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27.04.2006 Hintergrund: Wie wird die Zakat richtig erhoben?

Die neue IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland - Yasin Alder, M. Özkan und S. Wilms

(iz) Dass die Zakat, die man als verpflichtende Sozialabgabe bezeichnen kann, zu den Fünf Säulen des Islam gehört, neben Glaubensbezeugung, Gebet, Fasten im Ramadan und der Hadsch, wissen die meisten. Damit ist sie auch eine Handlung der Anbetung, eine ‘Ibada. Anders als bei den anderen Säulen haben aber leider viele Muslime heute oft nur geringe Kenntnisse über die Zakat, sodass manche Autoren die Zakat schon als die „vergessene Säule des Islam“ bezeichnet haben. Für viele ist sie nur eine Spende, die einmal im Jahr in einer bestimmten, berechneten Höhe zu geben ist. Sie ist aber eine Pflichtabgabe, die gemäß dem islamischen Recht nicht vom Einzelnen gegeben, sondern genommen, also von einer dazu berechtigten Autorität eingesammelt und verteilt werden muss.

Grundlegendes zur Zakat

Das Wort Zakat kommt von der Wurzel „zakka“, was „reinigen“ beziehungsweise „etwas reinigen“ bedeutet, wie auch „tazakka“, „sich selbst reinigen“. Man kann also sagen, dass die Handlung der Zakatentrichtung eine Reinigung ist. Sie wird deshalb so genannt, weil sie das Vermögen des Gebenden reinigt und der Gebende deshalb durch Allah Zuwachs erhält, da Allah durch das Bezahlen der Zakat seine Rangstufe bei Ihm erhöhen wird. Allah sagt im Qur’an: „Nimm Sadaqa von ihrem Vermögen, um sie dadurch zu reinigen und zu säubern.“ (At-Tauba, 104) Die Qur'an-Gelehrten sind sich einig, dass hier mit „Sadaqa“ tatsächlich Zakat gemeint ist. Allah befiehlt hier Seinem Gesandten, Zakat von den Menschen zu nehmen - nicht den einzelnen Menschen, sie zu geben.

Die Zakat zu entrichten, ist eine Verpflichtung für jeden Muslim (Fard ’Ain), sofern man über eine bestimmte Menge an Besitz verfügt, die eine bestimmte Grenze (Nisab) überschreitet und eine festgelegte Zeit (diese variiert je nach Ware, beträgt aber in der Regel ein volles Mondjahr) abgelaufen ist. Es ist auch verpflichtend, daran zu glauben, dass die Zakat eine absolute Pflicht ist. Die Wichtigkeit der Zakat für das Gesamtgebäude des Islam wird daraus ersichtlich, das Allah ihr an fast 30 Stellen im Qur’an durch die gemeinsame Nennung mit dem Gebet den gleichen Stellenwert wie dem Gebet gegeben hat. Die Stellen, in denen die Zakat alleine erwähnt wird, sind hingegen deutlich weniger. „Salat [das verpflichtende Gebet] und Zakat sind Geschwister, sie gehören zusammen“, sagt dazu der Gelehrte Dr. Asadullah Yate aus Potsdam.

Zakat ist eine Vermögensabgabe, die auf bestimmte Formen des Besitzes erhoben wird: Gold und Silber, haltbare, ortsübliche landwirtschaftliche Güter, Vieh und Waren. Über ihre Verteilung findet man im Qur’an folgendes: „Die gesammelte Zakat ist für die Armen; die Mittellosen; diejenigen, die sie einsammeln; um die Herzen der Leute nahe zu bringen; für die Befreiung von Sklaven; die Verschuldeten; die Ausgabe auf dem Wege Allahs und die Reisenden. Dies ist eine Vorschrift von Allah. Allah ist Allwissend, Allweise.“ (At-Tauba, 60)

In einer Überlieferung vom Propheten berichtete ‘Ibn ‘Abbas, einer der großen Gefährten des Propheten: „Der Gesandte Allahs sandte Mu’adh in den Jemen und wies ihn an: ‘Ruf sie auf, zu bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass ich der Gesandte Allahs bin. Wenn sie dem folgen, dann unterweise sie, dass Allah ihnen Tags wie Nachts fünf Gebete verpflichtend gemacht hat. Wenn sie dem folgen, dann lehre sie, dass Allah befohlen hat, die Zakat von ihrem Vermögen zu nehmen und diese den Armen zu geben.’“ Wie Zakat zahlen?

Auf die Einzelregelungen zur Zakat kann hier natürlich nicht erschöpfend eingegangen werden. Erwähnt werden soll aber, dass die Zakat auf finanzielles Vermögen gemäß der klassischen Rechtsauffassung eigentlich in Gold und Silber gezahlt werden muss, und nicht mit Papiergeld. Bei letzterer Zahlungsweise handelt es sich eigentlich um eine Ausnahme - eine Notlösung, angesichts der heutigen Gegebenheiten. Der Gelehrte ‘Abdalhaqq Bewley betrachtet Papiergeld gemäß seiner ursprünglichen Funktion als Schuldscheine, die keinen eigenen Wert an sich besitzen: „Die Muslime sollten das Papiergeld von der rechtlichen Perspektive der ‘Darura’ betrachten - als etwas Unangenehmes, das kein Muslim benutzen würde, es sei denn, er wird unbedingt dazu gezwungen, und ebenso als eine Sache, für die bei der ersten Gelegenheit ein Ersatz gefunden werden muss, der halal [erlaubt] ist.“ Ebenso eine Ausnahme ist es, dass Zakat individuell gegeben anstatt von einer Autorität genommen wird. Nach Auffassung von Gelehrten handelt es sich dabei nicht um die eigentlich korrekte Weise, diese Säule des Islam einzurichten, und es sollte angestrebt werden, die Voraussetzungen für eine korrekte Einnahme und Verteilung der Zakat zu schaffen.

Die gegenwärtige Praxis

Heute findet man oft, dass Muslime, die sich bemühen, ihrer Verpflichtung zur Zakat nachzukommen, ihre Zakat mit Hilfe von Broschüren und dergleichen selbst berechnen und dann beispielsweise einer muslimischen Hilfsorganisation überweisen. Einzelne dieser Organisationen bieten auf ihren Webseiten sogar eine Funktion zum Berechnen an. Ob Hilfsorganisationen nach islamischem Recht überhaupt berechtigt sind, Zakat einzunehmen, ist jedoch umstritten. Das „European Council for Fatwa and Research“, ein Gelehrtengremium unter Leitung von Dr. Yusuf Al-Qaradawi, das den Anspruch erhebt, Antworten auf rechtliche Fragen der Muslime in Europa zu beantworten, sieht dies als zulässig an, mit der Begründung, dass bei Fehlen einer zentralen Autorität der Muslime die Verpflichtung zur Entrichtung der Zakat weiter bestehe und man dieser nachkommen müsse, so gut man eben könne. Ebenso sammeln verschiedene muslimische Organisationen, etwa Verbände, denen Moscheevereine angegliedert sind, Zakat ein. Dabei darf aber natürlich die Zakat nicht etwa zum Erhalt der jeweiligen Organisation oder deren Strukturen oder Tätigkeiten verwendet werden, sondern nur an die genannten acht Kategorien von Empfängern gehen. In Deutschland sammelt etwa die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) in den mit ihnen verbundenen Moscheevereinen Zakat ein. Näheres dazu, auch über die Verteilung dieser Gelder, war leider nicht in Erfahrung zu bringen, da die Organisation auf eine entsprechende Anfrage leider nicht antwortete.

Die Zakat ist also im Grunde eine öffentliche und gemeinschaftliche Angelegenheit, keine private. ‘Abdalhaqq Bewley sagt dazu: „Die Fiqh-Bücher aller Rechtsschulen, wie auch die Bücher der muslimischen Geschichte belegen, dass die Verbindung zwischen der Verpflichtung zur Zahlung der Zakat und dem sozialen Netz der Muslime evident ist. Die zentral bestimmte Einnahme und Verteilung wird in der gesamten traditionellen Literatur als das allgemein Übliche angesehen.“ Heute hat sich jedoch der Zustand, dass Zakat selbst gegeben wird, schon so verfestigt, dass beispielsweise in dem unter türkischen Muslimen populären Islam-Handbuch „Büyük Islam Ilmihali“ von Ömer Nasuhi Bilmen auch nur noch vom „Geben“ der Zakat die Rede ist.

Lokal oder global?

Was die Verteilung der Zakat angeht, so sollte diese nach übereinstimmender Rechtsauffassung in erster Linie vor Ort, also lokal erfolgen, es sei denn, es ist nicht möglich, da es vor Ort keine der im Qur’an definierten acht Kategorien von Empfängern gibt. Dies wird auch von dem bereits erwähnten „European Council“ bestätigt, das in einer Fatwa mit Verweis auf die entsprechende Mehrheitsmeinung der Rechtschulen darauf hinweist, dass Zakat nur ins Ausland geschickt werden solle, wenn im Inland kein Bedürfnis dafür bestehe. Außerdem sollten die Muslime laut dieser Fatwa auch Teile ihrer Zakat islamischen Institutionen geben, die sich der Schaffung notwendiger Infrastruktur vor Ort verschrieben haben, obgleich diese eigentlich nicht zu den Kategorien von Zakat-Empfängern zählen. Auch den im Ausland tätigen Hilfsorganisationen ist die Priorität der Verteilung vor Ort durchaus bekannt. So heißt es in einem Info-Text zur Zakat von muslime helfen: „Die islamischen Gelehrten sind sich einig, dass die Priorität bei der eigenen Gemeinde anzusetzen ist. Sind die Bedürfnisse innerhalb der Gemeinde gestillt, kann ein Teil der Zakat anderweitig eingesetzt werden (zum Beispiel notleidende Verwandte, Menschen in Katastrophen- und Krisengebieten).“ Allerdings nimmt muslime helfen keine Zakat an. Anders Islamic Relief, die dies tun. Der Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland, Tarek Abdelalem, sagte kürzlich in einem IZ-Interview zu dieser Frage: „Grundsätzlich ist unsere Zielsetzung, Hilfe für Bedürftige im Ausland zu leisten. Aber wir müssen auch umdenken und auch hierzulande Hilfe leisten. Die Idee zu sozialen Aktivitäten in Deutschland besteht bei uns bereits seit langem. Inzwischen geht bereits 30 Prozent des von uns eingesammelten Zakat-Geldes an Bedürftige in Deutschland.“

Bei einer Einsammlung und Verteilung der Zakat vor Ort kann eine lokale Identität der Muslime entstehen, die weniger als bisher auf die Herkunftsländer bezogen ist. Die Notwendigkeit der Einsammlung und Verteilung an die im Qur'an erwähnten Kategorien von Empfängern und die Notwendigkeit, diese zu ermitteln, würde auch dazu führen, dass die Muslime sich lokal besser kennen. Die Verteilung von Zakat gewinnt nicht zuletzt angesichts des immer dünner werdenden Netzes der sozialen Sicherung eine steigende Relevanz, wie auch islamische Stiftungen, Märkte und generell wohltätige und soziale Aktivitäten in bester islamischer Tradition.

Letztlich zeigt sich gerade auch an der Zakat, wie auch in anderen Punkten, dass, um den Islam richtig zu leben, das Vorhandensein einer Gemeinschaft notwendig ist. Jedem Muslim ist daher zu empfehlen, eine solche zu suchen oder aber eine zu bilden. In einer individualisierten, vereinzelten und rein auf die Kleinfamilie beschränkten Lebensweise ist der Islam nun einmal nicht umfassend erfahrbar.
Gold und Silber erfreuen sich im religiösen ­Gebrauch immer größerer Beliebtheit. Von Zack Abdullah [02.11.2011]
Hintergrund: Zeit, die Zakat genauso ernst zu nehmen wie den Ramadan. Von Amal Abdalhakim-Douglas [12.09.2010]
Debatte: Bezahlt er Zakat? Von Khalil Breuer, Berlin [28.03.2007]
Hintergrund: Zakat - was die Menschen zusammen bringt [16.06.2005]
Hintergrund: Der Geist der Zakat [18.11.2004]
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IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehema­lige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unse­ren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifi­zierung als Sekte zu entgehen. Phänome­nologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die ­Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitima­tion anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumen­talen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter ande­rem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
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"Neues Wir-Gefühl" BERLIN. Gauck wirbt für respektvollen Dialog zwischen den Religionen. JIK besucht Bundespräsidenten (Foto: Dirk Enters).
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