IZ News Ticker

Afghanistan und die Rhetorik des Krieges. Interview mit dem Publizisten und geopolitischen Beobachter Parvez Asad Sheikh

Vernebelte Kriegsrhetorik

Werbung

(iz) Zwischen Propaganda, Medienpolitik und Geheimdiensten bewegten sich die Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente durch das Netzwerk Wikileaks. Bisher kam es aber kaum zu neuen Erklärungsmustern für den anhaltenden Krieg in Afghanistan. Wir sprachen dazu mit dem Südafrikaner Parvez Asad Sheikh. Sheikh ist Absolvent des Dallas College und publiziert zu regionalen und geopolitischen Fragen.

Islamische Zeitung: Die enorme Datenmenge der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente macht es für den Einzelnen unmöglich, sich ein Bild von der wirklichen Lage in Afghanistan zu bilden…

Parvez Asad Sheikh: Afghanistan ist in die Rhetorik des „Krieges gegen den Terror“ gehüllt. Beginnt man mit einer Analyse der Lage, indem man dem bestehenden Narrativ als einem Kompass folgt, dann ist es unmöglich, ein Verständnis der „wirklichen Lage“ zu erzielen. Die Fähigkeit zum Verständnis der Ereignisse benötigt zuerst eine passende Hypothese. Sobald dieses Modell begründet wurde, finden die Unmengen er Daten unausweichlich ihren angemessenen Ort.

Der Krieg in Afghanistan und der „Krieg gegen den Terror“ dreht sich nicht um Terrorismus oder Taliban. Er ist die Folge der politischen und ökonomischen Funktionsweise der US-Hegemonie. Die neokonservative Bewegung, die während der Bush-Regierung die politischen Zügel in der Hand hatte, begann ihr umfangreiches Experiment zur gewaltsamen Etablierung des amerikanischen Regierungs- und Finanzmodells in jenen Regionen, in denen vorangegangene Regierungen pragmatisch vorgingen.

Seit der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs profitieren die finanziellen Mechanismen der [amerikanischen] Union von Krieg. Die massiven US-Bundesausgaben, die durch den Krieg bewirkt wurden, sollten der stagnierenden US-Wirtschaft helfen. Geopolitisch betrachtet benötigen die Vereinigten Staaten eine Anwesenheit in den Regionen Zentral- und Südasiens. Ihr Ziel ist die Sicherung des Zugangs zum enormen natürlichen Reichtum und die Nähe zu den wichtigsten Handelswegen. Aber auch, um ihre siamesischen Zwillinge China und – in geringeren Maße – Russland in Schach zu halten.

Islamische Zeitung: Es gibt – anders als im Fall Vietnam – kaum wirklichen Druck auf westliche Politiker, ihren Kriegskurs zu ändern. Warum?

Parvez Asad Sheikh: Die Wahl Barack Obamas war das kathartische Ereignis, das den ursprünglichen Drang gegen den Krieg absorbierte. Obama erklärte, dass er sich auf die Beendigung des Krieges in Afghanistan als Teil des Wahlversprechens konzentrieren werde. Bisher wartet die amerikanische Öffentlichkeit, die gegen diesen Krieg ist, auf die Einlösung dieses Versprechens.

Dieses Bevölkerungssegment jedoch stellt nicht die Mehrheit dar und wir müssen die wichtige Rolle anerkennen, die Medien in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung spielen. Obama muss eine Abzugsstrategie definieren. Eine Massenbewegung gegen den Krieg könntn bei der Schaffung einer politischen Atmosphäre helfen, die notwendig für einen Kompromiss ist. Dieser widerspräche einem nicht zu kalkulierenden und nicht zu erwartendem Sieg in Afghanistan.

Sollten sich Medien für ein Agieren entscheiden, dann könnten wir einen größeren innenpolitischen amerikanischen Druck in Richtung eines Kriegsendes beobachten. Der jüngst im Magazin „Rolling Stone“ veröffentlichte Artikel, der zur Entlassung des Generals Stanley McChristal führte, ist ein Beispiel dafür, wie ein Kompromiss durch Medien erzwungen werden kann. Obama war auf dessen Verschwinden angewiesen. McChrystal wollte gehen. Der Autor bekam einen Pullitzer und jeder hat gewonnen. Der Krieg in Afghanistan nützt den USA weder politisch noch wirtschaftlich. Bald wird Druck zu seiner Beendigung notwendig werden.

Islamische Zeitung: Wird es zu Konsequenzen gegen die in den Wikileaks-Enthüllungen erwähnten Killerkommandos in Afghanistan kommen?

Parvez Asad Sheikh: Die Taliban haben jüngst einer Zusammenarbeit mit Menschenrechtsorganisation zugestimmt, ungerechtfertigte Handlungen westlicher Kräfte zu untersuchen. Hinzu kommen – wesentlich verheerender – die hohen Opferzahlen unter Zivilpersonen, die durch die Angriffe der Drohnen verursacht wurden. Sollte es als Ergebnis solcher Untersuchungen zu einer Strafverfolgung kommen, dann müsste sie Teil einer Medienkampagne sein, eine derartige Atmosphäre zu schaffen, die einem Abzug aus dem afghanischen Sumpf helfen würde.

Diese Kommandos [namentlich das in den veröffentlichten Berichten bezeichnete TF 373] operieren jenseits des internationalen Recht und sollten sie strafverfolgt werden, käme es zu einem Schauprozess.

Islamische Zeitung: Wie ist es um den ausländischen Einfluss in Afghanistan, namentlich Iran und Pakistan, bestellt?

Parvez Asad Sheikh: Einer der fundamentalen Fehler, der von Massenmedien begangen wird, ist die grobe Verallgemeinerung in Sachen Islam. Die Mehrheit der Afghanen folgen dem Mehrheitsislam und so ist der iranische Einfluss in der Region alles andere als willkommen. Der einzige bekannte Vorläufer eines iranischen Einflusses in Afghanistan war die Unterstützung Teherans für die Nordallianz, die teilweise aus den schiitischen Hazara-Stämmen in Nordafghanistan bestand. Eine Kooperation mit dem Iran, genauso wie eine mit Indien, mag im Interesse des Karzai-Regimes sein, sie wäre aber für die afghanische Bevölkerung nur schwer verdaulich.

Islamische Zeitung: Gibt es ein aktives Interesse an der Diskreditierung der pakistanischen Regierung, um eine härtere Haltung gegenüber diesem muslimischen Land begründen zu können?

Parvez Asad Sheikh: Von Anbeginn des Afghanistankrieges übten die USA Druck auf Pakistan auf, eine härtere Haltung einzunehmen. Tatsache ist, dass, als Präsident Obama Pakistan und Afghanistan in der berüchtigten Vokabel „Afpak“ zusammenfasste, der Konflikt ebenso zu einem Pakistankrieg wurde. Die USA brauchen nun einen Sündenbock, der als Erklärung dafür herhalten muss, um seinen Rückzug von dieser Kriegsarena zu begründen. Derart erklärt sich der heute auf Pakistan ausgeübte Druck wie auch dessen Ausmaß.

Im letzten Jahr, als eine Zunahme der amerikanischen Truppenpräsenz – als Teil von Obamas Plan – notwendig wurde, übten die USA Druck auf Pakistan mit der Begründung aus, sein Atomwaffenarsenal sei bedroht. Jene Aggressivität gegenüber Pakistan ist ein strategische Element des innenpolitischen Diskurses der USA, der den Position der USA in Afghanistan ermöglichen soll.

Islamische Zeitung: Wie kann dieser Krieg, der bereits heute länger als der Zweite Weltkrieg anhält, produktiv beendet werden?

Parvez Asad Sheikh: Die USA müssen eine Einigung mit der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit aushandeln. Der einzige Weg, auf dem Amerika eine Rückzugsstrategie finden kann ist ein wie auch immer gearteter Kompromiss mit dem Taliban. Dieser würde die Unterstützung der Taliban für die amerikanischen geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA im Austausch für einen amerikanischen Abzug sichern. Das gegenwärtige Modell der Unterstützung für die Regierung Karzai würde keine Sekunde überleben, wenn die USA unter den Augen der Paschthunen abziehen. Dann würde sich die Lage nur weiter verschlimmern.

Pakistan ist das einzige Land, das eine derartige Einigung vermitteln könnte. Deshalb sollten die Amerikaner Pakistan als entscheidenden Moderator auf dem Weg zu einem ehrenhaften Rückzug betrachten. Washington muss sein geopolitische Methode neu bewerten. Islamabad kann bei der Schaffung einer Situation helfen, die es ermöglicht, Amerikas Rückzug aus Afghanistan von einem Akt des geopolitischen Selbstmords in eine Möglichkeit für eine zukünftige Neubewertung zu verwandeln.

Islamische Zeitung: Lieber Parvez Asad Sheikh, vielen Dank für das Interview.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen