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IZ-Begegnung mit Jost Reinert, Kurator der Initiative “Rheingold”

"Ich wusste nicht, was Geld ist"

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(iz) Jost Reinert ist Kurator der Initiative Rheingold. Dabei handelt es sich um ein alternatives Tauschmittel, das bereits seit September 2006 vor allem im Raum Düsseldorf in Umlauf ist. Die Rheingold-Scheine, formell gesehen Gutscheine, werden von den Mitmachenden herausgegeben und können mit deren eigenen Motiven bedruckt werden.

Die IZ sprach mit Jost Reinert über die Philosophie des Rheingoldes und über Erfahrungen und Perspektiven aus der nun mehr als dreijährigen Praxis des Tauschmittels.

Islamische Zeitung: Herr Reinert, wie wird man Rheingolder?  

Jost Reinert: Rheingold ist ein Tauschmittel, mit dem der Rheingolder sich selbst ausstattet. Rheingolder wird man, indem man sich sein Rheingold selbst schenkt. Der erste Akt ist also, sich selber zu beschenken, mit seinen eigenen Gutscheinen, der zweite Akt ist, damit einkaufen zu gehen, und der dritte, es für seine eigenen Waren und Leistungen als Zahlungsmittel zu akzeptieren.

Islamische Zeitung: Das heißt, es bildet sich eine Gruppe von Menschen, die sich vom Währungssystem ein Stück weit unabhängig macht? Oder ist das zu weit gegriffen?  

Jost Reinert: Wir sind sicherlich eine Community, die additiv zum Euro Rheingold benutzt, sodass man von einer Unabhängigkeit vom alten Geldsystem natürlich nicht sprechen kann. Aber jeder ausgegebene Rheingold hilft natürlich, Autarkie und Wohlstand bei den Rheingoldern zu sichern.  //1r//

Islamische Zeitung: Wie sind Sie selbst zu Rheingold gekommen?

Jost Reinert: Ich bin dazu gekommen, weil ich gemerkt hatte, dass ich nicht wusste, was Geld ist. Das wollte ich wissen. Ich habe dann recherchiert und gedacht, es ist vielleicht vernünftig, wenn wir uns mit einem Gutschein ausstatten, um dem, was mit dem Geldsystem periodisch immer wieder passiert, und dessen Auswirkungen zu entgehen oder sie wenigstens zu mindern.  

Islamische Zeitung: Hat Rheingold bewusst eine regionale Ausrichtung, oder hat es das Ziel, auch bundesweit verbreitet zu sein?

Jost Reinert: Das Ziel ist Wohlstand für alle. Insofern ist es natürlich nicht so, dass es an einer regionalen Grenze aufzuhören hat. Die Regionalität ist allerdings eher zufällig, weil man eben irgendwo starten muss. Außerdem ist auch der Euro regional – man wird in Kuala Lumpur selbst im kleinsten Straßencafé nicht mit Euro bezahlen können. Mit anderen Worten: Wir haben heutzutage ausschließlich Regionalgelder.

Islamische Zeitung: Wie kann man das Milieu, die Community der Rheingolder beschreiben? Wer interessiert sich in diesen Tagen für Rheingold?

Jost Reinert: Wir sind völlig querbeet, es gibt auch einen Fensterputzer, der Rheingolder ist; es sind Handwerker dabei, es sind Künstler dabei. Wir waren von Beginn an eine Initiative von Kulturschaffenden aller Professionen, es waren von Anfang an viele Künstler dabei, sowohl bildende Künstler als auch Filmschaffende sowie Autoren und Publizisten. Das bedeutet aber nicht, dass andere ausgeschlossen sind.

Islamische Zeitung: Gibt es auch Mus­lime, die bei Rheingold mitmachen?

Jost Reinert: Wir fragen die Religionszugehörigkeit der Rheingolder gar nicht ab. Insofern haben wir davon keine Kenntnis. Mit fallen aber ein Kiosk und eine Mitfahrzentrale ein, die dabei sind, deren Inhaber Türken sind, und da vermute ich, dass es sich um muslimische Türken handelt.

Islamische Zeitung: Was ist der unmittelbarste Vorteil, den man hat, wenn man bei Rheingold mitmacht?

Jost Reinert: Erst einmal macht es Spaß. Zweitens hat man zusätzliche Liquidität, die man sonst nicht hätte. Drittens erspart man sich mit jedem Einkauf, den man mit Rheingold tätigt, Euro, die man dann für Dinge wie Abwassergebühren, Strafzettel oder Steuern verwenden kann. Mit Rheingold kann man schöne Dinge kaufen, und man ist in einem Netzwerk von Gleichgesinnten, die eins eint: Wohlstand.

Islamische Zeitung: Wie würden Sie Wohlstand definieren? Ist das eine andere Art von Wohlstand, als ihn der Dollar- oder Euromillionär hat?

Jost Reinert: Ja. Wohlstand und Reichtum sind etwas völlig unterschiedliches. Reichtum bedeutet, dass man viel Geld hat, während durchaus um einen herum alles in Elend leben kann. Wohlstand bedeutet, dass man das in einer Gemeinschaft erlebt, gemeinsam erlebt. Man ist dann sozusagen in einer Kneipe, in der viele Studenten sich die Getränke leisten können, während der  Reichtumsmensch in seiner Sicherheitsvilla ganz alleine sitzt.

Islamische Zeitung: Was sind die minimalen Voraussetzungen, um Rheingolder werden zu können?

Jost Reinert: Das minimale Eintrittsniveau ist, dass man bereit ist, das Rheingold auch für die Leistungen, die man in die Gemeinschaft hineingeben kann, wieder zu akzeptieren. Ein Anstreicher zum Beispiel kann selbstverständlich Rheingolder werden, da er ja gegen Rheingold gerne anstreicht. Wir sind offen für alle Leistungsträger in der Gesellschaft, wobei ich – anders als die Presse – Leistungsträger als diejenigen definiere, die leisten.

Islamische Zeitung: Wie sieht ihre weitergehende Vision vom Rheingold aus?

Jost Reinert: Wie der einzelne Rheingolder mit dem Rheingold umgeht, bleibt ihm selber überlassen. Rheingold informiert ihn aber, dass Rheingold Wohlstand für ihn selber wie für die Gemeinschaft schafft. Und damit wird er automatisch zum verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und der Gemeinschaft kommen.

Islamische Zeitung: Wo liegen zur Zeit die Vor- und vielleicht auch Nachteile im praktischen Umgang mit dem Rheingold? Wie sieht es zum Beispiel mit Inflation aus?

Jost Reinert: Zur Zeit referieren wir unser Rheingold zum Euro; das heißt ein Rheingold gleich eine D-Mark gleich 50 Cent. Sollte der Euro hyperinflationieren, ändern wir die Referenz, sodass das Rheingold immer stabil bleiben wird. In Zukunft werden wir von der Euro-Referenz abgehen und ausschließlich nach Leistung referieren. Mit anderen Worten: Jeder einzelne Rheingolder definiert sein Leistungsspektrum in Rheingold. Wenn beispielsweise ein Almhirte in der Schweiz sagt, ein Kilogramm Käse ist soundsoviel Rheingold, dann hat er einen stabilen Wechselkurs zu seiner Hotel-Übernachtung in Berlin und ist unabhängig von den Währungsspekulationen, die täglich passieren, um für die Profite einiger weniger den Schweizer Franken oder den Euro nach oben oder nach unten zu jagen.

Islamische Zeitung: Wie ernst wird Ihre Initiative seitens der Politik genommen? Gibt es politischen Gegenwind, oder wird es allgemein begrüßt?

Jost Reinert: Gegenwind habe ich bislang nicht wahrgenommen. Einige Politiker sind Rheingolder, wobei sie weniger als Politiker Rheingolder sind, sondern weil sie beispielsweise niedergelassene Rechtsanwälte sind. Wir sind aber nicht offensiv auf Politiker zugegangen, sondern es hat sich eher zufällig ergeben, dass diese Rheingolder auch Politiker sind. Und es ist ja keine politische Initiative.

Islamische Zeitung: Wer akzeptiert die Rheingoldscheine? Nur jene, die auch selbst Rheingolder sind?

Jost Reinert: Im Prinzip wissen wir gar nicht und haben keine Kontrolle darüber, wer alles Rheingold akzeptiert. Ich bin mal einem Gastwirt begegnet, der sagte, dass einmal ein Gast kein altes Geld hatte und ihm dann Rheingold gegeben habe. Wer Rheingold akzeptiert, kann aber ein Schildchen zum Beispiel an seine Ladentür anbringen, um dies zu signalisieren. Er kann dies auch auf seiner Webseite zeigen. Außerdem gibt es auf der Rheingoldseite eine Liste, in der man einfach nachschlagen kann.

Islamische Zeitung: Gibt es ethische Grundsätze bei Rheingold? Das heißt kann wirklich jeder bei Rheingold mitmachen?

Jost Reinert: Letztlich haben wir keine Kontrolle darüber, wer alles Rheingold akzeptiert. Wenn ein Drogenhändler Rheingold akzeptiert, haben wir eben Pech. Das hat aber der Euro oder der US-Dollar auch. Es gibt keine Aufnahmeprüfung für neue Rheingolder, man muss sich nur selber erklären, dass man Rheingolder werden will, und sich selber beschenken. Es ist also eher eine Selbstverpflichtung an die eigene Moral. Ich denke, so wie das Rheingold konzipiert ist, sowohl in seiner Schöpfung als auch in seiner Struktur, wird es automatisch die Moral des einzelnen Menschen, der von Grund aus gut ist und Gott zugewandt, in die richtige Richtung bewegen. Weil das Rheingold als Medium die Botschaft selber ist. Das alte Geld, wie Bernhard A. Lietaer, ehemaliger belgischer Zentralbanker und Mitschöpfer des Euro sagte, informiert jeden mit Neid und Gier. Rheingold hingegen macht genau das Gegenteil, es informiert uns mit Vertrauen, weil es ein Vertrauensgold ist. Es informiert einen mit Guthaben, mit Beschenken. Zuerst beschenkt man sich selbst, und dann kauft man damit ein und wertschätzt den Mitmenschen, indem man anerkennt, dass dieser etwas geleistet hat und man dafür bereit ist, etwas zu bezahlen. Und für dieses gegenseitige Wertschätzen nutzen wir ein uns dienendes Tauschmittel.

Islamische Zeitung: Der klassische islamische Rechtsgelehrte Imam ­Malik definiert Geld als jedes Tauschmittel, das von der Gemeinschaft akzeptiert ist. Würden Sie dem zustimmen?

Jost Reinert: Ja. In Deutschland war beispielsweise 1946 und in den folgenden Nachkriegsjahren das Tauschmittel Zigaretten, weil es eben das allgemein akzeptierte Tauschmittel war. Im Prinzip ist Geld nie etwas wert – wertvoll sind immer die Menschen. Und es sind die Menschen, die entscheiden, welches Tauschmittel sie benutzen wollen, um sich gegenseitig wertzuschätzen. Und im Moment benutzen sie ein Tauschmittel, das in große Schwierigkeiten gekommen ist und Euro oder US-Dollar heißt.

Islamische Zeitung: Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass sich bei einem Menschen, der einen hohen moralischen Anspruch hat, dieser auch darin ausdrückt, was für ein Geld er benutzt?

Jost Reinert: Ich glaube, dass man die freie Entscheidung hat – Gott hat uns ja mit einem freien Willen ausgestattet-, und man sich damit für ein Gott zugewandtes Tauschmittel entscheiden kann, oder eben nicht.

Islamische Zeitung: Wappnet das Rheingold einen gegen die Stürme der Finanzkrise, oder geht es dafür noch nicht weit genug?

Jost Reinert: Das hängt von uns selber ab, davon, ob wir tatsächlich Rheingold benutzen wollen oder nicht. Rheingold ist meines Erachtens auf jeden Fall ein Mittel, um die jetzt kommende Finanzkrise zu lindern. Denn was jetzt möglicherweise passieren wird, ist dass die Pleite gegangenen Banken, die ja nur durch Steuerzahlergeld am Leben erhalten werden, keine Kredite mehr herausgeben werden. Da allerdings alles alte Geld Schuld ist, bedeutet dies, dass es dann auch kein Geld mehr gibt. Wenn es keine Kredite gibt, hört im alten Geldsystem das Wirtschaften auf. Dann wird eine große Zahl von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Wenn wir großes Pech haben, erhalten auch die Bauern keine Kredite mehr für ihren Monsanto-Weizen oder ihre Chemie-Düngemittel. Dann hören sie auf, die Nahrung zu produzieren. Und dann haben wir die Situation, dass eine sehr große Zahl von Leuten einkommenslos ist, während sich gleichzeitig die Mittel, die wir zum Leben brauchen, verknappen, also verteuern. Und dann wird es schwierig. Wenn durch einen Crash, den ich allerdings nicht in heftiger Form erwarte, das arbeitsteilige Wirtschaften aufhört, dann werden Städte unbewohnbar. Deswegen ist es absolut wichtig, dass uns ein Tauschmittel zum arbeitsteiligen Wirtschaften erhalten bleibt. Und dafür sollten wir jedes Tauschmittel, auch den muslimischen Dirham und jedes Regionalgeld, das irgendwo entsteht, sowie auch sicherlich den Euro, soweit wir ihn noch zur Verfügung bekommen, als auch das Rheingold nutzen.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Reinert, vielen Dank für das Interview.

Webseite www.rheingoldregio.de
Blog: rheingoldblog.wordpress.com

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