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Abdurrahman Arslan legt den Finger in eine offene Wunde. Ein Versuch von Sulaiman Wilms

Hoffnung auf das kleine Glück der Welt

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„Hinsichtlich der Lebensauffassung stellt für einen wesentlichen Großteil der Muslime der Islam an sich keinen Wert mehr dar, dafür jedoch die Welt des modernen Geistes, die eine islamische Verzierung erhalten hat. Dies ist eine ganz offensichtliche Veräußerung der Verweltlichung. Daher kann heutzutage mit Blick auf eine eigene Zukunftsprojektion nicht von einer bestimmenden Rolle zur Entwicklung einer eigenen Willenskraft der Muslime gesprochen werden. Es sind nunmehr die modernen Ideale, die das Bett des Lebensflusses der Muslime darstellen. Diese Ideale sind es, die deren Genuss, Freude, Vergnügen und Hoffnungen prägen und mit Sinn füllen. Natürlich wird der Muslim seinem Gebet nachgehen; doch nicht wenn die Zeit angebrochen ist, sondern wenn er mal Zeit dazu findet. Seine Religiosität verdichtet sich auf bestimmte Tage und Monate. […]

So sehr dies auch im ersten Moment als Religiosität aufgefasst werden dürfte, so muss man festhalten, dass dies eine neue Form der Religiosität impliziert. Denn der heutige Muslim (über)denkt den Islam und seine Taten im Rahmen der ihn umfassenden Welt der sozialen Zusammenhänge – wir können es auch das Leben bezeichnen – und kommt von diesen Zusammenhängen ausgehend zu einem (neuen) Islamverständnis. Hier liegt ein Ausschluss der Sunna als ein lebensbestimmender Faktor vor, dessen Funktion der rationalisierte Geist des Muslims einnimmt.“ (Abdurrahman Arslan)

(iz). Erkenntnis tritt auf verschiedene Weisen in unser Leben. Sie erscheint in dem Augenblick, in dem wir über bestimmte Qur’anverse nachdenken oder ein Motiv der islamischen Lehre zu verstehen suchen. Oft ist sie das Ergebnis jahrelanger Lektüre und Beschäftigung mit einem Thema. Manchmal aber nimmt sie auch die Gestalt des Schicksals in einem Augenblick an, wenn wir auf die Denkleistung Dritter gestoßen werden.

Vor kurzem veröffentlichte der Avicenna Akademikerbund das obige Zitat des türkischen Soziologen Abdurrahman Arslan auf Facebook. Es ist seiner Werksammlung (Nehri Gecerken/Beim Überqueren des Flusses) entnommen. Arslan ist laut Avicenna „ein bedeutender Soziologe, jedoch aber in der breiten Masse nicht allzu sehr bekannt. Dies liegt auch daran, dass er die Entwicklung der Muslime in der Moderne, beziehungsweise in der säkularisierten Welt kritisch sieht.“

Die Relevanz des Zitates besteht darin, dass es ein wichtiges Thema anspricht, das zwar zu den Grundfragen unserer Kondition gehört, aber beinahe von allen Segmenten des muslimischen „Diskurses“ (ein oft zu Unrecht strapazierter Begriff) entweder beiseite geschoben oder in ihr Weltbild integriert wird. Beispiele sind alltäglich. Ob es sich um „Pop-Islam“ handelt oder um die Pressemitteilungen mancher Muslimverbände, die sich entweder wie Äußerungen von Antidiskriminierungs-NGOs oder Stellungnahmen einer dezidierten Ethno-Politik lesen: Was als das Andere formuliert werden könnte, wird integriert oder ignoriert. Wohlgemerkt, es geht nicht um den extremen Rand. Dieser ist in seiner radikalen Negation wiederum fest mit dem Objekt seines Hasses verbunden.

Ironischerweise ignoriert diese Haltung das Geschick der Zeit. Viele junge Euro­päer (wie in den Protesten in Spanien oder die vielfältige Suche nach handfesten Alternativen) stellen eben längst das in Frage, in das wir uns als kollektiv so gerne integrieren möchten beziehungsweise das wir kategorisch verteufeln. Es sind diese vorgeordneten spirituellen und geistigen Schicksalsfragen, die von den Organisationen wie von der neu erfundenen „islamischen Theologie“ in ihren öffentlichen Verlautbarungen bisher mehrheitlich ignoriert wurden. In (a)sozialen Netzwerken sollte man gar nicht erst mit der Suche beginnen.

Wenn Arslan sagt „hinsichtlich der Lebensauffassung stellt für einen wesentlichen Großteil der Muslime der Islam an sich keinen Wert mehr dar“, dann dürfte er dafür die größte Kritik einstecken. Die meisten würden widersprechen – vom Hardcore-Salafisten bis zur esoterischen Liberalen. „Haben wir nicht mehr als 2.000 Gebetsräume, unzählige NGOs und Blogger, StudentInnengruppen und so weiter?“, ließe sich vielleicht fragen. Und ja, es gibt eine immer unübersichtlichere Zahl von Dingen, denen das Etikett „Islam“ angehängt wird – von Hypothekenfinanzierungen bis zu Sonderzweigen einer Subkultur. Nur sagt das noch nichts über die „Lebensauffassung“ aus, von der Arslan spricht. Unser Denken – nicht „Glauben“ oder rituelle Praxis – ist viel säkularer, als wir es uns wahrscheinlich selbst eingestehen würden.

Betrachten wir viele innermuslimische Beiträge, dann lässt sich feststellen, dass sie einerseits mehrheitlich auf das Säkulare abzielen, andererseits aber nur selten gewillt oder befähigt sind, nach den Bedeutungen der Dinge in der Welt zu suchen. Auch die dominante Denklogik kommt nur selten aus einer genuin islamischen Tradition. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht nicht um eine banale wie destruktive Aufteilung in „gute Muslime“ (die es in der islamischen Tradition als solche gar nicht gibt) und die „weniger guten“. Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass auch vermeintlich „religiöse“ davon ergriffen sind.

Abdurrahman Arslan zeigt, wohin sich seiner Meinung nach die Richtung des Denkens vieler zeitgenössischer Muslime – nach weit mehr als einem Jahrhundert der Faszination Moderne – ausgerichtet hat: „(…) dafür jedoch die Welt des modernen Geistes, die eine islamische Verzierung erhalten hat. Dies ist eine ganz offensichtliche Veräußerung der Verweltlichung.“ Wem das als zu einseitig erscheint, der sollte sich die Mühe machen, die Inhalte erstrangiger Symposien und ähnlichem anschauen, die in den letzten Jahren in unseren Breiten zum Thema „Islam“ abgehalten wurden.

Nur die Minderheit findet Ansätze, die eigenständig versuchen, die von der Moderne gestellten Fragen aus dem Bestand des islamischen Wissens heraus zu beantworten. Viel häufiger dominiert das Bestreben, muslimische Positionen einem säkularen Vorbild entsprechend umzuformen.

Ähnlich kann auch das Projekt gesehen werden, Verlockungen der kapitalistischen Warenwelt zu „islamisieren“. Von der Cola bis zum Ratenvertrag: Private wie kollektive Sehnsüchte – formuliert und generiert durch die Moderne – wurden längst von uns zum Bestand unseres religiösen Denkens gemacht. Bestehende Unterschiede – mit Kopftuch, aber ohne Alkohol – entsprechen in der Regel den Leitlinien des Marketing auf „Nischenmärkten“.

„Daher kann heutzutage mit Blick auf eine eigene Zukunftsprojektion nicht von einer bestimmenden Rolle zur Entwicklung einer eigenen Willenskraft der Muslime gesprochen werden (…)“, schreibt der türkische Soziologe. Dabei geht es beileibe nicht um die oberflächliche Diskussion „liberal“ versus „konservativ“ oder „gemäßigt“ gegen „extrem“. Abdurrahman Arslan wirft Grundfragen auf, die viel tiefer dringen, als es die üblichen Pro- und Contra-Fragen jemals vermögen. Der großen Mehrheit der offiziösen Islamprojekte ist ein ungeheurer Drang der „Integration“ zu eigen. Das geht soweit, dass vor einiger Zeit ein Lehrstuhlinhaber der „islamischen Theologie“ der Lehre seines Faches – der islamischen Kernwissenschaften – die Aufgabe der Integration zuschrieb.

Was die Mehrheit der Beiträge betrifft, so sind sie (ungeachtet ihrer Verortung auf der Skala extrem bis liberal, und zurück) vor allem als Reaktion auf eine Herausforderung zu verstehen. Das bestimmende Element aber – die „eigene Willenskraft“, von der Arslan spricht – geht bisher eher selten von Muslimen aus. Nehmen wir als Beispiel eine Pressemitteilung, die vor einigen Jahren als Stellungnahme im Rahmen des „organisierten Islam“ zur Bestimmung des Ramadan ausgegeben wurde. Das bestimmte Element darin war nicht eine – wie auch immer fragwürdige oder zu diskutierende – Darlegung der Rechtsmeinung über die Bestimmung von Anfang und Ende des Fastenmonats, sondern die Argumente „Integration“ und „Verlässlichkeit“ in Hinblick der Mehrgesellschaft. Das lässt sich auch als die Säkularisierung religiös-ritueller Handlungen und ihrer Argumente lesen.

An solchen Beispielen können wir erkennen, welche intellektuelle – und noch gewichtiger – spirituelle Richtung das Denken vieler Muslime genommen hat. Die Absicht ist auf eine als mächtig und bestimmend wahrgenommene Welt hin entworfen und liegt ihr zugrunde. Eigenständige Gedanken oder Konzepte sind nur in jenem Reservat möglich, das „Religion“ als solche heute für sich beanspruchen darf. Es ist daher auch kein Zufall, dass die jüngste Debatte (wenn man diesen brachialen Schlagabtausch denn so nennen will) zwischen muslimischen Verbänden und dem Münsteraner Dozenten Khorchide nur um „Glaubensfragen“ geführt wurde. Dass im Din des ­Islam auch alternative Lebensentwürfe angelegt sein könnten, zumindest aber ein anderes Denken, stand gar nicht zur Disposition.

„Natürlich“, räumt Arslan ein, „wird der Muslim seinem Gebet nachgehen; doch nicht wenn die Zeit angebrochen ist, sondern wenn er mal Zeit dazu findet. Seine Religiosität verdichtet sich auf bestimmte Tage und Monate“. Lassen wir den sprichwörtlichen Sinn der ersten Hälfte einmal außer Acht (obwohl auch das ein Phänomen ist, dem man heute immer wieder unterworfen ist), so wird ersichtlich, dass diese Säkularisierung der „Religiosität“ selbst ihren Stempel aufdrückt. Es ist nicht mehr das Gebet – auch eine Verbindung des Menschen mit der kosmischen Schöpfung –, welches das Leben des Menschen ordnet. Vielmehr strukturiert das heutige Leben, wie es sich Muslimen darstellt, das Ritual.

Wenn Abdurrahman Arslan davon spricht, dass „seine Religiosität“ sich auf „bestimmte Tage und Monate“ verdichtet, dann beschreibt er ziemlich genau den Übergang von spiritueller Lebensweise zu „Religion“ im landläufigen Sinne. Das ist der Moment, wenn aus der spirituellen Gegenwart, die sich natürlich auch in festgelegten Ritualen äußert, eine Anhäufung symbolischer Verrichtungen wird. Ein Beweis dafür ist die starke Betonung sekundärer Fragen wie dem Kopftuch, das beinahe schon die reale Muslimin als Repräsentantin des Weiblichen ersetzt hat, der Herkunft des konsumierten Fleisches oder von hilflosen Übersprungshandlungen wie dem Islamischen Religionsunterricht (IRU) an allgemeinbildenden Schulen.

Die Folge ist eine fortlaufende Neuinterpretation des Phänomens, das in den Augen vieler Muslime der Islam ist oder sein soll. Der Soziologe sagt dazu: „So sehr dies auch im ersten Moment als Religiosität aufgefasst werden dürfte, so muss man festhalten, dass dies eine neue Form der Religiosität impliziert.“ Damit trifft er ins Schwarze.

Paradebeispiel dieser Neudeutung im Denken und Handeln ist, wenn wir über die heutige Praxis der Zakat in der muslimischen Community nachdenken. Diese, von Allah untrennbar mit der Salat verbunden, gilt vielen – auch den Verbänden – als erweiterte, quasi verpflichtende Form der Spende oder aber – im politischen Islam – als Vehikel der Machtsteigerung. Welche zweitrangige Rolle sie bei den offiziösen Strukturen spielt, lässt sich an ihrer sekundären Darstellung auf den Webseiten der großen Verbände erkennen. Diese „neue Form der Religiosität“ – im Kontext der Zakat – wird auch ersichtlich, dass sie von humanitären Organisationen oder Hilfsvereinen als verlängerter Arm von Entwicklungshilfe präsentiert und von Spendern als solche verstanden wird.

Ähnliches lässt sich beim Ramadan erkennen. In den letzten Jahren nehmen einerseits die Sekundärargumente (Solidarität mit Armen, Erziehung des eigenen Selbst und so weiter) eine immer wichtigere Rolle ein. Andererseits bekommt diese besondere Zeit quasi einen „Lifestyle-Charakter“. In den wohlhabenderen Teilen der muslimischen Welt sind Völlerei, Preistreiberei und Konsum zu Begleiterscheinungen einer Zeit geworden, die eigentlich durch den äußeren Verzicht gekennzeichnet sein sollte.

Abdurrahman Arslans Zitat endet wie folgt: „Hier liegt ein Ausschluss der Sunna als ein lebensbestimmender Faktor vor, dessen Funktion der rationalisierte Geist des Muslims einnimmt.“ Es finden sich natürlich – und gerade – heute jede Menge Muslime, die davon überzeugt sind, nach „der Sunna“ zu leben. Und es würde ein Proseminar brauchen (‘Amal versus reiner Text), um zu klären, was mit Sunna gemeint ist.

Jenseits dessen spiegelt sich die Wahrnehmung des Soziologen beispielsweise in der Faszination vieler, die qur’anische Offenbarung durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse „beweisen“ zu wollen. Oder in der Neigung, spirituelle beziehungsweise islamrechtliche Begründungen im Sinne zeitbedingter Argumente durch ein säkularisiertes Narrativ zu ersetzen (wie beim obigen Beispiel über die Ramadanbestimmung). Diese, die Ersetzung der islamischen Essenz durch Opportunitäten des der Welt verhafteten Gestaltungswillens, verbindet das Phänomen, von dem Arslan so hellsichtig spricht, übrigens auch mit dem politischen Islam jeglicher Couleur. Beide unterwerfen die Lehre ihrer Dominanz und ihren Imperativen.

Und wo lässt uns das nun zurück?

Gewiss nicht in Verzweiflung oder Selbstisolation. Immerhin hat Allah versprochen, dass er Seinen Din bis zum Letzten Tag erhalten wird. Allerdings stellt es eine ernsthafte Herausforderung von uns heutigen Muslimen dar. Und man sollte sich daran erinnern, dass Allah im Qur’an erklärt, dass Er Seine Zeichen austauschen kann.

Was wir brauchen können, sind geschützte Zonen einer muslimischen Zivilgesellschaft (die offenkundig nicht von den Verbänden des „organisierten Islam“ initiiert werden kann); und in denen wir uns a.) an spirituelle und geistige Grundfragen erinnern und b.) diese jenseits der Mikrofone, Presseerklärungen und Förderprogramme ergebnisoffen diskutieren und reflektieren können.

Die größte Not in dieser Hinsicht ist ja nicht, dass es uns materiell so schlecht gehen würde, sondern dass wir uns unserer spirituellen Grundherausforderungen nicht bewusst sind.

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