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11.10.2006 Interview: "Der Islam ist sehr zugänglich"

"IZ-Begegnung" mit der ehemaligen MTV-Moderatorin Kristiane Backer über ihre Erfahrungen als Muslimin und die spirituellen Bedürfnisse unserer Zeit

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(iz)Kristiane Backer wurde 1966 in Hamburg geboren. Sie ist ehemalige Fernsehjournalistin und Moderatorin. Von 1989 bis 1995 arbeitete sie als Moderatorin bei MTV Europe und war von 1993 bis 1995 die erste Moderatorin von Bravo TV auf RTL 2. Heute moderiert sie unter anderem Geschäftspräsentationen und andere Veranstaltungen. Kristiane Backer ist praktizierende Muslimin und praktiziert Homöopathie und Yoga in London.

Islamische Zeitung: Frau Backer, Sie waren bekannte Fernsehmoderatorin und haben für MTV, NBC Europe und Bravo TV bekannte Künstler interviewt und sind beruflich in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Mit anderen Worten, Sie hatten einen Traumjob. Wie kam es, dass Sie den Islam angenommen haben?

Kristiane Backer: Ich habe auf dem Höhepunkt meiner Karriere durch Freunde den Islam kennen gelernt. Sie gaben mir Bücher zu lesen. Anfangs hatte ich die gleichen Vorurteile wie jeder andere, der seine Kenntnisse über den Islam aus Medien entnimmt. Aber als ich mir die Mühe machte, hinter diese Stereotype zu schauen, eröffnete sich mir eine faszinierende neue Welt. Das erste Buch hat mich ins Herz getroffen, es kam aus der Sufi-Literatur. Schließlich habe ich auch den Qur’an gelesen. Die Klarheit und Logik des Islams hat mich überzeugt.

Islamische Zeitung: Können Sie uns konkrete Beispiele nennen?

Kristiane Backer: Der Islam spricht die Sprache des Christentums. Nichts ist fremd, wie bei anderen Religionen. Die Elemente des Christentums sind im Islam intakt, die Basis ist die Abrahamitische Tradition. Der Islam bestätigt die gleiche Wahrheit, die alle vorhergegangen Propheten schon verkündet haben, ergänzt sie und klärt Missverständnisse auf. Deshalb wurde Muhammad im Alten sowie im Neuen Testament angekündigt. Der Qur’an wurde Stück für Stück offenbart und sofort von Muhammads Schreibern niedergeschrieben, nicht erst Jahrzehnte später. Der Prophet konnte nicht lesen oder schreiben und hat dennoch das allumfassendste, schönste Buch, das es jemals in der arabischen Sprache gab, empfangen. Das ist eins der Wunder des Qur’an. Nach dem Islam gibt es einen Gott, dem allein wir uns hingeben - genau das hat schon Abraham gepredigt. Abraham, Moses, Jesus und Muhammad sind einige der vielen Propheten, die Gott gesandt hat - Muhammed als letzten. Auch finde ich es logisch, dass Babys rein geboren werden und nicht von vornherein „sündig“ sind. Eine Erbsünde gibt es im Islam nicht. Im Qur’an steht: „Keiner trägt die Schuld eines anderen.“ (Al-Isra’, 15)

Auf jede erdenkliche Frage findet sich eine Antwort im Qur’an: Was ist der Sinn des Lebens, was passiert nach dem Tod? Welche Rolle spielt die Seele? Die Welt scheint ungerecht, gibt es dennoch Gerechtigkeit? Wissenschaftliche Fakten werden im Qur’an genau beschrieben, die im Westen erst Jahrhunderte später entdeckt wurden, wie beispielsweise, dass die Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne kreisen. Woher kam das Wissen, wenn nicht direkt von Gott?

Der Islam plädierte als einzige Religion für die Abschaffung der Sklaverei und brachte Frauen die Gleichberechtigung im 7. Jahrhundert, wie zum Beispiel das Recht, als verheiratete Frau über ihr eigenes Eigentum zu verfügen und das Wahlrecht, das Frauen in der Schweiz erst 1971 bekommen haben. Dennoch ist der Mann voll verantwortlich, die Frau und Familie allein zu ernähren. Der biblischen Aussage, dass Eva aus einer Rippe Adams geschaffen ist, entgegnet der Qur’an: „Sie sind beide aus einer Seele erschaffen“. Wenn heutzutage muslimische Frauen im Namen Gottes diskriminiert werden, dann hat das nichts mit der Religion zu tun.

Im Islam ist die körperliche Beziehung zwischen Mann und Frau übrigens nicht nur auf das Zeugen von Kindern in der Ehe begrenzt, sondern es wird als Segen angesehen, wenn der Ehemann die Hand seiner Frau nimmt und als noch größerer Segen, wenn er sie küsst und als noch größerer Segen, wenn er mit ihr schläft. Selbst die engsten Begleiter des Propheten waren oft erstaunt, wie viel Freiheit der Prophet seinen Frauen erlaubte und wie viel Respekt er für ihre Wünsche zeigte. Der Islam ist eine Religion für alle Welten und alle Zeiten. Ich verstehe ihn aus meiner Sicht - als moderne, deutsche Frau des 21. Jahrhunderts.

Islamischen Zeitung: Gab es außer der intellektuellen Überzeugung noch mehr, das Sie bewegt hat?

Kristiane Backer: Ja, die Anziehung fand auf verschiedenen Ebenen statt - der intellektuellen, spirituellen, zwischenmenschlichen und der kulturellen. Der Islam ist sehr zugänglich, und die spirituellen Instruktionen werden konkret beschrieben - wie man sich Gott nähert, seine Seele reinigt und ein besserer Mensch wird. Das wichtigste ist das tägliche Gebet. Es ist wie eine Erfrischung für die Seele und ein Anker im Himmel. Jetzt ist Ramadan, der Fastenmonat für Gott, in dem man nicht nur am Tag auf Essen und Trinken verzichtet sondern auch versucht, auf einer höheren beziehungsweise inneren Ebene zu fasten, zu vergeben, sich in Geduld zu üben und Gott zu nähern. Fasten wird in jeder Religion als Weg zu Gott praktiziert. Vielleicht wird es im Islam aktiver gelebt. Deshalb ist das Gefühl am Ende des Ramadans, nachdem man sich vier Wochen für Gott zurück genommen hat, nicht zu vergleichen mit Weihnachten oder Ostern.

Ich bin viel in der muslimischen Welt gereist und schließlich auch nach Mekka und Medina gepilgert. Der Umgang mit den Menschen dort hat mein Herz erwärmt. Die Gastfreundschaft der Muslime ist unbeschreiblich. Bitterarme Menschen, die auf Holzmatten direkt über ihren Kühen schlafen, um sich zu wärmen, haben mit mir ihre letzten Aprikosen und Walnüsse geteilt. Gott spielt eine große Rolle in ihrem Leben. Das ist auch der Grund, warum selbst sehr arme Menschen trotzdem strahlen und sich würdevoll verhalten. Ein Taxifahrer in Marokko ist Stunden lang abseits der Strecke gefahren, nur um sicher zu gehen, dass ich heil nach Hause kam. Und alle schauen auf ein höheres Ziel, nämlich Gott, und versuchen somit, Positives zur Gesellschaft beizutragen. Das hat mich beeindruckt.

Ich liebe Islamische Kunst und Musik und habe viel schöne Sufi-Literatur gelesen. Die Musik handelt meistens von Gott und dem Propheten oder von der Liebe - die Texte haben mich berührt wie kein Popsong bei MTV. Islamische Kunst und Architektur, genauso wie die Musik, ist heilige Kunst. Sie dient dazu, Gottes zu gedenken, Schönheit und Harmonie darzustellen und metaphysische Prinzipien beziehungsweise höhere Realitäten zu symbolisieren.

Auf die Frage „Was ist Islam?“ könnte man als Antwort statt auf Terroristen, für die es keine Rechtfertigung im Islam gibt, auf den Taj Mahal zeigen oder die Alhambra verweisen, denn sie sind ein direkter Ausdruck der Religion.

Die islamische Kunst arbeitet mit geometrischen Elementen, die immer auf einen zentralen Mittelpunkt zulaufen, der Gott symbolisiert, oder als Arabesken die Natur (Gottes Schöpfung pur) nachempfinden. Die Künstler dieser Meisterwerke blieben als wahre Gottesdiener anonym.

Diese heilige Kunst beeinflusst die Seele manchmal sogar sehr tiefgreifend. Eine konvertierte Engländerin erzählte mir, dass sie als Teenager mit ihren Eltern in der Blauen Moschee in Istanbul war und den Gebetsruf gehört hat. Sie war so überwältigt von der Schönheit der Architektur und des Adhans, dass es sie nicht losgelassen hat, bis sie recherchierte, was sich dahinter verbirgt und Muslimin wurde.

Islamische Zeitung: Wie hat sich Ihr Leben seit Ihrer Annahme des Islam 1995 geändert?

Kristiane Backer: Das ganze ist ein Prozess, der sich entwickelt. Ich bete inzwischen fünf Mal am Tag, fühle mich aber ständig Gott verbunden. Ich kleide mich dezent, mit langen schönen Röcken statt Mini, und trinke natürlich keinen Alkohol mehr.

Islamische Zeitung: Hatte der Islam auch einen Einfluss auf Ihren Beruf?

Kristiane Backer: Der Islam ist ein „way of life“, kein Hobby, dass man nebenher betreibt. Ich bemühte mich, nach und nach alle Aspekte meines Lebens zu integrieren. Die Popkultur passte immer weniger zu einer religiösen Weltanschauung. Ich mochte Dinge nicht mehr anmoderieren, die unseren Werten widersprechen: Zum Beispiel Filme, die Gewalt propagieren, dunkle Hardrockvideos oder Shock-Art, die Kunst mit pornographischen Elementen aufpeppt.

Als sich NBC Europe Mitte 1998 aus Europa zurückzog, habe ich mich beruflich neu orientiert. Ich moderiere Galas, baue eine Nahrungsergänzungsserie bei QVC in London auf und arbeite als Homöopathin. Ich könnte mir vorstellen, im Fernsehen entweder mit dem Thema Naturheilkunde wieder aktiv zu werden oder etwas zum Dialog der Religionen und Kulturen beizutragen. Ich denke, dass meine Position als deutsche Moderatorin, die die Werte des Islams verinnerlicht und angenommen hat, als Brücke dienen kann, den Dialog zu fördern und dem Kampf der Kulturen abzusagen.

Islamische Zeitung: Wo und wie haben Sie den Islam studiert?

Kristiane Backer: Ich habe seit vierzehn Jahren sehr viel studiert - an der London University und auch privat. Gelehrte, die mich besonders beeinflusst haben, sind Martin Lings, Dr. Seyyed Hossein Nasr, Le Gai Eaton, Annemarie Schimmel, die weltweit hochverehrte Expertin des Islam und Sufismus, Dr Zaki Badawi, Murad Hofmann, ein ehemaliger deutscher Botschafter, und Muhammad Assad, ein Österreicher, der vom Judentum zum Islam konvertierte und als Journalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung arbeitete, bevor er Bücher über den Islam schrieb und eine der besten Qur’anübersetzungen in der englischen Sprache verfasste. Einige dieser Gelehrten habe ich später regelmäßig getroffen, um ihnen Fragen zu stellen und von ihnen zu lernen. Ich habe verstanden, dass es sehr wichtig ist, zwischen der Essenz des Glaubens und dem, was kulturell bedingt ist, zu unterscheiden. Dass Frauen beispielsweise kein Auto fahren dürfen [in Saudi-Arabien], steht nirgendwo im Qur’an oder der Sunna des Propheten. Ganz im Gegenteil, Frauen sind seit jeher auf Reittieren gereist.

Islamische Zeitung: Wie haben Freunde und Verwandte reagiert? Wie gingen Ihre Kollegen aus der Fernseh-Branche mit Ihrer Entscheidung um?

Kristiane Backer: In England findet es jeder völlig in Ordnung. Es gibt hier so viele verschiedene Kulturen und Religionen, sie alle werden respektiert. Meine Kollegen haben mich unterstützt. Einmal haben wir im Ramadan gefilmt und ein Kollege hatte mir einen Snack zum Mittagessen mitgebracht, sich dann aber erinnert: „Oh entschuldige, du fastest ja, es tut mir leid.“ Sie waren alle sehr nett. Meine Eltern waren zuerst erstaunt bzw. erschrocken, aber sie sehen, dass ich glücklich bin und bemühen sich, mich zu verstehen. Meine Freunde bewundern, dass ich einen Weg für mich gefunden habe und ihn so konsequent lebe.

Islamische Zeitung: Sind Sie der Meinung, dass Religion wieder „in“ geworden ist?

Kristiane Backer: ... (lacht) ... Spiritualität ist „in“, nicht unbedingt Religion. An vielen Arbeitsplätzen gibt es inzwischen Yoga und Meditation als Ausgleich für Stress. In Österreich werden Manager in einem Kloster sogar trainiert, mit Hilfe von Spiritualität erfolgreicher Geld zu verdienen. Ich glaube, nach dem Konsumdenken der 80er Jahre ist der Durst nach Spiritualität in den 90er Jahren weltweit gewachsen. Menschen wollten mehr Tiefgang und echte Zufriedenheit empfinden, die ein neuer Mercedes oder eine Prada-Tasche einfach nicht bieten. Diese innere Zufriedenheit kann man nur in sich selbst finden. Plötzlich waren esoterische Bücher wie „Der Alchemist“ und „Gespräche mit Gott“ internationale Bestseller. Dschalaluddin Rumi, ein Poet und Philosoph aus dem 13. Jahrhundert, ist der populärste Dichter im englischsprachigen Raum. Hollywoodstars wie Madonna und Charlie Sheen haben seine Poesie gelesen und als CD herausgebracht.

Leider erreichen die Kirchen die Allgemeinheit nicht mehr; Studien zufolge glauben ja nicht mal 50 Prozent der Deutschen an Gott. Trotzdem suchen Menschen Spiritualität, das Bedürfnis ist da, die Seele zu nähren, sonst fehlt etwas. Natürlich gibt es viele Scharlatane, die diese Situation ausnutzen. Spiritualität á la carte funktioniert jedoch nicht, man kann sich nicht hier und da Rosinen herauspicken und erwarten, gesättigt zu werden. Das ist zu oberflächlich. Religion bedeutet Engagement und Selbstaufgabe. Statt wie ein Eiskunstläufer auf der Oberfläche zu bleiben, sollte man wie ein Tiefseetaucher in die Tiefen einer offenbarten Religion nach den Perlen tauchen. Durch diese Suche kommen viele über den Sufismus, die innere oder spirituelle Dimension, zum Islam. Als kleinen Appetitanreger kann ich empfehlen, Rumi zu lesen - der große Mystiker und Liebesdichter spricht zum Herzen.

Islamische Zeitung: Sie haben die Hadsch vollzogen? Was waren Ihre wichtigsten Eindrücke?

Kristiane Backer: Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das Haus Gottes in Mekka und auch den Propheten in Medina besuchen durfte. Es war ein bewegendes und lebensveränderndes Erlebnis. Das unglaublichste sind die unterschiedlichen Kulturen, die man dort trifft: Chinesen, Amerikaner, Indonesier, Sudanesen, Perser, Tadschiken, Marokkaner, Österreicher, usw. Arme und Reiche- sie alle sind vor Gott vereint. Das Gebet in Arafat mit zwei Millionen Muslimen ist sehr intensiv. Es symbolisiert den Tag des jüngsten Gerichts, an dem wir alle nackt vor Gott stehen - mit nichts als unseren guten Taten. Man bittet um Vergebung und vergibt, gedenkt der Abschlussrede Muhammads und an Abraham, der aus Gehorsam bereit war, seinen Sohn auf Arafat zu opfern. Außerdem sollen sich hier Adam und Eva getroffen haben, nachdem sie aus dem Paradies verbannt wurden. So viel heilige Geschichte allein ist überwältigend.

Die Hadsch ist natürlich auch ein großer Test, körperlich und spirituell. Man geht an die Grenzen seiner Kräfte. Wer zum Fadschr-Gebet einen Platz in der Moschee haben möchte, muss bis zu einer Stunde vorher da sein. Man lernt, im Stehen beziehungsweise Sitzen und egal wo zu schlafen - und sehr viel Geduld. Freunde von mir brauchten 30 Stunden mit dem Bus von Medina nach Mekka - und waren im spirituellen Gewand, dem Ihram gekleidet. Das heißt, keiner konnte sich aufregen oder beschweren.

Alle Hadschis husten und niesen permanent, der Hadsch-Erkältung kann keiner entgehen. Ich musste mich danach erst einmal ein paar Wochen lang erholen. Die Hadsch ist die größte Massenveranstaltung der Welt. Die Organisation ist wirklich hervorragend. Zwei Millionen Menschen reisen tagelang reibungslos und in völliger Sicherheit von einem Ort zum anderen, um die verschiedenen Rituale zu absolvieren. Das ist eine echte Leistung. Und bei der Abreise bekommt man eine Flasche Zamzam-Wasser und eine Kopie des Qur’an als Gastgeschenk.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie die Situation der Muslime in Europa und insbesondere in Deutschland?

Kristiane Backer: Warum sollte ein modernes Europa ein reine christlicher Club sein? Religion und Staat sind in Europa doch getrennt. Es gibt keine Religionspflicht. Religion ist Privatsache, aber nicht verboten. In einer freien Gesellschaft sollte sich jeder aussuchen können, welche Religion er praktiziert, ohne dafür diskriminiert zu werden. Die Muslime sind tief in unserer europäischen Geschichte verwurzelt und haben sehr viele positive Beiträge zu unserer Gesellschaft geleistet. Im 8. und 9. Jahrhundert entwickelten sie Hochzivilisationen in Südspanien, in Al-Andalus, und in Sizilien, deren wissenschaftliche und medizinische Erungenschaften beeindruckend waren. Ohne sie hätte die Renaissance nicht stattgefunden.

Früher war es schwierig herauszufinden, was sich hinter dem Islam verbarg. Die erste Qur’anübersetzung in die deutsche Sprache wurde 1772 veröffentlicht. Deshalb sah man Muslime trotz ihrer Leistungen als Bedrohung. Aber heutzutage, im Zeitalter der Reisen, Migrationen und Informationen, gibt es keine Ausrede. Jeder kann und sollte sich über andere Religionen und Kulturen informieren, sie verstehen und auch von ihnen lernen und sich inspirieren lassen. Der Qur’an sagt es sehr schön: „Wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einem einzigen Volk gemacht. Er hat euch aber verschieden geschaffen, um euch zu prüfen und zu erkennen, was ihr aus den euch offenbarten verschiedenen Rechtswegen und Glaubensrichtungen macht. Wetteifert miteinander, gute Werke zu vollbringen!“

Europa entwickelt sich zur Multikulti-Gesellschaft, daran führt kein Weg vorbei. Andersgläubige sollten wie seit jeher in Marokko oder im Osmanischen Reich und jetzt in USA oder Großbritannien respektiert und voll in die Gesellschaft mit einbezogen werden. Integration statt Assimilierung, denn letztere kann langfristig nicht funktionieren.

Islamische Zeitung: Was wünschen Sie sich, was sollte sich hier in Deutschland ändern?

Kristiane Backer: Auf der einen Seite wünsche ich mir, dass Muslime sehr gut Deutsch sprechen, um aktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Dass sie sich voll integrieren, statt sich abzukapseln. Ich wünsche mir, dass sie ihre Ausbildung genauso wichtig nehmen, wie es der Islam vorschreibt, und dass praktizierende Muslime in allen Berufssparten präsent sind, in der Politik, den Medien und den Universitäten. Ich wünsche mir, dass die Imame zum größten Teil in Deutschland aufwachsen, weil sie viel besser auf die Belange der deutschen Muslime eingehen können als Imame, die aus dem Orient eingeflogen werden. Außerdem wünsche ich mir, dass die muslimische Gemeinschaft aktiver wird. In London, wo ich lebe, gibt es jede Woche die verschiedensten muslimischen Veranstaltungen, zu denen natürlich jeder herzlich willkommen ist: Sufi-Musikkonzerte aus allen Traditionen - arabisch, indisch, türkisch, persisch etc., intellektuelle wie spirituelle Vorlesungen, Theaterstücke, Kunstausstellungen, politische Diskussionen und jede Menge Abendkurse zu allen möglichen Themen von Qur’ansuren bis zu den Vorurteilen gegen den Islam.

Das INSSAN-Festival, das ich mit meinem Mann im September in Berlin moderieren durfte, war ein fantastischer Anfang; nächstes Mal kommen hoffentlich auch viel mehr Nichtmuslime. Im Qur’an steht: „Wir haben Euch aus Mann und Frau erschaffen, und haben Euch zu Völkern und Stämmen werden lassen, damit ihr Euch kennen lernt. Der Edelste vor Gott ist der Frommste unter Euch.“ (Al-Hudschurat, 13)

Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass der Islam an Schulen unterrichtet wird, sodass Deutsche besser informiert sind über den Islam und somit ihre muslimischen Nachbarn besser verstehen und differenzieren lernen zwischen den wenigen Extremisten und der großen Mehrheit der rechtschaffenen Muslime, die gute Mitbürger sind. Es darf kein Generalverdacht herrschen, wonach jeder Muslim ein so genannter „Schläfer“ sein könnte. Diese Haltung kommt den Extremisten nur zugute.

Ich wünsche mir, dass Deutsche verstehen, dass das Kopftuch kein freiwilliger Kopfschmuck ist und auch kein Zeichen einer aggressiven politischen Haltung, sondern für viele muslimische Frauen schlicht eine religiöse Pflicht bedeutet. Nach dem Motto „Leben und leben lassen“, sollte sich in einer freien Gesellschaft jeder aussuchen dürfen, wie er sich kleidet, solange es respektvoll ist. Es kann doch nicht wahr sein, dass man in Deutschland bauchfrei und mit Piercing unterrichten darf, aber mit Kopftuch und langem Rock von der Berufsschule fliegt! In den USA und Großbritannien würden Frauen sofort auf religiöse Diskriminierung klagen und gewinnen. Auch in Deutschland sollten wir Andersgläubige mit einbeziehen, anstatt sie auszugrenzen.

Islamische Zeitung: Warum tragen Sie selbst kein Kopftuch?

Kristiane Backer: ... (Lächelt) ... Natürlich trage ich es zum Beten und in konservativen Gesellschaften, wo jeder es trägt. Aber ich habe mich entschieden, es im Westen in der Öffentlichkeit nicht zu tragen, da ich damit mehr Aufmerksamkeit erregen würde als ohne Kopftuch, und das widerspricht dem Sinn des Islams. Ich trage mein Kopftuch vor dem Herzen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Backer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte IZ-Autorin Sausen Rahal Moussa.

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