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Die Operation „Gegossenes Blei“ in islamischen Zeitungen in Deutschland und Großbritannien. Von Rahim Hajji

Medienvergleich begegnet Pauschalisierungen

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Am 27. Dezember 2008 begannen israelische Militärs mit kriegerischen Aktionen gegen aktive Hamas-Mitglieder im Gazastreifen. Die im Militärjargon als Operation „Gegossenes Blei“ bezeichnete israelische Militäroperation ist als Reaktion auf ständigen Raketenbeschuss israelischer Städte durch die Hamas konzipiert und durchgeführt worden. Ziel der Operation war laut israelischer Militärs die Zerstörung der Hamas-Infrastruktur, worunter Polizeistationen, Waffenlager, Moscheen und Wohnhäuser führender Hamas-Funktionären verstanden wurden. Auf diese Weise sollte die Hamas als politische und militärische Organisation geschwächt werden. Die militärischen Aktionen endeten am 18. Januar 2009 mit einer Waffenstillstandserklärung der Hamas und dem Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen.

Politik und Wissenschaft sind sich weitgehend einig, dass vor allem der immer wieder anschwellende Nahostkonflikt Antisemitismus weltweit fördert und nährt. Deutschland ist dabei keine Ausnahme, auch hier wird der Nahostkonflikt als Quelle für islamistische Radikalisierungs- und Fundamentalisierungstendenzen angesehen. Denn der Nahostkonflikt lässt sich von Islamisten als Plattform nutzen, um Antisemitismus unter Muslimen zu verbreiten.

Bisher fehlen quantitative Untersuchungen (gemeint sind Befragungen), die das Ausmaß antisemitischer Einstellungen unter Muslimen messen. Die hier thematisierte und unabhängig durchgeführte empirische Studie, die am Wissenschaftszentrum Berlin von dem Autor konzipiert worden ist, nähert sich diesem Thema und untersucht die mediale Verarbeitung des Nahostkonflikts in islamischen Medien. Ziel war die Darstellung der Berichterstattung über den Krieg im Gaza-Streifen in islamischen Zeitungen, die in Europa produziert und für ein in Europa lebendes Publikum verlegt werden. Konkret in die Untersuchung einbezogen war eine in Deutschland produzierte und in deutscher Sprache berichtende islamische Zeitung sowie – um einen Vergleichsfall zu haben – ein entsprechendes englisches Pendant. In Deutschland haben sich verschiedene islamische Druckerzeugnisse etabliert, zu nennen sind dabei die von religiösen Vereinen betriebene NUN-Zeitschrift, Al-Fadschr, Fontäne, Al Islam und Perspektif. Diese thematisieren hauptsächlich religiöse Themen und weisen damit ein thematisch sehr enges Spektrum auf. Davon grenzt sich einzig die auf deutsch erscheinende Islamische Zeitung ab, diese ist weniger religiös zentriert und eher als Zeitung mit einem über die Religion hinausgehenden Themenspektrum anzusehen. In Großbritannien stellt sich die Palette entsprechender Printorgane anders dar.

Dort finden sich mit Q-News, Islamica Magazine und Emel-Magazine eher lebensweltlich orientierte Magazine. Als britisches Pendant zur deutschen Islamischen Zeitung kommen zwei Titel in Frage, die Muslim News und The Muslim Weekly; beide vertreiben sowohl eine Online- als auch eine Printausgabe.

Der deutsch-britische Medien-Vergleich sollte auf einer einheitlichen Grundlage und unter weitgehend gleichen Bedingungen erfolgen. Als Vergleichspublikationen wurden deshalb die Islamische Zeitung und die Muslim News ausgewählt. Beide verstehen sich als eine islamische Zeitung, beide erscheinen für den heimischen Markt (also in Deutschland und Großbritannien) alle drei bis vier Wochen und beide sind als Print-Ausgabe verfügbar. Dies ist deshalb bedeutsam, weil damit der empirischen Untersuchung eine stabile Analyseeinheit zugrunde gelegt werden konnte. Die Print-Zeitungen sind anhand der Methode der Quantitativen Inhaltsanalyse ausgewertet worden. Dabei sind alle im Januar und Februar erschienenen Artikel in die Untersuchung einbezogen worden. Jeder Artikel ist anhand einer Kategorienliste vercodet worden. Drei Kategorien standen dabei zur Verfügung. Eine behandelte die Frage, inwieweit der Gazakonflikt zu einem Thema gemacht worden ist, die zweite, inwieweit eine Bewertung durch die Zeitung erfolgte und die dritte erfasste die Art der Bewertung. Die Ergebnisse der Auswertung zeigen, dass in Deutschland die Islamische Zeitung den Gazakrieg im statistischen Sinn signifikant geringer thematisiert als in Großbritannien die Muslim News. So beträgt der Anteil der Artikel in der Islamischen Zeitung, die sich mit dem Gazakrieg beschäftigen, nur 12 Prozent. Die Muslim News behandelt in 34 Prozent der Fälle den Gazakrieg.

Betrachtet man im zweiten Schritt ausschließlich die Artikel zum Gazakrieg, dann zeigt sich, dass die Muslim News sehr viel eher eine eindeutige Position bezieht als die Islamische Zeitung, die die kriegerische Auseinandersetzung im Gazastreifen eher neutral und bewertungsfrei thematisiert. So sind in der Islamischen Zeitung 64 Prozent der Artikel, die den Gazakrieg behandeln, eher neutral und bewertungsfrei dargestellt, während in der Muslim News 87 Prozent der Gaza-Artikel bewertet sind. Analysiert man die Artikel nach der Art der Bewertung, dann zeigt sich ein deutliches Bild. So findet sich in der Muslim News in 80 Prozent der Fälle eher eine negative Bewertung des israelischen Einsatzes, während in der Islamischen Zeitung nur in 36 Prozent der Artikel eine negative Darstellung des israelischen Einsatzes erfolgte.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Muslim News in Großbritannien sehr viel häufiger den Gazakrieg zu einem Thema machte als die Islamische Zeitung. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass die Islamische Zeitung sehr viel vorsichtiger ist bei der ­Bewertung des Gazakrieges als die Muslim News. Betrachtet man die Art der Bewertung, dann zeigt sich, dass die Muslim News deutlich häufiger den israelischen Militäreinsatz negativer bewertet als die Islamische Zeitung.

Die skizzierten Unterschiede sind nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Diskussion um den wachsenden Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland erklärungsbedürftig. Sicherlich kann auf der Basis des präsentierten Vergleichs keinerlei Aussage über Ursachen und Verbreitung von Antisemitismus getroffen werden. Dennoch sind die Gründe der Unterschiede in der Berichterstattung und die vorsichtige und distanzierte Annäherung der Islamischen Zeitung an das Thema lehrreich. Der Journalist Kocaman weist in der Islamischen Zeitung prägnant auf eine Erklärung hin. In einem Kommentar zu Demonstrationen von Muslimen in Deutschland schreibt er: „Das Schreien einiger teils eindeutiger Parolen, die angesichts der deutschen Vergangenheit unpassend sind, und das Sich-Provozieren-Lassen durch so genannte ‘Israel-Freunde’ verleiht dem Versuch, Solidarität zu zeigen, einen unangenehmen Beigeschmack. Außerdem muss, auch von Seiten muslimischer Repräsentanten, eine Debatte über die Hamas, deren Ziele und Methoden geführt werden. Die kategorische Zurückweisung von Selbstmordattentaten und Angriffen gegen Zivilisten (so durch die Kassam-Raketen) ist nicht nur islamisch verpflichtend, sondern wegen der eigenen Glaubwürdigkeit dringend notwendig.“

Kocaman verweist eindeutig auf die Geschichte Deutschlands und auf die „deutsche Staatsräson“. Aufgrund des von den Deutschen organisierten industriellen Massenmords an den Juden stehe Deutschland politisch und moralisch in der Pflicht, Antisemitismus zu bekämpfen und Israel zu unterstützen. Dies zeigt sich nicht nur institutionell in den bilateralen Verträgen zwischen Israel und Deutschland, sondern äußert sich darüber hinaus auch in einer kollektiven Verbundenheit der Deutschen gegenüber dem Staat Israel. Die Aussage des Journalisten Kocaman verweist darauf, dass auch muslimische Akteure und Medienvertreter sich dieser deutschen Staatsräson bewusst sind und im öffentlichen Raum sich der Verantwortung Deutschlands stellen.

Die vorsichtige und distanzierte Berichterstattung in der Islamischen Zeitung kann als Ausdruck dieser Verinnerlichung der deutschen Staatsräson gewertet werden. Der von Politikern und Wissenschaftlern diskutierte Antisemitismus unter Muslimen ist damit sicher keine Einbildung, er findet allerdings eher im privaten Raum Ausbreitung und Resonanz. In der Öffentlichkeit (und damit auch in den Medien) findet offensiver Antisemitismus aufgrund der deutschen Geschichte und des dadurch bedingt besonderen Verhältnisses Deutschlands zum Staat Israel nur wenige Anschlussmöglichkeiten.

Der Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors wider.

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