Sie sind hier: Home >> Islam >> Asch-Schibli: Bekannter Gelehrter und Sufi-Schaikh aus Bagdad. Von Malik Özkan, Bremen
16.06.2009 Asch-Schibli: Bekannter Gelehrter und Sufi-Schaikh aus Bagdad. Von Malik Özkan, Bremen
Ein Meister der paradoxen Weisheit
(iz). Abu Bakr asch-Schibli, geboren im Jahre 247 n.H., war der Schaikh der Sufis und Imam der Leute des Wissens von den Zuständen des Selbst, über den es wunderbare Geschichten und Berichte gibt. Er gehörte zu denen, die große Fähigkeiten in den Wissenschaften des islamischen Rechts hatten. Über seinen eigentlichen Namen gibt es unterschiedliche Meinungen. Einige Biografen sind der Ansicht, er sei Dulaf ibn Dschahdar oder Ibn Dscha’far gewesen. Seine Familie stammte aus der persischen Provinz Khorassan, die viele berühmte Gelehrte, Sufis und Weise hervorgebracht hat, aus einem Dorf namens Schibla. Er wurde entweder in Samarra oder in Bagddad geboren, wo er auch aufwuchs.
Abu Bakr al-Khatib berichtete, „sein Onkel war der Amir der Amire von Alexandria“. As-Sulami sagte: „Asch-Schibli war Kammerherr des Khalifen al-Muwaffiq. Sein Vater hatte bereits vor ihm diese Position inne.“
Abu ‘Abdu’r-Rahman berichtet uns: „Er war ein Mann des Wissens und ein Rechtsgelehrter in der Schule von Malik. Er schrieb viele Hadithe mit eigener Hand nieder. Er erzählte, dass der Beginn seiner Umkehr in der Versammlung von Khair an-Nassadsch lag. Er blieb in Gemeinschaft von al-Dschunaid und der Schaikhs seiner Zeit. Er war einzigartig in seiner Zeit, sowohl in den Zuständen als auch im Wissen. Er überlieferte Hadithe mit Isnad.“
Asch-Schibli, der ein hoher Regierungsbeamter war, erreichte schließlich einen Punkt, an dem er sagte: „Ich halte mich für die elendste von Allahs Kreaturen“. Erst dann wurde er von Imam al-Dschunaid, seinem Lehrer, angenommen.
Abu ‘Abdullah ar-Razi teilt über asch-Schibli mit: „Die respektierten Gelehrten des Iraks sagen: ‘Die Wunder des Sufismus in Bagdad bestehen aus drei Dingen: Die Hinweise (Ischarat) von asch-Schibli, die feinen Aussagen von al-Murta’isch und die Geschichten von Dscha’far, d.h. al-Khuldi.’“ Imam al-Dschunaid sagte über seinen Schüler: „Schaut auf asch-Schibli nicht mit dem Blick, mit dem ihr andere betrachtet.“ Er fuhr fort: „Jedes Volk hat seine Krone und die Krone dieser Leute ist asch-Schibli.“
Ibn Mudschahid, ein Zeitgenosse aus Bagdad, kam eines Tages zu asch-Schibli und dieser fragte ihn nach seinem Zustand: „Wir hoffen auf Gutes. Jeden Tag vollenden wir drei bis vier volle Rezitationen des Qur’an:“ Asch-Schibli sagte ihm: „Schaikh, in dieser Ecke habe ich 13.000 komplette Rezitationen gemacht. Sollte etwas davon angenommen werden, dann werde ich es dir geben. Ich habe über drei bis vier Jahre volle Rezitationen gemacht und nur ein Viertel des Qur’an erreicht.“
Es wird berichtet, dass eine Sklavin asch-Schiblis ihm sagte: „Ich habe sechs Monate gezählt, in denen du nicht geschlafen hast.“ Abu Sahl as-Sa’luki berichtete: „Ich hörte, wie asch-Schibli sagte: ‘Die Schöpfung liebt Dich wegen Deiner Segnungen, ich liebe Dich wegen Deiner Prüfungen.’“
Asch-Schibli sagte: „Ich sage niemals ‘Allah’, ohne dass ich nicht um Vergebung von Allah für mein Wort ‘Allah’ bitte.“ Er rieb sich Salz unter die Augen, damit er nicht schlafen konnte.
Abu ‘Imran al-Aschjab hatte einen eigenen Zirkel und asch-Schibli besuchte diesen. Als Abu ‘Imran ihn sah, stand er für ihn auf und machte ihm Platz an seiner Seite. Einer der Gefährten von Abu ‘Imran wollte den Leuten beweisen, dass asch-Schibli unwissend war. Er fragte ihn: „Abu Bakr, wenn die Regelblutung der Frau dem Blut einer Scheinmenstruation ähnelt, was soll sie dann machen?“ Asch-Scbibli gab ihm achtzehn Antorten. Abu ‘Imran ging zu ihm und küsste seine Hand. Er sagte: „Abu Bakr, ich kenne zwölf und die anderen sechs habe ich niemals zuvor gehört!“ Ahmad ibn ‘Ata’ sagte: „Ich hörte, wie asch-Schibli bemerkte: ‘Ich schrieb über zwanzig Jahre Hadithe von Hand nieder und ich war für zwanzig Jahre mit den Fuqaha’ zusammen.’ Er lernte Fiqh nach der Schule von Malik.“
Ein anderer berichtete: „Ich hörte asch-Schibli sagen: ‘Ich kennen einen, der solange nicht an dieser Angelegenheit teilnahm, bis er alles ausgegeben hatte, was er besaß und siebzig Ladungen Bücher in den Tigris versenkte und die Muwatta’ auswendig lernte und diese und jene Rezitation vollendete.’ Er sprach von sich selbst.“ Er sagte: „Mein Vater hinterließ 60.000 Dinare, ganz zu schweigen von dem Eigentum und dem Grundbesitz und ich habe alles ausgegeben. Dann saß ich mit den Armen und kehrte nicht zurück in eine Unterkunft, noch suchte ich Hilfe von jemanden anderen.“
Abu’l-Qasim al-Andalusi al-’Abid sagte: „Ich kam, um asch-Schibli in Bagdad zu sehen. Als ich dort ankam, sagte ich zu mir selbst: ‘Ich werde mich ausruhen, indem ich ins Badehaus gehe und dann (werde ich zu ihm gehen).’ Sein Besitzer kam zu mir: ‘Oh Person! Darin gibt es einen Mann, der zu den Leuten der Taqwa unter den Männern Allahs gehört.’ Ich trat ein und da war ein Schaikh mit einem Kind an seiner Seite. Als ich mich niederließ, sagte er zu mir: ‘Du bist Abu’l-Qasim?’ Ich bejahte dies. Er fragte: ‘Du bist aus Andalusien gekommen?’ Wiederum bejahte ich die Frage und wollte von ihm wissen, ob er Abu Bakr asch-Schibli sei, was er wiederum bejahte. Er wies mich an: ‘Nimm diesen Eimer. Wenn das heiße Wasser aufgebraucht ist, fülle ihn erneut.’ Ich tat dies. Dann legte er sich auf seinen Rücken und sagte: ‘Gieße es über meinen Körper’. Was ich wiederum tat. Dann begann er sein Gesicht abzuwischen und sagte mir: ‘Gepriesen sei Allah, der dir keinerlei Macht über uns gab!’ Dann verließ er das Badehaus. In seinem Haus warteten einige Leute auf ihn. Er ließ sich nieder und verlangte nach Feuer. Es wurde ihm bereits glühend gebracht. Er sagte: ‘Schütte es in meine Handfläche!’ So wurde es gemacht und er legte immer wieder wohlriechendes Holz auf die Glut. Er beräucherte einen nach dem anderen, bis zwanzig Leute von dem Wohlgeruch umgeben waren. Dann warf er es aus seiner Hand und wischte seine Handflächen mit den Worten: ‘Gepriesen sei Allah, der ihm keine Macht über uns gegeben hat!’“
Abu’l-Qasim al-Quschairi überlieferte in seinem „Kitab at-Tahbir“: „Ein Mann fragte asch-Schibli: ‘Abu Bakr, warum sagst du „Allah“ und nicht „Es gibt keinen Gott, außer Allah?“ Er antwortete: ‘Ich will kein Gegenteil von Ihm widerlegen.’ Sie entgegneten ihm: ‘Wir meinten etwas höheres als das.’ Er sagte: ‘Ich fürchte, dass ich übermannt werde von der Düsternis des Gegenteils.“ Sie entgegneten ihm wiederum: ‘Wir meinten etwas höheres als das.’ Er sagte: ‘Allah, der Allmächtige sagt: „Sprich: ‘Allah’, und dann überlass sie ihrem Geschwätz.“ (Al-An’am, 91) Der Fragende verlor das Bewusstsein und starb daraufhin. Seine Freunde verlangten das Blutgeld von asch-Schibli. Sie brachten ihn vor den Khalifen. Dessen Herold trat vor und verlangte eine Erklärung. Asch-Schibli erklärte: ‘Eine Seele voller Sehnsucht nahm Abschied. Sie wurde gerufen und antwortete. Worin besteht meine falsche Handlung?’ Der Khalif schrie hinter dem Vorhang auf: ‘Lasst ihn! Er hat nichts Falsches begangen!’“
Wegen der Häufigkeit der Zustände, die ihn überwältigten und seiner Aussagen und Verhaltensweisen zu diesen Zeiten, sagten viele Leute: „Er ist verrückt.“ Einmal wurde er in ein Krankenhaus gebracht. Eine Gruppe kam zu ihm und er fragte sie, wer sie seien. „Deine Geliebten“ antworteten sie. Er begann, mit Steinen nach ihnen zu werfen. Sie flohen. Er sagte: „Ihr behauptet, mich zu lieben. Also seid geduldig in meiner Bedrängnis!“
Überliefert wurde, dass asch-Schibli eines Tages jemand sah, der laut schluchzend weinte. Er fragte: „Warum weinst Du?“ und bekam die Antwort: „Ich hatte einen Freund verloren. Er ist gestorben“ „Oh, du Ahnungsloser“, sagte er, „warum wählst du einen Freund, der stirbt?“
Asch-Schbili sagte: „Der Augenblick des Erkennenden ist gleich dem Frühlingstag; der Donner grollt, die Wolke weint; der Blitz brennt, der Wind bläst, die Knospen tun sich auf und die Vögel singen - das ist sein Zustand; er weint mit seinen Augen, lächelt mit seinen Lippen, brennt in seinem Herzen, spielt mit seinem Haupt, spricht den Namen des Freundes und kreist um dessen Tür.“
Er pflegte zu sagen: „Oh Führer der Verwirrten! Steigere meine Verwirrung in Deiner Größe und Majestät!“
Er wurde gefragt: „Wo finden die Herzen der Sehnenden Ruhe?“ Er antwortete: „In der Glückseligkeit des Einen, nach dem sie sich sehnen, und in Seiner Harmonie.“ Er rezitierte:
„Ich war erfreut an meiner Zerstörung in Ihm,
denn ich erfreue mich an dem, an dem sich die tausend erfreuen.
Würden meine Knochen befragt werden nach meinen Sorgen,
dann hätten sie die Sorgen geleugnet und würden Verleugnung zuhören.“
As-Sa’luki sagte: „Ein Bettler stand in seinem Kreis. Er begann zu sagen: ‘Oh Allah’ Oh Großzügiger’“ Asch-Schibli zögerte. Dann sagte er: ‘Wie kann ich die Wahrheit mit Großzügigkeit beschreiben, wenn Geschöpfe dies über ihresgleichen sagen?’“
Dann weinte er und sagte: „Großzügigkeit! Du brachtest diese Glieder in Existenz und hast diese Hoffnungen erweitert. Danach warst du freundlich zu den Leuten ohne jegliches Bedürfnis nach ihnen oder was von Dir in ihren Händen war. Du bist der Großzügige, Allgroßzügigste. Sie geben begrenzt. Dein Geben hat keine Grenzen, noch Beschreibung, Oh Großzügiger, über jedem großzügigen und Du bist der Eine, durch den jeder, der großzügig ist, großzügig ist!“
Er wurde über die außerordentlichste Sache befragt. Er sagte: „Ein Sklave, der seinen Herren anerkennt und dann gegen Ihm rebelliert.“
Er sagte: „Tasawwuf ist die Ruhe des Herzens in der Brise der Reinheit, die Umhüllung der Gedanken mit dem Vorhang der Vertrauenswürdigkeit und die Annahme des Charakters der Großzügigkeit und die Freude in der Begegnung“ und er sagte auch: „Tasawwuf ist die Ausmerzung eurer Sinne und die Wacht über die Atemzüge.“
Er wurde über Aufrichtigkeit und das Verlassen der Künstlichkeit befragt. Er sagte: „Es ist, dass ihr keine Worte, die anders-als-Er sind, artikuliert; noch dass ihr auf etwas anderes als euren Herrn schaut; noch dass ihr in etwas anderem euren Beschützer seht, als in eurem Herrn.“
Er wurde über Futuwwa (Edelmut) befragt, worauf er antwortete: „Die Futuwwa der Leute dieser Welt ist, dass ein Mann gibt, bevor er gefragt wird und dass er nicht zurückweist, nachdem er gebeten wurde. Die Futuwwa der Leute der Nächsten Welt ist, dass sie nichts tun, was die Zurechtweisung der Leute im offenen und im verborgenen hervorrufen könnte.“
Er wurde gefragt, was die Leidenschaften zügelt. Er antwortet: „Die Disziplinierung der Natur und die Entfernung des Schleiers.“
Er sagte: „Last eure Himma mit euch sein, nicht voraus und nicht hinter euch.“
Er sagte: „Die Erinnerung an Allah, den Allmächtigen, in Ruhe löscht die Hitze der Sorge.“
Asch-Schibli wurde nach dem Wissen (Ma’rifa) gefragt und antwortete: „Sein Anfang ist Allah, und sein Ende ist endlos.“
Er wurde nach Tauhid befragt und sagte: „Wer dies mit einer Definition beantwortet, hat den richtigen Kurs verlassen. Wer darauf hinweist, ist ein Anbetender. Wer redet, ist intelligent. Wer darüber schweigt, ist ein Ignorant. Wer sich einbildet, er sei dort angekommen, hat keine Ergebnisse. Wer sieht, dass er nah ist, ist fern. Was ihr mit euren Mündern aussprecht und mit eurem Verstand wahrnehmt ist genauso künstlich wie ihr.“
Er sagte ebenso: „Die Wissenschaft(‘Ilm) stellt fest; das Wissen (Ma’rifa) deutet an“ und „Weisen die Menschen auf Allah hin, werden sie abgewiesen, bis sie durch Allah auf Ihn hinweisen, denn zu diesem Hinweis führt für die Menschen kein Weg.“
Abu ‘Abdu’r-Rahman as-Sulami sagte: „Asch-Schibli starb im Dhu’l-Hidscha im Jahre 334.“ Ein anderer sagte: „Am Freitag in der vorletzten Nacht dieses Monats.“ Ibn Nafi’ sagte, dass es im Jahre 335 war. Al-Khatib sagte: „Das erstere ist genauer. Es war, als er 87 Jahre alt war. Er wurde im al-Khairazan Friedhof in Bagdad beerdigt und sein Grab ist dort bekannt.“
Al-Khuldi sagte: „Ich fragte Bakran, seinen Diener: ‘Was hast du beobachtet, als er starb?’ Er sagte: ‘Asch-Schibli sagte mir: „Es gibt einen Dirham an Ungerechtigkeit gegen mich und ich habe tausende an Sadaqa für ihren Besitzer gegeben. Es gibt nichts, was mein Herz mehr beschäftigt als das.“ Dann sagte er: „Mach Wudu’ für das Gebet für mich“, was ich tat. Dann habe ich vergessen, das Wasser durch seinen Bart laufen zu lassen. Er konnte nicht sprechen, also nahm er meine Hand und legte sie auf seinen Bart. Dann starb er, möge Allah ihm gnädig sein.’“
Al-Khuldi weinte. Dann sagte er: „Was sagt ihr über einen Mann, der es an keinem Adab der Schari’a bei seinem Tod fehlen lässt.“
Quellen:
Qadi ‘Ijad - „Tartib al-Madarik“
Fariddudin Attar - „Frühislamische Mystiker“
Annemarie Schimmel - „Mystische Dimensionen des Islam“