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Kommentar: Initiativen gegen FGM erreichen Erfolge. Von Tarafa Baghajati, Wien

Ist das Ende weiblicher Genitalverstümmelung für 2020 in Sicht?

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(iz). Das Thema FGM, weibliche Genitalverstümmelung, sollten wir auch über den derzeit die Nachrichten beherrschenden Meldungen über die Revolution in Tunesien und Ägypten nicht vergessen. Menschenrechte sind unteilbar und dazu gehört die Unversehrtheit des Körpers.

Noch im letzen Jahr starb ein Mädchen an der weiblichen Genitalverstümmelung. Sie wurde nur neun Jahre alt. Eine Ärztin in der ägyptischen Stadt Munufia hatte den Eingriff vorgenommen. So schmerzhaft und traurig diese Meldung ist, hat sie dazu beigetragen, dass die Diskussion um FGM und die Aufklärung darüber in den Hauptnachrichten der betroffenen Länder ihren Platz bekam, obwohl von Seiten der Familie und der Ärztin versucht wurde, die Todesursache zu vertuschen. Angesichts dieser Tendenz des Vertuschens ist nicht einmal eine Dunkelziffer noch immer verstümmelter Mädchen bekannt. Aber leider spricht vieles dafür, dass die grausamen Eingriffe noch passieren.

Ein Tabu wurde in den vergangenen Jahren in jenen afrikanischen Gesellschaften gebrochen, in denen FGM noch verbreitet ist. Die weibliche Genitalverstümmelung, über Jahrtausende praktiziert, wird in ihren dramatischen Folgen für die Gesundheit und das Wohlergehen der Frauen zunehmend offen diskutiert. Aufklärung und ehrliches Bemühen, die Bevölkerung direkt einzubinden, zeigen Erfolge. So gibt es berechtigte Hoffnung, dass in zehn Jahren das Ende dieser schädlichen Tradition gekommen ist.

Religiöse Autoritäten tragen wesentlich zu dieser positiven Entwicklung bei. Inzwischen verurteilen mehrere Fatwas (religiöse islamische Gutachten) FGM. Zu nennen sind hier die Schlusserklärung der Al Azhar Konferenz im November 2006 und die Fatwa von Scheich Yousuf Al Qaradawi vom März 2009, die eine Richtung für eine große Konferenz in Addis Abeba im April 2009 vorgaben und im Jänner 2010 die Fatwa von 34 Gelehrten in Mauretanien. Die Botschaft „FGM ist mit dem Islam nicht vereinbar“ liegt all diesen Gutachten zugrunde. Damit konnte Versuchen, eine religiöse Rechtfertigung zu finden, der Boden entzogen werden.

In Wien wurde schon 2005 Pionierarbeit geleistet. Damals referierte Scheich Adnan Ibrahim die religiöse Beweisführung. Dabei legte er besonderes Gewicht auf das Recht sexueller Erfüllung in der Ehe, das FGM im Wortsinn beschneide.

Die Organisation „Target“ von Rüdiger und Annette Nehberg aus Deutschland setzt sich zum Ziel durch die Allianz mit Muslimen den grausamen Brauch abzuschaffen. So wirkte ich als einziger Muslim aus Europa bei den afrikanischen Konferenzen und dem Besuch bei Scheich Al Qaradawi in Doha mit. Das „Goldene Buch“ versammelt die Ergebnisse und wird nun an die Moscheen in Afrika verteilt. Dabei soll jeder Imam, in dessen Gebiet der Brauch noch stattfindet, ein Exemplar als Unterstützung für die theologische Argumentation gegen FGM erhalten.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist der Weg zur Abschaffung nicht frei von Hindernissen. In der Konferenz von Addis Abeba musste ich als Konferenzleiter heftigste Diskussionen mit einigen Delegierten austragen. Ein junger sudanesischer Imam, ein äthiopischer Mufti und eine Handvoll Hardliner bestanden darauf, den Begriff „Sunna-Beschneidung“ verankert zu sehen. Da die „Sunna“ die Überlieferung vorbildlicher Handlungen des Propheten bedeutet, nach dem Koran die zweite Quelle der Religion, würde dies den Anschein erwecken, als läge in der weiblichen Beschneidung etwas „Islamisches“. Gleichzeitig betonten diese Männer ausdrücklich, dass diese von ihnen noch zu bejahende Beschneidung NICHTS mit den gängigen Formen weiblicher Beschneidung zu tun hat.

Es geht ihrer Meinung nach um die Entfernung der Klitorisvorhaut durch medizinisches Personal unter strenger medizinischer Beobachtung und unter Einhaltung der hygienischen Bedingungen. Eine Gynäkologin aus dem Sudan, Dr. Sit Al-Banat, propagiert diese Art und behauptet durch Verbreitung dieser Alternative den effizienteren Weg zur Bekämpfung von FGM gefunden zu haben. Diese Form der Beschneidung ähnelt in der Tat zu einem hohen Grad den im Westen – auch in Österreich – verbreiteten Intimoperationen (Schönheitsoperationen im Genitalbereich). Dabei werden hauptsächlich die inneren Schamlippen und mitunter die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt. Diese Eingriffe sind im Westen zwar höchst umstritten, da seelische und körperliche Folgen nicht selten sind, wie Stadt Wien und Ärztekammer in einem Konsenspapier konstatierten, von einer Verstümmelung oder gar Selbstverstümmelung spricht aber Niemand. Und gerade dieser Punkt sorgt für Kopfschütteln. Wie kann man den gleichen Eingriff in Afrika „Verstümmelung“ nennen und in den USA und Europa mit der nett klingenden Bezeichnung „Intim OP“ durchgehen lassen!

So berechtigt dieser Einwand aus ethnologischer Sicht sein mag, hilft er im Kampf gegen FGM nicht weiter. Meine Argumentationsschiene in Addis Abeba war es, dass primär einmal generell jede Art der Mädchenbeschneidung gestoppt werden müsse – radikal und ohne Schlupflöcher. Zu debattieren, was theoretisch möglich wäre, ohne medizinischen Schaden anzurichten, ist angesichts von Tausenden Opfern täglich ein zynischer Hohn. Was die jungen Mädchen heute erleben ist eine Verstümmelung. Die Klitoris selbst wird in den meistens Fällen verletzt oder komplett abgeschnitten. Dazu kommt, dass der Eingriff meist an Minderjährigen ohne jegliche Einwilligung durchgeführt wird.

Ein weiterer Stein auf dem Weg zur Abschaffung ist die Politisierung der Diskussion. Wenn manche korrupte Regierungen in Afrika Initiativen gegen FGM starten, machen sie sich nicht selten bei der Bevölkerung verdächtig, dies ausschließlich zu tun um dem „Westen“ einen Gefallen zu tun. Nach dem Motto: Wenn die diktatorische Regierung dagegen ist, dann muss etwas Gutes darin liegen… Politische Bewegungen missbrauchen das Thema, um sich von Regierungen und von religiösen Autoritäten abzugrenzen, vor allem wenn letztere den Ruf haben, längst korrumpiert zu sein. Ein Abgeordneter der Muslimbruderschaft in Ägypten wetterte damals gegen die Al Azhar Konferenz. Nun geraten aber auch die Muslimbrüder in Argumentationsnotstand, nachdem der von ihnen anerkannte Scheich Al Qaradawi sich voll auf die Seite der FGM-Gegner stellt.

Es war wunderschön zu erleben, wie in Addis Abeba trotz anfänglichen Widerstands ein Konsens der totalen Ablehnung von FGM erreicht werden konnte. Zwar müssen diese historischen Beschlüsse erstmal praktisch umgesetzt werden, aber sie geben zumindest Grund etwas optimistischer in die Zukunft zu blicken. Der Kampf gegen FGM sollte auch im Jahre 2011 mindestens in der gleichen Intensität weitergehen.

Zum Autor: Tarafa Baghajati ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, seit 2005 aktiv gegen FGM, weibliche Genitalverstümmelung, Vorstandsmitglied “Platform for Intercultural Europe PIE”, Vorstandsmitglied von EMISCO European Muslim Initiative for Social Cohesion, Imam und Gefängnisseelsorger in Wien und Mitglied des Ehrenbeirats von ENAR European Network against Racism.

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