IZ News Ticker

„11 Thesen“: Aiman Mazyek und Wolf Ahmed Aries im Gespräch über die die Zukunft islamischer Wissensvermittlung

Wie die islamische Lehre schützen?

Werbung

(iz). In der vorletzten Printausgabe haben wir „11 Thesen“ veröffentlicht, welche die innerislamische Debatte in Deutschland anregen sollen. Aus Gründen der Aktualität – die Debatte um die Imamausbildung und entsprechende Lehrstühle an Universitäten ist in vollem Gange – geht es in dieser Ausgabe um die These, die sich auf die islamische Lehre in Deutschland bezieht. Sie lautet: „Lehre stärken – gemeinsam unsere authentischen Gelehrten schützen und nützen, Lehre zum Selbstmord- und Zinsverbot hörbar machen. Recht vor Politik in Schutz nehmen.“

Wir sprachen darüber mit Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland und Publizist, sowie mit dem Sozialwissenschaftler, Publizisten und Hochschuldozenten Wolf Ahmad Aries.

Islamische Zeitung: Wie kann man die islamische Lehre in Deutschland stärken? Inwieweit ist dies bisher überhaupt geschehen?

Aiman Mazyek: Ich gehe von dem Grundvertrauen eines Muslims aus, dass der Ursprung der Lehre nicht angetastet wird, weil ich aus dem Glauben heraus überzeugt bin, dass Allah diese Lehre schützt. Das hält uns aber nicht davon ab, gemäß dem Hadith, dass man sein Kamel anbinden und dann auf Gott vertrauen soll, alle Anstrengungen zu unternehmen, diese Lehre nicht nur defensiv zu schützen, sondern vor allem auch zeitgemäß und real umzusetzen und zu leben. Da gibt es eine ganze Reihe von Aufgaben zu leisten hier in diesem Land, und da haben wir Muslime noch eine Menge Nachholbedarf.

Wolf Ahmad Aries: Bisher ist die islamische Lehre nur in der Tradition der jeweiligen muslimischen Gruppierungen weitergegeben worden, und nicht adaptiert in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Kontext. Das hat eine Reihe von Ursachen, die unter anderem daran liegen, dass es bisher keine universitäre islamische Ausbildung in Deutschland gibt. Ändern könnte man dies dadurch, dass man gezielt islamische Lehrstühle einrichtet, eingebettet in die universitäre Umgebung, und damit gezielt auch langfristig eine Auseinandersetzung mit der deutschen Umgebung führt.

Islamische Zeitung: Sollten Positionen des islamischen Wissens, sollte die Stimme der Gelehrten nicht auch in der Öffentlichkeit mehr zum Tragen kommen? Warum ist das bisher so selten der Fall?

Wolf Ahmad Aries: Das ist aus meiner Sicht die falsche Frage. Es ist außerordentlich schwierig, zu beurteilen, was sich zur Zeit entwickelt. De facto erleben wir folgendes – und die statistischen Untersuchungen bestätigen es: Die Muslime, die die Moscheen besuchen, regelmäßig an den Gebeten teilnehmen oder zum Freitagsgebet kommen, sind relativ wenige. Es mögen um die 20 Prozent sein, auf jeden Fall aber nicht die Mehrheit. Wenn man sich einzelne Gruppierungen anschaut, etwa die von Fethullah Gülen oder die Sufi-Tariqas, dann könnte die Zahl dort höher sein, aber wohl nicht über 50 Prozent. Daher ist zu fragen, woran sich jene Muslime denn orientieren, die selber bei Umfragen erklären, dass sie Muslime sind? Das bedeutet, diese Muslime orientieren sich vermutlich an etwas, dass sie selbst als muslimisch empfinden.

Übertragen auf die Normativität und die Situation der bisherigen Gelehrsamkeit ist dies im Grunde genommen eine Tendenz zum individuellen Idschtihad, also zu einer persönlichen Entscheidung, was man als eigene islamische Gläubigkeit definiert. Diesen Weg zu reflektieren, ist bisher nicht einmal im Ansatz gelungen; es wird schlicht abgelehnt. Weil die Tradition des Idschtihad eine ganze Reihe von Vorgaben voraussetzt, über die die einzelnen Muslime gar nicht verfügen. Daher ist die Frage, wie sie dies machen, wie man dies einordnen soll und wie man sich damit auseinandersetzen kann. Das findet zur Zeit aber nicht statt.

Aiman Mazyek: Wir haben zum einen noch immer einen starken Fokus ins Ausland, das heißt die Träger der Lehre sind meistens solche, die nicht aus diesem Land kommen, und manche meinen, dass dies so bleiben müsste. Ich bin allerdings der Meinung, dass es letztlich von der Reputation, dem Wissen und der Art und Weise wie es umgesetzt wird abhängt. Zum zweiten gibt es schon den einen oder anderen Wissenden oder gut ausgebildeten aus diesem Land, aber es fehlt die Emanzipation, dies etwas selbstbewusster zu artikulieren, weil man sehr vorsichtig ist und zum Teil vielleicht auch mangels struktureller Bindung, zum Beispiel eines institutionalisierten Gremiums, wo man gemeinsame Positionen finden kann, bleiben viele dieser Gelehrten vereinzelt und erheben nicht selbstbewusst ihre Stimme zu Themen, die uns unter den Nägeln brennen.

Ich erlebe dies jüngst an einem praktischen und aktuellen Beispiel, wobei wir zusammen mit den DFB und einigen betroffenen muslimischen Profifußballern und Clubs aus der Bundesliga der Frage nachgehen, inwieweit Einschränkungen beim Fasten zulässig sind, wenn die Saison in den Ramadan fällt. Ich habe dazu alle Verbände und einige ausgewiesene Kenner in Deutschland befragt. Über die Hälfte hat erst gar nicht geantwortet, andere sehr zaghaft. Einige haben auf den europäischen Fatwa-Rat verwiesen, was wir auch tun. Zudem werden wir dann Lehrmeinungen, zum Beispiel aus Ankara und Kairo einholen, aber schließlich sollten wir Muslime dennoch eine auf dieses Land bezogene Entscheidung treffen, diese wird uns keiner abnehmen.

Nicht zuletzt spielen mangelnde Sprachkenntnisse und Kenntnisse über Kultur und Sitten bei vielen natürlich auch nach wie vor eine Rolle, aber auch Probleme der kulturellen Übersetzung, da viele die Probleme des Landes nicht kennen, da sie nicht aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Wir können nicht Gelehrte aus anderen Ländern einfliegen und sie ihre Meinung zu hiesigen Gegebenheiten abgeben lassen, ohne dass sie die Verhältnisse hier kennen. Diese so genannten Flughafen-Fatwas lehne ich ab. Ich denke dabei auch zum Beispiel an so manche Besetzung von Schari’a-Boards im Finanzbereich.

Seitens der Verbände gab es dazu immer wieder Ansätze, dieses Thema breiter und intensiver zu diskutieren, aber ich räume ein, dass dies angesichts des Tagesgeschäfts und seines Drucks immer wieder vernachlässigt wurde; das möchte ich selbstkritisch einräumen.

Islamische Zeitung: Wie können die islamischen Grundlagen vor Einflussnahme und Deformierung seitens der Politik oder von anderer nichtmuslimischer Seite geschützt werden?

Aiman Mazyek: Ich verweise da zunächst auf meine Antwort zur ersten Frage, wonach mein Vertrauen in Gott da ist und Allah uns im Qur’an verspricht, dass die Lehre niemals in ihren Grundfesten zerstört wird. Wir sollten also da die Moschee im Dorf lassen und nicht gleich den Untergang des Abendlandes… Verzeihung, des Islams an die Wand malen. Ich sehe natürlich schon ein solches Werben um die Definitionshoheit für bestimmte Dinge; das kommt aber nicht immer aus einer feindlich gesinnten Position, sie sind manchmal auch gut gemeint oder vielleicht auch naiv, etwa aus den Kirchen, wenn diese meinen, den Muslimen aus ihrer Tradition heraus Ratschläge geben zu müssen. Aus diesen Kreisen ist einmal der Satz gefallen: „Der Islam ist viel zu wichtig, als dass wir ihn den Muslimen alleine überlassen sollten“. Diesen Satz kann man gewiss auch als Kampfansage und Einmischung in die inneren Angelegenheiten werten. Oft geht es eben auch darum, um die Definitionshoheit.

Das Ganze ist keine einfache Situation. Letztendlich müssen die Muslime ihren Weg gehen, und das Grundgesetz unterstützt sie übrigens darin. Es sagt ganz klar, dass der bekenntnisorientierte Religionsunterricht oder auch die Ausbildung von Imamen als Gelehrte, aber auch Seelsorger und Sozialarbeiter in den Gemeinden gegeben sein muss. Das sind Dinge, die ureigens von den Muslimen geprägt werden müssen, das ist gar keine Frage. Es wird aber immer wieder daran gekrittelt. Das ist aber auch kein Spezifikum der Muslime; wir erleben das auch im Kontext anderer Religionen wie Judentum und Christentum, dass Außenstehende dort hereinreden wollen.

Wolf Ahmad Aries: Solche Versuche halte ich für unsinnig. Das ist ein völlig falscher Ansatz. Das liegt daran, dass von nichtmuslimischer deutscher Seite aus theologisch gefragt wird. Die politische und religiöse Auseinandersetzung hat sich über Jahrhunderte an der Kirche, an ihrer Dogmatik und ihrer Eigengesetzlichkeit entwickelt. Jacques Derrida hat das einmal so formuliert: Wir alle sprechen unterschiedliche europäische Sprachen, aber alle diese Sprachen sind christliche Sprachen, weil sie sich an der Kirche abgearbeitet haben. Wir Muslime sind an erster Stelle keine Theologen, sondern wir sind Orthopraktiker. Frömmigkeit heißt bei uns orthodoxe Orthopraxie. Das bedeutet, dass wir fragen, ob das, was wir tun, wollen oder planen, der Rechtleitung entspricht oder nicht. Das ist nicht nur Schari’a, sondern tief in die Gläubigkeit hinein gefragt – der einzelne fragt sich, ob er am Tag der Auferstehung und Abrechnung damit vor Gott treten kann. Und diese Frage der dominanten Orthopraxie, die schari’a-gebunden ist, wird in Deutschland nicht diskutiert, sondern abgelehnt.

Islamische Zeitung: In diesem Kontext – sind Lehrstühle für Imame an deutschen Universitäten wirklich das Non plus Ultra? Besteht nicht gerade dort die Gefahr staatlicher Beeinflussung?

Wolf Ahmad Aries: Beides. Die Lehre ist frei, an die wissenschaftliche Forschung kommt niemand heran, sie ist grundgesetzlich geschützt. Eine gewisse Art von staatlicher Einflussnahme kann dadurch geschehen, dass zum einen die Lehrstuhlausschreibung in Absprache mit den Ministerien erfolgt, offiziell oder inoffiziell; und dass die Besetzung entsprechend indirekt abgesprochen wird. Das ist eine staatliche Einflussnahme, zumindest als Option. Ob das später die Forschung erreicht, daran zweifle ich, denn wie man auch an der Auseinandersetzung um die kirchlichen und die islamischen Lehrstühle sieht, kommt der Staat an die Forschung nicht heran, da ist der Lehrstuhlinhaber frei.

Aiman Mazyek: Es gibt immer Beeinflussung, aber die hat man mitunter auch, wenn Imame aus dem Ausland importiert werden. Jeder Mensch ist entsprechend seiner Biografie und Situation Einflussnahmen ausgesetzt. Auch hier warne ich davor, in Hysterie zu verfallen. Man sollte da etwas sachlicher herangehen. Die Besetzung von Lehrstühlen ist ein gutes und wichtiges Modul, aber nicht das einzige.

Die Verfassung sagt explizit, dass das Bekenntnis in der Religion nicht von Politik und Wissenschaft mandatiert werden kann. Und darauf können sich insbesondere die betroffenen Muslime immer wieder berufen.

Islamische Zeitung: Gäbe es alternative Modelle zu einer Ausbildung von Imamen in Deutschland, aber in muslimischer Regie, wie zum Beispiel in den Niederlanden die Islamische Universität Rotterdam?

Aiman Mazyek: So etwas wird ja zum Teil auch schon gemacht. Zum Beispiel bildet der VIKZ seine eigenen Imame in Deutschland aus, es gibt auch das eine oder andere Institut oder Zirkel, wo das gemacht wird. Das soll ausgebaut, gestärkt und vor allem auch wissenschaftlich fundierter arbeiten als in der Vergangenheit. Da kann es zu einem gesunden Wettstreit kommen. Es wäre auch denkbar, dass dies unter der Regie des KRM geschehen kann.

Wolf Ahmad Aries: Ich habe die Entwicklung in Rotterdam sehr intensiv verfolgt, und muss sagen, ich halte das für keine gute Lösung. Und zwar mit Blick auf die deutsche Minderheitengeschichte. Ich bin der Auffassung, dass die Islamausbildung in Deutschland in die deutschen Universitäten integriert werden muss. Wenn wir auf die Entwicklung der jüdischen Minderheit schauen, dann ist der Weg zur jüdischen Hochschule, an der große Leute gelehrt haben, eben keine Rückversicherung gewesen für die Integration unserer jüdischen Mitbürger. Ich halte es daher für dringend notwendig, dass zur Dialogfähigkeit die Integration in die Hochschulen erfolgt, und damit in den Hochschulgremien Muslime mit vertreten sind. Das ist eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen sollten; es ist dringend erforderlich, dass sie genutzt wird.

Islamische Zeitung: Welche sonstigen Ideen und Vorschläge haben Sie zum Thema dieser These?

Aiman Mazyek: Ich finde, was Prof. Bülent Ucar am Osnabrücker Lehrstuhl macht, ist ordentlich, weil er in der Perspektive einen unabhängigen Islam, einen auch vom Staat unabhängigen, favorisiert. Ich halte das für einen guten Ansatz. Es ist aber noch zu frisch, um die Arbeit dieses Lehrstuhls wirklich bewerten zu können. Man muss die ersten Absolventen abwarten.

Wolf Ahmad Aries: Ich plädiere dringend dafür, dass es einen offenen Dialog zwischen der Mehrheitsgesellschaft und ihrer muslimischen Minderheit gibt, welcher Nationalität oder Herkunft auch immer. Dieser offene Dialog kann nicht von den Innenministerien geführt werden. Es ist eine Illusion, die schon bei Napoleon I. in die Sackgasse geführt hat. Wir brauchen eine Integration in die Strukturen, die wir haben, und das heißt, dass wir in dem deutschen Diskurs anwesend sein müssen, mit einer muslimischen Stimme, so wie sie die katholische Kirche mit ihren Hirtenworten hat oder die evangelische mit ihren Denkschriften. Genau so braucht es einen entsprechenden islamischen Anteil.

Darüber hinaus müssen wir die klassische Lehre, das Studium bei einem Schaikh, schützen. Es ist die traditionelle Art, die stets eine ungeheure Freiheit des Glaubens gesichert hat. Zum Beispiel, weil es zu einzelnen lebens­praktischen Fragen unterschiedliche Sichtweisen geben kann – beispielsweise ob man Gummibärchen mit Gelatine essen darf oder nicht.

Aber diese Vielfalt hat uns doch gekennzeichnet, mit dieser Vielfalt haben wir Jahrhunderte lang gelebt. Und diese bleibt nur erhalten, wenn wir die traditionelle Ausbildung über den Schaikh unter uns in der Umma sichern. Das ist kein staatlicher Weg, aber es ist einer, der uns unsere Identität sichert.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Aries, lieber Herr Mazyek, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen