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Der Kölner PR-Berater Thomas Müller rät Muslimen in Deutschland zu einem aktiven Umgang mit der Öffentlichkeit

„Von der öffentlichen Debatte getrieben“

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(iz). Zu oft und zu sehr wird dem Islam, wird den Muslimen in Deutschland ein negatives Images zugeschrieben. Bisher bestand die Antwort darauf von Muslimen, ihre Strukturen, aber auch unabhängigen Dritten schwerpunktmäßig in einer Analyse von „Islamfeindlichkeit“ und einer Suche nach soziologischen Gründen. Dies führte auch dazu, dass viele individuelle Muslime ein passives Reaktionsmuster auf negative Angriffe entwickelten. Auch hat sich mittlerweile ein Teilbereich der Gesellschaftswissenschaften diesem Themenkomplex gewidmet. An der konkreten Lage konnte dieser Ansatz bisher nur wenig ändern.

Ist es vielleicht an der Zeit, diese Frage vielmehr als konkrete Aufgabe von PR- und Lobbyarbeit anzugehen? Darüber sprachen wir mit dem PR-Fachmann Thomas Müller. Herr Müller ist der Geschäftsführer der Kölner Agentur DIE PR-BERATER GmbH. Das Unternehmen hat sich auf interkulturelle und internationale Themen spezialisiert und beschäftigt Mitarbeiter aus aller Welt. Die Agentur beriet beziehungsweise berät zwei verschiedene Islamverbände. Unter anderem betreute DIE PR-BERATER die DITIB bei der Krisen-PR zum Moscheebau in Köln.

Islamische Zeitung: Das Thema „Islam“ und „Muslime in Deutschland“ findet – nicht erst seit gestern – vor allem im öffentlichen Diskurs statt und ist zumeist negativ besetzt. Handelt es sich dabei auch um ein Problem von Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation?

Thomas Müller: Es handelt sich bei den Themen „Islam“ und „Muslime in Deutschland“ um öffentlich diskutierte Themen. Sie stehen auf Grund von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Brennpunkt der Öffentlichkeit. Für viele Politiker und Meinungsmacher ist das „Modethema“ Islam ein Stimmungsmacher, mit dem sie in ihrem Klientel oder in neuen Zielgruppen punkten können. So konnte beispielsweise ein unbekannter Lokalpolitiker aus Berlin bundesweite Bekanntheit erlangen, ein vergessener linker Intellektueller aus Köln wieder zu Ruhm gelangen. Das Thema wird heute vielseitig instrumentalisiert und der Opportunismus, auf den „Zug der Islamfeindlichkeit“ aufzuspringen ist weit verbreitet. Unternimmt man nichts, werden Stereotypen, Vorurteile und negative Berichte verfestigt.

Eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, kann sicherlich Einfluss nehmen auf diesen Diskurs. Eine umfassende Kommunikationsstrategie kann diese Entwicklung abschwächen und mittelfristig sogar in Teilbereichen der Öffentlichkeit umdrehen.

Islamische Zeitung: Wie lassen sich die Techniken ihres Berufszweiges dafür einsetzen, ein teilweise unausgeglichenes Images in der Öffentlichkeit und bei Entscheidungsträgern zu balancieren?

Thomas Müller: Eine Vielzahl an Maßnahmen und Instrumenten sind denkbar.

Erstens werden die islamischen Verbände, die muslimischen Interessengruppen und Persönlichkeiten viel zu sehr von der öffentlichen Debatte getrieben. Sie setzen noch viel zu selten eigene Themen und fordern nicht aktiv und geschlossen die Politik zum Handeln auf. Gemeinsam sollten sie aktiv das Thema „Islamfeindlichkeit“ zu einem wesentlichen gesellschaftlichen Thema, zu einem „Megathema“ entwickeln. Dies geht durch eine Vielzahl an Mitteln wie Studien, Fachveranstaltungen, Demonstrationen und intensiven Druck auf die Politik in allen Schnittstellen auf kommunaler Ebene, bei Land, Bund und Europa. Fördermittel sollten gewonnen werden, um gegen die schleichende „Islamfeindlichkeit“ in der Mehrheitsgesellschaft vorzugehen, Partner gewonnen werden, Projekte angestoßen werden.

Zweitens vermieten wir derzeit einen starken „Medienwatch“, beispielsweise in Form einer Internetseite. Unter www.islam-in-den-medien.de könnten Berichte, die aus journalistischer und gesellschaftlicher Richtung „islamfeindlich“, diffamierend und diskriminieren sind, an den medialen Pranger gestellt werden. Gleichzeitig könnten journalistisch ausgewogene und interessante Berichterstattung rund um das Thema Islam gelobt und einmal im Kar mit einem renommierten Preis versehen werden. Ähnliche Instrumente haben auch andere gesellschaftliche Gruppen schon erfolgreich erprobt, wie die jüdische Gemeinde in Deutschland oder die Homosexuellen in den USA. Es ist ein ausgezeichnetes Instrument gegen Vorurteile und Diskriminierung.

Drittens sollten die islamischen Verbände und Gruppen verstärkt auf Begegnungsmöglichkeiten setzen. Debet geht es nicht nur um Aufklärung und Abbau von Vorurteilen, sondern auch um eine emotionale Komponente. Die Mehrheit der ethnisch Deutschen in unserem Land hat keine oder kaum Berührungspunkte mit Muslimen. Durch diese mangelnden Kontakte können Vorurteile wachsen, denn der „Muslime ist dann kein Nachbar, kein Bekannter, kein Freund, sondern ein stereotypisches Feindbild, ein Sündenbock. Dies gilt es durch Begegnung und emotionale Erlebnisse aufzubrechen.

Viertens bedarf es auch eines Wahrnehmungsbruchs gegenüber der Öffentlichkeit. Muslime gelten noch zu häufig als modernitätsfeindlich, frauenfeindlich oder antidemokratisch. Hier sollte eine Umkehrung erfolgen. Muslime sollten die Besten der Besten zu ihren Repräsentanten machen, sich noch stärker politisch engagieren. Und natürlich sollten Muslimas stärker in der Öffentlichkeit auftreten. Bisher wird das Bild des Islams von „Männern mit (Schnur-)Bärten“ geprägt, die in der Debatte gegen weltliche Frauen mit muslimischem Hintergrund (Kelek, Ates, Akgün) antreten müssen, die sich nicht zum Islam bekennen. Hier fehlen starke, bekennende Frauen. Frau Kilicarslan von der DITIB war leider nur ein kurzes Strohfeuer.

Fünftens sollte der Islam auch als Religion der Nächstenliebe an die Öffentlichkeit treten. Ob Jugend- oder Bildungsarbeit, Familien- oder Sterbebetreuung, soziale Unterstützung, nachbarschaftliches Engagement, Seelsorge, das Spektrum der Tätigkeit der islamischen Organisation ist breit. Diese wichtige soziale Rolle für unser Land gilt es hervorzuheben und dafür letztendlich auch mittelfristig finanzielle Ressourcen zu gewinnen.

Sechstens sollten islamische Verbände und Gruppen klar Positionen gegen muslimische Extremisten beziehen. Dies tun Verbände und Gruppen zwar vereinzelt, allerdings nicht regelmäßig und umfangreich genug. Und sie haben natürlich nicht das Gefühl, dass sie dies tun müssten, weil sie ja selbst keine Extremisten sind und mit den extremistischen Gruppen nichts zu tun haben. Dabei geht es aber um einen „öffentlichen Reflex“, der für das breite Publikum nötig ist. Die Fachöffentlichkeit kann in der Regel die Situation richtig einschätzen.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen dabei gezielte Anstrengungen bei Entscheidungsträgern und Multiplikatoren?

Thomas Müller: Hier gilt: Der stete Tropfen höhlt den Stein! Muslimische Akteure sollten sich gezielt in alle wesentlichen gesellschaftlichen Gremien einbringen und einen aktiven Dialog betreiben. Regelmäßige Konsultationsgespräche mit Politik, Interessengruppen und Verwaltung mögen zeitraubend und nicht immer im ersten Moment effizient sein, doch sie schaffen mittelfristig die dringend notwendige Vertrauensbasis, die zu einem Meinungsumschwung führen kann. Das heißt, institutionalisierte Runden wie der Integrationsgipfel der Bundesregierung, die Deutsche Islamkonferenz oder auch der interreligiöse Dialog sollten gepflegt werden. Mit der Drohung nicht teilzunehmen, sollte sorgsam umgegangen werden. Es ist für die islamischen Gruppen entscheidend, dass der Dialog nicht abbricht. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, dann sollten sie sich vortrefflich mit den anderen gesellschaftlichen Gruppen streiten. Und hier gilt, wer schneller seine Position darstellt, hat die besseren Chancen der Meinungsbildung.

In Bezug auf die Medienwelt sollten die islamischen Verbände regelmäßig das Gespräch mit den Chefredakteuren der wichtigen Medien suchen. Noch sind diese überwiegend ethnisch deutscher Herkunft und Mitte bis Ende Fünfzig in ihrem sozialen Milieu geprägt ohne Kontakt zu Muslimen. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass ein solcher Diskurs Früchte trägt und Fronten aufweicht.

Islamische Zeitung: Lassen sich die „neuen Medien“ und die sozialen Netzwerke dabei produktiv einsetzen? Wenn ja, wie?

Thomas Müller: Bevor wir über soziale Netzwerke reden, sollten wir erst einmal auf das Einmaleins der Basiskommunikation im Internet eingehen. „Islamfeindlichkeit hat im Internet seit Jahren Hochkonjunktur.“ Extremisten und Populisten beherrschen hier das Bild. Dies gilt es aktiv zu bekämpfen. Noch viel zu häufig finden sich rassistische, menschenverachtende Äußerungen über den Islam im Netz. Personen und Institutionen werden diskreditiert und Unwahrheiten über sie verbreitet. Hier sollten muslimische Gruppen nicht scheuen, juristisch vorzugehen. Dabei geht es keineswegs um die Einschränkung von Meinungsfreiheit, sondern um die Wahrnehmung eigener Rechte in unserer Demokratie.

Und auch bei Informationen über den Islam spielen die islamischen Gruppen in Deutschland eine noch zu kleine Rolle. Jahrelang gab es wenig Informationen oder nur in türkischer oder arabischer Sprache im Netz. In den letzten Jahren hat sich das geändert. Über ein breites Informationsangebot und die passende Suchmaschinenoptimierung und Positionierung im Netz kann Falschinformationen und Vorurteilen begegnet werden. Das Netz ist heute das Zentrum von Information und folglich Aufklärung. www.islam.de und www.islamische-zeitung.de sind hervorragende Beispiele, wie es erfolgreich gehen kann.

Nun bietet das Web 2.0 verschiedene Möglichkeiten zum Mitmachen. Jeder Artikel oder Berichts aus Tageszeitungen oder Fernsehen kann heute online kommentiert werden. Dies nutzen Muslime noch zuwenig, um hier mit Vorurteilen aufzuräumen und ihre Meinung kundzutun. Soziale Netzwerke könnten wunderbar genutzt werden, um Gleichgesinnte zu informieren und letztendlich auch zu mobilisieren.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Müller, wir bedanken uns für Ihre Antworten.

* Zum Umgang mit negativer Kritik und Verleumdung veröffentlichen wir in unserer nächsten Ausgabe einen längeren Artikel.

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