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Berlin: Neues Projekt will gegen Diskriminierung von Muslimen vorgehen. Von Yasin Alder

Der Passivität entgegenwirken

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(iz). In Berlin ist ein neues „Netzwerk gegen Diskriminierung von Muslimen“ gegründet worden. Es ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem bereits seit 2003 bestehenden Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB) und dem muslimischen Verein Inssan e.V. Anfang Dezember fand eine Pressekonferenz zur Gründung statt, an der auch die Senatorin Carola Bluhm vom Berliner Senat teilnahm, sowie der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening und Nazia Hussain vom britischen Open Society Institute.

Nuran Yigit leitet beim TBB das Antidiskriminierungsnetzwerk (ADNB) und ist bei dem neuen Kooperationsprojekt für sämtliche Beratungstätigkeiten zuständig. Die Schulung von Antidiskriminierungsbeauftragten und die Durchführung von Informationsveranstaltungen in Moscheen und dergleichen werden gemeinsam organisiert. Inssan e.V. hingegen sucht den Kontakt zu den Moscheen und anderen Ansprechpartnern in der muslimischen Community, da die TBB als nichtreligiöse Organisation hier nicht über direkte Kontakte verfüge, so Nuran Yigit. „So haben wir uns die Aufgaben nach Expertisen und Kompetenzen aufgeteilt“. Beim Verein Inssan ist Lydia Nofal für das Projekt zuständig.

Die TBB verfügt durch das Antidiskriminierungsnetzwerk bereits über jahrelange Erfahrung in den Bereichen Beratung und Vernetzung. „Muslime waren dabei schon immer eine Zielgruppe unserer Arbeit, wobei der Zugang und die Informationsvermittlung an die Betroffenen nicht optimal waren“, erklärt die Projektleiterin weiter. Mit Inssan befinde man sich denn auch bereits seit längerer Zeit im kollegialen Austausch, sodass das neu gegründete Projekt durchaus einen längeren Vorlauf gehabt habe. Die Kooperation zwischen ADNB und Inssan sei etwas ebenso neues wie sinnvolles, meint Nuran Yigit, und begrüßt die Synergieeffekte, die durch das Projekt entstünden.

Auf der Ebene des Stadtteils Kreuzberg ist das Projekt gegen Diskriminierung von Muslimen bereits im Mai diesen Jahres als Modell gestartet. Dadurch konnte man Unterstützer wie den Berliner Integrationsbeauftragten und das Open Society Institute in London für das Projekt gewinnen, die nun auch finanzielle Unterstützung liefern.

Das Medienecho war bisher überwiegend positiv, was laut Yigit auch vor dem Hintergrund der Serie von Brandanschlägen auf Moscheen in Berlin und den jüngsten Studien zur zunehmenden Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung zu sehen sei. Dennoch gebe es auch ein „kritisches Beäugen“ seitens der Medien; so werde man etwa gefragt, mit welchen Moscheen man denn zusammenarbeite. „Wir arbeiten mit allen Moscheen zusammen, denn uns geht es um die Betroffenen und nicht um die Moscheen als solche. Wir bieten es allen an, und freuen uns, wenn es angenommen wird“, entgegnet Nuran Yigit dazu.

Das ADNB hatte unter den Fällen, die es im Jahr 2008 bearbeitet hatte, 14 Prozent, bei denen es sich um religiöse Diskriminierung von Muslimen handelte; im Jahr 2009 war dieser Anteil auf 18 Prozent gestiegen. „Spätestens nach dem Mord an Marwa El-Sherbini haben wir gemerkt, dass wir ein spezielles Projekt gegen Diskriminierung von Muslimen brauchen, damit der Resignation, die nach diesem schrecklichen und tragischen Vorfall bei den Betroffenen aufgekommen ist, entgegengewirkt werden kann und diese sich nicht verfestigt“, erzählt die Projektleiterin.

Positiv sei bisher auch die Reaktion der Moscheegemeinden. Seit Mai wurden 27 Veranstaltungen in insgesamt 19 Einrichtungen durchgeführt. Bei der Beratungstätigkeit wie den Veranstaltungen in den Moscheen arbeite man „niedrigschwellig“, und verwende möglichst auch die türkische oder arabische Sprache. „Wenn man zu den Betroffenen geht und ihre Sorgen und Ängste ernst nimmt, hat man auch durchweg positive Resonanz“, sagt Nuran Yigit. In den Moscheegemeinden sollen Antidiskriminierungsbeauftragte ausgebildet werden, die als erste Anlaufstelle und Vertrauenspersonen dienen. Die weitergehende professionelle, auch juristische Beratung liegt dann beim Antidiskriminierungsnetzwerk des TBB.

Bei der Pressekonferenz zur Gründung sagte die Senatorin Carola Bluhm: „Diskriminierte haben Rechte, aber sie müssen sie auch wahrnehmen. Hier setzt das Projekt an.“ Insbesondere die Diskriminierung muslimischer Frauen habe „ein erschreckendes Ausmaß“ angenommen. Die Dunkelziffer sei dabei vermutlich sehr hoch, so Bluhm. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening sieht die Gefahr, dass die antiislamische Stimmung zu „resignativer Passivität und einer gewisser Opferhaltung bei den Muslimen“ führen könnte. Er hoffe, dass das Projekt dazu beitragen könne, Passivität zu überwinden.

Nuran Yigit hofft, dass das Projekt im kommenden Jahr finanziell so abgesichert wird, dass es auch über 2012 hinaus weiterbestehen kann. Am 14. Dezember veranstalteten die Projektträger auch eine Tagung unter dem Titel „Muslime im Visier?!“

Kontakt ADNB: Tel.: 030 −61305328, E-Mail: adnb@tbb-berlin.de

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