Die innere Wüste
(iz). Wenn man sich die Frage nach Europa, dem Islam und dem Nihilismus neu stellt, dann ist dies für europäische Muslime nichts anderes als die eigene Frage als Gestalt. mehr ...
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Sie sind hier: Home >> Interview >> Interview: "Spannungen, die die Menschen eigentlich nicht wollen."

17.02.2006 Interview: "Spannungen, die die Menschen eigentlich nicht wollen."

"IZ-Begegnung" mit der freien Autorin und Dozentin Sabine Kebir über den aktuellen Karikaturen-Streit

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(iz)"Die beste Integration ist ein Arbeitsplatz". Sabine Kebir wurde 1949 in Leipzig geboren, ist mit einem Algerier - dem Regisseur Saddek Kebir - verheiratet und hat zwischen 1977 und 1988 in Algerien gelebt. Von Haus aus ist sie ausgebildete Romanistin. Durch ihren Aufenthalt in dem nordafrikanischen Land ist sie Politologin geworden und hat dort an der Universität Politologie unterrichtet und in dem Fach habilitiert. Als Schriftstellerin und freie Autorin hat sie auf unterschiedlichen Gebieten gearbeitet und, wegen der Aktualität, insbesondere auch zu Fragen des Islam und des „Islamismus“. Nach ihrer Rückkehr hat sie an verschiedenen renommierten Universitäten als Professorin gearbeitet und arbeitet neben ihrer Autorenschaft bei Sachbüchern und Belletristik als freie Publizistik in Presse und Rundfunk.
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Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Kebir, obwohl die Berichterstattung schon einen Schritt weiter ist, würde ich gerne noch ein Blick auf das Anfangsereignis der Debatte werfen. Sie gehen in Ihrem Text („Karikieren, zivilisieren, bombardieren“, erschienen am 10.02. im „Freitag“) davon aus, dass die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ ganz bewusst einen Eklat herausgefordert habe.

Sabine Kebir: Ich habe mich mehr mit den Reaktionen auf die Veröffentlichung der Karikaturen beschäftigt. Ich weiß bis heute nicht, wie die Karikaturen aussehen. Da ich nicht für ihre Verbreitung bin, genügt es mir, ihren Inhalt zu kennen. Der ist nicht in Ordnung. Und wenn man so etwas druckt, muss man wissen, was man tut. Es scheint so zu sein, dass in Dänemark versucht worden ist, unter muslimischen Immigranten bewusst Empörung zu schüren, um diese zu provozieren, zu unbedachten Äußerungen oder gar zu unbedachten Taten zu bringen, damit man sie ausweisen kann. In Dänemark herrscht eine immer stärker werdende Stimmung - die auch durch die so genannte Volkspartei geschürt wird - dass man Mittel und Wege finden müsse, um die Immigranten loszuwerden. Das scheint die hinter den Karikaturen stehende Absicht gewesen zu sein. Sicher war es nicht das Ziel, die Muslime der gesamten Welt aufzubringen, aber eben die Muslime in Dänemark zu provozieren. Ich sehe das immer auch im Zusammenhang mit den Plänen in Deutschland, Fragebögen für Einwanderer einzuführen. Ein denkbare Frage wäre zum Beispiel auch, wie sich Muslime im Falle ähnlicher Karikaturen verhalten würden. Da würde ja nicht nur der islamistisch ausgerichtete Muslim Protest empfinden oder äußern. Auch Muslime, die säkularisiert sind, würden sich zu Recht beleidigt fühlen. Was in Dänemark passierte, die Provokation der Muslime, geht in die gleiche Richtung wie die Fragebögen in Deutschland. In Dänemark wurden auch schon Fragebögen ausgearbeitet, in denen außerordentlich schwere und selbst von dänischen Abgeordneten nicht zu lösende Fragen zur dänischen Kultur zu beantworten sind.

Islamische Zeitung: Warum haben sich andere europäische Medien an einem Nachdruck beteiligt und welches Interesse hegen deren Redaktionen ihrer Ansicht nach dabei?

Sabine Kebir: Es ist sehr schwer zu sagen, was der einzelne damit wollte. Aber ich gehe davon aus, dass ein Journalist nicht so dumm sein kann, um nicht doch die Wirkungen vorherzusehen. Wobei die Sache wirklich schwierig ist, denn das Publikum will natürlich wissen, worum es dabei geht und was da eigentlich angefeindet wurde. Ich sage Ihnen, selbst in Algerien sind im Fernsehen zwei Mal diese Karikaturen gezeigt worden. Die verantwortlichen Journalisten sitzen jetzt allerdings im Gefängnis. Selbst in muslimischen Ländern gehen Vorstellungen von Pressefreiheit so weit, dass man denkt, man müsse diese Karikaturen nicht nur beschreiben, wenn man darüber arbeitet, sondern sie auch zeigen. Ich bin der Meinung, dass hinter dem Zeigen der Karikaturen auch bewusste Provokationslust steht. Über diese ließe sich eher diskutieren, wenn sich der Westen und der Islam nicht im Kriegszustand befänden. Denn eigentlich ist der Streit Ausdruck des Kriegsgeschehens.

Islamische Zeitung: Die unseligen Karikaturen und die emotionalen und gewalttätigen Reaktionen in Teilen der muslimischen Welt darauf haben ja zu einem massenhaften Bekenntnis zur „Pressefreiheit“ geführt.

Sabine Kebir: Dieses Bekenntnis empfinde ich als außerordentlich heuchlerisch, zumal es mit unserer Pressefreiheit nicht allzu weit her ist. Natürlich existiert die Pressefreiheit im Prinzip, aber es gibt viele Einschränkungen. Ich habe gestern eine Diskussion im Radio verfolgt, wonach italienische Journalisten ihre Stellung verloren haben, weil sie allzu freche Karikaturen von Berlusconi gebracht haben. Und zwar nicht, weil sie ihn komisch dargestellt haben, sondern im Zusammenhang mit Straftaten, die er begangen hat. Das muss eine Karikatur natürlich dürfen, wenn der Mann Gesetze ändern muss, weil ihm persönlich Unregelmäßigkeiten vorgeworfen werden. Der Grad der Pressefreiheit bestimmt sich meinem Verständnis nach nicht an dem Grad, wie man den vermeintlichen "Feind" karrikiert, sondern seine eigene Regierung, Religion usw. Wo die Grenzen liegen, gerade bei der Karikatur, ist sicher immer eine politische Frage, aber auch eine Frage des Geschmacks. Ich kann mir zum Beispiel auch bestimmte Grenzen vorstellen, die nicht überschritten werden sollten, wenn man eine Kanzlerin darstellt.

Islamische Zeitung: Ist dies nicht insofern ironisch, da in Deutschland der enorme Konzentrationsdruck auf dem Medienmarkt überhaupt nur noch bestimmte Meinungssegmente zulässt oder es eine massenhafte Beeinflussung durch bestimmte Lobbygruppen gibt? Oder auch, wenn beispielsweise der Chefredakteur der „WELT“ erklärt, er verteidige mit dem Abdruck die Pressefreiheit?

Sabine Kebir: Ich halte dieses Argument nicht für ironisch, sondern für regelrecht zynisch, weil es auf vielen anderen Gebieten nicht stimmt. Es ist bekannt, dass Journalisten, die in einem Springer-Medium arbeiten, schon seit vielen Jahren unterschreiben müssen, dass sie nichts bringen, was die Interessen der USA oder Israels negativ tangieren könnte. Alle Themen, die damit zusammenhängen könnten, sind praktisch einer Selbstzensur unterworfen, wenn man in einem Springer-Medium arbeitet. Davon haben mir viele Kollegen berichtet, von denen eine solche Unterschrift verlangt wurde. Diese haben sie entweder geleistet oder sie mussten sich entscheiden, dort nicht zu arbeiten. Das ist auch bei der Gewerkschaft „Verdi“ bekannt. Es ist äußerst demagogisch, diese Pressefreiheit zu verkünden, wenn es in der heutigen Kriegssituation um Muslime geht. Inwieweit Pressefreiheit herrscht, entscheidet sich an dem Ausmaß, in dem ich meine eigene Regierung und mein eigenes Volk kritisieren darf. Die angeblichen Feinde oder diejenigen in der Gesellschaft, die schwach sind, zu karikieren, ist eigentlich überall erlaubt. Man darf auch nicht so tun, als wenn man sich über schroffe Reaktionen wundert, denn genau dafür ist das Genre der Karikatur geschaffen, um Leute zu ärgern und bestimmte Reaktionen in ihnen zu erzeugen.

Islamische Zeitung: Frau Kebir, Sie erwähnten in Ihrem Artikel ja auch den arabischen Sender Al Jazeera. Ist der Fall dieses Senders und seiner Mitarbeiter nicht auch ein Gegenbeispiel für diese Selbstbehauptung, wenn dessen Mitarbeiter - wie viele andere Journalisten auch - im Irak oder in Afghanistan ums Leben kommen oder in Guantanamo einsitzen?

Sabine Kebir: Ja, eben. Dass sich Journalisten auch in Kriegshandlungen verstricken können und die Konsequenzen zu tragen haben, ist nichts Neues. Aber die, die die Journalisten von Al Jazeera gefangen genommen, beispielsweise getötet haben, können nicht als Verfechter der Pressefreiheit gelten. Sowohl in Kabul wie auch in Bagdad wurden die Büros von Al Jazeera bombardiert. Das zeugt von einem gezielten Willen, die Berichterstattung dieses Senders, die offensichtlich stört, zu beseitigen.

Islamische Zeitung: Sie haben den Verdacht geäußert, dass im Zuge der nun los getretenen Berichterstattung „mediale Scharfmacher“ ganz bewusst die Aufgabe übernähmen, Beweise dafür zu produzieren, dass die Muslime „rückständig, gewalttätig und unberechenbar“ seien. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Sabine Kebir: Ich kann das natürlich nur als Verdacht äußern, aber den Verdacht hege ich sehr stark. Es gibt einen Rückschritt in der Diskussion. Wir waren in den 90er Jahren schon einmal viel weiter. Nach dem 2. Golfkrieg hatte in Deutschland eine große multikulturelle, auf Versöhnung gerichtete Diskussion begonnen, bei der es um die Gleichberechtigung der Kulturen ging. Diesen Geist vermisse ich heute, denn es wird immer das Gegensätzliche hervorgehoben. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bei dieser Diskussion lief nicht alles richtig, weil dort meiner Meinung nach viel zu sehr islamistische Konzeptionen und Haltungen als völlig normal anerkannt wurden, während säkularisierte Muslime aus solchen Debatten weitgehend ausklammert waren. Aber auf jeden Fall war von der deutschen und europäischen Seite der Wunsch nach Deeskalation und Verständigung zu bemerken. Mit dem Boykott gegen den Irak lag es in der Luft, dass dort ein richtiger Krieg möglich gewesen wäre. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass dieser Krieg gegen das Volk geführt wurde. Saddam Hussein sitzt munter in seinem Nadelstreifenanzug im Gerichtssaal und es scheint sehr schwierig, ihm mit rechtsstaatlichen Mitteln überhaupt den Prozess machen zu können. Ein großer Teil der deutschen und europäischen Menschen hat den Krieg damals abwenden wollen, was eben auch zu anderen Diskussionen geführt hatte. Was jetzt in der Presse, bis hin zur „taz“, im Karikaturen-Streit verkündet wird, steht nicht für die deutsche Bevölkerung. Das sind bewusst und halbbewusst hochgetriebene Spannungen, die die Menschen eigentlich nicht wollen. Ich habe den schweren Verdacht, dass das der geistigen Vorbereitung einer Bombardierung des Iran dient. Wir dürfen natürlich nicht vergessen, dass die meisten Menschen sich nicht sehr intensiv mit der Frage nach den Muslimen oder dem Islam auseinandergesetzt haben. Man hört mehr und mehr den Satz: „Na ja, wenn die so unvernünftig sind, müssen wir halt doch was machen.“ Und zwar von Leuten, die früher gegen solch eine Position waren. Das ist dahingehend gefährlich, weil so die Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung erhöht wird.

Islamische Zeitung: Bedenkenswert finde ich Ihre Ansicht, dass der von Ihnen so genannte „Demokratisierungsdruck“ auf die Muslime um so mehr steige, je mehr die „sozialstaatlichen Integrationsmechanismen“ nur noch begrenzt zur Verfügung stünden.

Sabine Kebir: Ich bin prinzipiell der Meinung, dass das beste Instrument zur Integration ein vernünftiger Arbeitsplatz ist. Da keine Arbeit zur Verfügung steht, geht natürlich die Sprachfähigkeit der Immigranten immer weiter zurück. Als die ersten Türken als Arbeitsimmigranten gekommen sind, gingen sie vorwiegend ins Ruhrgebiet und haben dort größtenteils im Kohlebergbau gearbeitet. Da hat es kein Kopftuchproblem gegeben und das Sprachproblem hat sich durch die Arbeit gelöst. Die gemeinsame Arbeit hat zu einem Integrationsprozess geführt. Die Desintegration hat mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, beispielsweise mit der Schließung von Kohlegruben, zu tun. Das kann man im Ruhrgebiet ganz deutlich beobachten. Das sind Dinge, die man anders erklären muss und nicht dadurch, dass Muslime aus kulturellen Gründen gewalttätig gegen ihre Frauen oder die Gesellschaft seien. Es sind Prozesse der Desintegration, beispielsweise des Arbeitsmarktes, wodurch Parallelgesellschaften entstanden sind. Verstärkend kam der Einfluss islamistischer Organisationen aus dem Nahen Osten hinzu. Ich bin aber überzeugt, dass diese nur deshalb relativ viel Gehör bei europäischen Muslimen bekamen, weil die Integration in die europäischen Gesellschaften stagnierte, beziehungsweise sogar rückläufig war. Wir brauchen auch aus diesen Gründen eine wirklich humane Form von Arbeitsgesellschaft, in der alle faire Chancen bekommen. Wenn jetzt schon die UNO in Deutschland feststellt, dass Immigranten im Schulsystem stark benachteiligt sind, muss das endlich mal Konsequenzen haben.

Islamische Zeitung: Wie sieht Ihrer Ansicht nach die Verantwortung von Publizisten oder Medienschaffenden im Allgemeinen in diesen Zeiten aus?

Sabine Kebir: Ich würde denken, die Hauptverantwortung haben dabei Redakteure und Chefredakteure. Der Journalismus ist ein Beruf, den jeder ergreifen kann und bei dem keine besonderen Vorbedingungen gestellt werden. Natürlich sind Studien und Arbeitserfahrungen auf anderen Gebieten äußerst wünschenswert, aber das verlangt das Berufsbild nicht. Letztendlich sind die Chefredakteure verantwortlich. Dass solche Karrikaturen entstehen und gedruckt werden, kann wahrscheinlich in einer freien Gesellschaft nicht verhindert werden. Auf jedem Fall dürfen sich Chefredakteure und Politiker dann aber auch nicht über die Resultate wundern und müssen zu ihrer Verantwortung stehen. In diesem Fall ist ja versucht worden, die Sache durch Nachdrucke der Karrikaturen noch weiter zu treiben. Große Teile der Presse haben diesen Fehler nicht eingesehen und bohren immer noch weiter. Ich halte das für unverantwortlich. Die Politik scheint das übrigens begriffen zu haben. Obwohl Politiker damit tatsächlich eigentlich nichts zu tun haben, haben sich einige entschuldigt, andere wollen vermitteln, um Schlimmstes zu verhindern, zum Beispiel den Boykott dänischer Waren.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Kebir, vielen Dank für das Gespräch.


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Unter Denunziation (lat. denuntiare „absprechend berichten, Anzeige/Meldung machen“) versteht man die häufig anonyme Beschuldigung einer Person hinter deren Rücken durch jemanden, dessen Dienst- oder Rechtspflicht dies nicht ist. Im ethischen Sinn wird allgemein von Denunziation gesprochen, wenn in einem nicht freiheitlichen System Menschen bei staatlichen Vollzugsbehörden angezeigt werden, obwohl dem Anzeigenden klar sein muss, dass er sie damit der Gefahr der politisch motivierten Verfolgung aussetzt. Eine Denunziation unter Kindern oder Schülern wird umgangssprachlich als Petzen bezeichnet.
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