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Intellektuelle und Migrantenverbände erheben die Stimme gegen die Islamhetze in deutschen Medien. Von Dr. Mohammed Khallouk

Debatte: Der neue Rassismus wird zum Thema in der Öffentlichkeit

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(iz). Keine Religion wird in der europäischen Gesellschaft gegenwärtig so sehr mit einem Bedrohungsszenario assoziiert wie der Islam. Die bedeutenden Errungenschaften, die Europa dem arabo-islamischen Kulturkreis zu verdanken hat, scheinen dabei immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Die Faszination, die der islamisch geprägte Orient zudem für die deutschen Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhundert ausgeübt hat, ist beinahe einer kollektiven Wagenburgmentalität gegenüber jeglichem mit dem Islam in Kontext gebrachtem gewichen.

In hohem Maße verantwortlich für diese zunehmend islamophobe Tendenz sind rechtslastige Publizisten in den Medien, die fast ausschließlich die kritikwürdigen Randphänomene in muslimischer Gesellschaft zum Thema erheben.

Vor diesem Hintergrund haben der Interkulturelle Rat in Deutschland e.V., die bundesweite Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge e. V. (Pro Asyl) und die Abteilung Migrations- und Antirassismuspolitik des DGB-Bundesvorstands am 19. März 2010 gemeinsam eine Initiative gestartet und unter dem Titel „Rassisten sind eine Gefahr, nicht Muslime!“ einen Aufruf verfasst.

Hierin bringen sie ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass sich hinter dieser undifferenzierten populistischen Islamkritik eine neue Form des Rassismus verberge, dessen Vertreter die verbreiteten Sorgen und Ängste in der Mehrheitsbevölkerung im Zusammenhang mit Immigranten aus dem muslimischen Kulturkreis, die man zuvor über die einseitige Berichterstattung zum großen Teil erst hervorgerufen habe, nutzen, um ihren eigenen Bekanntheitsgrad und ihre politische Anhängerschaft zu steigern, sowie letztlich, um die muslimische Minorität „demokratisch“ legitimiert auszugrenzen.

Zu Recht verweisen die Autoren des Pamphlets darauf, dass jene Rechtspopulisten gerade nicht die Liberalität und Weltoffenheit als Ziel vor Augen haben, die sie vorgeben, vor den Muslimen zu schützen, sondern eine intolerante und im Kern unitaristische Gesellschaft, in der sich jedes Mitglied einer bestimmten, von ihnen konstruierten „Leitkultur“ unterzuordnen habe. In der Erkenntnis, dass diese aufgezwungene „Leitkultur“ im Gegensatz zum Islam in der Tat eine Gefahr für die demokratische pluralistische Werteordnung in Deutschland und Europa darstellt, werden Zivilgesellschaft, Parteien, Bildungseinrichtungen und Medien aufgefordert, sich intensiv mit dem „neuen Rassismus“ auseinander zu setzen.

Zudem gelte es, die mediale Berichterstattung, vor allem die zahlreichen Internet-Blogs, zu überwachen und nach diffamierenden Beiträgen zu durchsuchen sowie die Mehrheitsgesellschaft über die tatsächlichen Inhalte des Islam, sowie über die Lebensweise der Mehrheit der Muslime in Deutschland aufzuklären.

Diesem wäre noch hinzuzufügen, dass jene Rechtspopulisten wie Pro Köln in der Regel die Argumentationsmuster aus der bürgerlichen Mitte, mit schärferer Wortwahl versehen, in ihr eigenes Propagandamaterial aufnehmen. Als weiteren Forderungspunkt erschiene es daher noch angebracht anzuführen, den selbsternannten Islamkritikern aus dem linksbürgerlichen intellektuellen Milieu (zum Teil sogar selbst mit muslimischem Hintergrund) wie Necla Kelek, Seyran Ates, Alice Schwarzer, Hans-Peter Raddatz, Henryk M. Broder oder Ralph Giordano, die mit ihrer pauschalisierten Kritik am Islam jenen neuen Rassisten die argumentativen Vorlagen liefern, nicht permanent das Forum zur Verbreitung ihrer ressentimentgeleiteten Ansichten zu überlassen.

Bemerkenswert erscheint es vor diesem Hintergrund, dass landesweit angesehene Vertreter der deutschen Elite wie u. a. die ehemalige Bundestagpräsidentin Rita Süssmuth, die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, der Präsident der Berliner Akademie der Künste Klaus Staeck, der Intendant der Berliner Festspiele Joachim Sartorius sowie nicht zuletzt der Literaturnobelpreisträger Günter Grass diesen Aufruf öffentlich mitgetragen haben.

Sie geben damit zu erkennen, dass nicht nur die islamfeindlichen Rechtsextremisten, sondern auch die intellektuellen „Islamkritiker“ nicht die deutsche akademische und politische Führungsschicht repräsentieren.

Den Muslimen in Deutschland wird das Signal gesendet, sie können sich – trotz nicht zu leugnender Voreingenommenheit sowohl unter den Eliten als auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft gegenüber ihrer Religion – gewiss sein, bei ihrem Engagement für die gesellschaftliche Gleichberechtigung des Islam nicht alleine zu stehen.

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