Sie sind hier: Home >> Islam >> Hintergrund: Die Hälfte des Dins ist von Aischa
13.04.2005 Hintergrund: Die Hälfte des Dins ist von Aischa
In der Überlieferung der Sunna haben sich Frauen große Verdienste erworben - Von Dr. Muhammad Zubayr Siddiqi
(iz)Islam, als eine Religion, die niemals eine männliche Priesterelite als Mittelmänner zwischen dem Schöpfer und Seinen Geschöpfen zugelassen hat, begann unter anderem mit der Zusicherung, dass dem männlichen Prinzip keine spirituelle Höherwertigkeit zugewiesen wird.1 Dies kann einer der Gründe gewesen sein, warum der Islam, einzigartig unter den westlichen Religionen, eine herausragende Anzahl an weiblichen Gelehrten hervorgebracht hat, von deren Zeugnis und gesundem Urteil viele rechtliche Entscheidungen des Islam abhängen. Seit den frühesten Tagen der Offenbarung haben Frauen einen bedeutenden Anteil an der Bewahrung und Kultivierung der prophetischen Sunna gehabt und diese Funktion durch die Jahrhunderte hindurch beibehalten.
Eine lange Zeit der muslimischen Geschichte hindurch haben viele bedeutende muslimische Übermittlerinnen gelebt, die von ihren männlichen Kollegen mit Anerkennung und Respekt behandelt wurden. Zu einer großen Anzahl dieser Frauen finden sich Verweise in den einschlägigen biografischen Nachschlagewerken. Während der Lebenszeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dienten viele Frauen als Übermittelnde für prophetische Aussagen an die Muslime und Musliminnen, die nicht anwesend waren.2 Nach dem Tod des Propheten wurden viele Frauen, insbesondere seine Ehefrauen, als wichtige Bewahrerinnen von Wissen angesehen. Andere Gefährten des Gesandten Allahs kamen zu ihnen zwecks Unterweisung. An diese gaben die Frauen ihren großen Reichtum weiter, den sie in der Gegenwart des Propheten angesammelt hatten.
Die Namen von ‘A’ischa, Hafsa, Umm Habiba, Maimuna und Umm Salama sind jedem Studenten der Hadithwissenschaft bekannt, da sie zu den frühesten und besten Übermittlern gehörten.3 Insbesondere ‘A’ischa gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten der gesamten Geschichte der Hadithwissenschaft; nicht nur als früheste Überlieferin einer großen Anzahl an Hadithen, sondern auch als ihre vorsichtigsten Interpretin. Nicht umsonst gibt es den bekannten Satz „die Hälfte des Dins ist von ‘A’ischa“. In der Periode der frühen Nachfolgegenerationen hatten Frauen ebenfalls wichtige Positionen unter den Überlieferern inne, wie Hafsa, die Tochter von Ibn Sirin4, Umm Ad-Darda die Jüngere (gest. 81/700) und ‘Amra ibn ‘Abd Ar-Rahman, um nur einige von wenigen aus dieser Zeit zu nennen. Umm Ad-Darda wurde von ‘Ijas ibn Mu’awija als wichtige Übermittlerin betrachtet und als eine Richterin mit unerreichten Fähigkeiten und Leistungen. Im Bereich der prophetischen Äußerungen galt sie sogar überlegener als Hasan Al-Basri und Ibn Sirin.5 ‘Amra galt als Autorität für die Hadithe, die ‘A’ischa überliefert wurden. Zu ihren Studenten zählte Abu Bakr ibn Hazm, der anerkannte Richter von Medina, der von dem ebenfalls weithin hoch geachteten Khalifen ‘Umar ibn ‘Abd Al-’Aziz angewiesen wurde, all jene Hadithe aufzuschreiben, die von ihr kamen.6 Nach ihnen übertrafen ‘Abida Al-Madanija, ‘Abda ibn Bischr, Umm ‘Umar Ath-Thaqafiyya, Zainab die Enkelin von ‘Ali ibn ‘Abd Allah ibn ’Abbas, Nafisa bint Al-Hasan ibn Zijad, Khadidscha Umm Muhammad, ‘Abda bint Abd Ar-Rahman und viele andere ihres ehrenwerten Geschlechts sich selber in der öffentlichen Weitergabe von Hadithen.
Diese Frauen kamen aus den unterschiedlichsten Hintergründen, was darauf verweist, dass zu der Zeit weder Klasse noch Geschlecht ein Hindernis für den Aufstieg in die Gelehrtenränge war. So begann ‘Abida ihr Leben als Sklavin von Muhammad ibn Jazid und lernte später in Medina eine große Anzahl von Hadithen. Sie wurde von ihrem Besitzer an Habib Dahhun - dem großen Kenner der Überlieferungen aus Spanien - gegeben, als dieser Mekka auf der Pilgerfahrt besuchte. Dahhun war so beeindruckt von ihrer Gelehrsamkeit, dass er sie befreite, sie heirate und mit nach Andalusien nahm. Es heißt, dass sie mit der Erlaubnis ihrer Lehrer aus Medina zehntausend Berichte übermittelte.7 Zainab bint Sulaiman (gest. 142/759) war im Kontrast dazu eine Prinzessin von Geburt. Ihr Vater war ein Cousin von As-Saffah, dem Gründer der ‘abbasidischen Dynastie, und während des Khalifats von Al-Mansur Gouverneur von Basra, Oman und Bahrain. Zainab, die eine gute Erziehung genoss, erreichte eine Meisterschaft der Hadithe, welche ihr den Ruf als eine der am besten gelehrten Übermittlerinnen ihrer Zeit einbrachte und zählte viele wichtige Männer zu ihren Schülern.8 Diese gelehrte Partnerschaft zwischen Frauen und Männern in der Pflege der prophetischen Überlieferung hielt auch an bis in die Zeit, in der die großen Hadithsammlungen zusammengestellt wurden. Eine Übersicht der Texte legt offen, dass alle wichtigen Sammler der Überlieferungen in der frühen Zeit von Schaikhas [weiblichen Schaikhs] nahmen. Jede wichtige Sammlung gibt den Namen vieler Frauen als direkte Quellen der Autoren an. Und als diese Sammlungen fertig gestellt worden sind, haben die weiblichen Überlieferinnen diese wiederum auswendig gelernt und großen Klassen an Studenten vorgetragen. Diesen Studenten haben die Lehrerinnen wiederum [bei Meisterung des Lernstoffes] Lehrerlaubnisse ausgestellt. Im vierten Jahrhundert gab es Fatima bint Abd Ar-Rahman (gest. 312/924), die wegen ihrer großen Nähe zu Allah als As-Sufija bekannt geworden ist, Fatima (Enkelin von Abu Dawud, dem berühmten Hadithsammler), Amat Al-Wahid (gest. 377/987), die Tochter des bekannten Juristen Al-Muhamili, Umm Al-Fath Amat As-Salam (gest. 390/999), die Tochter des Rechtsgelehrten Abu Bakr Ahmad, Dschumua bint Ahmad und viele andere Frauen, deren Klassen immer von respektvollen Zuhörern besucht wurden.9 Die islamische Tradition der weiblichen Hadith-Gelehrtenschaft hielt bis ins sechste Jahrhundert nach der Hidschra an. Fatima bint Al-Hasan ibn ‘Ali ibn Ad-Daqqaq Al-Quschairi war nicht nur gefeiert für ihre Religiösität und ihre Meisterschaft der Kalligrafie, sondern auch für ihr Wissen der Hadithe und ihrer Überliefererketten.10 Noch bedeutender war Karima Al-Marwazija (gest. 463/1070), die als die beste Autorität über die große Hadith-Sammlung Sahih Al-Bukhari bekannt geworden ist. Abu Dharr von Herat, einer der führenden Gelehrten dieser Zeit, gab ihrem Rang eine solche Wichtigkeit, dass er seine Studenten anwies, das Sahih Al-Bukhari unter niemandem anderen zu studieren als unter ihr. Sie stellt eine der wichtigsten Persönlichkeiten dieses bedeutenden islamischen Texts dar.11 Unter ihren Schülern befanden sich Al-Khatib Al-Bagdadi12 und Al-Humaida.13 Neben Karima nahmen auch andere Übermittlerinnen einen wichtigen Rang in der Transmission der Texte der Sahih-Sammlungen ein.14 Ebenfalls eine Autorität der Überlieferung des Sahih Al-Bukhari war Sitt Al-Wuzara, die - neben der respektierten Meisterung des islamischen Rechts - bekannt war als „die Musnida ihrer Zeit“ und Lesung über die Sahih und andere Arbeiten in Damaskus und Ägypten abhielt.15 Klassen über das Sahih wurden ebenso von Umm Al-Khair Amat Al-Khaliq gehalten, die als die letzte große Hadithgelehrte des Hidschaz angesehen wurde. Daneben gab es auch Frauen, die sich auf andere Sammlungen spezialisiert hatten. Fatima Asch-Schahrazurija hielt Lesungen über das Sahih von Imam Muslim.16 Zainab von Harran, deren Vorträge von einer Menge Studenten besucht wurden, lehrte das Musnad von Ahmad ibn Hanbal, die umfangreichste bekannte Hadithsammlung.17 Zainab bin Ahmad (gest. 740/1339), allgemein bekannt als Bint Al-Kamal, kam zu einer „Kamelladung voll“ von Diplomen. Sie hielt Lesungen über das Musnad von Abu Hanifa, die Schama’il von At-Tirmidhi und das Scharh Ma’ani Al-Athar von At-Tahawi ab. Unter ihr und vielen anderen Frauen studierte der großen Reisende Ibn Battuta und lernte prophetische Überlieferungen während seines Aufenthalts in Damaskus.18 Ibn ‘Asakir, der uns mitteilte, dass er unter 1.200 Männern und 80 Frauen studierte, erhielt von Zainab bin Abd Ar-Rahman eine Lehrerlaubnis für die Muwatta von Imam Malik.19
Dschalal Ad-Din As-Sujuti - der große ägyptische Universalgelehrte - studierte die Risala von Imam Schafi’i unter Hadschar bint Muhammad.20 Einige dieser Frauen waren bekannt als die genauesten und gelehrtesten Übermittlerinnen ihrer Zeit und bildeten viele der großen Gelehrten der nachfolgenden Generationen aus. Umm Hani Mariam lernte beispielsweise den Qur’an auswendig, als sie noch ein Kind war, und meisterte danach alle islamischen Wissenschaften. Dazu zählte unter anderem Theologie, Recht, Geschichte und Grammatik. Sie ging danach auf Reisen, um mit den besten Überlieferern ihrer Zeit in Kairo und Mekka zu lernen. Sie wurde ebenso hoch angesehen für ihre Meisterung der Kalligrafie, ihre Beherrschung der arabischen Sprache und ihre natürliche Neigung zur Dichtung, genauso wie ihre strikte Befolgung der religiösen Pflichten (sie vollzog die Hadsch nicht weniger als 13 Mal). Ihr Sohn, der ein anerkannter Gelehrter im 10. Jahrhundert war, zollte ihr den größten Respekt und diente ihr am Ende ihres Lebens ununterbrochen. Sie unterzog sich einem intensiven Studienprogramm an großen Schulen Kairos und gab Lehrerlaubnisse an viele Gelehrte. Was sich aus den Quellen ersehen lässt, ist, dass sich die Beteiligung von Frauen an der Hadithwissenschaft und den islamischen Wissenschaften im Allgemeinen zum 10. Jahrhundert hin verringerte. Verschiedene biografische Werke der Zeit nennen höchstens die Namen von zehn bedeutenden weiblichen Überlieferern. Aber es wäre falsch, davon auszugehen, dass Frauen nach dem 10. Jahrhundert ihr Interesse an dieser Wissenschaft verloren hätten. Die letzte Überlieferin ersten Ranges war als Fatima Al-Fudailija oder als Schaikha Al-Fudailija bekannt. Sie wurde zum Ende des 12. islamischen Jahrhunderts geboren und wurde in der Kunst der Kalligrafie und der verschiedenen islamischen Wissenschaften unterwiesen. Sie hatte besonderes Interesse an den prophetischen Überlieferungen, studierte viel in diesem Wissenszweig und verdiente sich so den Respekt als wichtige Übermittlerin. Zum Ende ihres Lebens hin siedelte sie nach Mekka über, wo sie eine reichhaltige öffentliche Bücherei ins Leben rief. In Mekka wurde sie von vielen bedeutenden Hadith-Gelehrten besucht, die ihren Vorlesungen beiwohnten und Lehrerlaubnisse von ihr erhielten. Sie starb im Jahre 1247/1831.21 Durch die ganze Geschichte weiblicher Gelehrsamkeit im Islam hindurch wird klar, dass die Frauen nicht auf private Studien beschränkt waren, sondern ihren Platz als Lehrerinnen im öffentlichen Leben einnahmen; Seite an Seite mit ihren männlichen Kollegen. Die Masse an unzähligen Manuskripten zeigt uns Frauen sowohl als Teilnehmerinnen großer, allgemeiner Klassen wie auch als Lehrerinnen, die Vorträge vor nomalen Zuhörern hielten.
Fußnoten 1 Für eine allgemeine Übersicht über die Frage nach dem Rang der Frau im Islam, siehe M. Boisers, L’Humanism l’Islam (3rd. ed., Paris, 1985), 104-10. 2 Al-Khatib, Sunna, 53-4, 69-70. 3 Siehe oben, 18, 21. 4 Ibn Sa’d, VIII, 355. 5 Sujuti, Tadrib, 215. 6 Ibn Sa’d, VIII, 353. 7 Maqqari, Nafh, II, 96. 8 Wüstenfeld, Genealogische Tabellen, 403. 9 Al-Khatib Al-Baghdadi, Tarikh Baghdad, XIV, 441-44. 10 Ibn Al-Imad, Shadharat Ad-Dhahah fi Akhbar man Dhahah (Cairo, 1351), V, 48; Ibn Khallikan, 11 Maqqari, Nafh, I, 876; zitiert bei Goldziher, Muslim Studies, II, 366. 12 Yaqut, Mu’dscham al-Udaba’, I, 247. 13 COPL, V/i, 98f. 14 Goldziher, Muslim Studies, II, 366. 15 Ibn Al-Imad, VI. 40. 16 Ibn Al-Imad, IV, 100. 17 Ibn Salim, 28f. 18 Ibn Battuta, Rihla, 253. 19 Yaqut, Mu’dscham Al-Buldan, V, 140f. 20 Yaqut, Mu’dscham Al-Udaba, 17f. 21 Al-Suhuh Al-Wabila, see COPL, XII, Nr. 785.