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Rainer Maria Rilke: Dichter auf der Suche

Oder das Finden von Inspirationen im Mittelmeerraum

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Foto: Fondation Rilke

Da aber als in sein Versteck der Hohe,
sofort Erkennbare: der Engel, trat,
aufrecht, der lautere und lichterlohe:
da tat er allen Anspruch ab und bat

bleiben zu dürfen der von seinen Reisen
innen verwirrte Kaufmann, der er war;
er hatte nie gelesen – und nun gar
ein solches Wort, zu viel für einen Weisen.

Der Engel aber, herrisch, wies und wies
ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,
und gab nicht nach und wollte wieder: Lies.

Da las er: so, dass sich der Engel bog.
Und war schon einer, der gelesen hatte
und konnte und gehorchte und vollzog.

Rilke, Mohammeds Berufung

(iz). Rainer Maria Rilke (1875-1926) war ein berühmter Österreicher und einer der bekanntesten deutschsprachigen Lyriker. Er wurde in Prag geboren und durchlebte ein unruhiges Leben inmitten des kulturellen Zentrums des damaligen Österreich-Ungarns. Phasen seines Lebens verbrachte er in Russland sowie Frankreich. Wie wir sehen werden, sind seine Reisen durch den Nahen Osten und daraufhin Spanien ebenso von Bedeutung.

Nach dem Jahr 1910 erlebte Rilke ein Gefühl der Unproduktivität, es fehlte ihm an Inspiration und sein Wissen stagnierte. Er erlebte eine künstlerische Paralyse. Die Jahre 1910 und 1911 verbrachte er in Nordafrika. Dort gefiel es ihm jedoch nicht, weil er das Reisen als sehr anstrengend empfand und die neuen sinnlichen Eindrücke ihm nicht die Inspiration brachten, die er sich erhofft hatte. Dennoch hatte er einen kleinen Vorgeschmack auf den Orient bekommen und ein wenig Arabisch gelernt.

Seine Reise vollzog sich durch einen Marsch von Marseille, über Algier, Tunis, Al-Kantara, Kairouan, bis hin zu Neapel. Danach ging es für ihn nach Ägypten, über den Nil nach Kairo bis nach Aswan. Auf diesem Weg lernte Rilke die klassischen Wahrzeichen Ägyptens und die Religion des Islam kennen.

Der Islam des Dichters  als „Weltreligion“
Der Dichter und Autor Rilke wurde 1910 von einer christlichen „Weltmissionskonferenz“ beeinflusst, die er in ihrem Denken als kolonialistisch-imperialistisch empfand. Darin wurde Islam als eine Religion behandelt, die bald verschwinden würde, denn fast alle muslimischen Länder waren zu dieser Zeit französische Kolonien. Der Leitgedanke der Missionare dieser Konferenz war demnach die Christianisierung der islamischen Welt. Die Überzeugung stand fest: Islam würde bald nicht mehr existieren.

Doch Rilke dachte anders. Seine ­Reisen waren für ihn eine Sammlung an neuen, tiefgehenden Erlebnissen, wie auch das Erleben neuer Sprachen und neuer Beredsamkeit. Er beschrieb die ­orientalischen Landschaften und Städte als ästhetisch-sinnliche Einheit. Am meisten beeindruckten ihn ein Museum in ­Kairo sowie der mächtige Karnak-Tempel. Für ihn waren dies unvergessliche Erfahrungen.

Bereits in seinem ersten Brief aus ­Algier, den er an seine Frau Clara schrieb, erwähnte er den Islam und beschrieb ­Algier als eine im Grunde französische Stadt, wobei ein Teil der Stadt aber durch alte türkische, maurische und arabische Häuser geprägt sei, die in sich noch das Gefühl von Tausend und einer Nacht trügen. In der Luft verspüre man den Takbir (Allahu Akbar) und die Aussage: Es gibt keine Macht außer Allah. Auf seinen Wegen durch Tunesien beschrieb Rilke Kairouan als heilige Stadt, in seinen Briefen sprach er von einer Moschee, die ihn tief beeindruckte. Rilke verspürte diese Dinge als sei er in die Zeit des Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, eingetreten. Für ihn war das Erleben einer Religion in erster Linie das Erleben des Ortes, der durch diese geprägt wurde. Die Moschee in Kairouan hatte auf Rilke den Anschein, als sei Gott in ihr und dass in der Moschee alles an seinem Platz sei. Alles füge sich in ihr – das Leben und der Tod vereinten sich. Damit deutete er auf den Friedhof nahe der Moschee hin. Er beschrieb, wie das Elementare des Islam sinnlich erfassbar sei und fügte dem hinzu, dass Islam in den Städten zu finden sei.

Der Professor Karl-Josef Kuschel erklärt, dass es bei Rilke keine christlich-eurozentrische Hochmut gegeben habe. So sagte Rilke in seinen Briefen: „Allah ist groß und nur Seine Macht liegt in der Luft dieser Stadt (Kairouan).“ Dem fügte er hinzu, dass die Einfachheit und das Leben dieser Religion faszinierend für ihn seien. So schrieb er über eben diese Stadt: „Es ist, als hätte der Prophet ­gestern noch gelebt“, denn die Stadt sei seine, sein „Königreich“.

Aber Rilke war vor allem Dichter und er hatte seine eigene Art, die Grenzen der Religion zu überwinden. In den Briefen an seine Mutter schrieb er, die Moscheen seien Gotteshäuser einer anderen Reli­gion aber des selben Gottes. Man erkenne sie an der unmittelbaren Nähe, mit ­welcher sich das Leben mit der Religion vereine. Dies sei der Ort eines großen und weisen Glaubens.

Für Professor Kuschel war Rilkes ­Denken frei von christlicher Apologetik. Die religiöse Energie der Menschen ­befasste Rilke sehr. Sie erfasste seine ganze Aufmerksamkeit. Das von ihm besuchte Land erfüllte ihn mit einer Art erstarktem Glauben. Dennoch wusste er auch, dass er ein Fremder in einer anderen Kultur war, weshalb er seinen eigenen Blick stets kritisch hinterfragte. In sich selbst erlebte er einen spirituellen Prozess. Er fühlte, wie er als Christ ein fremdes Element in dieser Gemeinschaft und bloßer Be­obachter war. Kuschel zufolge bestand Rilkes Ziel darin, etwas zu erreichen, was die europäische Literatur bis dahin nicht geschafft hatte: einen Perspektivenwechsel. Er wandelte die Überlegenheit der westlich-europäischen Literatur in eine Selbstunterwerfung, wandelte das Absolutistische in eine Selbstrelativierung, wandelte das Direkte in Distanz um und verstand: Dort, wo Islam am Leben erhalten wurde, dort blieb er auch mächtig!

Die Erkenntnis der „Einfachheit des Islam“
Professor Kuschel empfand die erste Begegnung Rilkes mit dem Islam als eine Erkenntnis der Einfachheit und des ­­Lebens des Islam. Man erkennt bei ihm einen Respekt gegenüber der Religion, aber auch eine gewisse Distanz. Für ihn war Islam ein mächtiger und gleichzeitig leidenschaftlicher Glaube. Zudem hatte er eine innere Affinität der arabischen Sprache gegenüber, so wie er sie auch für die russische Sprache empfand. In seiner Beschäftigung mit der neuen Religion hatte ihn nie sein eigener „Filter“ verlassen, durch welchen er verstand. Es ist deutlich zu erkennen, dass Rilke sich nicht für islamische Theologie, Tafsir (Auslegung des Qur’an), auch nicht für die islamische Philosophie oder die ­Schari’a interessierte. Das einzige, was ihn interessierte, war das Gefühl des ­Islam, die Kreativität des Islam.

Nach 1912 suchte er Wege, nicht nur die diesseitigen Schätze und Segen eines Glaubens zu finden, sondern das Gefühl eines Volkes und die unsichtbare Welt, die Realität des Glaubens zu entdecken.

Die Reise nach Spanien
Zur Zeit seines Besuches in Spanien hat Rainer Maria Rilke nicht nur als Reisender und Tourist, sondern vor allem als Dichter feinster Gefühle die in Kirchen umgewandelten Moscheen Cordobas begutachtet. Er fand die Gebäude nun abstoßend, nichts war mehr an seinem Platz, es sah schlichtweg falsch aus. Auch das Christentum fing an, ihm immer weniger zu gefallen, als er über die zwanghafte Veränderung der Kultur ­Cordobas reflektierte. Er kritisierte das Christentum, Islam hingegen gefiel ihm wegen seiner Lebendigkeit und seiner ­direkteren Beziehung zu Gott. Nach dieser Reise vertraute er seinen Freunden an, dass er den Qur’an las. Dieser hatte einen Einfluss auf seine literarischen ­Texte, die er ab 1914 in der Stadt Ronda schrieb. Karl Josef Kuschel zitiert hier gern die „Spanische Trilogie“ Rilkes, in der sich die qur’anischen Inspirationen deutlich zeigen. In der Stadt Ronda erzählte Rilke von Engeln im Kontext des Qur’an. Sie waren seiner Erkenntnis nach nicht nur göttliche Botschafter, sondern Wesen „dichterer Wirklichkeit“. In den „Duineser Elegien“ erzählte er von den Engeln, wie wir sie aus dem Heiligen Buch kennen. Er selbst verstand sie so wie wir sie in der islamischen Lehre anerkennen. Es scheint bisher unbekannt, woher Rilke sein Wissen um den Islam erhalten hatte, doch sind seine Duineser Elegien womöglich das deutlichste Zeugnis seiner Auseinandersetzung mit ihm und der daraus entfachten Inspiration.

Religion und Kunst
In präzisen Erläuterungen zu seinem eigenen Gottverständnis erwähnte der Dichter den Islam. Sein posthum erschienener „Brief des jungen Arbeiters“ ist in dieser Hinsicht interessant, da er in ihm das Christentum bemängelt, während er lobende Worte für den Islam findet. Natürlich war seine Perzeption dabei selektiv und gefiltert durch seine traumatischen Erlebnisse mit dem Christentum und sein Blick war geprägt durch seine kreative, poetische Natur. In den prophe­tischen Figuren wie Moses und Muhammad erkannte er Menschen, die Gott in Seiner Größe auf eine Art und Weise wahrnahmen, wie es für den Menschenverstand eigentlich unmöglich ist. Für Rilke waren dies andere Gefühlsebenen zu Gott, anders als er sie aus dem katholischen Prag seiner Kindheit kannte.

Merken wir zum Schluss noch an, dass Rilke in seinem berühmten Gedicht „Mohammeds Berufung“, welches 1907 in Paris veröffentlicht wurde, den Anfang der 96. Sure des Qur’an beschreibt, also den Beginn der Offenbarung. Hier erinnert der Dichter an den Moment, als ein Engel als Botschafter die Göttliche Offen­barung an einen Menschen überbringt und diese daraufhin sein Leben verändert. Das selbe geschieht auch mit einem Künstler, dessen gesamtes Leben sich durch ein einziges offenbartes Wort wandeln kann. Ein solcher Künstler fühlt sich berufen, diese Erkenntnis an andere Menschen weiterzugeben, jedoch kann die Botschaft von ihnen ebenso angenommen wie auch abgelehnt werden. Sie kann von einer Gesellschaft sogar als Unglück interpretiert werden. Hier vermischen sich bei Rilke der Künstler und der Prophet. Er empfand die beiden nicht als gleichartig, jedoch als mit einander verwandt und einander ähnelnd.

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Prof. Dr. Enes Karic

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