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Andalusien ­wiederbeleben

Abdulsamet Demir begibt sich auf die ­Spurensuche im heutigen Portugal

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Foto: Tharik Hussein

(iz). Wenn von „al-Andalus“ gesprochen wird, denken viele an südspanisch prunkvolle Paläste mit Sommergärten, durchdrungen von Wasserspielen und Orangenbäumen wie die Alhambra in Granada oder an die bezaubernde Mesquita in Cordoba. Andalusien erstreckte sich jedoch weiter als viele glauben und reichte bis an den westlichsten Punkt Europas. Heute noch haben viele Städte Spaniens und Portugals arabisch anlehnende ­Namen und den berühmten Artikel.

Unsere Reise führt uns in die Hauptstadt Portugals, die wie eine Perle den atlantischen Ozean anlächelt und mit seiner Altstadt entzückt. Im Jahre 711 bzw. 716 kam die einst römische Provinz „Felicitas Julia“ unter die Herrschaft der Muslime, wurde fortan „al-Ushbuna“ genannt und erlebte wie das restliche Andalusien seine architektonische und wirtschaftliche Blüte. Noch im 10. Jahrhundert war die offizielle Sprache Arabisch und die Religion der Islam. Heute noch leiten sich die im großen Erdbeben 1755 nicht zerstörte Altstadt Alfama (al-Hamma) sowie die berühmte iberische ­Fliesen- und Kachelkunst, die die ganze Stadt umschließt, die sogenannten Azulejo (az-zulaig), vom Arabischen ab. Mit Beginn der Reconquista überrannten unter König Alfonso I. im Jahre 1147 Kreuzritter die Stadt und vertrieben viele Muslime. Lissabon stand fortan unter der Herrschaft der portugiesischen Krone.

Eine weitere Blütezeit erlebte Lissabon mit der Zeit der Entdeckungen portugiesischer Seefahrer, die die Welt erkundeten und Reichtum und Vormachtstellung Portugals sicherten, die König Manuel I. nutzte, um orientalisch-portugiesische Prachtbauten zu verwirklichen, die heute einzigartig sind und unter dem ­Begriff Manuelinik Erwähnung finden.

Unser erster Halt ist das Castello de Sao Jorge, eine mittelalterliche Burg­festung der Mauren, welche eine majestätische Aussicht über die prächtige Stadt besitzt. Heute noch ist der Glanz damaliger Zeiten spürbar und wird durch Mandarinenbäume und den Ruf des Pfaus lebendig gehalten.

Der Rundgang durch die Burgmauern, der Türme, Gärten und Aussichtsplattformen lässt ein Hauch der damaligen Epoche und des luxuriösen Lebensstils arabischer Herrschaften verspüren. Nebst Musik, Tanz und Theater wurden üblicherweise religiöse Zeremonien abge­halten und womöglich wunderschöne Ramadan-Pavillons aufgestellt. Bis zu ihrer Verbannung residierten sie auf der Zitadelle und erblickten die im Sonnenlicht hell schimmernde Altstadt.

Unser zweiter Halt liegt unterhalb der Zitadelle, an einem der schönsten Ecken der Stadt, direkt an der sog. Portas do Sol, einer wunderschönen Aussichtsplattform mit iberischer Atmosphäre, von der anmutig der Fluss Tejo in den Atlantik mündet. Dort finden wir die Hauptkirche der Stadt, die Kathedrale Santa Maria Major. An ihrer Stelle existierte früher die große Moschee, welche unter König Alfonso abgerissen und im Jahre 1147 das heutige Gotteshaus erbaut wurde. Damit galt sie als Symbol der Reconquista und markiert weiterhin den Beginn der christlich-portugiesischen Herrschaft.

Angekommen in Belém, einer Ortschaft im Westen Lissabons, stach uns sofort das hell leuchtende Hieronymitenkloster ins Auge. Heute Weltkulturerbe und Vorzeigeobjekt, ähnelt es in seiner Innenarchitektur, besonders mit seinen schlanken, den Palmen ähnelnden Säulen und dem wunderschönen Deckengewölbe an die Mesquita in Cordoba. Das maurische und europäische Baustile verbindende Kloster wurde von ­Manuel I. in Auftrag gegeben und liegt gegenüber dem Entdeckerdenkmal, welche an die Epoche der Seefahrer erinnert.

Es war ein rührender Moment, im Kloster das Grabmal Vasco da Gamas zu erblicken, stellvertretend als Erbe der arabischen Schifffahrtskunst und den ­glorreichen Aufstieg Portugals zur Weltmacht. Es ist, als würde ein Stückchen Geschichte lebendig werden, da er und seinesgleichen von hier aus ins Ungewisse los segelten.

Weiter auf der Promenade in Belém liegt das Hauptaugenmerk Lissabons, das Torre de Belem. Die Festung an der Seemündung zum Atlantik kombiniert orientalisch-portugiesische Architektur und markiert den Punkt, von der aus vor 500 Jahren mutige Seefahrer in See stachen, um die Welt zu erkunden. Als sie nach monatiger Überseefahrt in die neue Welt ankamen, eröffneten sie ein neues Kapitel europäischer Geschichte. Das neue Jahrhundert gehörte den portugiesischen Weltumseglern, die im Wettstreit mit ihren spanischen und italienischen ­Kollegen Nordamerika, Brasilien und Südafrika entdeckten und im Zuge der ­Indienexpeditionen Handelsrouten muslimischer Seefahrer übernahmen.

Unser letzter Halt ist die Zentralmoschee, ein Komplex mit Innenhöfen, Gebetsräumen, einer Fleischerei, Restaurants und des wunderschönen Minaretts, das der großen Moschee von Samarra ähnelt. Es ist zentral gelegen, gut erreichbar und bildet die Hauptschlagader ­muslimischen Lebens in Lissabon. Die Begrüßung und die Gespräche mit den Muslimen und des Muezzins waren sehr warmherzig und einladend.

Nach Angaben der Moscheeleitung ­leben in Lissabon heute ca. 30.000 Muslime, die in 60-70 Moscheen in ganz Portugal beten können. In der Stadt ­verteilt liegen Halal-Schlachtereien und Lebensmittelläden, die man aufsuchen kann, um Halalprodukte zu erwerben. Doch auch als Nicht-Fleisch-Verzehrer ist es relativ einfach, etwas für den Gaumen zu finden, da die Küstenstadt neben vegetarischen Alternativen allerlei Fisch und Meeresfrüchte serviert.

Die rührenden Worte der Dame, ­welche uns freundlicherweise Auskunft über das muslimische Leben in Lissabon gab, schwirren noch immer in unseren Gedanken: „Vor ca. 150-200 Jahren lebten hier noch viele Juden und Muslime. Wir haben leider keine Daten, doch es gab sehr viele Moscheen und islamische Monumente und Denkmäler, die mit der Zeit zerstört, verändert oder zu Kirchen umgewandelt wurden.“

Vom alten „al-Andalus“ ist auf den ersten Blick nicht viel übrig geblieben, doch unter genauer Betrachtung erhebt sich die ehemals prunkvolle, andalusische Stadt Lissabon. So wurde auf dieser Reise einiges gefunden und davon berichtet. Es ist wichtig, die Überbleibsel der glorreichen Kultur zu finden und lebendig zu erhalten, denn die größte Katastrophe ist das Vergessen.

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