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An den Stränden von Azania

Die muslimische Swahili-Kultur überlebte die Stürme der Geschichte

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Foto: imke.sta, via flickr

(iz). Ein Gang durch die Straßen der Altstadt von Mombasa ist kein nostalgisches Unterfangen. Die engen Gassen konnten das Gedränge der Moderne nicht leicht aufnehmen. Ich halte mit einer Hand meine Geldbörse fest, in einer subtilen Geste der Wachsamkeit. Betonhäuser überragen die großen Steinhäuser, die einstmals ihre Pracht zeigten, aber nun schüchtern einer wilden Moderne den Platz lassen müssen.

Aber doch herrscht eine gewisse Anmut. Durch Hitze und Stau strömt eine antike Leichtigkeit, die auch von den somalischen Händlern, die die engen Adern der Stadt mit ihren Waren verstopfen, nicht unterdrückt wird. Frauen gehen mit der Bewegung einer kühlen Brise. Alte Männer sitzen nachdenklich und beobachten ihre Umgebung, wäh­rend Kinder in einer Gasse einen Tennisball kicken und diesen mit dem Ge­schrei der Jugend jagen. Endlich finde ich die Tür, nach der ich suche, und grüße auf dem Weg zu ihr einen uralten Mann, der mich freundlich anlächelt. Meine Hand bewegt sich nun an meiner Seite, als ich mich im ruhigen Takt der Stadt bewege. Die „Altstadt“ Mombasas ist der alte Kern, um den sich die gegenwärtig wachsende Stadt gruppiert. Wie bei anderen Küstenstädten dominiert ein kosmopolitischer Charakter von Menschen und Kultur – als Erbe afrikanischer, arabischer und indischer Ursprünge.

Es besteht eine anhaltende alchemistische Verbindung zwischen diesen Menschen und jenen, die sich in diese Stadt verlieben. Dies ist der wichtigste Grund, warum die Swahili-Kultur trotz der langen Zeit überleben konnte. Entlang der ostafrikanischen Küste liegen Siedlungen, die gemeinsam und in Konkurrenz zueinander die Geburt dieser Zivilisation hervorbrachten – wie die Inseln Sansibar und Lamu.

Sie sind Teil eines Gebietes, das in der Antike als Azania bekannt wurde. Die Entstehung und die Stärke der Swa­hili-Kultur besteht aus zwei Widersprü­chen: Sie war aufnahmefähig, während sie sich gleichzeitig von anderen unterschied. Und ihre großen Stadtstaaten waren sowohl auf ihre Unabhängigkeit bedacht, standen miteinander im Wettbewerb und verbanden sich schließlich doch in einem wechselseitigen, politischen Netzwerk.

„Zwei Tage Seereise weiter liegt die letzte große Marktstadt des Kontinents von Azania [Ostafrika], die Raphta genannt wird. Sie bezieht ihren Namen aus den genähten Booten, die wir bereits erwähnten. Hier findet sich viel Elfenbein und Schildplatt. Entlang der Küste leben Männer (…), sehr groß und an jedem Ort unter der Herrschaft eines eigenen Häuptlings. Der mapharitische Gouverneur regiert die Küste nach altem Recht, der sie der Herrschaft des Staates unterwirft, der zum führenden in Arabien geworden ist. Die Menschen von Muza kontrollieren sie, entsenden hierher viele große Schiffe. Dabei benutzen sie arabische Kapitäne und Agenten, welche die Einheimischen kennen und unter ihnen heiraten. Sie kennen die gesamte Küste und ihre Sprache…“ (Aus dem griechischen Führer für Seeleute, Periplous Thalassos Eruthrias, 1. nachchrist. Jahrhundert)

Die ersten Vorläufer der Swahili-Geschichte liegen in den Wanderungen der Bantu. Einige Stämme, die zu dieser Zeit aus dem Kongo kamen, gründeten Dörfer entlang der fruchtbaren Ostküste. Hier stellte der Zugang zum Indischen Ozean und dem inneren Afrika sowie die fruchtbaren Böden der Küste die Grundlage für einen Austausch zwischen dem afrikanischen Hinterland und den geheimnisvollen Handelsrouten des Indischen Ozeans dar.

Mit dem Handel nahm auch der Einfluss ausländischer Händler zu, die den Islam mit sich brachten. Die Dörfer wurden zu Städten und zu Stadtstaaten. Der Islam war der „Filter“, der die Verbindung der Mijikenda-Kultur der Bantu mit den Einflüssen der arabischen, indischen, persischen und chinesischen Zivilisationen ermöglichte. Im 12. Jahrhundert sollte die Bezeichnung „Swahili“ für diese Region das erste Mal Erwähnung finden.

Es war diese blühende Küste, der Vasco da Gama – der ehrgeizige portugiesische Entdecker auf dem Weg nach Indien – begegnete. Bei seiner Landung in Mombasa im Jahre 1498 wurde ihm ein feindlicher Empfang zuteil. Wegen des Wettbewerbs der ostafrikanischen Stadtstaaten war er in Malindi, Mombasas Rivalin, willkommen. So pflanzte er die Saat eines Bündnisses, das es schließlich den Portugiesen erlaubte, den Arabern die ­Kontrolle der Küste zu entreißen. Die Portugiesen kehrten 1500 das erste Mal nach Mombasa zurück und plünderten die Stadt. Nach drei weiteren Angriffen gegen den Sultan von Mombasa gewannen die Portugiesen 1593 die Kontrolle über die Stadt.

Portugals Einfluss in der Swahili-Küste überlebte die anhaltenden osmanisch-arabischen Angriffe bis 1698. Nach einem Jahrhundert der Konfrontation erhielt die Stadt den Namen „Kisiwa Cha Mvita“ (Die Insel des Krieges). Seitdem, bis zum Aufstieg der britischen Macht in der Region, waren es die Sultane des Oman, welche die Swahili-Küste regierten. Sie taten dies mit Hilfe von Gou­verneuren, die in ihrem Namen regierten. Am Ende sollte sich aber der Clan der Mazr’ui von den Omanis mit Hilfe der Briten abspalten.

Nachdem die omanischen Sultane Mombasa zurückeroberten, richteten sie sich ihre Machtbasis auf der Insel Sansibar ein, um die Küste gegen Angriffe fremder Mächte zu beschützen. Die einzige Zeit, in der Portugal verlorenes Gebiet zurückgewinnen konnte, waren die Jahre 1728 bis 1729. Danach wurden sie endgültig von den Omanis vertrieben. Trotz der permanenten politischen Veränderungen ging das Leben weiter. Die Stadtstaaten entlang der Küste blühten und ermöglichten den Aufstieg einer ­swahilischen Kultur. Die Abfolge von Herrschern und Verschiebungen in politischen Bündnissen beeinträchtigte die kulturelle Identität nicht, sondern half bei ihrer Entwicklung. Die gemeinsame Sprache der Region ist ein Indikator dafür. Während sie vom Arabischen, Portugiesischen und indischen Sprachen beeinflusst wurde, bewahrte sie ihre überwiegende Abstammung von der linguistischen Bantu-Form. Ihre Regierungsform war kompatibel mit der antiken Ausrichtung auf der Arabischen Halbinsel. Dies erlaubte jenen Stadtstaaten die Aufrechterhaltung ihrer kulturellen und einheimischen politischen Unabhängigkeit. Der Gebrauch der Liwali, oder Gouverneure, die mit Oman oder Portugal verbündet waren, erlaubte es auswärtigen Mächten, Kontrolle auszuüben, ohne dabei die soziale und politische Dynamik der Region offen zu manipulieren.

Das Leben in Mombasa kreist vor allem um die Familie. Selbst die Architektur ist in die Dynamik der Großfamilien eingebunden. Kleine Übergänge verbanden die Haushalte untereinander und erlaubten den Frauen der Familie, sich gegenseitig zu besuchen, ohne ihre Füße in den unten gelegenen, geschäftigen Straßen beschmutzen zu müssen. Im Allgemeinen nahmen die Familien, welche die Stadt bildeten, an den kulturellen Praktiken teil. „Ein Mann aus Paté [eine Stadt an der Swahili-Küste] beklagte, dass die kulturellen Traditionen, die er als Kind kannte, vollkommen in Vergessenheit geraten seien. Dann führte er das Beispiel eines Opfers an, wobei jede Familie an dem Vorgang beteiligt war. Sie seien zusammen gekommen, wobei eine Familie die Kuh stiftete, eine andere kümmerte sich um weitere Details des Festumzugs, der um die gesamte Stadtmauer zog. Dabei machten sie an jedem Tor der Stadtmauer Bittgebete.“ (Kassim M. Omar)

Solch ein Brauch hatte zwei Zwecke: Der erste diente der Stärkung der städtischen „Brüderlichkeit“ und der zweite war eine subtile und doch mächtige Art und Weise, die politischen Grenzen der Gemeinschaft zu bestätigen. Dergestalt war die Natur der Swahili-Kultur bis zur Ankunft der Briten. Zuerst halfen diese dem Clan der Mazr’ui, mit dem Oman zu brechen und zu einem britischen Schutzgebiet zu werden. Schließlich wurde 1887 die Stadt und der Großteil der Swahili-Küste Teil der ostafrika­nischen Kolonien des Empire.

Genau wie auch bei der Aneignung des Indischen Subkontinents verfestigten und filterten die Briten die einstmals durchlässigen kulturellen und sozio-politischen Aspekte der Swahili-Kultur als Mittel zur Stärkung ihrer Kontrolle der Küstenregion. Traditionen, die ein ­Hindernis für ihr Ziel darstellten, das einstmals unabhängige Netzwerk stolzer Stadtstaaten zu einem großen wirtschaftlichen und politischen Block mit einer Hauptstadt in Nairobi zu verwandeln, wurden unterdrückt.

Die durchlässige Schicht der Wanguama (Edelleute) und der Watwana (freie Männer) wurden durch ökonomische Diskriminierung und eine Volkszählung verfestigt. Aber es war die Unterbrechung der lebenswichtigen Handelskarawanen ins Landesinnere, die den Stadtstaaten entlang der Swahili-Küste den schwersten Schlag beibrachten. Ohne den Handel, der die Lebenslinie der Swahili-Kultur seit der Antike darstellte, war diese Zivilisation zu einer einschneidenden Adaption gezwungen. Jedoch war die Anpassung ohne Vorbild, denn es handelte sich hier nicht um eine natürliche Verschmelzung von Kulturen, die über den Handel in Kontakt kamen. Sondern es ging dabei um die bewusste Erzwingung von fremden Werten und Weltsichten, die gegebene kulturelle Elemente benutzte, während sie die Unabhängigkeit erodierte, die zum Aufstieg der gleichen Kultur geführt hatte.

Die Swahili-Kultur, verändert durch britische Politik und Einfluss, passte sich an und konnte überleben. Die Überreste der uralten Bindungen, die die Swahili-Küste von Kenia in der Vergangenheit prägten, wurden wirksam, nachdem es 2008 zu Gewaltausbrüchen nach den Wahlen kam, welche das gesamte Land betrafen – mit Ausnahme jener Küstengebiete. Die interne Anarchie zwang die Menschen der Küste, sich auf ihre historische sozialpolitische Form zu verlassen, um Unordnung abzuwenden – und es funktionierte.

Die Gemeinschaften kamen zusammen und bildeten eine natürlich regierte Insel in einem Meer der Anarchie. Es ist diese Fähigkeit zur Veränderung und der gleichzeitigen Bewahrung ihres eigent­lichen Kerns, die der Swahili-Kultur das Überleben erlaubte. Und sie stellt eine Blaupause für eine Zivilisation dar, solange sie an ihrem Kern festhält, der seine Grundlagen im Islam und im Handel hat.

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