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Alles eine Frage der Organisation?

Kommentar: Der US-amerikanische Imam Dawud Walid fordert für Muslime im Westen eine andere Form von Aktivismus

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Foto: Archiv

(Safina Society). Muslime im Westen brauchen dringend mehr Organisation sowie die Umsetzung klarer Verfahrensregeln in der innerge­meinschaftlichen Kommunikation. Damit ist keine weitere NGO in der Buchsta­bensuppe muslimisch geführter Gruppen gemeint, die im Namen von Partikularinteressen in der Gemeinschaft spricht – von denen einige die ursprünglichen Lehren verzerren.

Ich spreche von einer klar ausgesprochenen Formulierung der Erwartungen, in der ­Gelehrte, Politiker und Aktivisten zusammenkommen, um sich gegenseitig zu unterstützen und zur Rechenschaft zu ziehen. Das sollte wiederum dazu führen, dass den Interessen der Gemeinschaft ­besser gedient ist.

Der Prophet Muhammad, Segen und ­Frieden auf ihn und seiner Familie, sagte: „Wer von euch ein Übel sieht, sollte es mit seiner Hand ändern. Kann er das nicht, dann soll er dagegen sprechen. Wenn das nicht möglich ist, soll er mit seinem Herzen widerstehen. Und dass ist der schwächste Glaube.“

Habib Al-Hasan bin Salih Al-Bahr, möge Allah mit ihm zufrieden sein, erläuterte bezüglich derjenigen, die etwas Falsches mit ihren Händen ändern können, dass es sich hier „um die Verpflichtung der politisch Verantwortlichen und der Vertreter ihrer Angelegenheiten“ handelt. Die moralische Verpflichtung derjenigen, die politische Positionen innehaben, besteht darin, Schaden innerhalb der Gesellschaft zu beseitigen.

Für Muslime in politischen Positionen gibt es nicht nur den Aspekt der Rechenschaft gegenüber ihren Wählern, sondern es sollte eine höhere Pflicht zur Treue gegenüber den heiligen Prinzipien des Islam bestehen. Ich bin der Ansicht, dass wir hier als Gemeinschaft reifen müssen. Wir sollten muslimi­schen Politikern nicht nur deshalb unsere Unterstützung geben, weil sie Muslime sind. Meiner Ansicht nach sollte Unter­stützung zurückgehalten werden, bis ihr Verständnis des Islam einigermaßen klar ist; genauso wie nicht-muslimische Kandidaten dahingehend befragt werden, welche politischen Positionen sie einnehmen, bevor Wähler sie unterstützen.

Die Rolle von Gelehrten bei der Weiterentwicklung unserer Gemeinschaften für gesellschaftspolitische Verbesserungen wurde von Politikern und Aktivisten im Allgemeinen sowie von vielen Gelehrten selbst unterbewertet. Gelehrte haben nicht nur die Funktion, die Eckpunkte des annehmbaren politischen Engagements vom Blickpunkt des religiösen Rechts und der islamischen Ethik zu lehren. Sie haben zusätzlich ­Anteil an der Inaugenscheinnahme mus­limischer Kandidaten. Darüber hinaus haben sie die Pflicht, Politiker zu beraten und im Negativfall vor schädlichen Positionen zu warnen.

Setzen wir voraus, dass Politik in ihrem weitesten Sinne und Aktivismus für einen soziopolitischen Wandel unter die Kategorie des „zum Guten aufrufen und das Falsche verwehren“ fällt, dann öffnen sich die Türen für eine Schüler-Lehrer-Beziehung zwischen Politikern und Gelehrten. Sidi Ahmad ­Zarruq sagte hierzu: „Es ist niemandem gestattet, in einer Angelegenheit voranzugehen, bis er die diesbezügliche Entscheidung Allahs kennt.“ Politiker und Aktivisten hängen in dieser Hinsicht von Anfang an von Gelehrten ab. Idealerweise sollten sie selbst über aus­reichendes Wissen der islamischen Regeln ­verfügen, wenn es Fragen betrifft, die sie ­vertreten.

Habib Al-Hasan bin Salih Al-Bahr hielt fest, dass das Sprechen gegen Übles und Ungerechtigkeit über die Rede nach der prophetischen Überlieferung „die Pflicht der Gelehrten und Prediger“ ist. Experten und Imame müssen mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es darum geht, moralische Krisen und Ungerechtigkeiten anzugehen. Einige müssen die Aufgabe der prinzipientreuen Kommunikation und Beratung über interne Kanäle übernehmen. Es ist nicht ratsam, alle Ratschläge oder auch Warnungen zunächst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Gleichzeitig braucht es Redner auf den ­Minbars, die das Bewusstsein von Unrecht nach den islamischen Paradigmen darlegen und Ratschläge zum richtigen Verhalten geben. Der Aktionsplan sollte zuweilen beinhalten, Community-Mitglieder auf prin­zipielle Organisatoren hinzuweisen, die sich für spezifische Themen einsetzen.

Die Gelehrten im Westen haben seit dem 11. September 2001 ein Vakuum hinterlassen. Teilweise auch, weil sie dort sowie in mehrheitlich muslimischen Ländern den Behörden zu nah kamen. Das erhöhte bei Aktivisten und vielen innerhalb der weiteren Com­munity die Skepsis hinsichtlich der Rolle von Gelehrten bei soziopolitischen Fragen der Muslime. Unsere Tradition ist voller Warnungen, sich nicht zu bequem in der Nähe von Regierungsvertretern einzurichten. Imam Dscha’far As-Siddiq sagte hierzu: „Die ­Gelehrten sind die Nachlassverwalter der ­Gesandten. Wenn ihr seht, dass die Gelehrten zu den Regierungsbehörden neigen, hinterfragt sie.“

Wenn Gelehrte und Imame ihre Gleich­gestellten nicht hinterfragen, wenn sie diesen Anschein geben, dann untergräbt dies ihre Glaubwürdigkeit in der Gemeinschaft insgesamt. Eine Negativfolge davon ist, dass keine Notwendigkeit gesehen wird, die ­Gelehrten überhaupt zu befragen. Und es treibt Politiker und Aktivisten weiter in die Echokammern der „erweckten“ Akteure, die Qur’an und Sunna nicht für relevant halten und Muslime für ihre eigenen Zwecke ­benutzen.

Was Politiker, Aktivisten und Wissenschaftler betrifft, sollte es hinter verschlossenen Türen Gespräche und lebhafte Meinungsverschiedenheiten geben. Es sollte jedoch zuweilen Raum für öffentliche Kritik mit klaren Fakten und im geschwisterlichen Ton geben. Auch das ist Teil unserer Tradition, die wir scheinbar ­verloren haben.

Es gibt in unserer Geschichte viele Beispiel der aufrechten Haltung unserer gottesfürchtigen Vorgänger, die sich gegenseitig widersprachen, aber das Beste für den jeweils Anderen wollten. Einerseits sind wir dazu verpflichtet, unseren Umgangston so festzulegen, dass wir freundlich und respektvoll in unseren Meinungsverschiedenheiten sind. Die sogenannte „Ausgrenzungskultur“ (cancel culture) ist nicht unsere Sache. Gleichzeitig dürfen wir es nicht zulassen, Meinungsverschiedenheiten zu unterbinden, indem wir sie als „schlechten Adab“ bezeichnen.

Zu dem Thema ließe sich noch viel mehr sagen. Es ist meine Überzeugung, dass wir bessere Mechanismen und Protokolle dafür brauchen, wie verschiedene Sichtweisen auf den Qur’an und die Sunna sowie ihre Beziehungen zu den politischen Absichten der Muslime im Westen hergestellt werden können. Von meinem Standpunkt aus betrachtet haben wir das derzeit nicht. Der erste Schritt besteht darin, dass unsere Gelehrten, Politiker und Aktivisten offener sind, regelmäßig miteinander reden, anstatt aneinander vorbei oder übereinander sprechen.

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