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Interview: Welche Rolle spielt das Gebet für Europas Muslime?

Niederwerfung vor dem Herrn der Welten

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(iz). Augenblicklich wird der Islam beinahe ausschließlich durch Symbole dargestellt, von denen die meisten negativer Natur sind. Um aber dessen religiöse Lebensweise zu verstehen, muss man sich mit ihren wesentlichen Hand­lungen, allen voran das Gebet, beschäftigen. Dem entsprechend ist es passender, das Gebet als das wichtigs­te Symbol des Islam zu verstehen und auch so zu präsentieren.

Um mehr über das Gebet und seine Bedeutung im besonderen Zusammenhang für die Muslime in Europa zu erfahren, sprachen wir mir Abdulhasib Castiñeira. Er ist ein Veteran des spanischen Islam und seit mehr als 30 Jahren als Lehrer und Vortragsredner innerhalb und außerhalb Spaniens aktiv. Castiñeira ist des Weiteren Gründungsmitglied der Islamischen Gemeinschaft in Spanien (CIE) und war für über sechs Jahre Direktor der neuen Moschee in Granada.

Islamische Zeitung: Lieber Abdulhasib Castiñeira, muss nicht trotz der ganzen negativen Darstellung des Islams das Gebet als das wichtigste Symbol gelten?

Abdulhasib Castiñeira: Ja, das Gebet ist der Eckstein des Islams. Es ist das Fundament der natürlichen Lebensweise des Menschen und dessen Beziehung zu seinem Herren. Das Prophet Muham­mad sagte über das Gebet eines Menschen, dass dessen gesamtes Leben, insofern sein Gebet korrekt und aufrichtig ist, korrekt, aufrichtig und erfolgreich sein wird. Sollte das Gebet nicht korrekt sein oder unaufrichtig beziehungsweise nicht auf die entsprechende Weise und zur passenden Zeit verrichtet werden, dann ist der gesamte Austausch des Menschen mit seinem Herrn nicht korrekt.

Islamische Zeitung: Könnten Sie einige relevante Aussagen zum Gebet erwähnen?

Abdulhasib Castiñeira: Von einem Standpunkt betrachtet ist das Gebet eine Verpflichtung. Von einem anderen ist es ein Geschenk vom Schöpfer des Universums an den Menschen. Im Qur’an heißt es, dass das Gebet Unanständigkeit und Fehlverhalten verhindert.

Das Gebet spielt eine entscheidende Rolle in der Welt des Menschen, beim Aufbau seines Charakters wie auch in seinem Verhalten. Und, als Konsequenz, auch im Aufbau der Gesellschaft.

Islamische Zeitung: Im Islam hat das Gebet, in Gemeinschaft verrichtet, einen besonders hohen Stellenwert. Lässt sich sagen, dass es die Grundvoraussetzung für Gemeinschaft als solche bildet?

Abdulhasib Castiñeira: Ja. Vorab haben Sie gesagt, dass das Gebet das Symbol für den Islam sein sollte. Sozial betrachtet ist die Moschee die Manifestation der muslimischen Gemeinschaft.

Die Moschee ist der Ort, an dem sich die Muslime zum Gebet versammeln. Die Disziplin des fünfmaligen Gebets, die Niederwerfung vor und die Erinnerung an Allah, die Dankbarkeit und Intimität ihm gegenüber, bestimmt die Reinheit des Charakters. Sie beschützt den Menschen vor Fehlverhalten und Unanständigkeit. Das Zusammenkommen der Gemeinschaft zur Errichtung eines Ortes der Anbetung ist das Zeichen für eine aufrechte Gemeinschaft.

Die Salat (arab. für Gebet) ist die Trennungslinie zwischen Glauben (Iman) und Bedeckung der Wahrheit (Kufr). Richtet eine Gemeinschaft das Gebet zu der entsprechenden Zeit und zusammen ein, dann ist sie sicher. Gerechtigkeit, Erfüllung des Einzelnen und eine korrekte Beziehung zur Schöpfung darf dann von ihr erwartet werden. Allah sagt über die Muslime im Qur’an, dass sie die beste Gemeinschaft seien, weil sie die Menschen zu dem aufrufen, was richtig ist, und daran hindern, was falsch ist, und weil sie an Allah glauben, das Gebet einrichten und die Zakat bezahlen.

Die letzten beiden sind miteinander verbunden und haben beide eine spirituelle Dimension der Anbetung Gottes. Und beide – Salat und Zakat – haben eine soziale Dimension bei der Erhaltung einer aufrichtigen und gerechten Gesellschaft.

Islamische Zeitung: Zur Zeit – so zumindest der dominante Trend – werden Muslime überhaupt nur dann positiv reflektiert, wenn sie als losgelöste Individuen erscheinen. Ist es denn, im Falle des Gebets, überhaupt möglich, dies ohne Gemeinsamkeit vollwertig zu praktizieren?

Abdulhasib Castiñeira: Dies ist eine interessante Frage, die meiner Meinung nach insbesondere für uns europäische Muslime von Bedeutung ist. Wir gehören einer extrem individualisierten Gesellschaft an. Dies entspricht nicht der Tradition unserer Großeltern, aber ist der neue Stil unserer Gesellschaft, wonach wir Individuen sind und unsere Probleme nur persönliche sind. Weil der Islam Din Al-Fitra – das natürliche Verhaltensmuster – ist, ist es hier interessant, dass das Gebet jene Fitra wieder errichtet.

Ich kann nicht isoliert sein. Ja, ich bete allein, aber das solitäre Gebet ist für die Nacht und für solche Augenblicke, in denen das menschliche Wesen Meditation und Nachdenken braucht und Nähe zu Allah will. Die Weisheit in der Offenbarung des Islam und seiner fünf Säulen besteht darin, dass sie ein Verhaltensmuster schaffen, welches im Falle des Gebets den Alltag zu von Allah bestimmten Zeiten durchbricht.

Das prägendste aller Elemente des Gebets – Bewegungen, Reinigung mit Wasser, Ausrichtung auf die Gebetsrichtung (Qibla), Bedeckung des Körpers – ist die Absicht im Herzen des Gläubigen. Das wichtigste Element nach der Absicht ist die Zeit des Gebets, denn diese schafft ein Raum-Zeit-Muster im individuellen Leben und im Leben der Gemeinschaft. Daher kann ich sagen, dass die Salat das natürliche Verhaltensmuster des Menschen wiederherstellt. Wie Katzen, Hunde oder Löwen ein natürliches Verhaltensmuster haben, so ist das ursprüngliche Verhaltensmuster des Menschen nicht vollkommen, wenn er nicht über die Anbetung des Göttlichen verfügt.

Dies ist ein Geschenk Allahs an die Menschheit, durch Seine Propheten: Dass Er uns gezeigt hat, wie wir dieses ­Mus­ter vervollständigen können, um die ­perfekte Form des menschlichen Wesens erreichen zu können – individuell wie sozial.

Islamische Zeitung: Unglücklicherweise ist es eine Tatsache, dass selbst wir Muslime über unsere Religion im Lichte der medialen wie ideologischen Debatte über den Islam nachdenken. Der Blick des Anderen auf uns gehört mittlerweile zum eigenen Selbstbild. Selbst bei einer wohlwollenden oder neutralen Perspektive wird das Gebet allzu oft auf individueller beziehungsweise ritueller Ebene beschrieben. Es steht ohne Frage, dass wir – hier sind sich alle praktizierenden Muslime einig – Allah rituell anbeten müssen. Aber es muss doch noch eine weitere Ebene geben, auf welcher das Gebet den Menschen transformiert?

Abdulhasib Castiñeira: Was das Gebet mit dem Muslim macht, muss unter Beweis gestellt werden. Es kann erklärt werden, lässt sich aber eigentlich nur in der Wirklichkeit erfahren.

Ich erinnere mich, wie wir in den Frühzeiten unserer spanischen Gemeinschaft möglichst viele Teppiche auf einem öffentlichen Ort ausbreiteten und dort beteten. Wenn ein Nichtmuslim diese Form des Gebets sieht, dann hat dies etwas wirkliches und echtes, das von ihm erkannt werden kann. Ich glaube, dass es ein starkes Mittel bei der Einladung zum Islam ist, wenn wir Nichtmuslimen die Möglichkeit geben, die Gebetswaschung zu vollziehen und mit uns zu beten. So bekommen die Menschen einen Geschmack davon.

Muslime sind, insbesondere im Westen, stark durch die mediale und politische Meinung über den Islam konditioniert. Ich denke, wir sollten dies auf den Kopf stellen. Ja, die Medien können die Menschen beeinflussen, aber warum verändern wir dieses Bild nicht durch unsere eigenen Medien und durch unsere Anstrengungen, anstatt bloß passiv-desorientiert Empfänger dieser Beeinflussung zu bleiben?

Es ist unsere Verpflichtung, die niemand für uns übernehmen kann. Den Muslimen ist es aufgetragen, die Schönheit, Größe und Gerechtigkeit des Islams zu demonstrieren. Eines der Dinge, welches hilft, die Wahrheit der prophetischen Botschaft zu erkennen, ist das Gebet. Allein unsere Form des Gebets zu sehen, kann sehr bewegend sein.

Islamische Zeitung: Wir leben in einer globalisierten Welt, in welcher der Islam auf eine positive Art und Weise perfekt hineinpasst. Es gibt wahrscheinlich keine Sekunde, in der nicht ein Individuum oder eine Gemeinschaft von Muslimen das Pflichtgebet verrichtet, weil sich die Gebetszeiten wegen der Sonnenbewegung über den Globus ziehen. Wir würden aber gerne von Ihnen wissen, ob das Gebet nicht auch eine zusätzliche, für Europa passende, regionale oder lokale Bedeutungsebene enthält?

Abdulhasib Castiñeira: Dies ist etwas, was die Leute, wenn wir in der traditionellen muslimischen Welt – Marokko, Türkei oder Ägypten – reisen, nicht verstehen: Wie schwierig es für uns ist, Orte in unseren Städten zu schaffen, in denen das Gebet eingerichtet ist. Sie können nicht erfahren, wie viele Implikationen es für die Muslime in Europa hat, das Gebet in seiner entsprechenden Zeit zu verrichten. Selbst wenn wir alleine in unserem Büro oder an unserer Arbeitsstelle sind.

Ich erinnere mich daran, als ich einer PR- und Werbefirma in Madrid mit vielen Angestellten arbeitete und mir Auszeiten wie die anderen Leute nahm, die eine Zigarettenpause einlegten. Dies verschaffte mir enormen Respekt unter meinen Kollegen; die Tatsache, dass ich mir als Profi diese Zeit für das Gebet nahm.

Weil der Islam wegen der Einwanderung und wegen Leuten wie uns, die in den Islam eintreten, in den europäischen Staaten wächst, ist es notwendig, dass wir unsere eigenen Orte haben. Dies erhöht die Sichtbarkeit und die Bestätigung der Integration in unsere Gesellschaften. Wir haben nicht die Absicht, an den Rändern zu existieren. Unsere Aufgabe ist von zentraler Bedeutung, da wir Antworten und Heilmittel auf die Probleme unseres post-technologischen und globalisierten Zeitalters in Händen halten.

Das Gebet, als fundamentaler Eckstein des Dins, ist die notwendige Praxis, die dem Geist und der Seele Gesundheit gibt. Es bedeutet Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe im Sozialen – alles dringend benötigte Elemente für unsere heutigen Städte.

Islamische Zeitung: Um mit der letzten Frage den Bogen zur ersten zu schlagen, möchten wir noch einmal an den Punkt der Symbolik anknüpfen. Eines der offenkundigen und sehr sichtbaren Symbole der muslimischen Präsenz in Europa sind ihre Moscheen und Gebetsräume – von den traditionell muslimischen Regionen des ­Balkans, Russlands und der europäischen Türkei einmal abgesehen. Wie muss eine Moschee beschaffen sein, damit sie keinen Streit hervorruft und damit sie auf einladende Art und ­Weise ein wirkliches Bild vom Islam ­zeichnet?

Abdulhasib Castiñeira: Hier wiederum besteht ebenfalls ein deutlicher Unterschied zwischen den Moscheen im Westen und in Europa zu denen in der traditionellen muslimischen Welt. Dort war die Moschee in den Marktplatz integriert. Üblicherweise waren die besten und am meisten besuchten Moscheen jene, die den Märkten und den Zentren des Lebens am nächsten lagen.

In unserer europäischen Situation hat die Moschee wesentlich mehr Dimensionen als das Gebet. Sie ist das Haus des Islam, wie es in der ers­ten muslimischen Gemeinschaft der Fall war. Sie ist der Ort des Trostes und der materiellen beziehungsweise spirituellen oder psychologischen Hilfe. Hier muss die Lehre stattfinden, denn sie ist für die Muslime in Europa der natürlich Ort, um hier Wissen vom Qur’an und von der muslimischen Handlungsweise zu erlangen. Hier finden auch Festlichkeiten wie Hochzeiten, die Feiertage ‘Id Al-Fitr und ‘Id-Al Adha sowie weitere Feiertage statt.

Aber, darüber hinausgehend, muss die Moschee auch eine Rolle als Ort der Begegnung und der Hilfe für die Nichtmuslime einnehmen. Eine Moschee kann es sich nicht leisten – es gibt tausende davon in Westeuropa – nur Dienste für die eingewanderte muslimische Gemeinschaft anzubieten. Dies ist eine ernsthafte Fehlentwicklung, die indirekt zu Verdächtigungen und Ablehnung im Rest der Gesellschaft führt.

Die Moschee muss ein schöner, sauberer und offener Ort sein, in dem die Nichtmuslime, Schulen, Politiker, Journalisten, Forscher und Nachbarn echte Begegnungen haben können. Muslime müssen ihnen gegenüber auf jegliche Art und Weise gastfreundlich sein. Dies kann man zu bestimmten Zeiten organisieren. Die Muslime sollten in Form von Seminaren Wissen für jene, Politiker, Polizisten und andere, anbieten, die mit ihnen zu tun haben. Die Anwesenheit von Muslimen ist eine neue soziale Wirklichkeit in den europäischen Staaten. Es gibt viele Aspekte des Dienstes an der weiteren Gesellschaft, und ich ­glaube nicht, dass sich überhaupt eine Moschee in Europa den Luxus leisten kann, auf die weitere Umgebung ­zuzugehen.

Für uns in Andalusien gibt die Geschichte von 800 Jahren gemeinsamer Kultur und Wissen so viele Möglichkeiten, um dieses gemeinsame Erbe als Teil der Geschichte Spaniens wieder zu beleben. Jedes Land hat hier seine eigenen Anknüpfungspunkte, aber angesichts der ­Islam-Berichterstattung in den letzten zehn Jahren gibt es keine Grenze für das, was ein gebildeter europäischer Muslime an Begegnung und gemeinsamer Teilhabe mit seinen nichtmuslimischen Nachbarn leisten kann.

Ich denke, dass darüber in jeder europäischen Moschee nachgedacht werden sollte.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Interview.

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