Sie sind hier: Home >> Gebet >> Wenn alle anderen schlafen, kann man sich in die Anbetung des Herrn der Welten vertiefen. Von Laila Massoudi
29.08.2011 Wenn alle anderen schlafen, kann man sich in die Anbetung des Herrn der Welten vertiefen. Von Laila Massoudi
Die Nacht und ihr Geheimnis
(iz). Wenn die Dinge auf dem Kopf stehen, kann man sie weder verstehen, noch ihrem Gehalt entsprechend handeln. Diese Umwertung der Werte machte bedauerlicherweise auch vor dem zeitgenössischen Islamverständnis nicht halt. Dazu zählt, dass nebensächliche Dinge auf einmal wichtig wurden oder dass die religiöse Substanz zu Gunsten marginaler Symbole aufgegeben wird.
Ein simples Beispiel hierfür ist die Betonung von Äußerlichkeiten (Länge des Bartes, Kürze der Hosen etc.) oder auch falsch platzierte arabische Formeln, die dann in das archetypische Bild des „guten Muslims“ münden. (Von einem noch neuen deutschen Konvertiten wurde die Antwort auf die Frage nach seinem Namen wie folgt überliefert: „Ahmad, inscha’Allah.“)
Ein Blick gerade auf die ersten Generationen des Islams (von denen der heute oft missbrauchte Name Salaf stammt) zeigt, dass ihre religiöse Intensität nicht auf bloße Symbolik reduziert war, sondern unter anderem in der intimen Anbetung Allahs als auch in der Schaffung von Gerechtigkeit in der Gesellschaft aufging. Beides sind Gegengifte gegen viele heutige Krisenphänomene.
Zu den Augenblicken, in denen der einzelne Muslim sich ungehindert der Anbetung seines Herren widmen kann, gehören das Gebet in der Nacht, aber auch die Rezitation des Qur’ans in jenen Stunden der äußeren Dunkelheit und des inneren Lichts.
Rezitation in der Nacht
In den Hadithen des Propheten finden wir, dass der Qur’an für jeden Fürsprache einlegt, der ihn des Nachts rezitiert. ‘Abdallah ibn ‘Amr berichtete vom Propheten: „Und dann wird der Qur’an sagen: ‘Ich halte ihn nachts von seinem Schlaf fern, also lasse mich Fürsprache für ihn einlegen.’“ Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte, dass die nächtliche Qur’anrezitation eine der Segnungen ist, um die der Gläubige beneidet werden darf.
Zu den Suren und Versen, deren Rezitation in der Nacht besonders empfehlenswert sind, gehört das Ajat Al-Kursi (der Thronvers). Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte über diesen Vers: „Wenn ihr zu Bett geht, rezitiert das Ajat Al-Kursi. Denn so wird bei euch, bis der Morgen kommt, ein Wächter sein und kein Teufel kann sich euch nähern.“ Auch die letzten zwei Verse der Sura Al-Baqara sind empfehlenswert. „Es ist ausreichend, wenn jemand die letzten beiden Verse der Sura Al-Baqara in der Nacht rezitiert.“
Am bekanntesten ist sicherlich das Lesen der letzten drei Suren (Al-Ikhlas und die zwei Schutzsuren) vor dem Schlafengehen. ‘Aischa berichtete, dass der Gesandte Allahs jede Nacht, bevor er Schlafen ging, diese drei Suren las.
Imam An-Nawari merkte in seinem Buch „Al-Adhkar“ generell an: „Es ist besser für eine Person, dass sie alles tun sollte, was in dieser Angelegenheit überliefert wurde. Wenn ihr das nicht möglich ist, dann soll sie tun, zu was sie hier in der Lage ist.“
Das Gebet in der Nacht
Das freiwillige Gebet in der Nacht (Tahadschud oder Qijam Al-Lail) findet auch im Qur’an ihre Erwähnung. In der Sura As-Sadschda (Die Niederwerfung) heißt es im 16. Vers: „Ihre Seiten weichen vor den Schlafstätten zurück; sie rufen ihren Herrn in Furcht und Begehren an.“ Nach Ansicht von Mujahid und Al-Hasan handelt es sich dabei um das Nachtgebet und Ibn Kathir legte den Vers wie folgt aus: „Seine Bedeutung ist das Nachtgebet.“
Allah erwähnt die Leute, die Nachts zum Tahadschud aufstehen: „Nur ein wenig pflegten sie in der Nacht zu schlafen, und im letzten Teil der Nacht pflegten sie um Vergebung zu bitten.“ (Ad-Darijat, 17-18)
Und Er offenbarte ebenfalls im Qur’an: „Ist etwa einer, der sich zu (verschiedenen) Stunden der Nacht in demütiger Andacht befindet, (ob er) sich niederwirft oder aufrecht steht, der sich vor dem Jenseits vorsieht und auf seines Herrn Barmherzigkeit hofft? - Sprich: Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich? Doch bedenken nur diejenigen, die Verstand besitzen.“ (Az-Zumar, 9)
Der Gesandte Allahs hielt die Leute zum Nachtgebet an und belebte ihr Interesse daran. „Es ist an euch, nachts im Gebet zu stehen, denn dies war die Praxis der Leute, die vor euch kamen. Es ist ein Mittel, Allah, dem Erhabenen, nahe zu kommen. Es tilgt die falschen Taten, schützt vor Vergehen und vertreibt die Krankheiten des Körpers.“ Auch sagte er, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Das beste Gebet nach dem verpflichtenden ist das Gebet in der Nacht.“
Allah, der Erhabene, wies seinen Propheten an, das Tahadschud zu beten: „O du Eingehüllter, steh die Nacht auf - bis auf einen kleinen Teil, ihre Hälfte, oder verringere sie um einen kleinen Teil oder füge etwas hinzu. Und trage den Qurʾan wohlgeordnet vor.“ (Al-Muzzamil, 1-4)
‘Aischa berichtete: „Der Prophet, Friede sei auf ihm, stand nachts im Gebet, bis seine Füße rissig wurden. Ich sagte zu ihm: ‘Warum tust du das, Gesandter Allahs, da doch all deine vergangenen und zukünftigen falschen Taten vergeben wurden?’ Er entgegnete: ‘Soll ich denn kein dankbarer Sklave sein?’“ Dies beweist, dass Dankbarkeit nicht nur auf der Zunge liegt. Sie ist nur dann echt, wenn sie gleichermaßen im Herz, auf der Zunge und in den Körpergliedern zu finden ist. Der Prophet errichtete die Pflichten der Anbetung auf die beste Art und Weise und in der vollkommenen Form.
Dinge, die das Nachtgebet erleichtern
Imam Abu Hamid Al-Ghazali erwähnte einige externe und interne Faktoren, die das Gebet der Nacht erleichtern. Die Person, die in der Nacht aufstehen will, sollte nicht zu viel essen oder trinken. Ansonsten werde sie, so der Imam, der Schlaf überwältigen und das Aufwachen erschweren. Sie sollte nach Möglichkeit Mittagsschlaf halten, denn dieser erleichtert das Aufwachen in der Nacht. Und sie sollte tagsüber keine falschen Taten begehen, denn diese hindern sie am Nachtgebet.
Innerlich sollte das Herz von diesen frei sein: Böswilligkeit gegenüber anderen Muslimen, unerlaubte Erneuerungen der Religion, sowie ein übermäßiges Interesse an weltlichen Dingen. Das Herz sollte mehr Furcht und nicht zu viel Hoffnung haben. Es sollte Wissen vom Nutzen des Nachtgebets haben. Die beste Motivation ist Liebe zu Allah und starkes Vertrauen darauf, dass in diesem Gebet jeder ausgesprochene Buchstabe von der Strafe unseres Herrn befreit.
Und Ibn Radschab sagte: „Ihr müsst wissen, dass der Gläubige im Ramadan zwei Handlungen vereint, dank derer er gegen sein Selbst kämpfen kann: Das Fasten am Tag und das Gebet während der Nachtzeit. Wer diese beiden Formen des Kampfes [gegen sein Selbst] miteinander vereint, erhält eine Belohnung ohnegleichen.“
Werbung
Spezial "Wie...?"
Wie gründe ich einen Verein? Wie kommt man an Halal-Fleisch? Wie kommt man am Arbeitsplatz zurecht? 19 Fragen auf 82 Seiten beantwortet.
IZ Online Abo
weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews
voller Zugang zum Archiv
>> bestellen
Aktuelle Ausgabe
In der Mai-Ausgabe der Islamischen Zeitung (Nr. 215) beschäftigen wir uns mit den Schwerpunkten „Muslimische Frau“ und dem Bürgerkrieg in Syrien. Parvez Asad Sheikh beschreibt in einem Interview die Grundzüge der Geopolitik, wir gehen mit der IZ-Redaktion auf die Umra (kleine Pilgerreise) und denken über das Wesen der Freiheit nach. Außerdem: Beten während der Freitagsansprache, Großzügigkeit, Verfassungsschutz und der „Salafismus“, eine neue Moschee für Hamburg, eine Replik von Avni Altiner sowie die neue CD des Berliner Rappers Musa.
Downloads für Online-Abonnenten
Hier finden Sie zusätzliche Informationen und Dokumente, die nur den Online-Abonnenten zur Verfügung stehen.
IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehemalige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unseren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifizierung als Sekte zu entgehen. Phänomenologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitimation anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumentalen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter anderem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
Bild der Woche
"Neues Wir-Gefühl" BERLIN. Gauck wirbt für respektvollen Dialog zwischen den Religionen. JIK besucht Bundespräsidenten (Foto: Dirk Enters).