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Islam in den morgenländischen Geschichten Johann Peter Hebels

Als Vorbild und Beispiel

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Foto: Karl Agricola, scanned by NobbiP | Lizenz: gemeinfrei

(iz). Johann Peter Hebel (1760-1826) war schon zu Lebzeiten einer der beliebtesten „Volksdichter“ im deutschen Sprachraum. Goethe, Jean Paul, und viele andere kannten und schätzten ihn, nicht nur für Kafka und Bertolt Brecht war seine human-engagierte Prosa, die direkt den einfachen Menschen ansprechen möchte, das direkte Vorbild für ihr eigenes Schaffen. Walter Benjamin nennt ihn 1933 „einen der größten Moralisten aller Zeiten“. Das Wesen seines „Moralverständnisses“ vermittelte er in kleinen Geschichten und Gedichten, die er zunächst für den „Rheinländischen Hausfreund“ schrieb, einem jährlichen Kalender-Almanach, den er selbst redigierte und herausgab. Schon ein paar Jahre später macht er daraus sein berühmtes „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“, das dann in zahllosen Auflagen bis heute erschien.

Er war evangelischer Theologe und Gymnasiallehrer, später Professor an verschiedenen Schulen und Kirchen zwischen Karlsruhe und Basel. Seine geliebte Heimat, „das badische Land am oberen Rhein“, beschrieb er mit seinen „alemannischen Gedichten“ in badischer Mundart, die schnell auch in anderen deutschen Sprachräumen bekannt wurden, sodass er viele Gedichte später auch ins „Hochdeutsche“ übersetzte.

Mit seiner humanen Botschaft und seinem Plädoyer für das Miteinander und Füreinander aller Menschen über Landesgrenzen und Religionen hinaus, versuchte er auch, die seit Jahrhunderten tief eingeprägten Vorurteile gegen den Islam mit den schriftstellerischen Mitteln des Humors zu entkräften. Er wusste genau, eine massive Kritik an der rassistischen Islam- und Türken-Diskriminierung, die zu seiner Zeit einen erneuten Aufschwung nahm, war ein Kampf gegen Windmühlen. Mit dieser Hetze wurden ja auch Kriege gegen die Osmanen, die man zur „Befreiung der Balkanländer vom Türkenjoch“ führte, ideologisch legalisiert, aber auch die Eroberung Algeriens durch Frankreich und noch andere brutale Militäraktionen in Afrika. Hebel erlebte das nicht mehr. Er starb 1826.

Hier einige dieser „morgenländischen Geschichten“, es gibt noch mehr. Es lohnt sich, auch anderes, was er schrieb, zu lesen.

1. Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande (eine von vier kleinen Geschichten)
Es ist doch nicht alles so uneben, was die Morgenländer sagen und tun. Einer, namens Lockmann, wurde gefragt, wo er seine feinen und wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: „Bei lauter unhöflichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegenteil von demjenigen getan, was mir an ihnen nicht gefallen hat.“ (1804)

Die Quelle hierfür ist das Buch „Gülistan“ (Rosengarten) von Schaikh Muslih ad Din Saadi, eine Sammlung von kurzen Geschichten, Gedichten und Betrachtungen, die sich im 17. Jahrhundert in vielen europäischen Ländern großer Beliebtheit erfreute. In Deutschland erschien 1654 eine Übersetzung von Adam Olearius.

„Lockmann“ ist natürlich der Prophet Luqman, Friede auf ihm, bei Saadi immer „der weise Luqman“ genannt.

2. Der kluge Sultan
Zu dem Großsultan der Türken, als er eben an einem Freitag in die Kirche (gemeint ist natürlich die Moschee) gehen wollte, trat ein armer Mann von seinen Untertanen mit schmutzigem Bart, zerfetzten Rock und durchlöcherten Pantoffeln, schlug ehrerbietig und kreuzweise die Arme übereinander und sagte: „Glaubst du auch, großmächtiger Sultan, was der heilige Prophet sagt?“

Der Sultan, so ein gütiger Herr war, sagte: „Ja, ich glaube, was der Prophet sagt.“ Der arme Mann fuhr fort: „Der Prophet sagt im Alkoran: Alle Muselmänner (das heißt, alle Mahomedaner) sind Brüder. Herr Bruder, so sei so gut und teile mit mir das Erbe.“

Dazu lächelte der Kaiser und dachte: Das ist eine neue Art Almosen zu erbetteln, und gibt ihm einen Löwentaler. Der Türke beschaut das Geldstück lang auf der einen Seite und auf der anderen Seite. Am Ende schüttelt er den Kopf und sagt: „Herr Bruder, wie komme ich zu einem schäbigen Löwentaler, so du doch mehr Gold und Silber hast, als 100 Maulesel tragen können, und meinen Kindern daheim werden vor Hunger die Nägel blau, und mir wird nächstens der Mund ganz zusammenwachsen. Heißt das geteilt mit einem Bruder?“

Der gütige Sultan aber hob warnend den Finger in die Höhe und sagte: „Herr Bruder, sei zufrieden und sage ja niemand, wie viel ich dir gegeben habe, denn unsere Familie ist groß, und wenn unsere andern Brüder kommen und verlangen ihr Erbteil von mir, so wird’s nicht reichen, und du musst noch herausgeben.“

Das begriff der Herr Bruder, ging zum Bäckermeister Abu Tlengi, und kaufte ein Laiblein Brot für seine Kinder, der Kaiser aber begab sich in die Kirche (s.o.) und verrichtete sein Gebet. (1810)

Hebel schildert hier die osmanische Sitte des „Selamlik“: Der Sultan geht zum Freitags-Gebet zu Fuß durch die Straßen zur Moschee durch die Menge seiner „Untertanen“, die ihn bei dieser Gelegenheit persönlich sprechen können. Diese Sitte geht auf die Sunna des Propheten zurück und wurde von vielen Herrschern in der islamischen Welt bis in das 20. Jh. beibehalten. Als 1933 der jordanische König Abdallah in Jerusalem bei seinem „Selamlik“ durch einen Attentäter getötet wurde, hörte das auf.

3. Mohammed
Dem Mohammed wollten es anfänglich nicht alle von seinen Landsleuten glauben, dass er ein Prophet sei, weil er noch kein Wunder getan hatte wie Elias. Dazu sagte Mohammed ganz gleichgültig, wie einer, der eine Pfeife Tabak raucht und etwas dazu redet, „das Wunder“ sagte er, „macht den Propheten noch nicht aus. Wenn ihrs aber verlangt, so werden ich und jener Berg dort geschwind bei einander sein.“ Nämlich er deutete auf einen Berg, der eine Stunde oder etwas entfernt war, und rief ihm mit gebietender Stimme, dass der Berg sich soll von seiner Stätte erheben und zu ihm kommen.

Als aber dieser keine Bewegung machen und keine Antwort geben wollte, wiewohl keine Antwort ist auch eine, so ergriff Mohammed sanftmütig seinen Stab, und ging zum Berg, womit er ein merkwürdiges und nachahmenswertes Beispiel gab, auch für solche Leute, die keine Propheten zu sein verlangen, nämlich dass man dasjenige, was man selbst tun kann, nicht von einem wunderbaren Verhängnis, oder von Zeit und Glück, oder von anderen Menschen verlangen soll.

Z.B. hast du etwas Notwendiges und Wichtiges mit jemand zu reden, so warte nicht, bis er zu dir kommt. Weit geschwinder und vernünftiger gehst du zu ihm. Ein hübscher Kirschenbaum in dem Garten wäre eine schöne Sache. Das Plätzchen schickt sich dazu. Warte nicht, bis er selber wächst, sondern setze einen. Ferner, ein Abzugsgraben, ein guter Weg durch das Dorf, wenigstens ein trockener Fußweg, ein Geländer am Wasser oder an einem schmalen Steg, damit die Kinder nicht hineinfallen, kommt geschwinder zustande, wenn man ihn macht, als wenn man ihn nicht macht.

Man sollte nicht glauben, dass es Leute gibt, denen erst ein arabischer Prophet oder ein Kalenderschreiber so etwas muss begreiflich machen. (1819)

Diese kleine Geschichte von J.P. Hebel ist besonders interessant, weil sie versucht, eine damals beliebte Verspottung und Diskriminierung des Propheten Muhammad, Friede auf ihm, ins Positive zu drehen. Natürlich ist die Episode frei erfunden. Es gibt keinerlei islamische Quellen dafür. Vielmehr geht sie zurück auf eine Ermahnung, die Jesus, Friede auf ihm, im Evangelium (Math. 17, 20) seinen Jüngern gibt: „Wenn ihr auch nur Glauben hättet von der Größe eines Senfkornes und ihr würdet zu jenem Berg dort sagen, ‘bewege dich von hier nach dort’, er würde sich bewegen!“

Auf den Propheten Muhammad, Gottes Segen und Frieden auf ihm, bezogen, sollte das heißen: Er hat keinen Glauben! Daraus wurde dann ein witziges Sprichwort, das bis heute kursiert: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss eben der Prophet zum Berg gehen!“

4. Das gute Werk
Der sogenannte „Lügenprophet“ Mohammed hat manches gesagt und getan, was ein christliches Herz nicht gut heißen oder verantworten könnte. Aber alles ist auch nicht gefehlt, was Mohammed gesagt und getan hat.

Einmal kommt ein Araber zu ihm. „Gesandter Gottes, ich habe das Gesetz des Fastens gebrochen, das Fleisch ist schwach“. Der Prophet sagte: Hast du ein böses Werk begangen, so musst du es mit einem guten büßen. Es gibt keine schönern Bußen als gute Werke. Hast du einen Sklaven“, fragte ihn der Prophet, „den du freilassen kannst?“

Der Araber fing an zu lachen und sagte: „Sklaven freilassen, und ich! Wie komm ich mir vor!“ Der Prophet fuhr fort: „Kannst du das Fasten noch einmal von vorne anfangen?“ Der Araber erwiderte. „Ich bins nicht kapabel. Wer für Frau und Kinder arbeiten soll, muss auch gehörig essen.“ Der Prophet fuhr fort: „Kannst du sechzig Arme speisen?“ Der Araber erwiderte: „Nicht sechzig Mäuse, auch nicht vierzig, auch nicht zwanzig.“ Da brachte man dem Propheten seine Mahlzeit, Datteln und ein Stück Fleisch, und er sagte zu dem Araber: „So nimm dieses Stück Fleisch und bring’s in deinem Namen einem Ärmeren als du bist, zum Almosen.“ Der Araber erwiderte: „Gibt’s noch einem Ärmeren, als ich bin? Ich weiß keinen.“ Da fuhr der Prophet fort: „Weißt du was? So bring’s deinen Kindern, die sollen es essen. Deine Kinder sind noch ärmer als du bist.“ So hat Mohammed gesagt und getan! (1813)

Hebel geht hier offensichtlich davon aus, dass seine deutschen Leser die islamischen Regeln des Fastens im Ramadan kennen: Wer fastet, soll tagsüber weder Essen und Trinken noch Geschlechtsverkehr haben. Jeder Muslim kennt dieses Hadith aus dem „Sahih al Buchari“, das Hebel offensichtlich in einer deutschen Übersetzung gefunden und nacherzählt hat, weil in ihm zunächst die verschiedenen „Bußen“ (Kaffara) erwähnt werden für diejenigen, die wissentlich ihr Fasten nicht einhalten, und die nicht zu denen gehören, die aufgrund von Krankheit, Reisen, oder anderer Schwierigkeiten nicht fasten können und sollen, um sich selbst nicht zu schaden. Dann aber vor allem, weil hier die liebevolle spontane Großzügigkeit und Herzlichkeit Muhammads, Allahs Segen und Frieden auf ihm, beschrieben wird.

Wie aber Hebel diese Geschichte für seine Leserschaft mit Humor und Respekt in seiner typischen Art nacherzählt, das ist auch in der deutschen Literatur einmalig. Deshalb hier noch einmal zum Vergleich eine Übersetzung dieses Hadiths aus dem „Sahih al Buchari“:

Abu Huraira erzählt: „Während wir mit dem Propheten zusammen saßen, kam ein Mann und sagte, ‘Oh Allahs Gesandter, ich bin ruiniert!’ Allahs Gesandter fragte, was mit ihm los sei. Er antwortete: ‘Ich habe mit meiner Frau geschlafen während des Fastens.’ Allahs Gesandter fragte ihn, ‘Kannst du einen Sklaven freikaufen?’ Er verneinte. Allahs Gesandter fragte ihn: ‘Kannst du zwei Monate (als Ausgleich) zusätzlich fasten?’ Er verneinte. Der Prophet fragte ihn: ‘Kannst du (stattdessen) eine Mahlzeit für sechzig Personen anbieten?’ Er verneinte. Der Prophet schwieg eine Zeit lang, und während wir in diesem Zustand waren, wurde ein großer Korb voll mit Datteln zum Propheten gebracht. Er fragte: ‘Wo ist der Fragesteller?’ Er antwortete, ‘hier bin ich’. Der Prophet sagte zu ihm: ‘Nimm diesen Korb voll Datteln und gib sie als Almosen.’ Der Mann sagte, ‘soll ich sie einer Person geben, die ärmer ist als ich? Bei Allah, es gibt keine Familie zwischen den beiden Bergen (von Medina), die ärmer ist als ich.’ Der Prophet lächelte, sodass man seine Backenzähne sah, und sagte dann, ‘Füttere deine Familie damit.’“

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Ahmad Kreusch

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