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Offener Brief an Ahmad Mansour

Der Psychologe Dr. Ibrahim Rüschoff findet deutliche Worte für einen Artikel der „Welt"

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welt.de | Screenshot

Der muslimische Psychologe Dr. Ibrahim Rüschoff verfasst einen offenen Brief zum Artikel “Wer von Turboradikalisierung redet, hat null Ahnung”, der von Ahmad Mansour verfasst wurde und in der „Welt” erschien.

Lieber Ahmad Mansour,

ich habe schon oft daran gedacht, Dir zu schreiben, aber irgendwie war es bisher noch nicht so weit. Ich habe Sorgen, dass Du Dich zu einer Art bärtiger Necla Kelek entwickelst, die alles, was ein Muslim auf dieser Welt anstellt, auf seine Religion zurückführt. Immerhin ist es bei Dir nicht der Islam, sondern nur eine bestimmte Form…

Ich würde mich ja als muslimischer Therapeut gerne mit Dir verbünden, denn ich teile absolut Dein Bemühen, gefährdete Jugendliche zu erreichen, die sich in einem extremistischen Islamverständnis zu verlieren drohen. Bedauerlicherweise kann ich das aber nicht, weil Du so viel durcheinander bringst und ich letztlich Dein Verständnis von Islam übernehmen müsste, wenn ich mit Dir auf eine Linie kommen will.

Die Begründung des Großmufti für die Verweigerung des gemeinsamen Fotos ist schlimm, da hast Du recht. Halt eine Art Politiker mit eigenen Regeln, deswegen ist so jemand auch mit Vorsicht zu genießen. Man muss ja schließlich auch auf seinen eigenen Ruf achten! Aber was hat das mit den Muslimen in Deutschland und der Arbeit der Verbände zu tun? Glaubst Du wirklich, dass die Radikalisierung Jugendlicher von der Frage der Verbalinspiration des Koran abhängt? Oder mit der Möglichkeit zu tun hat, eine Freundin zu haben und mit ihr zu schlafen? Das hat die bisherigen Attentäter auch nicht von ihrem schlimmen Handeln abgehalten, wie man inzwischen weiß. Es ist vielleicht einfach zu verführerisch, seinem bislang verpfuschten, chaotischen Leben, abgehängt von der Mehrheitsgesellschaft, allein mit dem Ruf „Allahu akbar“ oder einem schlechten Videoclip doch noch so etwas wie eine Bedeutung zu verleihen und vom Underdog zum Staatsfeind Nr. 1 zu werden, der ein ganzes Land in Aufruhr versetzen kann.

Ich habe in meiner Praxis als Psychotherapeut seit Jahren fast ausschließlich mit praktizierenden muslimischen Patienten zu tun. Angstpädagogik, Unterordnung, Leibfeindlichkeit, Geschlechterungerechtigkeit und andere Dinge kenne ich zu Genüge. Ich kenne aber auch genauso viele traditionell fromme Muslime, die sich mit schier endloser Geduld um ihre Partner bemühen, die keineswegs lebensfeindlich und leibfeindlich sind und ihre Kinder sehr verantwortungsvoll erziehen, auch dazu, selbst nachzudenken und angemessen ihre Meinung zu äußern.

Ein konservatives oder „modernes“ Verständnis von Religion ist hier überhaupt nicht das Problem, wohl aber eine patriarchale Haltung, die mit „ausgewählten“ religiösen Argumenten unangreifbar gemacht wird. Wenn ich die Biographien eines koptischen Ägypters, eines libanesischen Drusen, eines orthodoxen Griechen, eines katholischen Sizilianers oder Andalusiers und eines muslimischen Marokkaners, alles Mittelmeeranrainer und einfache Bewohner vom Land, anonymisiere und nebeneinander stelle, ich versichere Dir, Du kannst nicht mehr sagen, wer welche Religion hat! Alle haben nahezu identische Probleme, nur finden sie bei dem einen in seinem islamisch geprägten Umfeld und beim anderen im erzkatholischen Dorfmilieu statt.

Ich weiß aus betrüblicher Erfahrung, dass es fast unmöglich ist, die Betroffenen mit islamischen Argumenten zu erreichen – sie greifen nicht, weil es eben nicht darum geht. Die Religion wird passend gemacht und steht im Dienst von Traditionserhalt und persönlicher Konfliktbewältigung und nicht umgekehrt.

Der Zentralrat der Muslime, dem ich angehöre, vertritt sicherlich keine Angstpädagogik, Sexualfeindlichkeit und Lebensfeindlichkeit, dazu kenne ich den Laden zu gut. Die Bemühungen der Verbände aber einfach zu verdammen und sie aufzufordern, ihre Positionen komplett (mindestens!) zu überdenken und ändern, schafft aber bestimmt keine Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die sinnvoll und angebracht wäre. Auch fürchte ich, dass die wenigsten aus den Kreisen, die es angeht, „Die Welt“ lesen, und sie daher von Deinen Ideen gar nichts erfahren, wohl aber alle, die es ja immer schon wussten und es jetzt endlich auch von einem Muslim hören…

Wo ich Dir aber vorbehaltlos zustimme: wer von Turboradikalisierung redet, hat null Ahnung!
In diesem Sinne und nix für ungut,

Dein
Ibrahim Rüschoff

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