Die innere Wüste
(iz). Wenn man sich die Frage nach Europa, dem Islam und dem Nihilismus neu stellt, dann ist dies für europäische Muslime nichts anderes als die eigene Frage als Gestalt. mehr ...
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Sie sind hier: Home >> Interview >> Die IZ sprach mit der muslimischen Rapperin Sahira Awad über ihre Musik, ihr Leben und wie sie die Welt junger Muslime sieht

09.05.2007 Die IZ sprach mit der muslimischen Rapperin Sahira Awad über ihre Musik, ihr Leben und wie sie die Welt junger Muslime sieht

Aufgewachsen im „gut bürgerlichen“ Berlin

HipHop ist, ob einem das gefällt oder nicht, einer der Eckpfeiler der Mainstreamjugendkultur. Auch und gerade junge Migranten und Muslime mögen die Musik und den damit verbundenen Lebensstil. Frauen haben dabei meist nur ein dekorative Rolle. Zu den Ausnahmen - gerade auch weil sie praktizierende Muslimin ist - zählt Sahira Awad. Sie gehört zu Berlins bekanntesten HipHop-Musikerinnen. Die IZ sprach mit ihr über ihr Leben als Muslimin und ihre Arbeit.
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Islamische Zeitung: Du bist in einer großen Familie mit sieben Geschwistern aufgewachsen. In was für einem Umfeld bist Du groß geworden?

Sahira Awad: Ich bin in einem „gut bürgerlichem“ Bezirk aufgewachsen, wo 80 bis 90 Prozent Deutsche sind. Wir waren auf unserer Schule die einzigen mit Migrationshintergrund, und auch die einzigen Moslems. Ich würde schon sagen, dass wir mehr oder weniger wohl behütet aufgewachsen sind.

Islamische Zeitung: Wie bist Du dann zur Musik gekommen?

Sahira Awad: Musik habe ich schon immer gemacht, seit ich ein kleines Kind bin. Meine Mama ist Sängerin. Sie singt klassisch Arabisch, also war es für uns immer da. Mein älterer Bruder - er ist zwei Jahre älter - hat mich, als ich anfing in die Pubertät zu kommen, etwas an die Hand genommen und hat mir Rap-CDs und Kasetten vorgespielt. Er hat mich auch mitgenommen zu Veranstaltungen und hat mich immer motiviert. Er hat gesagt: Sing, du hast eine gute Stimme, mach’ was draus.

Islamische Zeitung: Den 11. September bezeichnest Du als einen Wendepunkt in Deinem Leben. Was passierte nach diesen Ereignissen bei Dir?

Sahira Awad: Ich war immer Muslima, aber nicht immer praktizierend. Als diese Katastrophe dann passierte, habe ich schon gemerkt für mich, jetzt beginnt eine Art Hetzjagd auf Muslime. Es war mir sofort klar, als ich die Nachrichten gesehen habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie den Qur’an gelesen. Und ich habe zu mir gesagt, dass es einfach meine Pflicht ist als Muslima, wenn ich weiterhin sagen möchte „ich bin Muslima“, dass ich zumindest mal den Quran lese. Für mich war einfach dieser 11. September ausschlaggebend, weil ich gespannt war, ob ich im Qur’an etwas finden würde, was so einen Anschlag rechtfertigt. Und ich habe natürlich nichts dergleichen gefunden, was mich sehr erleichtert hat. Ich habe andere schöne Dinge im Qur’an gefunden, die mich wirklich fasziniert haben, subhanallah! Da fing mein Weg an. Meine Absicht war erstmal zu gucken, warum wir Muslime immer angegriffen werden, und vielleicht belegen zu können, dass es nicht so ist. Ich habe wie gesagt andere Dinge gefunden, die mich berührt haben. Die haben mich nicht mehr losgelassen, alhamdulillah.

Islamische Zeitung: Deine Mutter und einige Deiner Schwestern tragen kein Kopftuch. Und doch hast Du dich für das Kopftuch entschieden. Wie war die Reaktion in der Familie und vor allem in der HipHop-Szene? Sahira Awad: In der Familie war die Reaktion natürlich super, wie Du dir vorstellen kannst. Meine Eltern sind sehr stolz auf mich, meine ganze Familie. Wir sind alle stolz aufeinander. Meine jüngere Schwester hat schon vor mir Hidschab getragen, richtig klassisch, mascha’Allah. Ich habe Sie sehr bewundert, was ich immer noch tue. Wir haben viele Gespräche geführt, und das war für mich ein bisschen wie ein Ansporn, du hast auch in Deiner eigenen Familie eine hübsche, junge Frau, die emanzipiert und selbstbewusst ist, und sich dafür entschieden hat, also geht das! In der HipHop-Szene kommt es natürlich nicht bei jedem so gut an. Es gibt viele Berührungsängste, es gibt aber auch viel Zustimmung. Die HipHop-Szene an sich interessiert mich nicht wirklich. Auf der geschäftlichen Seite des Musikbusiness ist es eigentlich egal, was du bist oder wer du bist, solange die sehen, du kannst Geld einspielen. Die Labels sind da leidenschaftslos. Islamische Zeitung: Über Musliminnen mit Kopftuch wird oft in den Medien debattiert, wie jüngst anlässlich der Islamkonferenz. Was denkst Du über das Bild, das in den Medien über muslimische Frauen kursiert? Du entsprichst ja nicht gerade diesem Klischee...

Sahira Awad: Ja, das stimmt. Ich entspreche nicht gerade diesem Bild. Also am Anfang hat diese Debatte mir Angst gemacht. Nach dem 11. September hatte ich erstmal Angst. Es hat mich richtig mitgenommen, was nach den Anschlägen passiert ist. Ich habe mich unwohl gefühlt, ich war traurig und irgendwann auch wütend. Jetzt muss ich sagen, bin ich relativ leidenschaftslos, weil wenn ein Nichtmuslim, dessen Herz für diese Botschaft versiegelt ist, schlecht über den Islam redet, dann ist am Ende des Tage Allah groß, und alles was ich tun kann, ist mein Bestes zu geben und ein gutes Bild abzugeben. Aber ich rackere mich jetzt nicht mehr so ab, um den Nichtmuslimen zu gefallen.

Islamische Zeitung: HipHop ist in der letzten Zeit sehr in Verruf geraten durch gewaltverherrlichende und sexistische Inhalte. Wie siehst Du als gläubige Muslimin diese Entwicklung?

Sahira Awad: Ich sage mal so: bestimmte Songs müssen nicht sein. Jeder Mensch sollte sich zunächst einmal bewusst machen, dass er eine Verantwortung hat, sobald er irgendwas sagt. Jede Information beeinflusst Menschen, ob bewusst oder unbewusst. Aber auf der anderen Seite muss ich ganz ehrlich sagen, ich kann die ganzen Rapper und HipHopper verstehen, weil ich denke, dass die HipHop-Musik ein Art Ventil ist für unsere Generation, die im Endeffekt in jeglicher Hinsicht sehr enttäuscht ist von der Generation davor. Natürlich ist es nicht schön, wenn jemand in einem Song schreibt, ich steche dich ab oder was weiss ich. Aber ich denke, dass diese Musik die Jungs von der Straße weghält. Ich kann es nicht verurteilen, wer bin ich denn. Ich kann nur meinen Sohn so gut erziehen wie möglich, damit er, wenn er so eine Musik mal hört, nicht davon beeinflusst wird. Aber ich denke nicht, dass das gesellschaftliche Problem diese Musik ist, sondern die Eltern, die sich keine Zeit mehr für ihre Kinder nehmen. Wenn die ihre Kinder gut erziehen würden, dann würde diese Musik keine Macht haben.

Islamische Zeitung: Vor einigen Tagen habe ich einen interessanten Artikel über „HipHop und Islam“ gelesen, in dem berichtet wurde, dass immer mehr HipHopper in den USA in ihren Liedern Bezüge zum Islam haben, oder sich gar zum Islam bekennen. Wie kommt es, dass sich immer mehr HipHopper wie Mos Def, Talib Kweli oder Everlast zum Islam bekennen? Ist das nur Zufall, oder gibt es besonders in der HipHop-Szene eine Sehnsucht nach authentischer Spiritualität?

Sahira Awad: Auf jeden Fall! Ich glaube nicht an Zufälle, ich glaube an Schicksal. Jeder der Musik macht, gerade HipHop-Musik, hat mit Sicherheit viel in seinem Leben erlebt oder gesehen. Menschen, die viel erlebt oder gesehen haben, oder Menschen, die künstlerisch etwas tun, das sind immer Menschen, die nach dem Warum fragen, die immer tiefer gehen. Daraus resultiert wahrscheinlich, dass man irgendwie nach einem Sinn sucht, und man findet diesen Sinn immer häufiger im Islam.

Islamische Zeitung: Wie siehst Du als junge, muslimische Künstlerin die Lage der jungen Muslime in Deutschland? Was würdest Du ihnen mit auf den Weg geben?

Sahira Awad: Versucht nicht, nur um zu gefallen, eure Identität zu verbiegen. Das ist ganz, ganz wichtig. Versucht aber gleichzeitig - das meine ich auf beiden Seiten - auch nicht die deutsche Identität in euch zu verleugnen. Unsere Generation wird sich schwer tun, wenn sie sagt, ich bin nur Deutsch, oder ich bin nur Arabisch oder Türkisch. Wenn man sagt, ich bin Moslem, dann ist es nicht mehr wichtig, woher man kommt. Man sollte nach dem Vorbild unseres Propheten streben, der sagt, du sollst die Sprache lernen, dort wo du bist. Du sollst niemandem schaden, du sollst ein guter Nachbar sein. Man sollte diese Tugenden für sich selber finden, und nicht anecken. Was ich ganz fett unterstreichen möchte: Lernt Deutsch!

Islamische Zeitung: Liebe Sahira, vielen Dank für dieses Gespräch.


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