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Bewusste Entscheidung für Gewaltverzicht: Interview mit Saeed Amireh über den Versuch der Bauern von Ni’lin, Ungerechtigkeit anders zu beenden. Von Muhammad Sameer Murtaza

„Der Soldat ist doch nur ein Werkzeug in der Hand der israelischen Regierung“

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(iz). Der 23-jährige Saeed Amireh ist einer der führenden Vertreter des gewaltfreien Widerstands in Ni’lin, Palästina. Mit ihm sprachen wir über die Lage in seiner Heimat, über Repression und Leid sowie über Alternativen zum nicht enden-wollenden Kreislauf der Gewalt.

„Uns ist klar, dass der gewaltlose Weg ein langer Weg ist, aber wir werden der ganzen Welt das wahre Gesicht der israelischen Besatzung zeigen. Die Welt wird aufhören, Israel zu unterstützen, und dies wird helfen, die israelische Besatzung zu beenden“, beschrieb er den Ansatz der Bewegung.

Islamische Zeitung: Lieber Saeed, wann begann der gewaltlose Widerstand in der Westbank gegen die israelische Besatzungsmacht? Und weshalb habt ihr euch für Gewaltlosigkeit und nicht für Gewalt gegen die israelische Armee entschieden, wie es beispielsweise die HAMAS tut?

Saeed Amireh: Die gewaltlose Strategie in Palästina ist für uns Palästinenser nichts Neues. Bereits unsere Großväter engagierten sich im Arabischen Aufstand in den 1930er Jahren gewaltlos gegen die britische Mandatsherrschaft. Wir begangen mit der Gründung gewaltloser Gruppen in unseren lokalen Ortschaften 2003, als mit dem Bau der Apartheidsmauer begonnen wurde. Wir wollten uns diesem Bau entgegensetzen, aber auf eine gewaltlose Weise. Und so verbreitete sich diese Bewegung von Dorf zu Dorf, von Jahr zu Jahr und so entwickelte sich auch diese Methoden des Widerstandes.

Zu dieser Zeit – es war die Endphase der zweiten Intifada, die ein bewaffneter Aufstand war – erkannten wir, dass Israel von aller Welt unterstützt wird, weil wir für alle als Terroristen erscheinen und nicht als Menschen. Außerdem verglichen wir die Resultate der zweiten Intifada mit der ersten gewaltlosen Intifada, und kamen zu dem Schluss, gleichwohl wir unter Besatzung sind und das Recht besitzen, uns mit allen zu Verfügung stehenden Möglichkeiten zu wehren, auch bewaffnet, und wir zudem auf jede Form unseres Widerstandes stolz sind, dass nur der gewaltlose Widerstand Erfolg gegen die israelische Besatzung verspricht.

Außerdem ist Israel die fünftgrößte Militärmacht und Nuklearmacht der Welt. Wirfst du einen Stein, feuern sie mit einem M-16 [Gewehr]. Schießt du mit einem M-16, werden sie Panzer und F-16 [Kampflugzeuge] einsetzen. Wir haben hier kein Machtgleichgewicht. Aber unabhängig davon, sind wir, einfache unbewaffnete Bauern und Zivilisten, vom gewaltlosen Widerstand überzeugt. Es erfordert mehr Mut und Kraft, sich mit nichts in den Händen, einem Maschinengewehr entgegenzustellen. Der gewaltlose Widerstand hatte weltweit Erfolg, angefangen mit der indischen Revolution angeführt von Gandhi und der Revolution in Süd-Afrika unter der Führung von Mandela. Uns ist klar, dass der gewaltlose Weg ein langer Weg ist, aber wir werden der ganzen Welt das wahre Gesicht der israelischen Besatzung zeigen. Die Welt wird aufhören, Israel zu unterstützen, und dies wird helfen, die israelische Besatzung zu beenden.

Islamische Zeitung: Wie groß ist die Bewegung des gewaltlosen Widerstandes in der Westbank? Wie viele Dörfer partizipieren hieran?

Saeed Amireh: 36 Ortschaften, verteilt über die Westbank und den Gazastreifen, nehmen daran teil und alle wenden verschiedene gewaltlose Methoden an; stets abhängig von der geographischen Region des Dorfes und mit welcher Form von Besatzung es konfrontiert ist. Ob gegen die Mauer, gegen Siedler, gegen Wasserdiebstahl, gegen die Besatzungsarmee oder gegen die Zerstörung unserer Häuser usw. Und wir treiben uns weiter an, mehr und mehr Dörfer für den gewaltlosen Widerstand zu gewinnen, so dass wir auf diese Weise den Druck auf Israel erhöhen und sich auch der Druck von außen auf Israel erhöht.

Islamische Zeitung: Ist der Islam eine Quelle der Inspiration für die gewaltlose Bewegung? Ich denke hier insbesondere an die Erzählung der beiden Söhne Adams und der Rede des gewaltlosen Sohnes: „Wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, so werde ich meine Hand nicht nach dir ausstrecken, um dich zu töten. Ich fürchte Allah, den Herrn der Weltenbewohner.” (Al-Maida, 28)

Saeed Amireh: Ja dem ist so. Aber nicht alle in der Bewegung sind Muslime. So hat jeder eine andere Quelle der Inspiration für sein Engagement. Die gewaltlose Bewegung selber ist eine unabhängige nationale palästinensische Bewegung, die sich weder einer bestimmten Religion noch einer politischen Partei zuordnet.

Islamische Zeitung: Was sind die Gefühle der gewaltlosen Aktivisten gegenüber den israelischen Soldaten? Sind es Gefühle des Hasses oder der Achtung, weil auch er ein Sohn Adams ist?

Saeed Amireh: Wir betrachten die Soldaten nicht als unsere Feinde. Unser Feind ist der Zustand der Besatzung. Der Soldat ist doch nur ein Werkzeug in der Hand der israelischen Regierung. Einen israelischen Soldaten zu ermorden, schafft keine Veränderung. Man würde ihn bloß durch einen anderen Soldaten ersetzen. Während unserer Proteste rufen wir die israelischen Soldaten dazu auf, sich dem Armeedienst zu verweigern, denn wir glauben ganz fest daran, dass unter der Militäruniform ein Mensch mit einem Gewissen steckt. Und manchmal wirkt dies. Wir sehen eine wachsende Bewegung unter israelischen Soldaten, die dazu aufruft, die Arbeit in der Armee niederzulegen.

Islamische Zeitung: Die Praxis des gewaltlosen Widerstandes hat Repressionen und Leid über Dein Dorf Ni’lin gebracht. Kannst Du uns etwas davon berichten?

Saeed Amireh: Wir kämpfen gewaltlos für Freiheit und Gerechtigkeit und natürlich müssen wir dafür einen Preis zahlen. Ni’lin demonstriert seit 2008 gegen den Mauerbau. Israel reagiert mit unterschiedlichsten Methoden um diesen Protest zu unterdrücken. Es werden Ausgangssperren verhängt. Es finden zwei bis drei Mal wöchentlich nächtliche Razzien und Verhaftungen statt. Es werden Belagerungsringe um unser Dorf gezogen, so dass wir von der Außenwelt abgeschnitten sind. Oder es wird mit Tränengas und Gewalt gegen unsere Proteste vorgegangen. Fünf unserer Dorfbewohner wurden innerhalb eines Jahres getötet, darunter ein neunjähriges Kind. Über 700 Bewohner wurden verhaftet und sind bis heute nicht auf freien Fuß. Scharfschützen zielen gezielt auf Demonstranten, um sie so zu verletzen, dass sie den Rest ihres Lebens als Krüppel verbringen müssen. Wir verzeichnen über 2000 Schwerverletzte seit dem Beginn des gewaltlosen Widerstandes.

Islamische Zeitung: Herrschen da nicht Wut und Verzweiflung in Ni’lin? Wie gelingt es dennoch, dass die Menschen weiterhin Woche für Woche friedvoll demonstrieren?

Saeed Amireh: Die israelischen Strategien der Unterdrückung verfolgen allesamt ein Ziel: Dass wir aufgeben, den gewaltlosen Widerstand einstellen und zur Gewalt übergehen. Denn momentan wissen sie nicht so recht, wie sie mit uns umgehen sollen und wie sie weiterhin ihr Verbrechen der Welt gegenüber rechtfertigen können, eine gewaltlose Bewegung zu unterdrücken.

Es gibt einen Geheimbericht, der durch „WikiLeaks“ öffentlich wurde, wonach israelische Soldaten sich gegenüber ihren Vorgesetzten beschwerten, dass sie mit den „Gandhisten“ nicht zurecht kämen und um Erlaubnis baten, uns zu erschießen, obwohl wir inzwischen von Kameras und internationalen Helfern begleitet werden. Wir wissen also, dass wir an der Methode des gewaltlosen Widerstandes festhalten müssen, dass wir damit erfolgreich sind und erfolgreich sein werden.

Wir und Israel streiten darum, wer den längeren Atem hat. Also müssen wir geduldig sein; gleichgültig, wie lange es dauert; gleichgültig, wie hoch die Mauer sein wird: Wir werden sie einreißen. Wir werden ihnen zeigen, dass eine Mauer in dieser Welt niemals Probleme gelöst hat. Diese Besatzung wird enden. Natürlich sind wir wütend. Aber wir haben gelernt, unseren Zorn zu kontrollieren und ihn in etwas Kreatives umzuwandeln. Unsere Bewegung ist nicht schwach, sie ist sehr mächtig.

Islamische Zeitung: Aber gibt es keine Stimmen in Ni’lin, die sich gegen die gewaltlose Strategie aussprechen?

Saeed Amireh: Erstaunlicherweise nein. In unserem Dorf gibt es fünf große Familien: die Khawaja, die Amireh, die Nafi, die Srour und die Mousa. Die fünf getöteten Dorfbewohner stammen jeweils aus einer dieser Familien. Das zeigt: Das gesamte Dorf macht beim gewaltlosen Widerstand mit, jeder natürlich auf seine Weise. Es gibt dagegen keinen Widerstand, aber es zeigt sich eine Ermüdung aufgrund der Unterdrückung und durch den Verlust an Land verlieren wir an Aktivisten. Letzteres sind ja Bauern. Durch den unaufhörlichen Landverlust verlieren sie ihre Lebensgrundlage und müssen dann wegziehen.

Islamische Zeitung: Aber wie lange könnt ihr dann noch den gewaltlosen Widerstand aufrecht erhalten? Was passiert, wenn sich nichts verändert und ihr euer Land durch die israelische Siedlungsbewegung verliert?

Saeed Amireh: Solange wir atmen können, solange Blut durch unseren Körper fließt, werden wir nicht aufgeben. Wir haben keine andere Wahl. Wir sind nicht bereit, schweigend zu sterben. Unser Ziel ist es, internationalen Druck auf Israel zu erzeugen. Freiheit gibt es nicht umsonst. Seit dem Osloer Abkommen nimmt die Siedlungsbewegung uns unser Land weg, weiter zugenommen hat dies während der zweiten Intifada. Mauern werden errichtet und gerechtfertigt, indem man uns als Terroristen abstempelt.

Aber mit unserer Bewegung entziehen wir Israel die Grundlage für dieses Argument. Die Welt erkennt, dass der Siedlungsbau illegal ist. Verschiedene Regierungen verurteilen die Siedlungen. Die Welt wacht auf und erhöht den Druck auf Israel. Man beginnt, Produkte aus den Siedlungen zu boykottieren So entwickeln sich die Dinge in kleinen Schritten dank unserer Bewegung, die es geschafft hat, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten, um der Welt die Wahrheit über die hässliche und brutale Besatzung durch die Israelis zu zeigen.

Islamische Zeitig: Werdet ihr unterstützt durch die israelische Friedensbewegung?

Saeed Amireh: Wir arbeiten mit verschiedenen israelischen Menschenrechtsbewegungen zusammen und wir sind in Kontakt mit Juden aus den USA, aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die uns helfen. Außerdem wurde ich 2012 von mehreren jüdischen Gruppen in Frankreich eingeladen zu sprechen.

Islamische Zeitung: Was wünscht ihr euch für die Zukunft der palästinensisch-israelischen Beziehungen?

Saeed Amireh: Wir wünschen uns Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und gleiches Recht für beide Seiten, dann werden wir Frieden erreicht haben. Ohne diese Dinge wird jedes Reden über Frieden eine Verschwendung von Zeit sein. Noch blicken wir hoffnungsvoll in die Zukunft.

Islamische Zeitung: Gibt es irgendetwas, dass wir Deutsche tun können, um die gewaltlose Bewegung zu unterstützen?

Saeed Amireh: Wir bitten das deutsche Volk, uns dabei zu helfen, indem es den Druck auf die deutsche Regierung erhöht, Palästina als Staat anzuerkennen und aufhört, Israel weiterhin mit Waffen zu beliefern, die uns töten. Und wir bitten das deutsche Volk darum, unsere gewaltlose Bewegung vor Ort zu unterstützen, sodass wir weiter hiersein dürfen und nicht transferiert werden.

Auch sollten die deutschen Medien zeigen, was hier bei uns vor Ort passiert, statt über den Nahostkonflikt stets abstrakt zu berichten. Wir planen als Nächstes, ein Medienzentrum mit Computern und Kameras zu errichten. Wir wollen unsere Jugendlichen im Filmen und online-stellen unserer Aufzeichnung ausbilden, denn wir haben gelernt, dass die Kamera unsere stärkste Waffe ist und die Israelis am meisten ärgert. Nicht ohne Grund wurden mehrere unserer Kameramänner verhaftet und deren Ausrüstung zerstört. Wenn die Deutschen uns behilflich sein könnten, uns hier auszustatten, wären wir sehr dankbar.

Facebookseite des gewaltlosen Widerstandes: https://www.facebook.com/Nilincommittee?ref=profile
Internetauftritt: http://www.nilin-village.org

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