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Aus der Reihe: “Briefe, die abzuschicken wir uns nicht getrauten”. Dieses Mal von Ali Kocaman

"Einige notwendige Anmerkungen zu den Gaza-Demos"

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(iz). In der Reihe “Briefe, die abzuschicken wir uns nicht getrauten” wendet sich Ali Kocaman dieses Mal an einen Teil der muslimischen Teilnehmer der Gaza-Demos. Diese haben in den letzten Tagen durchaus für Aufmerksamkeit gesorgt, aber sicherlich nicht immer im Sinne der Organisatoren und Teilnehmer. Insbesondere im ansonsten eher beschaulichen Duisburg hagelte es nicht nur Kritik gegen die dortige Polizei, sondern die Stimmen vieler “Islamkritiker” wurden lauter, die den hiesigen Muslimen ein massenhaftes antisemitisches Ressentiment unterstellen wollen.

Liebe Demonstranten gegen den Gaza-Krieg,

ja sagt mal, geht's noch? Dass ihr gegen Gaza-Krieg protestiert, ist legitim. Ob Demonstrationen effektiv sind oder der Sache nützen, steht auf einem anderen Blatt. Wahrscheinlich tun sie es nicht. Es ist im Augenblick sowieso hilfreicher, den Menschen über die bestehenden humanitären Kanäle zu helfen. Insbesondere die mediale Aufbereitung entwickelt sich zu einem PR-Gau, angesichts dessen sich auch die Organisatoren Fragen gefallen lassen müssen. So erhalten dumpfe Islamkritiker ausreichend Munition, um die hiesigen Muslime, die ja gar nicht Konfliktpartei sind, als gefährliche Masse von Antisemiten darzustellen. Die Online-Redaktion des „Spiegel“ und selbst die „taz“ ließen es sich nicht nehmen, die Vorgänge in Duisburg süffisant aufzuarbeiten und dementsprechend zu bewerten.

Über eure emotionsgeladene Art und Weise müssen wir hier in der „Community“ dringend diskutieren. Das Schreien einiger teils eindeutiger Parolen, die angesichts der deutschen Vergangenheit unpassend sind, und das Sich-Provozieren-Lassen durch so genannte „Israel-Freunde“ verleiht dem Versuch, Solidarität zu zeigen, einen unangenehmen Beigeschmack. Außerdem muss, auch von Seiten muslimischer Repräsentanten, eine Debatte über die ­Hamas, deren Ziele und Methoden geführt werden. Die kategorische Zurückweisung von Selbstmord­attentaten und Angriffen gegen Zivilisten (so durch die Kassam-Raketen) ist nicht nur islamisch verpflichtend, sondern wegen der eigenen Glaubwürdigkeit dringend notwendig.

Wenn man mit Muslimen aus anderen Regionen spricht, in denen blutigere Konflikte toben und die weitaus mehr Opfer zu verzeichnen haben, dann merken diese zu Recht an, dass sie weniger Aufmerksamkeit seitens der hiesigen Muslime bekommen. Wer mal bei einer Demo von Tschetschenen oder Uiguren gewesen ist, erinnert sich an das traurige Bild eines Häufleins Betroffener und solidarischer deutscher Menschenrechtler. Von einem Interesse der Verbände oder Einzelner ist hier in der Regel nichts zu spüren.

In Hinblick auf die Lage des Islam in Deutschland sind diese Demos doch nicht viel mehr als eine hilflose „Übersprungshandlung“. Während religiöse Praxis und islamische Wissensvermittlung, gerade auch unter jugendlichen Muslimen, vor sich her dümpeln und es wenig produktive Ansätze gibt, wird jetzt fleißig zu Demos aufgerufen. Gleichzeitig tut sich in Deutschland leider herzlich wenig. Gerade der „organisierte“ Islam, der ansonsten selten durch neue Konzepte überrascht, zeigen auf einmal Engagement. Seltsam. Laut einer Presseerklärung unterstützt der KRM die Demonstrationen. Man würde sich bei dieser Art „Unterstützung“ etwas mehr Kritik in der Solidarität wünschen.

Solange es in Deutschland nicht mit der gleichen Leidenschaft massenhafte lokale Initiativen für Schulen, Kindergärten, soziale Einrichtungen, Stiftungen, übernationale Moscheen und eine korrekte islamische Lehre gibt, bin ich von dem Jungmännergehabe einiger unter euch nicht beeindruckt. Sorry.

Euer Ali Kocaman

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Ali Kocaman

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