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Anmerkungen zum frühen Madina Al-Munawwara und seiner Zivilgesellschaft. Von Mahmud Manning

Architektur einer erleuchteten Stadt

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(iz). Zu Beginn muss Medina hier als archetypisches Urmodell verstanden werden. Es ist der Rahmen des Rechts und der Barmherzigkeit. Dieses Mo­dell erlaubt die Blüte nützlicher sozialer Verträge, die durch Architektur und verwandte Künste ihren Ausdruck fanden. Medina blieb eine ruhige, freundliche und kleine Stadt. Die erweiterte Umma wurde hier zum zentralen Kern geführt, wodurch sie erfrischt wurde. Lange standen ihre Gebäude, ohne dass sie sich viel veränderten. Viele Areale wurden entsprechend der frü­hen Vorgaben bebaut, was sich bis heute hält. Diese „Fußabdrücke“ zeigen immer noch Echos von Straßen, Plätzen und die Größe früherer Grundstücke.

Diese Gemeinschaft begann mit den „Sahifat Al-Madina“, ei­ner Charta, die alte Spaltungen, Eifersüchteleien und Missstände unter den städtischen Stämmen beseitig­te. Sie verteilte Rechte, Pflichten und Schutz für alle Bewohner. Dieser Vertrag erweiterte Handel und Geschäftsleben, während er soziale Bindungen der Bürger, Familien und der Gesellschaft verbesserte.

Medina wurde „Al-Munawwara“ – erleuchtet. Das kam nicht von Straßenla­ternen, sondern vom Wesen der Menschen auf den Straßen. Ihre Herzen leuch­teten durch das Wissen und die Handlung, die aus der prophetischen Unterweisung erwuchs. Das heißt, dass die Menschen durch die Lehren und die Offenbarung erleuchtet wurden, die unser Meister Muhammad, Allahs Segen und Heil auf ihm, erhielt. Und sie handelten danach.

Medina lag an einer wichtigen Route, auf der Waren von Nord nach Süd (Syrien bis Jemen) und von Ost nach West (Zentralarabien und Golfküste bis Dschidda) kamen. Die spezifische Lage der Stadt ergab sich aus der Anwesenheit von leicht zugänglichem Wasser und der damit verbundenen Möglichkeit für Landwirtschaft und menschlicher Besiedlung.

Lage und Straßen
Als Oase mit harschem Sommerklima erwuchs eine kultivierte Anbaufläche – mit vielen Gärten und Dattelhainen. Die Gebäude wurden aus der nahegelegenen Lava- und Tonerde errichtet. Medina liegt in einem Gebiet, das abfließendes Regenwasser von den benachbarten Bergen Uhud („der uns liebt und den wir lieben, da er einer der Tore des ­Paradieses ist“) und Ayr erhält. Es gibt auch kleinere Erhebungen innerhalb des Stadtge­bietes: Jebel Safa als Ort der Grabenschlacht und die Hügel von Jamalah im Nordosten.

Die Hauptstraßen führten sternförmig in die weitere Umgebung. Der zentrale Punkt – eine leere Fläche – war „Ma­naqa“ oder „der Ort zum Ausruhen und Sitzen“. Hier konnten sich Kamele nach ihrer Ankunft in der Stadt hinsetzen und ausruhen und hier wurde auch der wichtigste Markt gegründet. Dieser Treffpunkt lag in der Nähe der Hauptstraße, die zum wichtigsten Zugang für Besucher der Prophetenmoschee wurde.

Zwei Routen, die Menschen aus dem Süden von Mekka und Dschidda brachten, entstanden ebenfalls. Die Quba-Moschee wurde von unserem Meister Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, im Zuge seiner Auswanderung (Hidschra) gegründet. Die Auswanderer (Muhadschirun) ­erreichten hier Medina und ruhten sich für die Nacht aus. Ihr Lager wurde zum Ort für die Quba-Moschee, die nach einem kleinen Dorf in der Nähe benannt wurde.

Auf dem zweiten Weg nach Süden wurde die jährliche Pilgerfahrt vollzogen. Er erhielt den Namen Scharia Uthman; eine sekundäre, die parallel verläuft, heißt Tariq Hegira. Beide verlaufen in der Nähe der Moschee des Miqat. Dem Punkt, ab dem man seine Absicht für die Hadsch und die ‘Umra fassen muss.

Neben dem südlichen Zentrum und bei der Moschee von Bilal, möge Allah mit ihm zufrieden sein, lagen die ­Gärten von Awali. Diese eingezäunten Anlagen beherbergten Dattelpalmen der ­beliebten Ajwa-Sorte. Sie wurden vom ­Gesandten Allahs wegen ihrer gesundheitlichen und heilenden Eigenschaften besonders ge­schätzt. Das war ein Areal, das von unserem Meister Muhammad bevorzugt wur­de. Er besuchte es mit seiner Familie, um sich an seinem Schatten und Früchten zu erfreuen – insbesondere während der heftigen Sommerhitze Medinas.

Die nördliche Straße verlief ebenfalls durch umfangreiche umzäunte Gärten und große Bauernhöfe, die bei dem Gebiet von Al-Ayoun lagen. Man ­kannte sie als die „beiden Quellen“, die wegen ihres süßen Wassers beliebt waren. Die Gehöfte waren mit Mauern umgeben, die aus Basalt errichtet und mit dem Lehm von Medina vollendet wurden.

Ein tiefes Wadi (ausgetrocknetes Flussbett) befand sich im Westen Medinas. Es wurde Aqiq genannt und brachte Regenwasser aus der Region des 150 Ki­lometer entfernten Taif. Das Wadi befindet sich innerhalb des Haramains (der Schutzzone, die Medina umgibt) und bildete eine erkennbare Grenze. In der Nähe lag ein Hof, den Uthman [ibn ‘Affan, der dritte Khalif] kaufte, um der ersten muslimischen Gemeinschaft und den Armen den Zugang zum Wasser zu erleichtern. Es wurde zu einem ­gerechten und erschwinglichen Preis verkauft.

Machart der Häuser
Frühe Siedlungen wurden aus dem berühmten grünen Lehm Medinas er­richtet. Dabei handelt es sich um einen roten Ton, der – wenn er auf dem Land zu sehen ist – einen grünlichen Ton hat. Wände wurden mit Flachdächern versehen, die man „Sagifa“ nannte. Zur Stützung wurde das Holz der Dattelpalmen benutzt. Palmblätter wurden verbunden und für das Dach verwendet. Kleine, handgemachte Klinker kamen ebenfalls beim Mauerbau zum Einsatz. Sie ­wurden mit einem Lehmmörtel verbunden. Darüber hinaus gab es auch Fundamente aus Felssteinen. Spätere Bauten waren immer noch einfach: Häuser mit Flachdächern, deren Fundamente und die Wände aus Felssteinen gemauert waren, wurden mit Lehmwänden abgeschlossen. In späteren Jahrhunderten nahm man auch gemei­ßelte Steine.

Medinas soziale Dynamik
Ein sehr wichtiger sozialer Aspekt in der Stadt war eine soziale Einheit, die nicht aus reinen Familienbanden be­stand, sondern aus mehreren, nicht verwandten Familien. Sie entwickelten sich zu einer engen Nachbarschaft, die wie zu einer zweiten, erweiterten Großfamilie wurde. Diese Einheit hieß „Hosch“, was man unterschiedlich übersetzen kann.

Es kann im Arabischen sowohl umzäunter Garten, als auch „innerhalb“ bedeuten. Insbesondere beschrieb es aber einen ummauerten, öffentlichen Raum, der verschiedene Familien beherbergte. Aus diesem Begriff leitet sich auch ein persisch-türkischer Willkommensgruß ab. Das heißt, der Besucher oder Gast ist „innerhalb“ willkommen. Der Begriff war eine Besonderheit des Hidschaz.

Als Nachbarn galten alle Familien, die bis zu sieben Häusern (von einem Mittelpunkt aus betrachtet) entfernt wohnten. So wurden sich überschneidende Kreise der Sorge und Rücksichtnahme geschaffen.

Hier handelte es sich um erhebliche Verpflichtungen, nicht nur um ein Lippenbekenntnis – wie Krankenpflege, Versorgung mit Essen, Kenntnis der Bedürfnisse anderer sowie Sorge und Schutz des Nachwuchses. Diese Hosch wurden zu Zentren des erweiterten Familienlebens, die einen halbpriva­ten Aspekt aufrechterhielten.

Alle Kinder konnten von den entspre­chenden Respektspersonen im Hosch vom Innenhof aus beobachtet werden. Ältere Männer konnten sich im Innenhof auf Bänken versammeln, während die Frauen sich in Räumen im ersten Stock aufhielten, die auf den Hof blickten. Sie konnten Anweisungen für Be­sorgnisse rufen oder zur Kenntnis nehmen, wer innerhalb des Hofes kam oder ging. Die bekannten „Maschrubija“ – dekorative Fenstergitter – wurden zu einem wichtigen Element der Architektur Medinas. Sie ermöglichten den Blick nach außen, während entfernte ­Personen nicht nach innen blicken konnten. Diese Fenster ermöglichten auch eine bessere Luftzirkulation.

Es gab in Medina kein Standardhaus. Jedes wurde nach dem Wohlstand der einzelnen Familie gebaut. Immer wurden Aspekte der Privatsphäre mit ins Kalkül gezogen. Die Strukturen und Gesetze für den Bau wurden von den folgenden Herrschern aufrechterhalten. Wenn die Familien wuchsen, wurden Räumlichkeiten für den ältesten Sohn und seine Braut hinzugefügt. Wurden Häuser frei oder standen zum Verkauf, hatten die Anrainer das Vorkaufsrecht. Neuan­kömmlinge, die sich einem Hosch-In­nenhof anschließen wollten, wurden von den Nachbarn in Augenschein genommen und gewählt.

In den heißen Monaten dienten die Flachdächer auch zum Schlafen; und zum Trocknen von Nahrung und ihrer Aufbewahrung. Ein Netzwerk enger, verwinkelter Straßen hielt Staub ab, schaffte Schatten und erlaubte den Luftfluss durch entstehende Gassen. Offene ­Zo­nen schufen Treffpunkte, wo kleinere Gebetsstätten und Läden Platz hatten. Diese verwinkelten Gassen trafen auf größere Wege, die in die Hauptadern der Stadt und ihre Märkte flossen. Besucher wurden eingeladen und in den Innenhof gebracht. Andernfalls hatte ein Fremder kaum Veranlassung, diesen zu ­betreten.

Stadt des Willkommens
Medina war immer eine Stadt des Willkommens und der Gastfreundlichkeit. Sie war immer ein hohes Ideal und eine Einnahmequelle für ihre Einwohner. Die Zeiten der Hadsch und Umra wurden Augenblicke des Teilens und Lernens. So entstanden Freundschaftsbande, die über Generationen ­bestanden, wenn Besucher zu ihren Gastgebern zu­rückkehrten. Das führte auch zu einer stetigen Einwanderung und Ansiedlung. Viele, die im Rahmen der großen Pilger­fahrt nach Medina kamen, blieben. Trotzdem lag die Bevölkerung der frühen Stadt bei rund 10.000 Menschen. In der langen osmanischen Periode stieg diese Zahl auf 30.000 Einwohner an.

Zu Beginn breitete sich Medina weit aus und beinhaltete noch Bauernhöfe, die mit Wachtürmen befestigt waren. Im Laufe der Zeit füllte sich das Zentrum der Stadt und wuchs nach außen. 300 Jahre nach der ursprünglichen Auswanderung wurde eine Mauer zum Schutz gebaut. Im Zuge des städtischen Wachstums wurde diese gelegentlich ausgeweitet.

Medina – ein Vorbild für die heutige Zeit
Wir müssen uns fragen, was all das in Anbetracht unserer Gesellschaftlichkeit bedeutet. Hier haben wir Schlüssel zum Erfolg – ein Modell, dass umgesetzt werden kann. Dabei handelt es sich weder um den Separatismus von Villenbesitzern, noch um den Kollektivismus einer Kommune. Genau wie bei so vielen anderen Aspekten des Islam haben wir hier ein Gleichgewicht von privaten und halb-öffentlichen Räumen innerhalb der Gesellschaft Medinas. Intimität wird garantiert, aber sie ist freundlich und einladend.

Das Modell umschlossener Innenhöfe mit geteilten Wänden und offenen „Himmeln“ kann in verschiedenen Klimazonen angepasst werden. Die ­Havelis von Delhi sind ein großes Beispiel für ihre Lebensfähigkeit und Kunstfertigkeit. Das sind auch gute Nachrichten für Bauunternehmer und Erschließungfirmen, die Höhen in aktuelle Bauvorhaben integrieren wollen. Hierbei handelt es sich nicht per se um niedrig geschossige Lösungen für dünn bebaute Gebiete, die sich per se nicht an die hohen Bevölkerungsdichten unserer Tage richten könnten.

Wir müssen begreifen, dass Architektur auf Ort, verfügbare Ressource, Klima usw. reagiert. Transformierend ist die soziale Dynamik als solche. Daher handelt es sich nicht um Medina als Ort, sondern darum, den Samen von ­Medina zu pflanzen; egal, wo man sich absichtsvoll niederlassen will. Das Recht von Medina ist von Offenbarung und nicht von Revolution inspiriert. Wir können sehen, dass die korrekte Anwendung seiner Prinzipien in jeder Zeit, an jedem Ort und bei jedem Volk die Prüfung besteht.

Am Ende ist es das, was wir mit uns nehmen: versehen mit dem prophetischen Vorbild, seiner Erklärung des Schutzes und der sozialen Wohlfahrt, Ermöglichung der Anbetung, Schutz der Schwachen, die Fähigkeit für den gerechten Handel und die Erziehung gesunder Familien.

In diesem Sinne sollte sich jede Stadt und jeder Einwohner darum bemühen, „erleuchtet“ zu werden.

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