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26.03.2008 Zum Umgang mit dem Qur’an. Eine Debatte um das Berliner Corpus Coranicum Projekt. Von Wolf Ahmed Aries, Hannover
Antwort auf einen offenen Brief
Mit großer Aufmerksamkeit las ich den offenen Brief meines muslimischen Bruders zu den Arbeiten des Projektes „Corpus Coranicum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der mich zu einigen Überlegungen veranlasste, die ich ihm gerne öffentlich mitteilen möchte, weil ich seinen Fragen immer wieder begegne.
Als Muslime folgen wir der Aufforderung unseres ehrwürdigen Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, das Wissen überall zu suchen, und wäre es in China oder bei jenen, die uns ablehnen. Dieses Wissen, ‘Ilm, dient dazu, Gottes Schöpfung in dem Sinne zu begreifen, dass sie Sein Wunder ist. Seit dem 18. Jahrhundert setzte sich jedoch immer mehr die Einstellung durch, dass derjenige, der die Welt und ihre Abläufe verstehen will, nicht das Wunder voraussetzen muss, sondern die Abläufe so auffassen kann, wie er sie wahrnimmt. Ins Methodische gewandt entwickelte sich der so genannte „methodische Atheismus“, der heute Allgemeingut geworden ist.
Niemand von uns, dessen Automotor aussetzt, wird den nächsten Imam anrufen, um ihn zu bitten, den Dschinn zu vertreiben. Vielmehr wird er sich an den ADAC wenden oder die nächst gelegene Werkstatt aufsuchen, damit der Schaden dort behoben wird.
Wissenschaftler aller Disziplinen der Natur-, Ingenieur- und Geisteswissen-schaften haben das Axiom des methodischen Atheismus internalisiert. Dies geht soweit, dass die schulischen Curricula ihn voraussetzen. Die Erfolge dieses forschenden Vorgehens sprechen in den Ingenieurwissenschaften für sich. Wir alle verdanken ihm unseren heutigen Lebensstandard. Das Problem für zahlreiche Muslime beginnt in dem Moment, wo diese Haltung auf solche Disziplinen angewandt wird, die unseren Glauben und unsere denkerischen Traditionen berühren, als würde mit der Methode der Glaube berührt. Wenn Gott der Schöpfer dieser Welt ist, dann ist der methodische Atheismus eine Option unserer Existenz.
Spätestens seit den Arbeiten zur Hermeneutik und den logischen Untersu-chungen Edmund Husserls beziehungsweise den Forschungen zur Perspektivität können wir davon ausgehen, dass jegliches Forschen nicht nur an den vom Zeitpunkt abhängigen Standpunkt gebunden ist, sondern zugleich an unsere Erfahrung, die wir in unserer Sprache ausdrücken, in der wir denken. Und dieses Denken folgt der „Vernunft“. An dieser Stelle empfiehlt es sich, zu dem kleinen Büchlein Herbert Schnädelbachs zu greifen, um nachzulesen, dass man zwar am Begriff der Vernunft festhält, aber in der Wirklichkeit des Forschens längst gemäß den Rationalitäten der jeweiligen Disziplin vorgeht. Zudem machen die Arbeiten zur Interkulturalität deutlich, wie tief „die“ Vernunft an „die“ Kultur gebunden ist. Es würde meine Einlassungen an dieser Stelle sprengen, ginge ich auf die Problematik von Verifikation und Falsifikation ein.
Für diesen Forschungsansatz stellt die Oralität der Muslime ein Problem dar, weil sie ohne Artefakte auskommt. Der Qur’an, Sein Wort, ist für den Muslim, wie der Bruder in seinem offenen Brief schrieb, an zwei Orten: auf wohl verwahrten Tafeln und im Herzen der Sich-an-Ihn-erinnernden, wenn sie Sein Wort rezitieren. Nur dieses stellt der methodische Atheismus überhaupt nicht in Frage. Es ist nicht seine Frage.
Archäologie, Geschichte, Linguistik und andere Wissenschaften befragen im Kontext ihrer Forschungen das Wahrnehmbare Seiner Schöpfung und mehr nicht. Der Muslim preist Ihn für das, was er von Seiner Schöpfung wahrnimmt und behandelt es in tiefer Achtung vor Ihm gemäß dem Adab.
Die Ergebnisse der Geisteswissenschaften mögen muslimisches Denken und manche ihrer menschlichen Gewissheiten in Frage stellen, aber sie vermögen nicht ihren Glauben zu berühren. Sinnbewältigung des Seins ist eben etwas Anderes als Tatsachenforschung. Gelobt sei ER. Und die Forscherinnen und Forscher an der Akademie haben stets betont, dass sie keine Kalamforschung betreiben, sondern diese respektieren.
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IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehemalige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unseren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifizierung als Sekte zu entgehen. Phänomenologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitimation anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumentalen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter anderem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
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