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Angeblich «absolut anonym»: Eine Frage beim Zensus 2011 sorgt für Kritik. Von Karin Wollschläger

Bekenntnis gesucht

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Berlin (KNA). «Wie hältst Du's mit der Religion?» Diese Frage sorgt im Vorfeld der am Montag beginnenden Volkszählung für Diskussionen. Kein geringerer als der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung, Peter Schaar, bekräftigte dieser Tage noch einmal seine Ablehnung nach Fragen der persönlichen Weltanschauung im Rahmen des «Zensus 2011». Auch aus der FDP kamen kritische Töne. «Vor allem bei Religionen, für die laut Grundgesetz kein Religionsunterricht angeboten werden muss und die somit statistisch weniger relevant sind, gibt es wirklich keine Begründung, diese Daten zu erheben», sagte die Vizevorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Gisela Piltz, dem «Hamburger Abendblatt».

Worum geht es? Wie schon bei der Volkszählung 1987 lässt die Bundesregierung die Religionszughörigkeit ermitteln. Zusätzlich fragen die Statistiker diesmal jedoch noch nach dem Bekenntnis zu einer Glaubensrichtung. Diese Angabe ist – als einzige in dem Fragebogen – freiwillig. Die Ankreuzmöglichkeiten lauten: Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, Sonstige sowie «Keiner Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung».

Statistiker und Politik erhoffen sich durch die Bekenntnis-Frage nicht zuletzt konkretere Angaben zur Zahl der Muslime in Deutschland. Da der Islam – anders als die rechtlich verfassten Kirchen und Religionsgemeinschaften – keine offizielle Mitgliedschaft kennt, wurde er bislang nicht statistisch erfasst. Inwieweit der Zensus hier tatsächlich verlässliche Angaben bringen wird, bleibt allerdings fraglich. Zum einen wegen der Freiwilligkeit der Angabe, zum anderen, da die Korrektheit der Aussage des Befragten nicht überprüft werden kann.

Der übrige Teil der erstmals nach 20 Jahren wieder durchgeführten Volksbefragung scheint die Gemüter dagegen weit weniger zu erhitzen. Vorbei die massiven Proteste, die die «Inventur» in den 80er Jahren begleiteten. Obwohl heute die lautstarke Mahnung zum «sensiblen Umgang mit Daten» gleichsam ein Mantra geworden ist. Vielleicht liegt das auch an den Beteuerungen von Experten wie dem Leiter der Zensuskommission, Gert Wagner. Es werde eine «absolut anonyme» Statistik zu Größe und Struktur der Bevölkerung erstellt, wiederholte Wagner immer wieder. «Es fließen keine Daten an die Behörden wie etwa Finanzamt oder Polizei zurück, und es wird auch nichts dauerhaft gespeichert.»

Der Anlass für die Volkszählung am 9. Mai, die offiziell Zensus heißt, ist ein eher spröder: eine EU-Verordnung, die Volks- und Wohnungszählungen im Abstand von zehn Jahren vorschreibt. Deutschland ist mehr als fällig: Zuletzt waren die Bürger im Westen 1987 und im Osten 1981 offiziell «gezählt» worden. Damals musste noch jeder einzeln Auskunft geben. Das ist nun anders: Lediglich zehn Prozent der Bevölkerung werden direkt befragt, die restlichen Angaben ziehen die Statistikämter aus Melde- und Erwerbsregistern. «Mit dieser neuen Methode ist das ganze Verfahren genauer, weniger belastend für die Bevölkerung und kostengünstiger», erläutert Wagner. Und die geschätzten Kosten betragen «nur noch» etwa 710 Millionen Euro.

Ein wichtiges Ziel der Volkszählung ist es, Informationen zum Wohnraum, zur Bildung und zum Erwerbsleben zu gewinnen. Wie viele Erwerbstätige gibt es? Wo werden wie viele Kinder eingeschult? Wie viele Wohnungen gibt es? Mit dem Zensus einher geht ein statistisches Großreinemachen. Ob Länderfinanzausgleich, Einteilung der Bundestagswahlkreise oder Stimmenverteilung im Bundesrat – all das hängt von den Einwohnerzahlen ab. Und die sind derzeit mehr als ungenau. Nach der letzten Volkszählung wurden die amtlichen Zahlen nur statistisch hochgerechnet. Zudem ist seither viel passiert: der Mauerfall, zahlreiche Umzüge von Ost nach West, eine fortschreitende europäische Integration. Ob mit oder ohne beantwortete Bekenntnisfrage: «Karteileichen» und «Doppelbuchungen» in den Melderegistern sollen nach dem Zensus der Vergangenheit angehören.

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