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Sie sind hier: Home >> >> Weimar drängt sich auch heute noch als die Kulturwerkstatt der Nation auf. Von Abu Bakr Rieger
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26.01.2011 Weimar drängt sich auch heute noch als die Kulturwerkstatt der Nation auf. Von Abu Bakr Rieger

Der Klassiker auf dem Divan

(iz). Gibt es besondere Stätten, auf die sich ein Volk in einer Identitätskrise rückbesinnen kann? Wenn ja, dann drängt sich Weimar auch heute als eine der Kulturwerkstätten der Nation auf. Hierbei müssen wir natürlich das „Volk“ in einem neuen Sinn fassen: Als alle deutschsprechende Menschen, die in unserem Land friedlich und konstruktiv leben und arbeiten.
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Noch immer zieht die thüringische Stadt hunderttausende Besucher aus Ost und West in ihren Bann. Immer wieder sind auch muslimische Besuchsgruppen dabei. Ich kann dabei versichern, dass ich bisher keinen Muslim durch die Stadt geführt habe, ob Akademiker oder Arbeiter, der nicht nur sofort die Stadt bewundert hat, sondern nicht auch sofort begriffen hat, wie faszinierend der „West-östliche Divan“, für den der Jahrhundertdichter Goethe ja steht, noch immer ist.

Die Stadt macht es natürlich auch einfach, jeden Weltbürger im Geiste anzusprechen. Auf nur wenigen Quadratkilometern finden sich Bibliothek, Nationaltheater, Schloss, Museen und die Privathäuser der wichtigsten Repräsentanten der deutschen Klassik. Die schöne, aber arme Kulturmetropole hat wenig zum Bruttosozialprodukt beizutragen, fasziniert aber bis heute als Schicksals­ort deutscher und europäischer ­­Ge­­schic­h­te. Auch wenn das Städtchen heute ein wenig den Charme eines Freilichtmuseums verströmt, ist es noch immer der faszinierende Anknüpfungspunkt an das Auf und Ab deutscher Geschichte. Hier am Flüsschen Ilm herrschte die deutsche Klassik und wurde die Weima­rer Republik tituliert. Der besondere Geist der Stadt konnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings auch den Einzug der menschenverachtendsten Ideologien nicht verhindern.

Auf einer Anhöhe über dem scheinbaren Idyll gelegen, erinnert heute das ehemalige Konzentrationslager Buchen­wald an die Schreckenszeit des Nationalsozialismus.

An gleichem Ort, wo später das furchtbare Lager entstand, soll 1827 Goethe noch nichts ahnend Eckermann auf einem Ausflug „hier fühlt man sich groß und frei“ zugerufen haben.

Natürlich ist es das „goldene Zeitalter“, das nachhaltig das Bild der Weimarer Klassik bestimmt. Die seltene Symbiose von Geist und Macht bestimmt dabei den eigentlichen Mythos dieser Zeit. Während der Regentschaft der Herzogin Anna Amalia und unter ihrem Sohn Carl August, am Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, waren geistige ­Größen wie Wieland, Goethe, Herder und Schiller in dem kleinen Städtchen mit weniger als zehntausend Einwohnern anwesend. Vor allem das Universalgenie Goethe mischte sich auch als Minister kräftig in die Tagespolitik des kleinen Fürstentums ein. Die politischen Nachbeben der Französischen Revolution beschäftigten auch am Fürs­tensitz Verehrer und Gegner gleichermaßen. Carl August selbst galt allerdings als tolerant und aufgeklärt und gab dem Kleinstaat als erster deutscher Monarch 1817 eine Verfassung.

Es sind die Jahrhundertgestalten Goethe und Schiller, die das Bild Weimars in der Welt bis heute entscheidend ausmachen. Hier entstand die berühmte Freundschaft der beiden Genies. In Weimar pflegten die Größen ihrer Zeit ihre Debatten über die anstehenden Jahrhundertfragen. Ihre Theaterstücke konnten dabei jederzeit Revolten und Aufruhr auslösen. Beeindruckend ist das überlieferte Niveau des Gesprächs bis hin zur sensiblen Ausgestaltung strittiger Fragen. In ihren Werken und Gesprächen spiegeln sich auch die Fragen nach der Bedeutsamkeit der nationalen Zugehö­rigkeit, nach dem Weg des Säkularismus oder nach der Bewahrung der persönlichen Freiheit des Individuums.

Beinahe kurios mutet der brachiale Versuch der modernen Ideologen an, die beiden deutschen Vorzeigedichter für sich zu vereinnahmen. Insbesondere die Nationalsozialisten pflegten einen schäbigen Kult um die Dichterstadt, oft genug im eklatanten Widerspruch mit den eigentlichen Überzeugungen der Klassik. Im Jahre 1932 hielt Thomas Mann in Weimar einen Vortrag, der anschließend im Völkischen Beobachter verrissen wurde. Mann lobte ausdrücklich den deutschen Weltbürger Goethe, der sich gegenüber jedem Nationalismus, so Mann, „kalt bis zur Verachtung verhalten habe“. Einige Jahre später wurden Goethe und Schiller dennoch von den Nazis skrupellos als „geistige Führer“ vereinnahmt.

Im Angesicht der Machenschaften im Weimar jener Tage liest sich Goethes geschichtliche Einsicht vielsagend, dass „alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen subjektiv sind, dagegen alle fortschreitenden ­Epochen eine objektive Richtung haben“.

Das „Weimar lebt“, zeigt auch eine spannende Debatte in der FAZ über das Verhältnis Goethes zum Islam. Endlich geht es einmal nicht um Kleidervorschriften und muslimische Bösewichte, sondern um unsere wesentlichen Fragen, um die Offenbarung, die Sprache und die Fragen der Existenz, die uns Menschen alle beschäftigen. Folgt man den zwei großen Diskussionen dieses Jahres, dem Streit um die Ursachen der Finanzkrise und die Mängel der Integration im Lande, dann stiften die Weimarer Dichter sogar immer noch „heißen“ ­Gesprächsstoff.

Goethe, der nach eigenen Worten immerhin den Verdacht nicht ablehnte, „selbst ein Muselmann zu sein“, hatte sich trotz des extrem negativen Islambilds zu seiner Zeit zu seiner Seelenverwandtschaft zum Islam und seinem Propheten bekannt. Der aus seiner Sympathie resultierende gesellschaftliche Skandal bekümmerte den Dichterfürsten wenig. Amüsiert beobachtete Goethe das Getuschel am Hofe, wenn er versuchte, den Qur’an zu entziffern. Auch in Sachen Islam blieb der Dichter letztlich seiner wissenschaftlichen Maxime treu, dass man eine Sache lieben muss, um sie ganz zu verstehen.

Goethe verfügte übrigens schon zu Lebzeiten in seinem Testament bezüglich seiner Grabstätte die Verbannung aller christlichen Symbolik. Bei allem Streit über das Verhältnis des Dichters zur Religion - die christliche Trinitätslehre vertrug sich offensichtlich nicht mit dem ganzheitlichen Denkansatz des ­Meisters.

Der Schriftsteller Thomas Lehr mahnte unlängst in der FAZ („Goethe war Araber“) vor einer Polemik, die Goethes Nähe zum Islam in Frage stellen will oder gar Goethe zum „Islamkritiker“ umdichtet. Zu den Kennern dieser spannenden Materie gehört seit Jahren neben der Autorin des bekannten Buches „Goethe und der Islam“, Katharina Mommsen, auch Manfred Osten, ehemaliger Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung. Osten referiert immer wieder über Goethes „West-östlichen Divan“ und sein ungewöhnlich offenes Islambild. Osten wies darauf hin, dass das persische Wort Divan eine „Versammlung weiser Männer“ bezeichne und für Menschen in der islamischen Welt positiver besetzt sei als der als „Streitgespräch“ verstandene Begriff „Dialog“. Goethe habe den Toleranzbegriff mit den Worten „dulden heißt beleidigen“ kritisiert, da echte Toleranz in Anerkennung und Respekt übergehen müsse.

Goethes Einsichten bleiben also aktuell, und das nicht nur wegen seinem Islambild. In Goethes Konservativismus wird heute eine Art visionäre Zeitkritik gesehen, die durchaus bis in das heutige Internetzeitalter nachklingt. Goethe hatte sich angesichts der neuen bahnbrechenden Technologien für eine Entschleunigung interessiert, die im Gegensatz zur „veloziferischen Kultur“ des Westens stehen könne, in der Goethe eine „Geschwindigkeit, die des Teufels ist“ sieht. Goethe fürchtete an der sich im rastlosen Aufbruch befindenden westlichen Welt, sie könnte eine „gedächtnislose Gesellschaft“ werden, die durch Aufklärung, Reformation und französische Revolution ihre Wurzeln vergisst und am Ende sogar zerstört.

Im zweiten Teil des „Faust“ verknüpft der Wirtschaftsminister Goethe bekanntermaßen seine Zweifel an den Möglichkeiten ewigen Fortschritts mit einer harschen, ökonomischen Kritik an der illusionären Natur des Papiergeldes. Hier eröffnet sich ein weiterer großer Beitrag Goethes für die aktuelle Debatte, den das deutsche Bildungsbürgertum (à la Sarrazin) im Grunde jahrzehntelang übersehen hat. In seinem Hauptwerk geht es auch um nichts Anderes als das Dogma der Moderne, das ökonomische Wachstum, als dem Maßstab für die frag­würdige Entwicklung der Menschheit zu entschlüsseln.

Die Loslösung des Geldes von eigentlichen Werten eröffnet eine atemberaubende Dynamik, die schon den alten Goethe tief beunruhigt. Der St. Galler Ökonom Hans Christoph Binswanger widmet diesem Thema ein brillantes Buch mit dem bezeichnenden Titel „Geld und Magie“. Für den Wirtschafts­philosophen Binswanger ist der „Faust“ mit seinen Beschreibungen über die Erfindungen der Notenbankpresse sogar ein Lehrbuch der Volkswirtschaft und von einer „kaum fassbaren“ Aktualität.

(Artikel erschien bereits in leicht veränderter Fassung im Magazin "Compact")
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