Die innere Wüste
(iz). Wenn man sich die Frage nach Europa, dem Islam und dem Nihilismus neu stellt, dann ist dies für europäische Muslime nichts anderes als die eigene Frage als Gestalt. mehr ...
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14.02.2007 "Pop-Kultur ist heute überall"

Fazil Say begeistert in Bonn. IZ-Gespräch mit dem weltberühmten Pianisten aus Ankara

Der türkische Pianist Fazil Say ist einer der herausragendsten und außergewöhnlichsten Virtuosen auf seinem Instrument. Anlässlich seines Konzerts in Bonn, bei dem er das bunt gemischte Publikum faszinierte und begeisterten Applaus erntete, sprach die IZ mit ihm über seine Musik, die klassische europäische und klassische türkische Musiktradition sowie die heute dominante Popkultur.
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Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Say, könnten Sie sich zunächst unseren Lesern kurz vorstellen?

Fazil Say: Ich bin Fazil Say, Musiker. Ich bin in der Türkei geboren und habe dort im Konservatorium Musik studiert als ich 11 Jahre alt war. Mit 17 bin ich aufgrund eines Stipendiums vom DAAD nach Düsseldorf gekommen. Ich habe vier Jahre in Düsseldorf Klavier und Komposition studiert. Danach habe ich in Berlin vier weitere Jahre an der Hochschule der Künste gelehrt. Insgesamt war ich also acht Jahre in Deutschland. Nach dem Gewinn der Young Concert Artist International in New York, das ist einer der größten Preise im Geschäft, bin ich für fünf bis sechs Jahre nach New York gezogen. Danach bin ich wieder zurück in die Türkei gegangen. Mit diesem Wettbewerb haben meine Konzerte beziehungsweise meine so genannte Karriere angefangen. Seit 12 Jahren bin ich nun unterwegs und gebe über 100 Konzerte im Jahr. Meine CD’s werden in verschiedenen Häusern produziert. Ich nehme an zahlreichen Klassik-Festivals sowie Jazz-Festivals teil. Ich hatte aber auch großes Interesse, auch in ostanatolischen Städten Konzerte zu geben, weil dort diese Art von Musik nicht so verbreitet ist. Daraus folgte eine erfolgreiche Tournee mit 30 Konzerten in 30 Städten. Jeden Monat hatten wir ein Konzert in einer anderen Stadt. Ja, das ist so mein Leben.

Islamische Zeitung: Wie kamen Sie zur klassischen Musik? Gab es bestimmte Förderer oder Ereignisse, die Sie in diese Richtung lenkten?

Fazil Say: Meine Eltern sind keine Musiker. Als ich drei Jahre alt war, habe ich auf Spielzeuginstrumenten wie Blockflöte oder Xylophon alles auf Gehör gespielt, was ich wahrnahm. Ein Freund von meinem Vater war Musiker in einem Orchester in Ankara. Er sagte, ich sei wahnsinnig talentiert und sollte Unterricht bei einem Lehrer nehmen. Ich war dann fünf, als ich mit dem Klavierunterricht begann. Natürlich, meine Eltern sind Intellektuelle. Mein Vater ist ein Schriftsteller und meine Mutter hat eine Apotheke. Sie haben auch sehr viel klassische Musik gehört, neben türkischen Sachen.

Islamische Zeitung: Wie sind die Reaktionen in Europa auf Fazil Say - auf jemanden, der aus der Türkei kommt und den Europäern die klassische Musik näher bringt?

Fazil Say: (holt einen Zeitungsausschnitt heraus) Lesen Sie das vor. Ich glaube, das wird Ihre Frage beantworten...

Islamische Zeitung: „Eigentlich sind Pianisten auch nur Menschen. Aber was für welche! Bisweilen spielen sie so schwindelerregend und gut, dass sie dem Göttlichen nahe sind. So geschah es in der Nacht zum Sonntag, als sich der türkische Pianist Fazil Say bei der großen Gala zu Mozarts 251. Geburtstag im Rosengarten an den Flügel setzte. Mehr wie ein Rockstar war er auf die Bretter geschlürft. Enge Hose. T-Shirt. Schlabberjacke. Say bewegt sich akzentuiert. Es war nicht jeder Ton schön, den er spielte, aber sensationell! Gelebt. Beseelt. Gesungen im doppelten Wortsinn. Bis zum Türkischen Marsch zog er seinen radikalen Subjektivismus durch... Am Ende tobte der Saal, als ob Say sein Abschiedskonzert gegeben hätte. Der Mensch, so zeigte dieser wunderbare Abend, liebt den Ausnahmezustand. Danke Fazil Say!“

Fazil Say: Ok, das reicht! Das war ein Beispiel. Heute geht es uns so (lacht). Es gibt schlechtere Tage, oder es gibt auch bessere Tage. Die Reaktionen sind verschieden. Sie haben gerade eine Reaktion auf das gestrige Konzert in Mannheim gelesen. Die Reaktion kann auch anders sein, aber das hier ist eine gute.

Islamische Zeitung: Welchen Einfluss hat die klassisch-osmanische Musik wie etwa die von Dede Effendi auf Sie gehabt?

Fazil Say: Das ist eine sehr wichtige Art von Musik, mit der man sehr vorsichtig umgehen sollte, weil sie kulturell sehr tief reingeht. Es ist eine Kulturmusik, wie westeuropäische Kulturmusik es auch ist, es ist keine Volksmusik. Es gibt ja immer diesen Unterschied zwischen Pop- oder U-Musik und E-Musik. Das ist in der Türkei auch dasselbe. Die klassisch-osmanische Musik ist dann die E-Musik der Türkei. Es gibt dort wenig Raum für Improvisation, es ist geschriebene, auskomponierte Musik. Es gibt die Taktarten. Es gibt Instrumente, Orchestration, Chor und Tanz dazu. Also es ist gemachte Kultur. Es ist Kunst im europäischen Sinne. Deshalb muss man mit dieser Sache sehr vorsichtig umgehen. Es sollte mit U-Musik nicht verwechselt werden. Es ist keine U-Musik. Deshalb müssen Leute damit zu tun haben, die von der klassischen Musik, von der E-Musik kommen. Ich habe da schon einige Projekte gehabt. Dieses Jahr ist ja das Mevlana-Jahr. Ich habe mehrere Auftragswerke angeboten bekommen, dazu ein Stück zu komponieren, habe aber alle abgelehnt. Es muss ein von innen kommendes, allein entstehendes Werk sein. Jemand, der ein Projekt über Mevlana machen will, sieht eher nach U-Musik aus als nach E-Musik (lacht). Das ist natürlich eine Gefahr in der Türkei. Es gibt etliche Kopien von den Derwischtänzen. Wir möchten keine Kopien, wir möchten echte Sachen. Deshalb müssen die Türken mit ihrer eigenen Kultur auch sehr vorsichtig umgehen, würde ich sagen.

Islamische Zeitung: Die klassisch-osmanische Musik ist in der Türkei heute leider fast komplett verlorengegangen. Können Sie in dieser Zeit eine Art Brückenfunktion spielen und die heutigen Türken wieder an die klassische europäische Musik und damit auch an ihre eigene Musiktradition heranführen?

Fazil Say: Es ist ein weltweites Problem heute, dass die eigenen kulturellen Wurzeln vergessen werden. Sie haben ein Beispiel genannt. Die Türkei vergisst ihre eigene Tradition. Es ist die Pop-Kultur und die Geld-Kultur, die dies seit 50 Jahren in extremer Weise verursacht hat. Wenn die Ökonomie hinter der Kultur wäre wie im 19. Jahrhundert, wäre das alles nicht entstanden. Es ist die heutige Zeit. Pop-Kultur ist überall. Wenn Sie sich das deutsche Fernsehen anschauen, wann kann man dort Beethoven sehen? Pro Woche vielleicht 30 Minuten, und dann um zwei Uhr nachts. Das ist die Realität momentan. Und in der Türkei ist es genauso.

Islamische Zeitung: Nietzsche sagt: „Die Hauptbestimmung der Musik ist, dass sie unsere Gedanken auf Höheres leitet, dass sie uns erhebt, sogar erschüttert.“ Wie denken Sie darüber, als jemand, der durch die klassisch-europäische und klassisch-osmanische Musik geprägt ist?

Fazil Say: Es ist Gewohnheitssache. Für jemanden aus Bonn, der zum ersten Mal die Mevlana-Derwischtänze hört oder sieht, könnte die Connection, also der Bezug, im ersten Moment etwas schwierig sein. So habe ich das in den östlichen Städten der Türkei erlebt. Ich habe dort mit tausenden Studenten Konzertgespräche gehabt. Manche sagten, wir haben den Bach jetzt nicht verstanden, seine Emotionen. Das kann ich sehr gut verstehen. Jemand hört zum ersten Mal Bach, was soll er da verstehen? Es ist schwierig. Das braucht alles Übersetzung. Wenn Sie jetzt eine halbe Stunde chinesische Musik hören, sind Sie dann gelangweilt oder angeregt? Ich würde eher sagen gelangweilt, weil man den Bezug dazu verliert. Aber die Musik aus Kuba hingegen hören wir sehr gerne; sie hat europäische Vorfahren und den afrikanischen Rhythmus. Das ist uns näher. Mit der asiatischen Kultur aber ist es schwieriger.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Say, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fazil Say: Ich danke Ihnen.


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