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Alexanders Schicksal

Wer durchschlägt den Knoten, der unsere komplexen Herausforderungen symbolisiert?

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Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei

(iz). Als Alexander von Europa nach Asien übersetzte, machte er zuerst in Troja halt; genauer gesagt, am Grab von Achilles. Er, so schreibt Dr. Ian Dallas: „Sah sich selbst als ein Ereignis, das für ihn, nicht für Griechenland, sein Schicksal auslebt. In ihm kehren wir zum Bild eines Mannes zurück, der von nichts abhängig ist.“

Danach, auf dem Weg nach Osten, zog er in die Stadt Gordion ein. Dort wurde ihm gesagt, dass ein Orakel prophezeite: Derjenige könne Asien beherrschen, der den ausgefeilten Gordischen Knoten auflösen könnte. Die durchdachten und labyrinthischen Knoten hatten die großen Köpfe der damaligen Zeit verblüfft. Sie stehen symbolisch für Probleme, mit denen ganze Gesellschaften konfrontiert sind. Bleiben sie ungelöst, drohen sozialer Schwund, Verfall und/oder Tod. Im Versuch, zivilgesellschaftliche Themen anzusprechen, rahmten Denker eine bestimmte Frage unterschiedlich ein.

Vor rund 2.000 Jahren formulierte Plutarch beispielsweise eine philosophische Frage, die als „Das Schiff von Theseus“ bekannt wurde. Plutarch fragte: Theseus war auf einer Schiffsreise. Während dieser ersetzte er die Planken seines Schiffes Stück für Stück mit jenen, die er in seinem Lagerraum hatte. Als er sein Ziel erreicht, sind alle ursprünglichen Planken ersetzt worden. Ist nun das „renovierte“ Schiff, auf dem Theseus ankam, das gleiche, mit dem er aufbrach?

Zwei Antworten wurden darauf gegeben. Einige argumentieren, dass dieses Schiff ein unterschiedliches ist. Dieses Argument wird als die mereologische Theorie der Existenz bezeichnet. Nach ihm ist die Identität einer Sache die Summe ihrer Teile. Verändern sich die Teile, verändert sich das Ding.

Dann gibt es jene, die der Ansicht sind, dass Theseus mit dem gleichen Schiff ankam, mit dem er abreiste. Dieses Argument wird als die raumzeitliche Kontinuität bezeichnet. Laut diesem kann ein Objekt seine Identität behalten, solange der Wandel graduell ist und seine Form trotz Veränderungen an seinem zusammengesetzten Original bewahrt bleibt.

Diese philosophische Frage reicht in aktuelle hinein. So übernimmt die Transgender-Bewegung die mereologische Theorie der Existenz. Ein Mensch kann das Geschlecht wechseln, indem er seine originalen Organe und Hormone mit denen des gegenteiligen Geschlechts tauscht. Darüber hinaus besagt diese Argumentation, dass ein Individuum das Geschlecht ändern kann, solange sich das Selbstbild dieser Person ändert.

Gesellschaften, welche diese Theorie akzeptieren, absorbieren häufig marginalisierte Gruppen in ihren zivilen Strukturen, solange sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Das ist die Ansicht, die von der plebejischen Klasse in Rom über Jahre anerkannt und formuliert wurde. Nach Jahren des anhaltenden Drucks, wurde ihr das volle Bürgerrecht verliehen; de jure 417 Jahre nach der Gründung der Stadt. Nordamerikas ehemalige Sklaven brachten die gleiche Beweisführung vor. Angesichts eines steigenden Drucks wurde ihnen in den 1960ern de jure der volle Zugang zum politischen System eingeräumt.

Jene Gesellschaften, welche die spätere Ansicht akzeptierten, schufen historisch elitäre Staaten. Das heißt, die elitären Klassen sollten an der Spitze einer sozialen Hierarchie stehen. Das gleiche galt für die am unteren Ende. Die sozialen Eliten können demnach behaupten, dass ihre Klasse – die Staatsgründer – weiterhin gleich bleiben, weil ihre Mitglieder nur graduell durch die Jungen ausgetauscht werden, während sie die Tugend ihrer Vorfahren bewahren. Das war die Sicht des römischen Patriziats, dass bei der Gründung Roms durch Romulus aus ein- bis zweihundert Personen bestanden haben soll. Jahrelang behaupteten ihre Nachfahren, sie verkörperten die Tugenden ihrer Vorläufer. Auch wenn diese Regierungsform nicht mehr beliebt ist, stellt sie die herrschende Sozialstruktur in Ländern wie Israel, Saudi-Arabien oder dem indischen Kastensystem.

Die Antwort auf Plutarchs Frage hat Auswirkungen auf die gegenwärtige Parteipolitik. Auf der einen Seite des politischen Spektrums stehen jene, die sagen, dass Theseus seine Reise mit einem neuen Boot beendet habe. Die Konservativen verneinen das. Die heutigen Parteien befinden sich im Stillstand. Beide Seiten beteiligen sich an einem Tauziehen. Boris Johnson suspendierte das Parlament, während Donald sich in einem Amtsenthebungsverfahren befindet. Auf den Straßen Athens sind zwei Gangs in umfangreichen Straßenschlachten verwickelt – Anarchisten und griechische Ultranationalisten. In Spanien ist die politische Klasse ahnungslos, wie sie mit dem Banksystem umgehen soll, während die Jugend auf den Straßen ungeduldig eine Bestrafung dieser Elite verlangt. Das politische Terrain ist eine Katastrophe. Der Unterschied beider Seiten ist so verwickelt und ideologisch verzweigt wie der Gordische Knoten.

Man kann behaupten, dass sich alle Meinungsverschiedenheiten zwischen der politischen Linken und Rechten darauf reduzieren lassen, wie sie Plutarchs Frage beantworten, um den Gordischen Knoten aufzulösen. Nehmen wir beispielsweise Europas derzeit umstrittenste Frage – die nach den europäischen Muslimen. Eine Seite sagte, dass Europas Gesellschaft Muslime erfolgreich integrieren kann, solange sie einige Gewohnheiten aufgeben. Dann seien sie so europäisch wie jeder andere – nur mit unterschiedlicher Hautfarbe und Nachnamen. Die andere Seite sagt, man solle sie nicht hereinlassen. Muslime und Europäer könnten auf fundamentaler Ebene nicht miteinander koexistieren. Der Westen und die Muslime hätten immer miteinander gestritten. Das habe in der Vergangenheit zu vielen Kriegen zwischen beiden geführt. Und könne niemals anders sein.

Vor mehr als zwei Jahrtausenden versuchte Alexander das Entwirren des Knotens. Die Legende besagt, dass es, je mehr er sich bemühte, mit jedem Versuch mehr Knoten gab. Nach einiger Zeit nahm er sein Schwert und schlug das Knäuel entzwei. Dr. Dallas merkt in „The Shield of Achilleus“ an, dass er danach „über die Welt fegte, um neues Leben zu schaffen. Wo die Leute zuvor primitiv und unwissend waren, gab er ihnen Theater, Gymnasien, Marktplätze und Universitäten/Akademien.“

Laut der Stanford-Enzyklopädie für Philosophie soll Aristoteles, der Lehrer Alexanders des Großen, die Frage von Plutarch wie folgt beantwortet haben: „Er unterschied zwischen ‘nebensächlichen’ und ‘wesentlichen’ Veränderungen. Nebensächliche sind jene, die nicht zum Wandel der Identität eines Objekts führen – wie das Streichen eines Hauses, das Ergrauen von Haaren etc. Aristoteles betrachtete dies als Wandlung der zufälligen Eigenschaften eines Dings. Wesentliche Mutationen hingegen sind solche, die die Identität des Objekts nicht bewahren, wenn es sich verändert – beispielsweise wenn ein Haus abbrennt oder jemand stirbt. Ausgestattet mit diesen Unterschieden würde Aristoteles dann sagen, dass die ‘nebensächlichen’ Eigenschaften einer Sache sich ändern können, diese aber im Wortsinne das gleiche Ding vor und nach der Änderung bleibe.“

Die obige aristotelische Sicht scheint mit zwei Ereignissen übereinzustimmen, die Europa erneuerten.

In „Time of the Bedouin“ vertritt Dr. Dallas die Ansicht, dass sich die alexandrinische Erneuerung danach zwei Mal wiederholte. „Die erste war der sogenannte Barbareneinfall, der das Römische Reich beendete und es in sich aufnahm. Es war ein langsamer Vorgang. Er begann mit Schlachten und ging über in Handel und lokale Regierungen. Auf einer Ebene stand das römische Recht. Auf einer Zweiten kam die Dominanz und Annahme barbarischer Bräuche und Werte. Auf einer weiteren wurde ein neues Europa geboren. Tag für Tag ließ der rasierte Römer seinen mittelalterlichen Bart wachsen.

Die zweite war die dynamische Wikingermacht, die über Großbritannien, Nordfrankreich und die Wolga in Russland fegte. Sie gab den primitiven Angelsachsen das dänische Recht sowie ein aristokratisches System und Architektur für das normannische Frankreich. Ihre Handelsplätze schufen die Anfänge des heutigen Russlands.“

In seinen Augen seien die Abermillionen Muslime, die in Europa lebten, die dritte Kraft, die Europa wiederbeleben und von seinem abgründigen Nihilismus befreien können. Mit sich brächten sie die natürliche Religion (arab. din al-fitra).

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KO Masombuka

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