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Anmerkungen zu Christchurch

Die Träume und Erwartungen sind verschwunden. Es bleiben Wut und Nihilismus. Eine Analyse von Ramon Schack

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Foto: Barbara Burry, flickr

„Der Rassismus auf dem Vormarsch? Ganz sicher. Ist das das Ventil für die Frustration Amerikas? Ist die Frustration berechtigt? Wer ist Schuld an dem Chaos? An einem Punkt, an dem die Welt erlebt, dass der Kommunismus als ein unvollkommenes System der Organisation von Menschen strauchelt, scheint auch die Demokratie denselben Weg zu gehen. Niemand sieht das große Bild.“

(iz). Die Zeilen stammen nicht aus der Feder eines Sozialwissenschaftlers, verfasst in der idyllischen Abgeschiedenheit einer US-Elite-Universität, an der Ost- oder Westküste der Supermacht. Diese Zeilen wurden auch nicht nach dem Wahlsieg Donald Trumps verfasst.

Diese Zeilen sind Auszug aus einem Artikel, der vor einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1992, in einer amerikanischen Kleinstadt, irgendwo im Nirgendwo, in den so genannten „Fly over States“, wie die Ost- und Westküsten-Eliten den Mittleren Westen ihrer von kontinentalen Ausmaßen geprägten Heimat, allgemein bezeichnen, erschienen.

Diese Zeilen wurden von einem jungen Veteranen des ersten Irakkrieges verfasst, der drei Jahre später weltweit eine schaurige Berühmtheit erlangten sollte, nachdem er am 19. April 1995 in Oklahoma City 168 seiner Landsleute ermordete, die Rede ist von Timothy McVeigh.

Explosive Mischung aus Wut, Verschwörungstheorien und Paranoia
Die leichte Zugänglichkeit zu Schusswaffen in den Vereinigten Staaten trug dort schon immer zu einer Privatisierung von der Gewalt bei, wie das Massaker von Las Vegas wieder einmal demonstriert.

Die explosive Mischung aus politischer Wut, Verschwörungstheorien und Paranoia, welche mit berechtigter Kritik an politischen Zuständen begann, die McVeigh im Laufe der folgenden Jahre zur Schau stellte, erscheint heute wie eine frühe Warnung angesichts der politischen Verwerfungen, denen sich die westliche Welt ausgesetzt sieht.

McVeigh entfaltete vor seiner Tat, nach der Rückkehr von den Schlachtfeldern des Persischen Golfes, eine rege publizistische Aktivität in Form von kleinen Artikeln und Leserbriefen, das Internet war damals noch kein Massenmedium.

Seine Zeit als Soldat während des Golfkrieges, einer Epoche in der die USA als große Sieger auf der Bühne der Weltgeschichte stolzierten, in der der US-Politologe Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ schwärmte, in der nur noch Demokratie und Marktwirtschaft den Lauf der Welt bestimmen würden, führte bei ihm zu einen Denkprozess, in der einige seiner Analysen – das ist das Erstaunliche hierbei – klüger klingen, als viele der gefeierten Experten, die sich heute längst als Fehlprognose erwiesen haben.

Aufstieg des Turbokapitalismus
McVeigh analysierte das Schicksal einer Mittelschicht, deren Einkommen stagniert und die sukzessive auf der falschen Seite einer neuen, in den USA ebenso wie Europa, sozialen Kluft rutschen, die Kluft zwischen den wohlhabenden Eliten und der breiten Masse.

1992 schrieb der spätere Massenmörder „Der amerikanische Traum der Mittelklasse ist vollständig verschwunden, an seine Stelle sind Menschen getreten, die nur darum kämpfen, die Lebensmittel für die nächste Woche kaufen zu können. Und der Himmel möge verhindern, dass der Wagen kaputtgeht. Politiker untergraben den ‘amerikanischen Traum’ noch weiter, indem sie Gesetzte verabschieden, die eine rasche Reparatur bringen, in Wirklichkeit aber nur die Wiederwahl sichern.“

McVeigh fehlten die analytischen Mittel, um diese Phänomene mit dem Aufstieg des Turbokapitalismus in Verbindung zu bringen, der nach dem Untergang der Sowjetunion versuchte, die Welt nach seiner Nützlichkeit zu formen, eine Entwicklung, die die Bevölkerung von ihren Eliten entfremdete und in der Wahl Donald Trumps, der sich als Anti-Establishment-Kandidat inszenierte ohne es zu sein, ihren bisherigen Höhepunkt fand.

Er glitt schließlich ab, in die Fieberwelt der rechtsextremen Gruppierungen Amerikas, angereichert mit Phantasien von einem Leben in den amerikanischen Wäldern, wo das Leben einen endlosen Kampf darstellt, mit wilden Tieren und wilden Menschen, bis er sein Massaker begann. Über dieses schrieb er: „Die Zahl der Opfer müsse so hoch sein, dass die Bundesregierung sie niemals vergessen würde. Es war dieselbe Taktik, die auch die amerikanische Regierung in bewaffneten internationalen Konflikten einsetzte, wenn sie eine Botschaft an Tyrannen und Despoten schicken wollte.“

McVeigh wurde 2001 hingerichtet, just in jenem Jahr, in dem die Weltgeschichte in neues Fahrwasser gespült wurde, jenes Jahr, in dem der „War on Terror“ begann, nach den Anschlägen von Manhattan.

Die damals begonnene Entwicklung hat die globale Strahlkraft des „westlichen Modells“ eingetrübt und in den Ländern des Westens selbst zu einer Revolte an den Wahlurnen geführt, die von Washington bis Prag die traditionellen politischen Systeme zertrümmert und neue Akteure in die Zentren der Macht spült.

Das Phänomen “Islamfeindlichkeit”
Das Phänomen der Islamfeindlichkeit, eine Symbiose von ordinärer Fremdenfeindlichkeit und Ideologie, flankiert von programmatischen Versatzstücken der neuen(alten) Rechten, hat sich innerhalb der westlichen Welt bis weit in die Mitte der Gesellschaft etabliert. Es wird von führenden Politikern, Medienvertretern und Intellektuellen bedient.

Der Aufstieg dieses Phänomens erlangte nachdem 11. September 2001 seinen Durchbruch, wurde angeheizt durch dhihadistische Anschläge, größtenteils salafistisch-wahhabitischer Provenienz, als Ergebnis der westlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien, begangen von jungen Muslimen die sich ebenso radikalisierten wie einst McVeigh   .

Die Theorie von der “fünften Kolonne“
Der Massenmörder von Christchurch  bediente sich dieser Rhetorik, um seine Tat zu rechtfertigen.

Als seinen wichtigsten ideologischen Stichwortgeber nannte er mehrfach den früheren britischen Faschistenführer Oswald Mosley, während er seine Opfer – betende Muslime – Invasoren zu schmähen pflegte.

Weißer Rassismus wurde und wird hier auf Muslime übertragen, die ja bekanntlich nicht eine Ethnie sondern eine Religionsgemeinschaft bilden, was bedeutet, dass hier eine Grenze überschritten wurde, die Grenze vom kulturalistischen Rassismus der Neuen Rechten, hin zum traditionellem biologistischen Hass.

Dieses Faktum wird noch dadurch verstärkt, dass sich die Bluttat von Christchurch – zu ihrer Rechtfertigung – einer Argumentationskette bedient, die in den letzten 2 Jahrzehnten in den westlichen Diskurs aufgetaucht ist und an Einfluss gewinnt.

Das Argument von der „fünften Kolonne“. Die Einwandernden werden dabei als „fünfte Kolonne“ identifiziert,  die auf dem Territorium ihres erklärten Feindes einen Krieg gegen diesen führen.

Daher-gemäß dieser ideologischen Verirrung mutiert ein Anschlag auf wehrlose Menschen wie in Neuseeland zum notwendigen Akt der legitimen Kriegsführung.

2017 erschien in Frankreich das Buch von  Damien Le Guay „Der kommende Bürgerkrieg ist bereits da“ und unmittelbar vor dem Terrorakt  von Christchurch erschien das Buch „Der Rassenbürgerkrieg“.

Sicherlich handelt es sich bei Brenton Tarrant, so der Name des Mörders von Christchurch, um einen „Lone wolf“ wie bei Timothy Mc Veight 1995 auch.

Die Tatsache aber, dass der Australier sich in einem Manifest rechtfertigte, vor allem wie, macht deutlich, wie verankert seine Handlung in den aktuellen und immer radikaler werdenden Diskurs der extremen Rechten des Westens ist, als deren Vollstrecker er sich sieht.

Rückzug in Populismus und verbitterte Brutalität
Ihre Anziehungskraft verdanken diese Dogmen einer tief empfunden Widersprüchlichkeit von Konzepten wie „Demokratie“ und „Meinungsfreiheit“, ein Gefühl das sich in den letzten Jahren wahrlich globalisiert hat. Die Widersprüche und die Kosten eines entfesselten Turbokapitalismus, der die Dominanz des Geldes in allen gesellschaftlichen Bereichen diktiert, flankiert von der Kluft zwischen einer Elite, die von den Entwicklungen profitiert und Massen, die sich von den Versprechungen des Systems ausgeschlossen sehen, zeigen sich in Populismus und dem Rückzug in verbitterte Brutalität.

Unter den vielen jungen Menschen auf unserem Planeten, deren Schicksal es sein wird als „überflüssig“ zu gelten, verbreitet sich das Gefühl, dass die gegenwärtige Weltordnung, ob sie nun diktatorisch oder demokratisch verfasst ist, auf Betrug basiert. Dadurch entsteht eine Stimmung, die gefährlicher sein kann, flankiert von den ultramodernen Kommunikationsmitteln, als wir dies jemals erlebt haben.

Foto: Ramon Schack

Ramon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die Neue Zürcher Zeitung, Zeit Online, Deutschland-Radio-Kultur, Telepolis, Die Welt und viele andere namhafte Publikationen. 2013 erschien sein Buch „Neukölln ist Nirgendwo“, welches schon im Vorfeld der Veröffentlichung medial stark diskutiert wurde. Ende 2015 wurde sein Buch “Begegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack”veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer. 2017 erschien Schacks eBook „Zeitalter des Zerfalls“, welches sich seit Monaten in den Amazon-Bestsellerlisten bewegt. Schack berichtete aus Iran, Irak, Äthiopien,El Salvador und Ecuador ,USA, Russland, der Ukraine, Georgien, Aserbaidschan und vielen anderen Schauplätzen. Seit 2018 moderiert Schack die Internetsendung „Impulsiv TV“  in der er prominente Gäste aus Politik, Kultur und Wirtschaft interviewt.

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Ramon Schack

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