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Al-Ghazali über den Charakter

Der große Imam erinnert uns daran, dass eine Verbesserung der inneren Wesenszüge nötig und möglich ist

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Imam Al-Ghazali mag vor über 900 Jahren gelebt haben. Aber im ­wahren Geist des Islam sind sein Werk, seine Analyse und Gedanken heute genauso relevant, wie es war, als der Gelehrte darauf wartete, dass die Tinte auf dem Papier trocknete. Wir mögen von uns glauben, dass wir im Laufe der Jahrhunderte fortgeschritten seien, während sich die Welt um uns veränderte. Im Wesentlichen aber sind wir die ­gleichen wie unsere Vorfahren. Wir ­haben vergleichbare Hände und Füße, Augen und Ohren, ein Herz, Lungen, einen Verstand und eine Seele.

Al-Ghazalis Analyse der Leute und ­ihrer Gesellschaft basiert auf dem Qur’an, den Hadithen und der muslimischen ­Geschichte. Seine Fähigkeit zur Herunterbrechung komplexer Informationen und Vorstellungen über unser eigent­liches Wesen macht seine Bücher zu ­einem starken Werkzeug, deren Lektüre atemberaubend ist.

Über das grundlegende Thema des ­persönlichen Charakters schrieb der Imam: „Güte des Charakters war die Eigenschaft des Meisters der Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Und sie ist die Frucht der Gottesfürchtigen und Selbstdisziplinierten unter den Leuten der dauerhaften Anbetung. Schlechter Charakter ist ein tödliches Gift, das eine Distanz zwischen den Menschen schafft (…) und ihn dazu veranlasst, dem Weg des verfluchten Schaitan zu folgen. Schlechte Eigenschaften sind die eigentliche Krankheit des ­Herzens und der Seele. Sie stellen eine Störung dar, die dem Menschen das ­­ewige Leben vorenthalten. Es wird berichtet, dass dem Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, einmal gesagt wurde, dass eine bestimmte Frau tagsüber fastete und die ganze Nacht betete, aber einen schlechten Charakter besaß. Sie verletzte ihre Nachbarn mit Worten. „In ihr liegt nichts Gutes“, sagte er. „Sie gehört zu den Leuten der Hölle.“ Es wird auch berichtet, dass der letzte von Allahs Propheten sagte: „Ihr werdet nicht in der Lage sein, allen mit eurem Wohlstand Genüge zu tun. Es genügt daher, ihnen mit einem fröhlichen ­Gesicht und einem guten Charakter zu begegnen.“ Was ist also guter Charakter? Auf seiner Suche nach einer Antwort wandte sich Al-Ghazali vielen Hadithen zu. Darunter gehörte auch dieses: „Einmal fragte ein Mann den Gesandten ­Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, nach Charakter. Und er trug seine Antwort vor: ‘Halte fest an Vergebung, gebiete dir Freundlichkeit und wende dich von den Unwissenden ab.’ Dann sagte er, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: ‘Er besteht darin, dass du Versöhnung mit jenen suchst, die dich meiden, dass du denen gibst, die dir vorenthalten, und jenen vergibst, die dich ungerecht behandeln.’“

Imam Al-Ghazali schrieb über diese Eigenschaften: „Daher gibt es vier grundlegende gute Charaktereigenschaften: Weisheit, Mut, Mäßigung und Gerechtigkeit. Mit ‘Weisheit’ meinen wir einen Seelenzustand, durch den das Wahre vom Falschen geschieden wird. Mit ­’Gerechtigkeit’ meinen wir einen ­Zustand der Seele, durch den sie ihre Wut und Sehnsüchte kontrolliert. ‘Mut’ ist die unüberwindbare Eigenschaft des Verstandes, während ‘Mäßigung’ die ­Disziplinierung durch den Intellekt und das Gesetz meint.

Aus dem Gleichgewicht dieser vier Prinzipien folgen alle Züge unseres ­Charakters. Ist der Verstand ausge­glichen, führt das zu Besonnenheit, Exzellenz und einem Verständnis der feinen Folgen von Handlungen sowie der ­versteckten Makel der Seele. Ist er übermäßig unausgeglichen, dann folgen ­Verschlagenheit, Schwindeln, Täuschung und Durchtriebenheit. Der balancierte Mut ermöglicht den Aufstieg von ­Edelmut, Ausdauer, Würde und der ­Unterdrückung von Wut. Ist er durcheinander geraten, ermöglicht die gleiche Eigenschaft Rücksichtslosigkeit, Arroganz, Hochmut, Stolz und Neigung zu schnellem Ärger. Mäßigung ist eine ­Eigenschaft, die Großzügigkeit, Anstand, Geduld und Duldsamkeit hervorbringt. Zu viel von ihr führt zu Geiz, Habgier, Prahlerei und Unmoral.

Alle menschlichen Eigenschaften ­stellen Zweifel von Weisheit, Mut, Mäßigung und Gerechtigkeit dar. Und ein vollkommenes Gleichgewicht dieser vier wurde von niemandem als dem Gesandten Allahs erreicht, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden geben. Andere Menschen befinden sich in verschiedenen Abstufungen der Nähe und Entfernung dazu.“

Obwohl Imam Al-Ghazali die ver­schiedenen Aspekte des Charakters identifiziert, zieht er auch die Entschuldigungen in Betracht, mit denen Menschen keinen guten Charakter annehmen und ihre Eigenschaften nicht ändern. Er geht dieses Thema direkt an.

„Wisse, dass der Mann, der von ­Faulheit dominiert wird, jeden spirituellen Kampf und jede Disziplin als ­unangenehm betrachten wird – oder jede Reinigung der Seele und charakterliche Verfeinerung. Er wird behaupten, die ­Eigenschaften eines Menschen könnten nicht verändert werden und dass das ­Wesen des Menschen unveränderlich ist. Erstens, wird er sagen, dass Charakter auf die gleiche Art und Weise die Form des Inneren ist, wie die geschaffene ­Gestalt die Form des Äußeren ist. ­Niemand sei in der Lage, seine äußere Erscheinung zu wandeln. (…) Zweitens, wird er behaupten, dass charakterliche Güte aus der Unterdrückung des ­Verlangens und der Wut folgt. Er habe das durch einen langen, inneren Kampf ausprobiert, was ihm gezeigt habe, dass dies Dinge der eigenen Konstitution und Natur seien. Daher sei solch ein Streben nutzlos und Zeitverschwendung.

Zu solchen Einwänden würden wir ­sagen: Wären diese Wesenszüge nicht empfänglich für Wandel, dann wären Ratschläge, Ansprachen und Disziplin wertlos. Und dann hätten die Propheten, Allahs Frieden auf ihnen, nicht gesagt: ‘Verbessert euren Charakter!’ Es ist möglich, das eigene Wesen zu ändern, sogar bei Tieren. Ein Falke kann von Wildheit zu Zahmheit wandeln. Und ein Hund, der zuvor bloß gierig nach Nahrung war, kann gutes Verhalten und Zurückhaltung lernen. All das stellt eine Wesensveränderung dar.“

Der Imam informiert uns praktisch, dass bestimmte menschliche Züge wie Ärger und Verlangen nicht voll­ständig unterdrückt oder beherrscht ­werden können. Aber wir können sie durch Selbstdisziplin und Kampf gefügig und unterwürfig machen. Er sagt, wir müssen uns bemühen, diese Eigenschaften zu kontrollieren, weil „es uns geboten wurde, denn es ist das Mittel unserer ­Errettung und unseres Kommens zu Gott“.

Er glaubt jedoch, dass wir geschwächt seien, wenn es um den Umgang mit unserem Selbst geht. Denn wir „stürzten uns in die Sehnsüchte der Welt und fielen in einen Schlummer“. Das war seine Sicht auf Muslime vor 900 Jahren. Seitdem erlebten wir den Aufstieg und Fall muslimischer Reiche. Forscher und Denker leisteten führende Beiträge durch ihr Wissen und der Islam fand seinen Weg in weitere Teile unseres Globus.

Es ist offensichtlich, dass Al-Ghazali die schwer fassbaren Wurzeln eines weit verbreiteten Problems vor Jahrhunderten identifizieren konnte, bevor es in der ­heutigen Form Wurzeln schlagen würde. Die Welt mag eine ganz ‚andere sein als vor hunderten Jahren. Aber unsere ­persönlichen Herausforderungen und Ablenkungen sind in uns eingeschlossen und warten immer noch darauf, herausgefordert zu werden – mit Hilfe der ­Bücher, die wir glücklicherweise immer noch haben.

Die Auszüge des Imams sind der englischen Übersetzung des 12. und 13. Buches von Al-Ghazalis „Ihy ‘Ulum Ad-Din“ entnommen.

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