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25.09.2009 IZ-Serie über verdrängte Elemente der Geschichte unseres Kontinents. Von Silvia Horsch, Berlin
Eine europäische Tradition (1)
(iz). Die Theorie vom „Kampf der Kulturen“, von Huntington in den 90er Jahren entwickelt, ist seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Kriegen immer einflussreicher geworden. Ereignisse wie der Karikaturenstreit oder die Auseinandersetzungen um die Rede des Papstes im Jahr 2006 gelten als weitere Belege dafür, dass die maßgeblichen Ursachen für Konflikte im Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen beziehungsweise Religionen zu suchen seien. Der Islam gilt dabei als besonders aggressiv.
Auch für die Muslime in Europa hat diese Kulturkampftheorie Folgen, denn immer wieder wird die Ansicht vertreten, dass er Europa wesensfremd sei und die Behauptung aufgestellt, Muslime seien in Europa nicht integrierbar. Es ist daher wichtig, genauer hinzuschauen: Wie ist das mit dem Islam und den Muslimen in Europa?
Muslime in Europa
Zunächst einmal müssen wir uns darüber einigen, von welchem Europa wir sprechen. Oft sagen wir „Europa“ und meinen eigentlich Westeuropa, vor allem die Staaten, die sich in der EU zusammengeschlossen haben - jedenfalls bis 2004, denn dann erfolgte die erste Osterweiterung. Mit ihr und der zweiten im Jahre 2007 hat sich Europa als politisches Gebilde nach Osten verschoben. So ist dabei mit Bulgarien ein Land zur EU hinzugekommen, das eine alteingesessene muslimische Minderheit von 12 bis 15 Prozent hat. Wenn wir Europa als eine geographische Einheit betrachten, dann liegt seine Mitte in Litauen, nahe bei Vilnius. Da, wo wir den Osten Europas vermuten, liegt demnach seine Mitte.
Die Frage, wo sich Europa befindet, ist für die Rolle des Islams in Europa nicht unerheblich. Wenn wir es als geografische Größe betrachten, mit dem Uralgebirge als Ostgrenze und dem Kaukasus als Grenze im Südosten, dann leben hier ca. 53 Millionen Muslime.
Davon entfallen auf den europäischen Teil der Türkei rund 6 Millionen. Es gibt zwei Staaten, die eine muslimische Bevölkerungsmehrheit haben: Bosnien-Herzegowina und Albanien. Muslimische Mehrheiten gibt es aber auch in Nordzypern, im Kosovo, in einigen Provinzen Mazedoniens, Griechenlands und Bulgariens. Ein Drittel der Muslime in Europa lebt in den russischen Teilrepubliken Tatarstan, Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien. Die Kul-Scharif-Moschee in Kazan ist die größte Moschee Russlands und wahrscheinlich auch Europas. Mit der benachbarten Mariä-Verkündigungs-Kathedrale gilt sie als Symbol für das friedliche Zusammenleben der muslimischen und orthodoxen Bevölkerung Tatarstans.
Die osteuropäischen Muslime leben hier seit Jahrhunderten, viele von ihnen sind unter osmanischer Herrschaft Muslime geworden und nach dem Ende der osmanischen Herrschaft dort geblieben, wo sie lebten. In Russland, im Nordkaukasus, reicht die Geschichte des Islams jedoch fast 1.300 Jahre zurück und ist damit älter als die erste russische Staatsgründung an sich. Als erstes Volk des heutigen Russlands nahmen im 8. Jahrhundert die Dagestaner den Islam an. Die Stadt Kazan wurde von muslimischen Wolgabulgaren im Jahr 1005, das heißt 150 Jahre vor Moskau, gegründet. Auch die Wolgabulgaren traten bereits im 10. Jahrhundert, noch vor der Christianisierung Russlands, zum Islam über.
Aber an die Muslime im Osten und Südosten Europas wird selten gedacht, wenn man vom Islam in Europa spricht. Im Vordergrund stehen vielmehr die in der Nachkriegszeit in westeuropäische Länder vorwiegend als Arbeitsmigranten eingewanderten Muslime, die nun zum Teil in der dritten Generation hier leben. Diese Gruppe wird auf ca. 15 Millionen geschätzt, ist also de facto der kleinere Teil von Europas Muslimen. Dennoch entsteht oft der Eindruck, der Islam sei in Europa ein neues Phänomen.
Wurzeln eines Kontinents
Gerade weil Europa - zumindest im Osten - keine eindeutigen geografischen Grenzen hat (als Kontinent müsste man ja eigentlich von Eurasien sprechen) braucht man andere Kriterien, um Europa zu definieren. Hier kommen dann kulturelle Aspekte ins Spiel, und das ist ein heiß umkämpftes Feld. Da wird nach Wurzeln und Ursprüngen gesucht, man beruft sich auf ein Erbe und auf Traditionen. Manche Traditionen werden eingeschlossen, andere ausgeschlossen, wie lange Zeit das Judentum und bis heute die Ostkirchen - und eben der Islam. Die Suche nach den Ursprüngen ist immer dann besonders intensiv, wenn es um die Zukunft geht, und hier geht es um die Frage der Zukunft des Islams und der Muslime in Europa. Europas Wurzeln sind also eine hochpolitische Angelegenheit, und deshalb gibt es so unterschiedliche Vorstellungen davon.
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IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehemalige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unseren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifizierung als Sekte zu entgehen. Phänomenologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitimation anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumentalen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter anderem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
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"Neues Wir-Gefühl" BERLIN. Gauck wirbt für respektvollen Dialog zwischen den Religionen. JIK besucht Bundespräsidenten (Foto: Dirk Enters).