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Den Anderen vorziehen

Eine Kritik der Klage von Imam Zaid Shakir

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Foto: Freepik

Die Klage gegenüber anderen fehlbaren Menschen ist nicht Teil unseres Dins. Aufrichtiger Ratschlag (arab. nasiha) ist es schon. Was ist der Unterschied zwischen beiden?

(New Islamic Direction). Häufig beginnt die Klage mit dem, was wir als erste Person Singular beschrieben: ich. Das sind Satzanfänge wie „ich mag nicht…“, „ich fühle nicht…“, „ich will…“, „ich denke…“ usw. Daher lässt sich sagen, dass sie in der Sorge um das eigene Selbst wurzelt. Sie ermöglicht das Abgleiten auf einer ­abschüssigen Ebene aus Egoismus oder ­Narzissmus.

Von Gelehrten wurde sie daher als tödliches Gift beschrieben. Je mehr wir uns sehen, desto weniger sehen wir Allah. Auch das Gegenteil ist wahr: Je mehr wir Allah sehen, desto weniger von uns. Das ist das Herz des spirituellen Trainings: die Leugnung des Egos; vom Es, dem Unterbewusstsein, ganz zu schweigen.

Jemand könnte mit Recht an diesem Punkt fragen: „Wenn ich mich nicht um mich kümmere, wer wird das dann tun?“ Unser Herr antwortet darauf mit großer Klarheit: „Mein Schutzherr ist Allah, Der das Buch offenbart hat, und Er macht Sich zum Schutzherrn der Rechtschaffenen.“ (Al-‘Araf, Sure 7, 196)

Wenn wir unsere innewohnende Schwäche und die ehrfurchtgebietende Stärke unseres Herrn verstehen, übergeben wir freudig unsere „Versicherungspolice“ an Ihn. Wenn wir über unsere Begrenzung hinaus und auf unseren Herrn blicken, dann ist Er der Einzige, Dem gegenüber wir unser Leid klagen können. Denn wir wissen, dass nur Allah uns helfen kann. Diese Fokussierung auf Allah ist Teil der prophetischen Sunna. Dies belegt das Beispiel von Ja’qub, wie es im Qur’an beschrieben wird: „Er sagte: ‘Ich klage meinen unerträglichen Kummer und meine Trauer nur Allah, und ich weiß über Allah, was ihr nicht wisst.’“ (Jusuf, Sure 12, 86) ­Jeder sollte sich regelmäßig fragen, wie es mit der eigenen Geduld bestellt ist. Finden wir etwas Hässliches in der Antwort, sollten wir an ihrer Verschönerung arbeiten.

Anders als die Klage beginnt der gute Rat üblicherweise mit der zweiten Person, dem Du. Die Nasiha erfolgt mit der nötigen Aufrichtigkeit wie „du solltest bedenken…“, „du hast vielleicht nicht erkannt…“, „dein Ton hätte besser sein können…“ usw. Indem wir uns ernsthaft von der ersten zur zweiten Person wenden, und die Verbesserung des Angesprochenen anstreben, verschließen wir die Tür hinter unserem Ego und geben anderen den Vorzug. Bis wir das tun können, werden wir niemals die edle Stufe unseres Dins, anderen den Vorrang einräumen (arab. ithar), erreichen.

Dieser Zustand ist einer der wichtigsten Fundamente einer blühenden muslimischen Gemeinschaft. Woher können wir das ­wissen? Von Beschreibungen der ersten ­Gemeinschaft. Als die Auswanderer (arab. muhadschirun) in Medina ankamen, wurden sie Teil der ersten unabhängigen mus­limischen Gemeinschaft. Sie kamen nicht in ein Paradies, in dem alle unendlichen Reichtum hatten, den sie teilen konnten.

Die Helfer (arab. ansar) waren mehrheitlich arm. Jedoch stellten sie ihr geringes Eigentum ihren Brüdern und Schwestern zur Verfügung, die zu ihnen auswanderten. Im Qur’an wird diese Beziehung auf folgende, bewegende Weise beschrieben: „Und die­jenigen, die in der Wohnstätte und im Glauben vor ihnen zu Hause waren, lieben (all die,) wer zu ihnen ausgewandert ist, und empfinden in ihren Brüsten kein Bedürfnis nach dem, was (diesen) gegeben worden ist, und sie ziehen (sie) sich selbst vor, auch wenn sie selbst Mangel erlitten. Und diejenigen, die vor ihrer eigenen Habsucht bewahrt ­bleiben, das sind diejenigen, denen es wohl ergeht.“ (Al-Haschr, Sure 59, 9)

Wie die erste muslimische Gesellschaft wird unsere Gemeinschaft keinen Erfolg haben ohne Glaube, Liebe und die Fähigkeit, andere vorzuziehen. Um dies zu erreichen, muss das „Ich“ verschwinden und das „Du“ muss in den Vordergrund gerückt werden. Wenn wir nicht die wahrnehmende erste Person (ich) reduzieren und die zweite (du) erhöhen können, werden wir niemals die wahrgenommene dritte Person (er, arab. huwa) kennenlernen.

Die Klage, welche die wahrgenommene erste Person betont und ermächtigt, ist eine der größten Hindernisse, die dritte Person zu erkennen. Wer das versteht, begreift die ­spirituelle Grammatik. Dann werden alle Sätze korrekt, die wir mit der Feder unseres Lebens schreiben. Ich erwähnte die wahrgenommene erste und dritte Person, weil in der Wirklichkeit, und spirituelle Grammatik wurzelt in der Realität, die dritte die erste ist. Die zweite ist immer die zweite und die erste die letzte.

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Imam Zaid Shakir

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