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Angst und Hoffen in Hamtramck

Die erste US-Kommune mit muslimischer Stadtregierung vor der Wahl. Von Bernd Tenhage

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Foto: sharghzadeh | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die Einwohner der ersten mehrheitlich muslimischen Stadt der USA sehen den Wahlen mit Sorge entgegen. Die Aussicht auf einen Präsidenten Donald Trump spaltet die Bürger von Hamtramck. Ein Ort zwischen Angst und Hoffen.

Hamtramck, Michigan (KNA). Schlag zwölf Uhr läuten die schweren Glocken der Sankt-Florian-Kirche. „Das ist der Big Ben“, sagt Father Miroslaw Frankowski, Pfarrer der ältesten katholischen Gemeinde der von polnischen Einwanderern geprägten Stadt. Dann dröhnen zwölf einzelne Schläge über die Dächer von Hamtramck. Die Glocken seien beim Bau so ausgelegt worden, dass sie bis in den letzten Winkel zu hören seien.

Zuweilen mischt sich nun ein muslimisches „Allahu akbar“ (Gott ist groß) unter den Klang der Glocken. Father Frankowski empfindet das als störend. „Die fangen schon morgens vor sechs damit an“, klagt der Priester über den Ruf des Muezzin, der fünfmal am Tag erschallt. „Das ist viel, viel zu laut“. Er sei sich sicher, dass die Lautsprecher der Moscheen mehr Lärm als die erlaubten 100 Dezibel erzeugten.

Father Frankowski fühlt sich auch sonst von den Einwanderern aus dem Jemen, aus Bangladesch und Bosnien herausgefordert, die seit kurzem sogar die Mehrheit in der 22.000-Einwohner-Stadt nahe der Industriemetropole Detroit stellen. Den Priester würde es nicht wundern, wenn die neue muslimische Mehrheit im Stadtrat eines Tages beschließt, die überlebensgroße Statue Papst Johannes Pauls II. zu entfernen. Die Figur steht mit ausgebreiteten Armen an jener Stelle, von der aus der polnische Papst am 19. September 1987 zu den Einwohnern Hamtramcks sprach – die damals noch von katholischen Einwandern aus Polen geprägt war. Der Platz ist von einer Wandmalerei gesäumt, die das polnische Landleben glorifiziert.

Kamal Rahman hält diese Sorge für unbegründet. „Wir respektieren die Geschichte der Stadt“, sagt der inoffizielle Führer der bengalischen Gemeinde. „Der Papst bleibt“. Auch das Gerede der Boulevard-Presse, die Hamtramck wegen des muslimischen Gebetsrufs zur „Sharia Town“ der USA abstempelte, hält Ramadan für irreführend. „Wir leben hier gut zusammen.“

hamtranck3Bürgermeisterin Karen Majewski sieht das ähnlich. In ihrem Antiquitätenladen an der Joseph Campeau Avenue weist die studierte Ethnologin Verdächtigungen gegenüber den Neuankömmlingen entschieden zurück. „Die kämpfen heute mit den gleichen Vorurteilen, die einst die polnischen Einwanderer empfingen.“

Inzwischen leben so viele Muslime in Hamtramck, dass sich niemand mehr umdreht, wenn eine Frau im Hidschab über die Straße geht. Andrea Stuart Nasr, die zum Islam übertrat, fühlt sich in der Stadt sicher, wenn sie ihre traditionelle Kleidung trägt – „aber ich habe Angst, was passiert, wenn Trump gewählt wird“.

Diese Sorge teilt sie mit anderen muslimischen Frauen in Hamtramck, die es als ihre Freiheit verstehen, sich so zu kleiden, wie ihre Religion es ihnen gebietet. Stuart Nasr fürchtet auch um ihren Mann, einen Palästinenser aus Jordanien, und dessen Familie, die bei einem „Muslim-Verbot“ nicht mehr einreisen dürfte. Auch Rahman ist besorgt über die wachsende Zahl an Übergriffen auf die muslimische Minderheit in den USA, die nicht mal ein Prozent an der Bevölkerung ausmacht. In den zurückliegenden Monaten registrierten Bürgerrechtler mehr als 200 Fälle.

Der Pfarrer von Sankt Florian macht sich seine eigenen Gedanken. Seit dem islamistischen Anschlag auf Pfarrer Jacques Hamel in Nordfrankreich kann er sich sogar vorstellen, selbst zur Zielscheibe zu werden. Arabische Jugendliche kämen absichtlich mit lauter Musik im Auto vorbeigefahren, wenn seine Gemeinde über den Papstplatz ziehe. „Ich bin froh, Zeugnis ablegen zu dürfen“, sagt Frankowski trotzig. Die Mitglieder seiner schrumpfenden Gemeinde wollten, „dass es wieder so wird, wie es einmal war“, sagt er. „Viele hier hoffen auf Donald Trump.“

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