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Kommentar: Auch wenn Sarrazin vollkommen daneben liebt, müssen sich Muslime einige Fragen stellen. Von Sulaiman Wilms

Wichtiges Problem, falscher Kritiker

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(iz). Die zynischen Auslassungen des Herrenreiters (und halb-gefeuerten Bundesbankers) Thilo Sarrazin sind zu Recht auf breite Ablehnung ­gestoßen. Der ehemalige Berliner Finanzsenator hatte der enormen Unterschicht – ­unter ihr Türken, Araber und Deutsche – de facto das Existenzrecht abgesprochen. Auch wenn der Finanztechniker nicht spezifisch über Muslime sprach, sondern seine allgemeine, neoliberale Verachtung für die ­Armen insgesamt zum Ausdruck brachte, bleibt ein Restzweifel, ob er nicht bei allem deutlichen Irrtum eine ungelöste Frage ansprach. Wenn dem so ist, dann hat der fal­sche Mann das richtige Problem benannt.

Jenseits der individuellen Unappetitlichkeit belegt das breite Interesse und die über­wie­gende ­Zustim­mung auf den Beitrag zum Thema ­migran­tischer Iden­tität in der letzten IZ-Ausgabe, dass viele hier Handlungs­bedarf ­sehen. Der muslimische Forscher Dr. Rauf Ceylan hat den Begriff der „ethnischen Kolo­nien“ geprägt. ­Viele von uns (zumindest jene, die die Vermischung von muslimischer Identität mit einer nationalen Weltsicht für problematisch halten), die mit offenen Augen durch die Welt geben, haben ambivalente Erfahrungen mit Entwicklungen gemacht, die eben diese „Kolonien“ betreffen.

Bevor sich jene empören, die tatsächlich glauben, die IZ wolle Muslime „assimilieren“ (so ein Leserbriefschreiber auf unserer Webseite), möchte ich nur zwei Beispiele schildern. Ein Freund berichtete mir, dass es einer nicht-türkischen Muslimin vom Hodscha einer türkischen Moschee zwei Mal hintereinander verweigert wurde, ihr Kind zu einem Arabischkurs anzumelden. Einmal hatte er die Anmeldung sogar vor den Augen der Frau zerrissen. Auf die Frage, ob der Imam denn für sie im Falle ihres Todes das Gebet machen würde, verneinte er dies.

In einem anderen Fall haben sich nach einer gewissen Dauer der funktionierenden Zusammenarbeit die beiden größten deutsch-türkischen Moscheeverbände aus einem lokalen Zusammenschluss mehrerer muslimischer Gemeinden in einer deutschen Großstadt trotz dessen relativen Erfolgs zurückgezogen.

Ohne Frage, Sarrazin hat Unrecht. Aber die Muslime müssen sich daran erinnern, dass die Existenz in ihrem Tauhid einheitlich ver­fasst ist. Vieles was wir als Negativität auffassen, könnte auch nur eine zwangsläufige Reaktion auf unsere Zustände sein.

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