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20.10.2008 Anmerkungen zur so genannten "historisch-kritischen" Methode von Lydia-Ayscha Einenkel
Unvereinbar mit dem Islam?
(iz). In den letzten Wochen wurde aufgrund der Diskussion um den Münsteraner Professor Kalisch auch immer wieder der Ansatz der historisch-kritischen Methode thematisiert. Den Muslimen wurde häufig eine unwissenschaftliche Vorgehensweise und eine Ablehnung der freien Forschung vorgeworfen.
Bei dieser teils hitzigen Diskussion geht es vor allem darum, sich über die Begrifflichkeiten klar zu werden. Auch Stimmen der islamischen Verbände verkündeten, dass die historisch-kritische Methode nicht in dieser Weise mit der islamischen Theologie in Einklang zu bringen sei, da es gelte die Glaubensgrundsätze zu wahren. Wenn man diese mit den Ansätzen Kalischs gleichsetzt, ist die Skepsis auch nachvollziehbar. So wird in der Presseerklärung der Schura Hamburg gesagt, dass die historisch-kritische Methode in den Islamwissenschaften durchaus ihren Platz haben solle.
Doch nicht in der islamischen Theologie. Wieso nicht? Weil gerade wegen Kalisch‘s Thesen die historisch-kritische Methode mit Kritik im Sinne von Anfechtung und Ablehnung assoziiert wird. Dies ist aber nicht gemeint, betrachtet man die Methodik genauer, kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass diese sehr gut mit dem Islam harmoniert, dass sie sogar Grundlage in den klassischen islamischen Wissenschaften ist und wir diese nicht erst von den westlichen Orientalisten oder christlichen Theologen des 20. Jahrhunderts übernehmen müssen, weil uns eine Aufklärung fehle, wie Kalisch in einem Interview sagte.
Wissenschaftlich-exegetische Methoden verfügen über eine lange Tradition im Islam. Zur Bildung von Dogmen ohne Text- und Kontextbezug ist es in diesem Sinne nie gekommen. Schon grundsätzliche Ansätze über die Konsens besteht kann man, will man die Terminologie benutzen, als historisch-kritische Methode bezeichnen. Hier sollen nur einige Grundlagen exemplarisch genannt werden.
Zuerst sind hier die Offenbarungsanlässe (Asbab An-Nuzul) zu nennen. Das Wissen um den Grund und die Situation der Entstehung einzelner Verse (Ayat) ist unerlässlich um deren Bedeutung richtig erfassen zu können. Daher wurden schon in frühester Zeit intensive Forschungen betrieben, um diese Anlässe sammeln zu können.
Wenn man Stellen aus einer heiligen Schrift nimmt, diese im Kontext ihrer Zeit beleuchtet, um die Bedeutung dann auf heutige Gegebenheiten zu übertragen, so wird die Offenheit der christlichen Theologen gerühmt und dem Islam gegenübergestellt, dessen Vertreter alles wörtlich nähmen und nicht bereit seien, spezifische Stellen als historisch zu akzeptieren. Doch nichts anderes machen islamische Gelehrte, wenn sie den sozio-kulturellen Hintergrund der Zeit der Qur’anentstehung betrachten und einzelne Verse auf eine bestimmte Situation oder nur einer bestimmten Gruppe entsprechend einordnen. Beispielsweise sind manche Verse nur an die Frauen des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gerichtet und können nicht auf alle Musliminnen übertragen werden, andere bezogen sich auf eine konkrete Krisensituation.
Auch die abgeleitete islamische Quelle des Analogieschlusses (Qiyas), bei dessen korrekter Anwendung zuerst der eigentliche Grund (Illa) bekannt sein muss, zeigt, dass die Zielsetzungen und Hintergründe stets erforscht wurden. Generell gilt in den islamischen Wissenschaften, dass der Glaube mit der Vernunft vereinbar sein muss, so sagte auch schon Al-Ghazali, dass man in der Exegese nicht beim Wortlaut stehen bleiben darf, wenn dieser der Logik widerspricht.
Manche Ansätze der christlichen historisch-kritischen Methode lassen sich in dieser Weise auch schlicht nicht auf den Islam übertragen, die Bibel ist von mehreren Verfassern im Laufe vieler Jahrhunderte erstellt und überarbeitet wurden. Dies gilt für den Qur’an nicht. Allerdings können wir auch bei der Beschäftigung mit der Entstehung des Qur’ans etwas kritischer sein, ohne dem Glauben zu widersprechen. Auch dieses Themenfeld ist nicht erst von modernen Reformbewegungen aufgegriffen worden, es besteht Konsens und ist kein Streitthema, dass es verschiedene Lesarten des Qur’an gibt.
Von Illusionen wie einer einheitlichen Urschrift kann man sich lösen, ohne in Konflikt mit religiösen Grundsätzen zu geraten. Pluralismus ist ein Thema im Islam. Dies wurde schon zu Lebzeiten des Propheten thematisiert, der die sieben Lesarten als nebeneinander stehend und gleichwertig ansah. Dass der Qur’an nicht in Form des heutigen Mushaf (gedrucktes Qur’anexemplar) zu den Arabern kam, ist ebenso von allen akzeptiert, muslimische Gelehrte untersuchten weit vor den Orientalisten die chronologische Reihenfolge der Suren und ordneten sie nach Makki/Madani an. Und warum steht die Basmala nicht am Anfang der Sura At-Tauba? Weil man sich nicht ganz sicher war, ob diese noch zur achten Sura gehört oder eine Neue beginnt.
Auch dies wurde schon in frühester Zeit thematisiert, was zeigt, dass die Gläubigen sich mit ihm beschäftigen sollen, nicht im Sinne blinder Befolgung und Nachahmung, sondern unter Nutzung unseres Verstandes. Dies ist kritisch, im Sinne von reflektierend.
Die historisch-kritische Methode ist demnach fest im Islam verankert und gehört somit nicht nur zu den westlichen Islamwissenschaften, sondern durchaus auch in die bekenntnisgebundene islamische Theologie. Diese muss sich nicht als unwissenschaftlich hinter die Bibelwissenschaft stellen lassen und wir Muslime sollten nicht den Fehler begehen, diese Ansicht zu fördern.
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Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehemalige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unseren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifizierung als Sekte zu entgehen. Phänomenologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitimation anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumentalen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter anderem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
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