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Aktuelle Debatte: Was bedeutet der Moscheebau für Duisburg? Von Yasin Alder, Bonn

Positive Potenziale

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(iz). In Duisburg wurde vor kurzem die bisher größte Moschee Deutschlands eröffnet. Die Moschee gehört der Organisation DITIB an, die dem türkischen Religionsministerium verbunden ist. Der Standort der Moschee liegt aber nicht inmitten der Stadt oder an einem zentralen, gut sichtbaren Stand­ort, sondern im etwas außerhalb gelegenen Stadtteil Marxloh, einem alten Arbeiterstadtteil mit hohem Anteil muslimischer Migranten. Die neue Moschee in Duisburg-Marxloh hat große Beachtung gefunden, nicht nur wegen ihrer Größe, sondern auch, weil ihr Bau relativ konfliktfrei verlief – anders als viele andere Moscheebauprojekte. Welche Auswirkungen könnte der Bau der Moschee auf Duisburg und insbesondere Marxloh haben, und welche positiven Potenziale bietet die Präsenz der muslimischen Bevölkerung für den Stadtteil?

Seit der Eröffnung der neuen Moschee kommen täglich viele nichtmuslimische Besucher und Besuchergruppen, um sie zu besichtigen und sich zu informieren – das Interesse ist sehr groß.

Der Duisburger Sozialwissenschaftler Dr. Rauf Ceylan, der 2006 eine viel beachtete Dissertation über Ethnische Kolonien am Beispiel eines ähnlichen Stadtteils veröffentlicht hat, sieht die Moschee trotz ihrer nicht ganz repräsentativen Lage dennoch gut platziert, denn Moscheen müssten eben dort gebaut werden, wo Muslime auch konzentriert leben, sie müssten räumlich nah und gut erreichbar sein. „Es sind zahlreiche positive Effekte des Moscheebaus erkennbar, schon seit dem Baubeginn“, meint Ceylan. „Der Stadtteil wird nun erstmals in einem ganz anderen Licht dargestellt, nicht mehr nur negativ, die Moschee wertet das Image des Stadtteils auf.“ Positiv sieht Ceylan auch, dass die Moschee mehrere Funktionen in sich vereint und neben dem Gebetsraum auch „ein Bistro, Seminarräume, eine Küche und die Begegnungsstätte enthält, in der auch Veranstaltungen stattfinden sollen.“ Die Moschee kooperiere bereits mit anderen lokalen Akteuren und mit der kommunalen Verwaltung, und beantrage Projektgelder für verschiedene Maßnahmen.

Als einen positiven Aspekt des Stadtteils Marxloh sieht Ceylan zum Beispiel die ethnische Ökonomie. Eine florierende Branche ist dabei Hochzeits­kleidung, für die Kunden aus ganz Deutschland, zum Teil sogar aus den Niederlanden und Belgien, in den Stadtteil kommen. Aus dem früheren Ar­beiterstadtteil Marxloh wurde zwar mit der Zeit ein Arbeitlosenstadtteil mit rund 20 Prozent Arbeitslosigkeit, insbe­sondere unter Jugendlichen, was ein großes ­Problem darstellt. Durch die – vor allem muslimische – Migrantenbevölkerung gebe es jedoch soziales Kapital, so ­Ceylan.

„Die Migranten haben hier Freiräume, sich kulturell und sozial darzustellen, was sie in anderen Stadtteilen nicht können.“ Die Probleme solcher Stadtteile rührten nicht aus der Präsenz der Migranten her, sondern es sei vielmehr die Arbeitslosigkeit oder auch die geringere Qualität der Schulen in solchen Stadtteilen. In dem Stadtteil haben rund 60 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Die Bewohner mit türkischem Hintergrund besitzen einen Großteil der Infrastruktur, welche wiederum auch türkische Bewohner anderer Stadtteile anzieht. „Sie sind oft sehr risikobereit, aber nicht immer mit ausreichend Geschäftssinn ausgestattet, deswegen gibt es auch eine hohe Fluktuation bei Geschäften.“ Neben den typischen, klassischen ethnischen Branchen gebe es aber auch zunehmend muslimische Anwälte, Ärzte und andere Akademiker, die auch viele Arbeitsplätze schaffen und somit einen Wirtschaftsfaktor darstellen, berichtet Dr. Rauf Ceylan. Auch im Zentrum Duisburgs sind viele Geschäfte mittlerweile in der Hand türkischstämmiger Besitzer, auch wenn dies von Außen gar nicht zu erkennen ist, und sie stellen auch Arbeitsplätze für Angehörige der Mehrheitsbevölkerung. Viele gerade aus der ersten Generation lebten bewusst in dem Stadtteil, haben teilweise Wohneigentum erworben, sodass auch viele aus der zweiten Generation dort blieben.

Natürliche gibt es auch Aufsteiger, die aus dem Viertel wegziehen. „Es gibt aber auch Angehörige der deutschen Mehrheitsbevölkerung, die bewusst in Marxloh leben, weil sie multikulturell leben wollen, zum Beispiel Akademiker.“ Offen sichtbare Konflikte im Zusammenleben gebe es nicht, der Alltag laufe konfliktfrei, und die Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen sind nicht undurchlässig. In Marxloh gibt es auch einen institutionalisierten Runden Tisch, an dem Bürger teilnehmen können.

„Migration bedeutet immer soziale, kulturelle und auch ökonomische Innovation“, sagt der Sozialwissenschaftler. „Migranten haben geholfen, den Verfallsprozess solcher Stadtteile nicht nur zu stoppen, sondern sie haben diesen Stadtteilen auch neues Leben eingehaucht. Und da wir in Duisburg über 35 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund haben, wird dies künftig auch auf Ebene der gesamten Stadt so sein.“ Die Bedeutung der Moscheen, so Ceylan, sei bisher seitens der deutschen Politik verkannt, ja eher skandalisiert worden. „Moscheen sind heute auch soziale Zentren mit vielseitigen Aktivitäten, die auch eine junge, oft gut ausgebildete Generation junger Menschen hervorgebracht hat.“ Die bisher noch vorhandene Aufspaltung vor allem der türkischstämmigen Muslime in verschiedene Strömungen und die Abgrenzung von nichttürkischen Muslimen, die auch Ceylan kritisch bewertet, wird – wie die ethnische Aufspaltung der Muslime in Deutschland generell – im Zuge dieses Generationswechsels, so ist zu erwarten, immer mehr abnehmen.

Mit den Zuständen, wie sie etwa in den Banlieues in Frankreich zu finden sind, könne man die ethnischen Kolonien in deutschen Städten aber überhaupt nicht vergleichen, so Dr. Rauf Ceylan. Die Wohnqualität in den deutschen Vierteln sei viel besser, die Probleme weniger stark ausgeprägt. „Wir haben in Deutschland keine Ghettos. Ein amerikanischer Journalist, mit dem ich in Marxloh besucht habe, war total perplex, als ich ihm sagte, dass dieser Stadtteil in Duisburg auch als Ghetto bezeichnet wird. Er meinte, wenn er in Duisburg wohnen würde, dann hier, denn hier sei es weniger langweilig als in anderen Stadtteilen, es sei bunt und lebendig.“ Die Armut sei zwar hoch, türkische Obdachlose sehe man jedoch nicht, weil die Familien dies auffangen. „Das soziale Kapital ist sehr wichtig, das wird oft unterschätzt. Man hilft sich gegenseitig. So wird Armut viel besser aufgefangen“, so der Sozialwissenschaftler.

„Die Iftar-Zelte, die aus der islamischen Tradition bekannt sind, sollten wieder für die Allgemeinheit da sein und nicht nur Treffpunkte für Eliten sein, wie es mittlerweile ist“, schlägt Dr. Rauf Ceylan konkret vor, auch andere Angebote wie eine Armenküche oder kostenlose Hausaufgabenhilfe auch für nichtmuslimische Angebote könnten mögliche Angebote an die Gesamtgesellschaft sein. Dies könnte auch durch Zakat oder Spendengelder getragen werden.

Der erkennbare Zerfall der urbanen Kultur und des sozialen Zusammenhalts in europäischen Städten bietet den muslimischen Minderheiten viele Chancen. Sie haben bereits jetzt viele Möglichkeiten, positive Angebote für die Gesellschaft zu etablieren, es bedarf allerdings dazu eines Bewusstseinswandels, der gerade erst begonnen hat.

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