und als „verfassungsfeindlich“ definiert, was sie als verfassungsfeindlich sieht. Das fließt dann in die Berichte ein. Die dritte rechtsstaatliche Unsauberkeit ist, dass dann nicht nur einer Organisation, die in dem Bericht auftaucht, auch von anderen Institutionen die Verfassungsfeindlichkeit unterstellt wird, sondern dies auch jedem einzelnen Mitglied unterstellt wird, beziehungsweise so genannte tatsachengestützte Hinweise auf Verfassungsfeindlichkeit daraus abgelesen werden. Wenn jemand in der IGMG ist, wird dies als tatsachengestützter Hinweis auf dessen Verfassungsfeindlichkeit betrachtet, auch wenn diese Person sich nachweislich für Integrationspolitik einsetzt. Hier wird also die Einzelfallprüfung ausgesetzt. Die vierte Unsauberkeit ist, dass man mit diesem Schritt von einem Rechtssystem, das Verhalten bestraft, also etwa nachweisbare Aufrufe zur Gewalt oder Aufrufe zur Volksverhetzung, hingeht zu einer Bestrafung der Gesinnung. Die Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen Gemeinschaft zu sanktionieren, bedeutet, eine Einstellung zu sanktionieren. Hiermit wird eine weitere Grenze überschritten, wobei mittlerweile nicht nur Versagungen der Einbürgerung, sondern auch Abschiebungen damit begründet werden. Das halte ich für eine Rechtsstaatskultur für einen Skandal.

Islamische Zeitung: Sie haben beschrieben, dass die erwähnte Vorgehensweise gegenüber Muslimen einzelnen Behörden zur Selbstlegitimierung und Selbstaufwertung dient, etwa den Verfassungsschutzämtern oder auch den Ausländerbehörden.

Prof. Werner Schiffauer: Ganz deutlich wird dies zum Beispiel daran, dass im Zuge der ganzen Sicherheitsdebatte jede Menge neue Stellen geschaffen und Abteilungen ausgebaut werden können, auch bei der Polizei. Das Geschäft floriert. Die ganze Debatte seit dem 11. September war ein Geschenk für den Verfassungsschutz.

Islamische Zeitung: Sie haben es so formuliert, dass eine Erwähnung im Verfassungsschutzbericht nicht zu einer Auseinandersetzung mit den Erwähnten führt, sondern bereits das Ende der Auseinandersetzung darstellt und de facto zu einer Verbannung führt.

Prof. Werner Schiffauer: Richtig, die Innenministerien geben auch die Direktive heraus, sich nicht mit Organisationen an einen Tisch zu setzen, die im Verfassungsschutzbericht erwähnt werden.

Islamische Zeitung: Was noch mehr verwundert als die fraglose Übernahme der Einschätzungen des Verfassungsschutzes durch Behörden ist deren weitgehend unkritische Übernahme durch die Medien, die ja sonst auch nicht so unkritisch sind.

Prof. Werner Schiffauer: Man kann es auch zuspitzen: Die Medien übernehmen die Verfassungsschutzberichte, wenn es um Muslime geht. Sie übernehmen sie nicht, wenn es um Oskar Lafontaine geht, oder sind extrem Verfassungsschutz- oder auch Nachrichtendienstkritisch, wenn es um andere Dinge geht. Ich denke, das speist sich aus mehreren Quellen. Das eine ist, dass vielen Journalisten das islamische Feld relativ fremd ist, und sie sind dann geneigt, irgend einer Autorität zu glauben: „Die werden es schon wissen, wir selbst steigen nicht durch das komplexe Feld der islamischen Gemeinden“. Das zweite ist, dass sich seit dem 11. September eine große Koalition von Anti-Islamisten ergeben hat. Linke und Rechte stimmen heute in Bezug auf Islam weitgehend überein. Die Linke in dem Sinne, dass sie dem Islam die nicht vollzogene Aufklärung, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus unterstellt, und die Rechte, da sie von den Muslimen eine Aufweichung der „abendländischen jüdisch-christlichen Kultur“ befürchtet. Diese beiden Haltungen kommen nicht unbedingt in den Inhalten zusammen, aber man ist sich einig, dass der Islam die große Gefahr sei. Und das ist der Hintergrund dieses neuen neorealistischen Diskurses, wo sich alle in die Brust werfen und sagen, „jetzt lasst uns mal ehrlich sein, dieses multikulturelle Gedönse, dass man Raum geben müsse und so weiter ist doch nur Unsinn, der Islam ist im Grunde inkompatibel mit unserer Politik und Kultur“. Das wird mit dem Gestus untermalt, dass man den „multikulturellen Träumern“ Blauäugigkeit unterstellt. Dies ist leider eine ziemlich verbreitete Haltung, bis in liberale Kreise hinein, und zahlreiche Journalisten teilen diesen Gestus. Ein dominanter Diskurs, der so entsteht, hat die Konsequenz, dass man alles übernimmt, was einem in den Kram passt, unter anderem auch die Inhalte der Verfassungsschutzberichte, und dem blind glaubt und gar nicht mehr überprüft oder kritisch nachfragt.

Islamische Zeitung: Dass ein Generalverdacht gegenüber Muslimen und ein erhöhter Druck eher zu einem verstärkten Rückzug der Muslimen und zu einer Verhärtung der Fronten führt, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Diese Folge wird, wie Sie sagen, dann zu einem Beleg der vermeintlichen Integrationsunwilligkeit der Muslime. Warum wird dies dennoch in Kauf genommen oder vielleicht gar gewünscht?

Prof. Werner Schiffauer: Es funktioniert zumindest so. Man kann Gott sei Dank manchmal noch Aufmerksamkeit aufrütteln, wenn man diese Mechanismen aufzeigt. Wenn etwa Pädagoginnen wegen des Kopftuchs von der Schule ferngehalten werden, bedeutet das ja auch, dass diese irgendwann sagen, „wir bauen uns unsere eigenen Institutionen auf, da wir sonst ja gar nicht unterrichten dürfen“, und man hat das, was manche islamischen Gemeinden selbst gar nicht wollten, nämlich eigene islamische Schulen. Und dies wird dann wiederum als Beleg für den Integrationsunwillen der Muslime genommen. Diesen Mechanismus gibt es, und ich hoffe, dass man ihn noch aufbrechen kann, indem man ihn aufzeigt.

Islamische Zeitungen: Was bedeuten die von Ihnen geschilderten Entwicklungen für die Gesellschaft insgesamt, abgesehen von den Muslimen als Betroffenen?

Prof. Werner Schiffauer: Eine Verwahrlosung des Rechtsstaates ist für alle problematisch. Was einen optimistisch stimmen könnte ist, dass ein faktisches Zusammenleben auch die Fronten aufweicht. Es gibt ja eine weit höhere Xenophobie in Gegenden, in denen sich praktisch keine Migranten bewegen, als in Gegenden, wo diese relativ zahlreich sind. Die faktische Gewöhnung, das Nebeneinander, das Erleben, dass es friedlich zugeht und dass keiner Angst zu haben braucht, ist integrationsfördernd und führt auch zu einem besseren Gesamtgefühl in der Bevölkerung. Man lernt, dass man keine Angst vor den Muslimen zu haben braucht. Indem man Muslime zu Bürgern zweiter Klasse macht und beispielsweise unter dem Ausländerrecht hält, wird der Prozess der Normalisierung viel schwieriger und langwieriger. Normalisierung bedeutet ja zum Beispiel, dass man eine anständige Moschee irgendwo hin baut, und auf einmal sind alle ganz stolz auf die Moschee, oder sie taucht in den Stadtprospekten auf und jeder sieht, dass dies ein ganz harmloses Gebäude ist. Solange die Muslime aber keine Stimme haben, wird der Bau von Moscheen immer schwieriger werden, wie wir ja sehen. Jedes Mal, wenn eine Moschee gebaut wird, gibt es irgendeinen populistischen Hansel, der sich dagegen profilieren möchte und dagegen Stimmen sammelt, und dies auch machen kann, weil es keine muslimische Wählerschaft gibt, die er zu fürchten hätte. Was ich damit meine ist, dass die Selbstverständlichkeit der Präsenz einer für Deutschland neuen Religion durch diese Politik massiv gestört wird, und das bedeutet auch, dass man eine latente Stimmung im Land erzeugt, in der sich alle unwohl fühlen.

Islamische Zeitung: Warum wird die Situation der Muslime angesichts dieses Klimas bisher kaum medial wahrgenommen und diese Entwicklung kaum kritisiert? Haben die Muslime in Deutschland keine Lobby?

Prof. Werner Schiffauer: Sie haben keine Lobby, eben aufgrund des eben beschriebenen Zusammenhangs, dieser „großen Koalition“ von Links und Rechts in Bezug auf Muslime. Das war vorher anders. Bis etwa 2000 hatten wir bei allen Integrationsfragen einen linken und einen rechten Diskurs. Die Rechten haben „Deutschland den Deutschen“ gefordert, und die Linken mehr Rechte für Migranten. Seit 2001 ist dies zumindest in Bezug auf Muslime zusammengebrochen. Jetzt gibt es eine Koalition, die von Alice Schwarzer bis Stoiber und Beckstein reicht. Das bedeutet auch, dass es keine starken Fürsprecher für die muslimischen Gemeinden in der Mehrheitsgesellschaft mehr gibt. Man hat den Eindruck, dass sich da etwas verändert hat. Es hat eine Verschiebung in der Stimmungslage der Bevölkerung stattgefunden. Und dieser Verschiebung fallen auch die Journalisten anheim. Wir haben das in Debatten mit Journalisten erlebt - vor allem Fernsehjournalisten können Berichte, die nicht der vorgefassten Meinung der Chefredaktion entsprechen, zwar bringen, müssen sich aber doppelt so viel Arbeit machen und haben doppelt so viel Begründungsaufwand. Es muss einfach sehr viel mehr Energie in einen Artikel gesteckt werden, der gegen die herrschende Meinung ist, als in einen, der mit ihr Konform geht. Bei letzterem wird auch der letzte Unsinn abgesegnet.

Islamische Zeitung: Sie haben die Befürchtung vieler „konservativer“ Muslime beschrieben, dass sie letztlich alle als Sicherheitsrisiko, verfassungsfeindlich oder nicht integrierbar betrachtet werden. Ist dieser Punkt schon erreicht?

Prof. Werner Schiffauer: Das ist schwer zu sagen. Der Punkt ist die Frage der Rechtleitung, die Frage der Schari’a. Mit „konservative Muslime“ meine ich rechtgeleitete Muslime. Ein Bekenntnis zur Schari’a wird heute von sehr vielen Leuten, auch von Politikern, die sich relativ gut damit auskennen, als Absage an die Verfassung gewertet. Es wird anders gewertet als etwa bei schriftgläubigen Christen, die auch von der Frage des göttlichen Rechts, der Dignität und der Inkompatibilität des göttlichen Rechts mit dem weltlichen Recht, betroffen sind. Dies ist eine urreligiöse Position, dass das göttliche Recht einfach voraus geht; das eine ist menschliche Ordnung und das andere Verpflichtung. Die Frage, ob man den Qur’an über die Verfassung stelle, ist eine absurde Frage. Denn letztlich ist es ganz klar, dass der Qur’an oder auch die Thora und alle diese Schriften ja zu einer Zeit offenbart worden sind, als es die Verfassung noch gar nicht gab. Die große Frage ist ja nicht, dass man an die göttliche Schrift glaubt, sondern wie man die göttlichen Gebote in die heutige Lebensrealität übersetzt. Und da muss ja jeder, der an die Schrift und die Offenbarung glaubt, übersetzen; er muss sich überlegen, was das hier und jetzt bedeutet, in einem kulturellen Kontext, der auch sprachlich anderes verfasst ist - jede Übersetzung ist ja eine Verzerrung. Dies bedeutet aber auch, dass man es innenpolitischen Institutionen übersetzt. Das ist ein kreativer Prozess. Das wird aber nicht gesehen von diesen Institutionen, die mit dem Bekenntnis zur Schari’a gleich verbinden, dass diese inkompatibel mit dem Grundgesetz sei. Da wird so getan, als wenn jemand, der an die Offenbarung glaubt, diese wie ein Kochbuch nehmen könnte, um sie auf die Gegenwart zu beziehen, und der Umgang mit dem Wort und die Notwendigkeit der Übersetzung wird einfach viel zu wenig gesehen. Das teilen rechtgeleitete Muslime mit rechtgeleiteten Juden und schriftorientierten Christen.

Islamische Zeitung: Was können Stimmen wie der Migrationsreport, Stimmen aus der Wissenschaft, die die Entwicklung kritisch beleuchten, hierbei bewirken? Welchen Einfluss hat die Wissenschaft auf Politik und Medien?

Prof. Werner Schiffauer: Ein bisschen. Manchmal erlebt man bei einzelnen Journalisten, das sie beginnen, Dinge anders wahrzunehmen, und dann Artikel erscheinen wie kürzlich der von Spiewak in der „Zeit“, die kritisch nachfragen und auch nicht mehr alle Stereotype wörtlich nehmen. Es gibt da einige Journalisten, die aber nach wie vor in der Minderheit sind. Man kann auf der anderen Seite etwa bei Juristen auch an durchaus konservative Werte anknüpfen, wie etwa das Ethos der Rechtsstaats, dass Staat Staat sein muss und die Würde unseres Staats darauf beruht, dass er die Grundrechte, wie die Religionsfreiheit, und den Raum des einzelnen schützt, und nicht abhört, überprüft und spitzelt. Dass unsere rechtsstaatliche Kultur auf einer Trennung der verschiedenen Gewalten beruht. Dafür sind konservative Juristen durchaus sensibel. Man muss also Klischees gegenüber Muslimen aufbrechen.

Islamische Zeitung: Welche mittel- und langfristigen Konsequenzen dieser Entwicklung sehen Sie? Wir hatten ja bisher Gott sei Dank noch keinen wirklichen Anschlag in Deutschland, der die Situation stark verschärfen könnte.

Prof. Werner Schiffauer: Wenn der Trend so weitergeht, werden wir ein Zwei-Klassen-Recht haben, wo sich auf der einen Seite die Muslime als Ausgegrenzte wieder finden. Und das ist natürlich eine Katastrophe. Die Entfremdung zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft würde zunehmen; die Muslime würden das Gefühl haben, Bürger zweiter Klasse zu sein, werden das Gefühl haben „mit uns kann man es ja machen“ - und zwar Rechtsbeugung, Ausweisungen, unzureichende Überprüfung etwa bei Vorwürfen, eingeschränkte Meinungsfreiheit und so weiter. Das alles wird die Integration maßgeblich erschweren. Die Stimmen werden zunehmen, dass man den Islam eigentlich nur in einem islamischen Land leben könne. Die Stimmen, die sagen „das haben wir euch ja schon immer gesagt, die wollen euch nicht, hier seht ihr es wieder“ werden zunehmen. Das ganze würde also auf eine Polarisierung hinauslaufen und die Querverbindungen werden abnehmen. Das wäre tatsächlich eine bedrohliche Tendenz für die Kultur dieser Gesellschaft und auch ein Verspielen einer großen Chance, die in der Wahrnehmung von religiöser und kultureller Vielfalt liegt.

Islamische Zeitung: Man hätte eigentlich gedacht, dass angesichts der deutschen Vergangenheit etwas sensibler mit diesen Dingen umgegangen würde…

Prof. Werner Schiffauer: Ich ziehe da schon eine Parallele. Man merkt, dass hier mit anderem Maß gemessen wird. Die gleichen Leute, die sich heute zur „christlich-jüdischen Kultur“ bekennen, nutzen diesen Bezug, um sich gleichzeitig von einer ganzen religiösen Gruppe abzusetzen und diese zu diffamieren. Und das lässt mit buchstäblich die Galle hochkommen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Prof. Schiffauer, wir danken für das Gespräch.


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Unter Denunziation (lat. denuntiare „absprechend berichten, Anzeige/Meldung machen“) versteht man die häufig anonyme Beschuldigung einer Person hinter deren Rücken durch jemanden, dessen Dienst- oder Rechtspflicht dies nicht ist. Im ethischen Sinn wird allgemein von Denunziation gesprochen, wenn in einem nicht freiheitlichen System Menschen bei staatlichen Vollzugsbehörden angezeigt werden, obwohl dem Anzeigenden klar sein muss, dass er sie damit der Gefahr der politisch motivierten Verfolgung aussetzt. Eine Denunziation unter Kindern oder Schülern wird umgangssprachlich als Petzen bezeichnet.
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